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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Mittwoch, 20. August 2014

LUCY (2014)

Regie und Drehbuch: Luc Besson, Musik: Éric Serra
Darsteller: Scarlett Johansson, Morgan Freeman, Choi Min-sik, Amr Waked, Julian Rhind-Tutt, Pilou Asbæk, Analeigh Tipton, Nicolas Phongpheth, Jan Oliver Schröder, Luca Angeletti, Paul Chan, Frédéric Chau, Wolfgang Pissors
Lucy
(2014) on IMDb Rotten Tomatoes: 67% (6,0); weltweites Einspielergebnis: $469,1 Mio.
FSK: 12, Dauer: 89 Minuten.
Die Mittzwanzigerin Lucy (Scarlett Johansson, "Match Point") ist eine amerikanische Studentin in Taiwan. Nach einer langen Partynacht wird sie von dem charmanten Richard (Pilou Asbæk, TV-Serie "Borgen – Gefährliche Seilschaften"), den sie erst vor einer Woche kennengelernt hat, "überredet", einen Koffer bei Mr. Jang (Choi Min-sik, "Oldboy", "I Saw the Devil") abzugeben, da er selbst es sich mit diesem gründlich verscherzt habe. Zu ihrem Leidwesen muß Lucy schnell feststellen, daß Mr. Jang in Wahrheit ein skrupelloser koreanischer Gangsterboß ist und der Koffer, den sie ihm übergibt, eine experimentelle, für den Verkauf im Westen vorgesehene Droge enthält. Nach der Übergabe darf Lucy nicht einfach wieder gehen, stattdessen wird ihr kurzerhand operativ ein Beutel mit der Droge in den Bauch eingepflanzt, den sie und einige Europäer als Drogenkuriere in ihre Heimatländer bringen sollen. Der Beutel in Lucys Bauch platzt jedoch wenig später, die Droge dringt in ihren Blutkreislauf ein – und Lucy entwickelt immer stärkere, nahezu übermenschliche Kräfte. Sie sucht Rat bei Professor Norman (Morgan Freeman, "Oblivion"), der seit Jahrzehnten erforscht, wie sich die Fähigkeiten des Menschen verändern würden, wenn er mehr als nur 10% seines Gehirns nutzen könnte …

Kritik:
Wenn man sich auf den gängigen Filmbewertungsseiten im Internet umschaut, kann man zu dem Schluß kommen, daß "Lucy" wohl ein ziemlich mittelmäßiger Film sein muß. Während ich diese Zeilen schreibe, beträgt die durchschnittliche gewichtete Nutzerbewertung bei der Internet Movie Database (IMDb) 6,6 von 10 Punkten, die professionellen Kritiker haben bei Rotten Tomatoes 64% positive Rezensionen eingereicht. Das sind Werte, die im Normalfall die Klassifizierung des zugrundeliegenden Films als (gehobenes) Mittelmaß nahelegen zumal "mittelmäßig" genau das Adjektiv ist, mit dem man die meisten Filme bedenken würde, die Luc Besson in den letzten Jahren produziert, geschrieben und/oder gedreht hat (z.B. "Colombiana", "Lockout", "The Lady", "Malavita – The Family"). Bei "Lucy" liegt der Fall jedoch anders. Denn "Lucy" polarisiert. Viele sind begeistert von der visuellen Wucht und den existentialistischen Storyansätzen, natürlich auch von der Hauptdarstellerin Scarlett Johannson. Viele andere finden den Film dagegen schlecht, weil er unlogisch ist, kaum Figurenzeichnung präsentiert und von einer albernen Prämisse ausgeht. Und wahrscheinlich noch mehr sind vorwiegend irritiert und fragen sich während des Abspanns, wo denn nun bitteschön der Action-Thriller gewesen sein soll, den die Werbekampagne ihnen so aufwendig verkaufte? Ich zähle zur ersten Gruppe, und ich denke, es lassen sich recht einfach drei Voraussetzungen identifizieren, die jemand erfüllen muß, um Bessons ("Adéle und das Geheimnis des Pharaos") neuesten Streich ebenfalls genießen zu können. Erstens: Man muß akzeptieren, daß die Prämisse zwar in der Tat wissenschaftlicher Unfug ist, das für das Gelingen dieses Films aber völlig belanglos ist. Zweitens: Man muß "Lucy" als Science Fiction-Märchen betrachten, das nur zufällig in unserer Gegenwart spielt. Drittens: Man muß damit leben können, daß die eigentliche Handlung sehr rudimentär ist und vor allem in der zweiten Hälfte zusätzlich unter einigen Logikmängeln leidet. Das sind zugegebenermaßen recht viele Voraussetzungen, und damit erklären sich auch die kontroversen Diskussionen rund um "Lucy". Ich persönlich glaube, daß Bessons Film in einigen Jahren als Klassiker seines Genres gelten wird, ähnlich wie es heute auf Filme wie "Tron", "War Games" oder "Matrix" zutrifft, die nun auch nicht unbedingt vor wissenschaftlicher Korrektheit strotzen.

