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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

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Mittwoch, 29. Oktober 2014

THE EQUALIZER (2014)

Regie: Antoine Fuqua, Drehbuch: Richard Wenk, Musik: Harry Gregson-Williams
Darsteller: Denzel Washington, Marton Csokas, Chloë Grace Moretz, David Harbour, Johnny Skourtis, Melissa Leo, Bill Pullman, Vladimir Kulich, David Meunier, Haley Bennett, E. Roger Mitchell, Alex Veadov, Timothy John Smith, Robert Wahlberg
 The Equalizer
(2014) on IMDb Rotten Tomatoes: 60% (5,7); weltweites Einspielergebnis: $192,3 Mio.
FSK: 16, Dauer: 132 Minuten.
Robert McCall (Denzel Washington, "Flight") ist ein umgänglicher Mensch. Bei seinem neuen Job in einem Baumarkt kommt er mit allen gut klar, obwohl er deutlich älter ist als die meisten seiner Kollegen – einem hilft er in seiner Freizeit sogar dabei, seine Wachmann-Prüfung zu schaffen. Da McCall unter erheblichen Einschlafproblemen leidet, kreuzt er jede Nacht in einem Diner auf, wo er stets kurz, aber freundlich mit dem Besitzer plauert, ehe er sich in eine Ecke setzt und ein gutes Buch liest. Der einzige weitere nächtliche Stammgast ist die minderjährige Prostituierte Teri (Chloë Grace Moretz, "Kick-Ass"), mit der sich McCall langsam anfreundet. Als er eines Nachts erfährt, daß das Mädchen von dem Zuhälter Slavi (David Meunier, TV-Serie "Justified") übel zusammengeschlagen wurde und nun im Krankenhaus liegt, entscheidet sich McCall, Teri freizukaufen. Slavi und seine Handlanger lachen jedoch nur über sein Angebot – ein fataler Fehler, denn McCall war keineswegs immer ein Baumarkt-Mitarbeiter, sondern ist eine bestens ausgebildete Kampfmaschine. Auch McCall verfügt jedoch nicht über alle nötigen Informationen über sein Gegenüber: Slavi ist nämlich nicht einfach nur ein beliebiger Zuhälter, sondern arbeitet für den mächtigen Anführer der Russen-Mafia Pushkin (Vladimir Kulich, "Der 13. Krieger"). Da dieser seine Geschäfte schützen will, schickt er Teddy (Marton Csokas, "Sin City 2") in die Stadt, einen soziopathischen Spezialisten fürs Grobe, der sich um das Problem namens Robert McCall kümmern soll …

Kritik:
Eigentlich bin ich kein großer Freund des Actionhelden Denzel Washington. Natürlich nicht etwa deshalb, weil er solche Rollen nicht spielen könnte – ganz im Gegenteil, er hat sie so gut drauf, daß er sich dafür wahrscheinlich gar nicht mehr anstrengen muß. Und genau das ist es, was mich stört: Der zweifache OSCAR-Gewinner Denzel Washington ist einfach viel zu gut für generische Rollen in mehr oder weniger mittelmäßigen und nicht sehr abwechslungsreichen Streifen wie "Mann unter Feuer", "Déjà Vu", "Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3", "Safe House" oder "2 Guns". Dennoch muß ich zugeben, daß "The Equalizer", die lose Adaption einer gleichnamigen TV-Serie aus den 1980er Jahren, zu den besseren dieser Filme zählt. Weil Regisseur Antoine Fuqua, der mich in der Vergangenheit ("Shooter", "Olympus Has Fallen", selbst "Training Day", für den Washington einen OSCAR gewann) oft mit seinem ausgeprägten Hang zu "style over substance" genervt hat, sich hier vergleichsweise zurückhält und dafür erfreulich starkes Augermerk auf die Figurenzeichnung legt.

Um das präziser zu formulieren: Fuqua und Drehbuch-Autor Richard Wenk ("16 Blocks", "The Mechanic") konzentrieren sich erfreulich stark auf die drei zentralen Figuren. Das ist natürlich primär Robert McCall, diese freundliche Kampfmaschine mit der mysteriösen Vergangenheit; auch diese Rolle erfordert von Washington keine schauspielerische Glanzleistung, aber sie gibt ihm deutlich mehr Gelegenheit, seine Figur zu entwickeln, als das bei den meisten der oben genannten Filme der Fall war. Selbstverständlich löst Washington diese Aufgabe souverän und gewohnt charismatisch, dieser Robert McCall mit seinen strikten Moralvorstellungen wächst einem schnell ans Herz. Zupaß kommt dem Film, daß Washington zwei talentierte Kollegen zur Seite gestellt bekommt, mit denen er sehr gut harmoniert: Speziell die Gespräche mit der jungen, desillusionierten Teri, der McCall mit seinem ernstgemeinten Zuspruch wieder etwas Hoffnung gibt, funktionieren ausgezeichnet, die Dialoge entwickeln für einen Actionfilm sogar eine erstaunliche Tiefe. Umso bedauerlicher ist es, daß Teri nach 30 Minuten weitestgehend aus dem Film verschwindet – allerdings gibt es mit Marton Csokas einen adäquaten Ersatz. Denn der in Schurkenrollen sehr erfahrene Neuseeländer gibt als Teddy trotz des knuffigen Spitznamens einen formidablen Gegenspieler ab, dessen eiskalte Ausstrahlung den Zuschauer bereits angespannt auf den unvermeidlich folgenden Gewaltausbruch warten läßt, wenn er sich noch vermeintlich ganz normal mit jemandem unterhält. Anders als McCall und Teri ist Teddy zwar letztlich doch nur ein wandelndes Russenmafia-Klischee – aber eben ein so überzeugend dargestelltes, daß es für den Bösewicht des Films locker ausreicht.

