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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 15. Dezember 2015

DIE TRIBUTE VON PANEM – MOCKINGJAY, TEIL 2 (3D, 2015)

Originaltitel: The Hunger Games: Mockingjay Part 2
Regie: Francis Lawrence, Drehbuch: Peter Craig, Danny Strong, Musik: James Newton Howard
Darsteller: Jennifer Lawrence, Josh Hutcherson, Liam Hemsworth, Donald Sutherland, Julianne Moore, Woody Harrelson, Philip Seymour Hoffman, Elizabeth Banks, Stanley Tucci, Jeffrey Wright, Jena Malone, Mahershala Ali, Michelle Forbes, Willow Shields, Paula Malcomson, Patina Miller, Natalie Dormer, Elden Henson, Wes Chatham, Evan Ross, Gwendoline Christie, Robert Knepper, Eugenie Bondurant, Stef Dawson, Meta Golding, Omid Abtahi, Kim Ormiston, Misty Ormiston, Joe Chrest, Sarita Choudhury
 Die Tribute von Panem - Mockingjay: Teil 2
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 70% (6,5); weltweites Einspielergebnis: $653,4 Mio.
FSK: 12, Dauer: 137 Minuten.

Die Rebellion der Distrikte gegen die Herrschaft von Präsident Snow (Donald Sutherland, "Stolz und Vorurteil") schreitet mit großen Schritten voran, "Spotttölpel" Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence, "Silver Linings") flößt den Rebellen als Galionsfigur weiterhin die nötige Zuversicht ein. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis der finale Ansturm auf das Kapitol bevorsteht. Obwohl die Präsidentin von Distrikt 13, Alma Coin (Julianne Moore, "A Single Man"), es ausdrücklich verbietet, läßt sich Katniss nicht davon abbringen, an der letzten Schlacht teilzunehmen, da sie Präsident Snow höchstpersönlich von den Lebenden zu den Toten befördern will. Coin, ganz die Politikerin, macht auch daraus das Beste und überzeugt Katniss, sich mit einer Elitetruppe kurz hinter der Front absetzen und das Ganze von den PR-Experten um Cressida (Natalie Dormer, "Captain America") filmen zu lassen. Auch jenseits der eigentlichen Kämpfe ist das aber keine einfache Aufgabe, denn Snow hat als letzte Verteidigungslinie seine Spielmacher eingesetzt, die die gesamten Außenbezirke des Kapitols mit ihren tödlichen Fallen versehen haben …

Kritik:
Es gibt doch einige Parallelen zwischen "Die Tribute von Panem" und "Harry Potter". Beide Filmreihen basieren auf sehr erfolgreichen Büchern, die sich vorrangig an ein junges Publikum richten, aber auch unter Erwachsenen viele Fans gefunden haben. In beiden Reihen wurde das letzte Buch auf gleich zwei Filme aufgeteilt – und jeweils ist (zumindest meiner Ansicht nach) der erste Teil davon deutlich besser gelungen als der zweite. Der Unterschied ist, daß "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil 2" trotz einiger Defizite immer noch ausreichend epische Momente und dazu ein emotional hochgradig befriedigendes Ende bot, um insgesamt überzeugen zu können; bei "Mockingjay, Teil 2" hingegen sind die Mängel stärker ausgeprägt, während die guten Momente rarer gesät sind. Angesichts dessen, daß sich die Reihe bis zu diesem relativ enttäuschenden Finale konstant gesteigert hatte (wobei mir bewußt ist, daß das hinsichtlich "Mockingjay, Teil 1" viele nicht so bewerten), ist das sehr bedauerlich, zumal auch diesem Film einiges an erzählerischem Potential innewohnt – nur daß es den Filmemachern (respektive bereits Buchautorin Suzanne Collins) aufgrund fragwürdiger Entscheidungen nicht gelingt, es angemessen zu erschließen.

