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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 29. Dezember 2015

EWIGE JUGEND (2015)

Originaltitel: Youth
Regie und Drehbuch: Paolo Sorrentino, Musik: David Lang
Darsteller: Sir Michael Caine, Harvey Keitel, Rachel Weisz, Paul Dano, Jane Fonda, Madalina Ghenea, Luna Mijovic, Alex Macqueen, Roly Serrano, Sonia Gessner, Wolfgang Michael, Sumi Jo, Emilia Jones, Paloma Faith, The Retrosettes
 Ewige Jugend
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 73% (7,0); weltweites Einspielergebnis: $23,5 Mio.
FSK: 6, Dauer: 124 Minuten.

Seit ihrer Kindheit sind Fred Ballinger (Michael Caine, "Harry Brown") und Mick Boyle (Harvey Keitel, "Moonrise Kingdom") Freunde. Nun sind sie alte Männer, allerdings sehr erfolgreiche alte Männer, denn beiden haben lange Künstlerkarrieren hinter sich. Fred ist ein Weltklasse-Dirigent, der auch als Komponist mit seinen "Simple Songs" viele Anhänger fand; Mick ist Filmemacher, der so ähnlich wie Woody Allen vor allem ein Händchen für starke Frauenrollen hat. Gemeinsam machen die alten Freunde Urlaub in einem luxuriösen Wellness-Hotel in den Schweizer Alpen, zu dessen Gästen ebenfalls der Filmstar Jimmy Tree (Paul Dano, "Ruby Sparks"), die "Miss Universum"-Gewinnerin (das rumänische Model Madalina Ghenea) und der stark übergewichtige ehemalige Fußballstar Diege Armando Maradona (Roly Serrano) zählen. Während Fred seit dem Verlust seiner Ehefrau im Ruhestand ist und sich nicht mal von einem Abgesandten der britischen Königin (Alex Macqueen, "Ich sehe den Mann Deiner Träume") zu einem Comeback überreden lassen will, arbeitet Mick mit einer Gruppe junger Autoren an dem Drehbuch zu einem letzten großen Film, an dem auch Superstar Brenda Morel (Jane Fonda, "Barbarella") mitwirken soll, die ihre Weltkarriere vor allem Mick zu verdanken hat