Im Grunde genommen braucht der Film nicht mehr als diese drei Figuren, um seine geradlinige Handlung voranzutreiben, entsprechend wenig Sorgfalt wird auf den Rest verwendet. Lediglich David Harbour ("Zeiten des Aufruhrs") als korrupter Polizist Masters und Johnny Skourtis als McCalls Baumarkt-Kumpel Ralphie können ansatzweise Profil entwickeln, der ganze Rest bleibt nebensächlich – bekannte Namen wie Bill Pullman, Melissa Leo oder auch Vladimir Kulich haben letztlich nicht mehr als Cameos. Ähnlich sieht es bei der Handlung aus: Während deren Zentrum rund um das Duell zwischen McCall und Teddy einwandfrei funktioniert, ist das Drumherum kaum der Rede wert. Vor allem entwickelt sich "The Equalizer" nach dem sehr gelungenen Start in der vollkommen gewaltfreien ersten halben Stunde immer stärker zu einem typischen Genrevertreter: Die Story dient fast nur noch dazu, von einer (wie man es von Fuqua gewohnt ist: ausgesprochen edel inszenierten) Actionsequenz zu der nächsten überzuleiten, überraschende Wendungen bleiben weitgehend aus. Daß die Kämpfe – die übrigens ähnlich wie in Guy Ritchies "Sherlock Holmes"-Filmen beginnen, indem man in Zeitlupe demonstriert bekommt, wie der analytisch brillante McCall die Gesamtsituation erfaßt und den Kampfverlauf antizipiert – übermäßig brutal ausfallen, wirkt außerdem einfach unnötig, denn es bringt diesem Film überhaupt nichts. Angesichts dessen schätze ich, die deutschen FSK-Prüfer werden sich die Jugendfreigabe zweimal überlegt haben, denn wenn McCall einem Gegner mal eben einen Korkenzieher unter dem Kinn ins Gesicht rammt, dann ist das schon grenzwertig.

Zudem wird im Filmverlauf immer offensichtlicher, daß "The Equalizer" unter dem klassischen Superman-Problem leidet: Einzelkämpfer McCall wird so übermächtig dargestellt, daß man kaum in die Verlegenheit kommt, um sein Wohlbefinden zu bangen. Immerhin wird dadurch ein sehr klassisches Genre-Klischee umschifft (denn meist läuft es ja nach dem Schema "Held dominiert – Held erleidet schlimmen Rückschlag – Held schlägt final zurück" ab), aber der Glaubwürdigkeit kommt das nicht zugute. Zumal man sich unweigerlich fragt, wie McCall sich vorher zurückhalten konnte, denn Ungerechtigkeiten ist er sicher auch nach seiner aktiven Zeit nicht so selten begegnet. Klar, die schlimmen Prügel für Teri fungieren als Auslöser für seinen "Rückfall" in alte Gewohnheiten, dennoch ist es schwer vorstellbar, daß er vorher in ähnlichen Situationen einfach weggesehen hat. Zusätzlich beschädigt McCalls Übermacht auch noch den Antagonisten Teddy, der es trotz eines beinahe legendären Killer-Rufs, seiner beeindruckenden Ausstrahlung und nicht zuletzt einer gewaltigen numerischen Überzahl einfach nicht gebacken bekommt, McCall ernsthaft gefährlich zu werden. Das hätte Drehbuch-Autor Wenk definitiv besser lösen können und sollen – aber andererseits wirkt es sich erstaunlich wenig auf den Spaß aus, den man als Zuschauer dabei hat, McCalls Feldzug gegen das Böse zu verfolgen. Angesichts des kommerziellen Erfolges von "The Equalizer" befindet sich übrigens bereits ein zweiter Teil in Vorbereitung, was beinahe als historisch bezeichnet werden muß – denn damit wird Denzel Washington mit über 60 Jahren erstmals in einer Fortsetzung mitwirken!

Fazit: "The Equalizer" erfindet das Genre des Action-Thrillers keineswegs neu, weiß aber dank seiner ausgefeilten Inszenierung, dreier starker Hauptdarsteller und einer für Genreverhältnisse erfreulich ausführlichen Charaktereinführung gut zu unterhalten.

Wertung: Knapp 7,5 Punkte.


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