Dabei beginnt der Film recht vielversprechend. Der fast direkte Anschluß an das schockierende Finale von "Mockingjay, Teil 1", in dem ja der vom Kapitol gründlich gehirngewaschene Peeta (Josh Hutcherson, "The Kids Are All Right") einen brutalen Mordanschlag auf seine große Liebe Katniss beging, etabliert gleich jenen Handlungsstrang, der in den folgenden gut zwei Stunden mit Abstand am besten funktionieren wird: Peetas Rolle als großer Unsicherheitsfaktor. Denn natürlich versuchen die Rebellen, seine Gehirnwäsche rückgängig zu machen, was allerdings erstens eine Weile dauern wird (die die Rebellen logischerweise nicht haben) und zweitens keine hundertprozentige Erfolgsgarantie enthält. Peeta selbst zweifelt am stärksten an sich und seinen Erinnerungen und Gefühlen, von denen er einfach nicht sagen kann, welche wahr und welche eingepflanzt sind. Dennoch wird er auf Anordnung Coins zu einem – streng bewachten und nur mit Platzpatronen ausgerüsteten – Teil von Katniss' Truppe, da Coin und ihr Berater Plutarch (Philip Seymour Hoffman, "A Most Wanted Man") nicht auf die Propagandawirkung von Peetas (vermeintlicher) erneuter Wendung gegen Präsident Snow verzichten wollen. Das sorgt naturgemäß für Spannungen und belebt nebenbei ein weiteres Mal das Liebesdreieck zwischen Katniss, Peeta und Gale (Liam Hemsworth, "The Expendables 2") – der Katniss natürlich nicht allein in den Krieg ziehen läßt – wieder; glücklicherweise aber, ohne übermäßig darauf herumzureiten. Denn es herrscht schließlich Krieg, da ist nicht allzu viel Zeit für große Gefühle …

Die besagten Spannungen innerhalb der ungefähr ein Dutzend erfahrener Männer und Frauen umfassenden Gruppierung sind dann auch dringend notwendig, um den Unterhaltungsgrad von "Mockingjay, Teil 2" einigermaßen hochzuhalten. Denn die Handlung leidet zweifellos darunter, daß Katniss und damit auch das Publikum gewissermaßen von der strategischen Feldherren-Perspektive von Teil 1 in eine klassische "Frontschwein-Perspektive" (wenn auch theoretisch hinter der Front) wechselt. Ganz offensichtlich ist das zwar auch eine Frage des persönlichen Geschmacks, denn während ich von der erstaunlich ernsthaften Sezierung von Kriegs- und Propagandamustern in "Mockingjay, Teil 1" begeistert war, beschwerten sich viele Anhänger von "The Hunger Games" und "Catching Fire" bitterlich über die fehlende Action. Darüber kann sich im vorliegenden Reihenabschluß definitiv keiner beklagen, dennoch bleibe ich dabei: Das ist ein schwacher Trost dafür, daß ab Katniss' Landung im Kapitol fast jegliche erzählerische Relevanz verloren geht. Wo der Anfang des Films noch einmal kurz an die Stärken des direkten Vorgängers anknüpft, wenn die Protagonisten beispielsweise kontrovers über die Anwendungen hinterhältiger Taktiken wie verzögerter Bomben gegen den Feind diskutieren – zu den stärksten Befürwortern zählt der durch die Zerstörung seiner Heimat verbitterte Gale, der alle Unterstützer des Kapitols für dem Tode geweiht hält, während uns Katniss nicht enttäuscht und an ihrem starken moralischen Kompaß festhält, der sie nie vergessen läßt, wer der eigentliche Feind ist (Snow, nicht einfache Soldaten oder gar willfährige Zivilisten) –, bleibt im Kapitol kaum noch etwas übrig außer Krieg.

Und wo in einem Film Krieg ist, da sind Klischees nicht weit. Das gilt zum Glück nicht immer, hier aber bedauerlicherweise schon. "Mockingjay, Teil 2" bedient teils uralte Kriegsfilmklischees (ich will ja nicht spoilern, aber mal ehrlich: wenn man jemanden außer Katniss eine große motivierende Rede schwingen hört, dann weiß man einfach, daß er oder sie die nächsten fünf Minuten nicht überleben wird). Besonders nervtötend wirkt sich aus, wie offensichtlich es ist (mit einer Ausnahme vielleicht), wer von Katniss' Truppe das Ende und Snows unvermeidlichen Sturz erleben wird und wer nicht. Wenigstens wird der großteils im deutschen Filmstudio Babelsberg und Umgebung gedrehte Krieg wie in "Mockingjay, Teil 1" ungeschönt gezeigt, von Verharmlosung oder gar Verherrlichung kann keine Rede sein. Dennoch: Das recht unmotiviert durchgezogene "Zehn kleine Negerlein"-Prinzip nimmt der Sache einfach einen Großteil der Spannung, auch wenn zugegebenermaßen einige der Todesszenen recht innovativ und effektiv bebildert sind. Wie es überhaupt eine nette Idee ist, durch die Fallen der Spielemacher in ganz neuer Umgebung einen thematischen Bogen zum Anfang von Katniss' Geschichte zu schlagen. Jedoch muß ich auch hier wieder verschwendetes Potential beklagen, denn die Fallen spielen letztlich doch eine kleinere Rolle als man vermuten würde. Stattdessen baut Regisseur Francis Lawrence im Mittelteil eine lange Horrorsequenz ein, die an die schwächeren Momente seines Zombiefilms "I Am Legend" erinnert und zwar für reichlich blutige Action sorgt, aber stilistisch nicht wirklich in die Filmreihe hineinpaßt (sondern eher in einen "Resident Evil"-Film). Letztlich dient sie wie auch die sie umhüllenden, zum Teil arg konstruiert wirkenden Szenen wohl primär dazu, sich "überflüssiger" Figuren zu entledigen und quasi im Schnelldurchgang zum Finale vorzuspulen. Einen emotionalen Impact kann da niemand erwarten und den gibt es auch kaum, zumal sowieso wenig Zeit zum Trauern bliebe. Es ist schon kurios, daß der Film selbst nach der sowieso nicht unumstrittenen Zweiteilung des letzten Buches – von der man annehmen sollte, sie würde den Filmemachern reichlich Zeit verschaffen, alles ausführlich zu erzählen, was sie wollen – immer wieder bemerkenswert gehetzt wirkt …