Kritik:
Es gibt Filme; und es gibt Kunst. Natürlich gibt es keine definitive Methode, um zu bestimmen, ab wann ein Film die Schwelle zur Kunst überschreitet. Aber es gibt Filme, bei denen es ist es offensichtlich. Filme, bei denen eine traditionelle Handlung oft höchstens als Randerscheinung vorkommt; bei denen das Konkrete durch das Abstrakte ersetzt wird und das (vermeintlich) Natürliche durch das Stilisierte; bei denen es primär um Stimmungen und penibel ausgetüftelte Bildkompositionen und oft auch um eine starke Einbindung von Musik geht. Tom Fords "A Single Man" ist ein gutes Beispiel dafür. Ebenso so ziemlich alles, was ein Stanley Kubrick je fabriziert hat. Auch die Nouvelle Vague qualifiziert sich locker als Kunst (wenngleich nicht jeder einzelne Beitrag wirklich "gute" Kunst ist, aber das ist natürlich in hohem Maße subjektiv). Und das, was der italienische Filmemacher Paolo Sorrentino auf die Leinwand bringt, ist definitiv Kunst. Für die Multiplex-Kinos sind solche Produktionen kaum geeignet, ein Millionenpublikum darf man nur in absoluten Ausnahmefällen erhoffen. Was viele professionelle Kritiker zu beinahe euphorischen Reaktionen veranlaßt, ruft bei vorrangig filmische Durchschnittskost gewohnten Zuschauern eher (nicht selten heftige) Ablehnung hervor, häufig unter Einbezug des Adjektivs "prätentiös". Jawohl, "Ewige Jugend", Paolo Sorrentinos mit drei Europäischen Filmpreisen ausgezeichnetes englischsprachiges Debüt, das auf seinen Gewinn des Auslands-OSCARs für "La Grande Bellezza" folgt und dessen felliniesken Stil konsequent weiterverfolgt, ist genau so ein Film. Und ich liebe ihn!
Wie angedeutet ist auch hier die Handlung nur Mittel zum Zweck. Zwar geschieht durchaus einiges: Mick arbeitet mit seinem Team konsequent an seinem letzten Drehbuch – konkret an dessen Schluß, den sie einfach nicht perfekt hinbekommen –, Fred versucht, die hartnäckigen Avancen des königlichen Gesandten abzuwehren, seine Tochter Lena (Rachel Weisz, "Agora") wird von ihrem Mann (Micks Sohn) für ein zehn Jahre jüngeres Popsternchen (ein amüsanter Gastauftritt von Paloma Faith) verlassen. Doch ist das alles letztlich nichts Besonderes, es ist schlicht und ergreifend das Leben, das den Protagonisten des Films widerfährt – auch wenn sie zu den sprichwörtlichen "oberen Zehntausend" zählen. Denn egal wie reich und berühmt und schön man vielleicht ist, das Leben und das Alter verschonen einen nicht. Und so kontrastiert Sorrentino immer wieder (vor allem in der ersten Hälfte) alt und jung, alt und schön – übrigens mit reichlich nackter Haut, die sich aber gerechterweise keineswegs auf die Kategorien "jung" und "schön" beschränkt … –, was die Sehnsucht von Fred und Mick (und vermutlich vieler anderer Senioren) nach der Vergangenheit noch unterstreicht. Alleine der Gesichtsausdruck der beiden, als eines Abends die splitterfasernackte "Miss Universum" zu ihnen in den Pool steigt (siehe Filmposter) – unbezahlbar! Das ist wunderbar gespielt von Harvey Keitel und vor allem von Michael Caine, zudem sorgen die witzigen, vor Selbstironie triefenden, pointierten Dialoge dafür, daß die an sich nicht gerade komödiantische Thematik stets eine gewisse Leichtigkeit behält. Da wundert sich beispielsweise Mick, als er in der Hotel-Apotheke alle Medikamente, die er benötigt, zur Kasse schleppt, daß sein Freund Fred überhaupt nichts kaufen will. Darauf nimmt dieser eine Packung Pflaster und legt sie dazu. Mick: "Warum brauchst du Pflaster?" – Fred: "Ich brauche keine, ich zeige mich nur solidarisch".
Wenn Fred und Mick nicht über ihre gesundheitlichen Beschwerden sprechen, dann schwelgt vor allem Dirigent Fred oft in Erinnerungen an die eigene Jugend. Und weil wir hier nicht von einem bloßen Film reden, sondern von Kunst, drückt sich die Sehnsucht in auf den ersten Blick unscheinbaren, sich aber nach und nach genial entfaltenden Szenen aus. Da dirigiert Fred schon mal auf einer Alm in Gedanken die Kuhglocken und das Zwitschern der Vögel zu einem rauschenden Konzert. Da wird ein simpler Tennisball unabhängig voneinander gleich für mehrere Personen zum Sehnsuchtsobjekt: für Fred schlicht durch die bittere (dem Publikum wortlose vermittelte) Erkenntnis, daß er aufgrund seines Alters wohl nie wieder Tennis spielen wird, für die deutlich jüngere, aber vielleicht sogar noch gebrechlichere Fußball-Legende Diego Maradona durch die Erinnerung daran, was er einst alles mit einem Ball anfangen konnte – und in Ansätzen immer noch kann, wie eine grandiose, anrührende Szene zwischen Tragik und Komik beweist. "Ewige Jugend" – übrigens ein zwar klangvoller, inhaltlich aber eher unglücklich gewählter deutscher Titel im Vergleich zum simplen, aber treffenden Originaltitel "Jugend" – ist eben kein "Story-Film", sondern eine bittersüße, philosophisch angehauchte Betrachtung über das Älterwerden und über die unstillbare Sehnsucht nach Jugend, deren stilistische Eleganz ihresgleichen sucht.