Während man derweil, wie nicht anders zu erwarten, über Spezialeffekte, Kameraführung, die Musik von James Newton Howard und andere handwerkliche Dinge kaum etwas Schlechtes schreiben kann (abgesehen davon, daß der 3D-Einsatz wieder einmal überflüssig ist), gibt es nebem dem bisher Aufgezeigten noch ein weiteres nicht unerhebliches Ärgernis: Viele beliebte Charaktere aus den ersten drei Filmen haben hier kaum noch etwas zu tun. Klar, bereits in "Mockingjay, Teil 1" waren einige storybedingt zu Randfiguren degradiert (allen voran Peeta), aber da nun der komplette Fokus auf Katniss' Vorrücken auf das Kapitol liegt, trifft das gleiche Schicksal quasi alle "Erwachsenen-Rollen", was dann schon recht heftig ist. Ob Haymitch (Woody Harrelson, "7 Psychos"), Effie (Elizabeth Banks, "Mädelsabend"), Beetee (Jeffrey Wright, "Ein Quantum Trost"), Johanna (Jena Malone, "Sucker Punch") oder Caesar (Stanley Tucci, "Einfach zu haben") – teilweise absolvieren sie kaum mehr als Cameos und am Ende erfahren wir nicht einmal von allen, wie es mit ihnen weitergeht (was mich speziell bei Caesar durchaus interessiert hätte). Selbst die beiden konkurrierenden Präsidenten Snow und Coin können nur in wenigen Szenen glänzen, was bei zwei so ausgezeichneten Schauspielern wie Sutherland und Moore eine echte Schande ist. Eine Sonderrolle nimmt natürlich der zu den Rebellen übergelaufene Spielemacher Plutarch ein, dessen Darsteller Philip Seymour Hoffman bekanntlich noch während der Dreharbeiten verstarb. Man entschied, ihn nicht zu ersetzen oder aus der Handlung zu streichen, sondern seine wenigen abgedrehten Szenen so zu belassen und die restlichen auf andere Figuren zu verteilen (was besonders offensichtlich ist bei einem Brief an Katniss, den Haymitch ihr vorliest). In einem solchen Fall gibt es wohl keine definitiv richtigen oder falschen Entscheidungen, aber für mich ist es das bestmögliche Vorgehen, auch wenn die Figur des Plutarch so natürlich nicht mehr ihre volle Wirkung entfalten kann. So bleibt es an Jennifer Lawrence, mit ihrer Schauspielkunst den Film fast alleine zu tragen, da Katniss nun einmal das Zentrum der Geschichte ist – und wieder einmal beweist Lawrence, daß sie dazu problemlos in der Lage ist. Mögen die "Tribute von Panem" erzählerisch auch zu einem recht ernüchternden Ende kommen, so hinterläßt mit Katniss Everdeen doch eine denkwürdige Filmheldin ihren Abdruck in der Geschichte des Abenteuerkinos, die zwar manchmal ruhig noch etwas vielschichtiger hätte sein dürfen, dank Lawrences hervorragender Darstellung aber lange im kollektiven Gedächtnis der weltweiten Kinogänger bleiben wird.

Fazit: "Die Tribute von Panem – Mockingjay, Teil 2" ist ein eher enttäuschender Abschluß einer sich bis dahin stetig steigernden dystopischen Abenteuerfilm-Reihe, die in ihrem letzten Kapitel neben der alles überstrahlenden Heldin Katniss leider zu sehr auf actionreiche und spektakulär inszenierte, aber allzu klischeehafte Kriegssequenzen setzt und darob die eigentliche Handlung und die meisten der übrigen Figuren sträflich vernachlässigt.

Wertung: 6 Punkte.


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