Die Einbindung Maradonas (dessen passenderweise argentinischer Darsteller Roly Serrano trotz seines enormen Leibesumfangs dem echten, deutlich schlankeren Maradona erstaunlich ähnlich sieht)  ist derweil ein weiterer kleiner Geniestreich Sorrentinos. Nicht deshalb, weil er etwas von Bedeutung zur rudimentären Handlung beitragen würde, sondern weil er perfekt in das tragikomische, von verschiedenen Sehnsüchten getriebene Ensemble aus Nebenfiguren hineinpaßt und fast ohne Worte ebenso für witzige wie auch für nachdenkliche Szenen sorgt. Überhaupt ist es schlicht sensationell, wie es Sorrentino gelingt, selbst die für die Geschichte allesamt komplett nebensächlichen Randcharaktere, die namenlos bleiben (selbst Maradonas Name wird nie genannt) und nur in den seltensten Fällen den Mund aufmachen, meisterhaft subtil und dabei ungemein gefühlvoll in sein Gesamtkunstwerk einzubinden. So bringt er sie dem Zuschauer scheinbar mühelos näher als es so manche Hollywood-Produktion selbst mit ihrem Protagonisten schafft! Da ist das ältere Paar, das täglich zusammen im Hotelrestaurant ißt, dabei aber kein einziges Wort miteinander wechselt; die scheue junge Masseurin (Luna Mijovic, "Esmas Geheimnis") mit der Zahnspange und dem sehnsuchtsvollen Blick; und eben Diego Maradona. Gerade in diesen meistens wortlosen Szenen kommt auch die wunderbare musikalische Begleitung durch David Lang ("Requiem for a Dream") noch stärker zur Geltung als sonst, dessen OSCAR-nominiertes Meisterstück in "Ewige Jugend" Freds berühmteste Komposition "Simple Song #3" ist – dessen Darbietung durch die südkoreanische Weltklasse-Sopranistin Sumi Jo den Film zu einem hochgradig bewegenden Finale verhilft.
Gewissermaßen im Mittelfeld des Ensembles stehens Freds schöne Tochter Lena und der junge Filmstar Jimmy. Beide sind nicht so sehr im Zentrum wie Fred und Mick, haben aber deutlich mehr zu tun und vor allem zu sagen als Maradona und Konsorten. Vor allem Rachel Weisz nutzt das weidlich aus, sie ist für mich der heimliche Star des Films mit einer OSCAR-reifen Performance, die die leidenschaftliche Emotionalität der unerwartet, aber um so heftiger gehörnten Ehefrau ebenso überzeugend darbietet wie später in diesem Urlaubssommer die zaghaft erblühende Hoffnung, als ihr der schüchterne Bergsteiger Luca (Robert Seethaler, TV-Serie "Ein starkes Team") sanfte Avancen macht. Paul Dano macht seine Sache als durch die ewige Reduzierung seiner Karriere durch die Fans auf eine einzige, von ihm eher ungeliebte Rolle genervter und deshalb leicht arrogant wirkender, aber niemals unsympathischer Filmstar gut, doch leidet er ein klein wenig darunter, daß sein Handlungsstrang der konventionellste und damit vorhersehbarste des ganzen Films ist. Und dann ist da als zusätzliches Leckerli für alle Verehrer gehobener Schauspielkunst noch Altstar Jane Fonda, die zwar lediglich zwei Szenen gegen Schluß hat (davon eine ganz kurze) – aber was für welche! Wenn es also überhaupt etwas gibt, das ich an diesem Kunst- und Meisterwerk kritisieren kann, dann ist es – neben Jimmys etwas zu gewöhnlicher, wenngleich keinesfalls reizloser Geschichte – das Ende von Micks Handlungsstrang. Das erfüllt zwar absolut seinen dramaturgischen Zweck, kommt für meinen Geschmack aber etwas zu sehr aus dem Blauen und entspricht nur bedingt Micks Charakterisierung bis dahin. Das ist nur ein kleiner Schönheitsfehler, der die Brillanz des Films kaum schmälert – ihn aber immerhin die absolute Höchstwertung (und knapp Platz 1 in meiner Jahreswertung 2015) kostet.

Fazit: "Ewige Jugend" ist ein visuelles, akustisches und atmosphärisches Meisterwerk, eine kunstvolle, elegante, bittersüße, aber von überraschend viel (wenngleich teils Galgen-)Humor durchzogene philosophische Betrachtung des Älterwerdens und der menschlichen Sehnsucht. Weiter entfernt vom Mainstream kann ein Film kaum sein, aber wer sich auf Sorrentinos Stil einläßt, der wird Zeuge eines Kunstwerks von ausgesuchter Schönheit und Erhabenheit.

Wertung: 9,5 Punkte.

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