Die ersten gut 30 Minuten des mit nicht einmal ganz eineinhalb Stunden sehr zügig gestalteten Films sind schlicht grandios. Scarlett Johanssons Einführung in der Rolle der Lucy ist sehr gelungen, sie ist bereits zu Beginn nicht einfach nur ein blondes Dummchen, sondern eine intelligente junge Frau, die trotz ihrer Vorsicht in eine schreckliche Situation gerät, wie sie seit Hitchcock immer wieder unschuldigen Durchschnittsbürgern widerfährt. Choi Min-sik überzeugt als diabolischer, brutaler Gangsterboß ebenfalls, wobei mir übrigens besonders gefällt, daß er, anders als es in den meisten Hollywood-Produktionen der Fall wäre, kein Englisch versteht, sondern seine Kommunikation mit Lucy über einen per Telefon zugeschalteten Dolmetscher läuft. Bereits nach wenigen Minuten nimmt die Handlung Fahrt auf, die adrenalingetränkten Actionsequenzen sind fulminant in Szene gesetzt und erzeugen in Kombination mit Éric Serras ("GoldenEye") grandiosem, düster wummernden Actionscore eine verstörende Atmosphäre, wie sie (gerade in einem ab 12 Jahren freigegebenen Film) ihresgleichen sucht. Trotz der nicht allzu blutigen Inszenierung erinnern diesse Sequenzen in den besten Momenten an die glorreichen "Heroic Bloodshed"-Klassiker eines John Woo, an "The Killer" oder "Hard Boiled". Zugegeben, Scarlett Johansson ist nicht ganz so cool wie Chow Yun-fat – doch dafür ist sie wesentlich schöner …

Während Lucys körperliche wie mentale Kräfte immer weiter zunehmen und sie ihre neuen Fähigkeiten unter anderem an Mr. Jangs Schergen ausprobiert, erkennt sie allerdings auch, daß sie sterben wird, wenn sie nicht schnell mehr von der Droge einnimmt. So entwickelt sich ein Wettlauf mit der Zeit, als sie versucht, Nachschub zu bekommen, gleichzeitig aber von Mr. Jang gejagt wird. Und das ist im Grunde genommen schon die gesamte eigentliche Handlung der zweiten Filmhälfte: Lucy sucht unter Zeitdruck nach den anderen Drogenkurieren wider Willen – wofür sie in Frankreich die Hilfe des Polizei-Kommissars Pierre del Rio (Amr Waked, "Syriana", "Lachsfischen im Jemen") in Anspruch nimmt –, während sie immer wieder Mr. Jang und seine Männer abwehren muß. Kein Wunder, daß das etlichen Zuschauern zu wenig ist. Zumal sich mit fortlaufender Handlung immer mehr Logikfehler einschleichen, beispielsweise ist kaum anzunehmen, daß in der Realität Deutschland und Italien eigene Staatsbürger (besagte Drogenkuriere) mal eben ganz kurzfristig und unbürokratisch an Frankreich ausliefern würden, nur weil der nette Herr Kommissar so nett fragt. Und dafür, daß Lucy, die von Beginn an keinerlei Skrupel bei der Beseitigung der Gangster offenbart, ausgerechnet deren Boß Mr. Jang laufen läßt, als sie ihn bereits in der Mangel hat, kann es nur einen einzigen "logischen" Grund geben: Luc Besson brauchte Mr. Jang noch, denn ohne Bösewicht kein spektakulärer Action-Showdown.

Doch zu diesem Zeitpunkt geht es Besson erkennbar schon lange nicht mehr primär um diese "realistische" Handlung, seine Aufmerksamkeit hat sich klar zu den phantastischen Science Fiction-Elementen verlagert. Was Besson in der zweiten Hälfte von "Lucy" anbietet, ist ein hochspekulativer, jedoch faszinierender Blick auf eine mögliche zukünftige Entwicklung des Menschen. Womit wir wieder bei dem so heftig kritisierten "10%-Mythos" wären. Die Theorie, wonach der Mensch nur 10% seines Gehirns nutze, gab es zumindest so ähnlich tatsächlich einmal, doch sie wurde schon vor langer Zeit wissenschaftlich widerlegt. Für "Lucy" ist das aber unerheblich, denn man könnte ebenso gut sagen, daß es darin einfach um die weitere Evolution des Menschen geht, auf die Professor Norman durch die nicht ganz sachgemäße Anwendung der experimentellen Droge bei Lucy einen einzigartigen Ausblick erhält. Natürlich ist es dennoch höchst unrealistisch, daß wir uns tatsächlich genau in diese Richtung hin entwickeln – allerdings auch nicht unrealistischer als etwa die Mutanten in den "X-Men"-Filmen. Warum Besson trotzdem ausgerechnet auf einer nachweislich falschen Theorie als Aufhänger festhält? Nun, das dürfte daran liegen, daß es sich so wunderbar anbietet, die Prozentzahl der von ihr genutzten Hirnregionen mittels Einblendungen hochzuzählen, während Lucy immer mächtiger wird. Das mag man als einen nicht sehr eleganten Grund für Bessons Vorgehen ansehen, aber dramaturgisch funktioniert es gut. Und je höher die Prozentzahlen steigen, desto ausgiebiger und einfallsreicher wird Bessons Griff in die computergenerierte Spezialeffekt-Kiste, wobei diese Effekte trotz eines vergleichsweise geringen Budgets von rund $40 Mio. (was für europäische Verhältnisse aber natürlich eine exorbitante Summe ist) nahezu mit den Standards von Hollywood-Großproduktionen mithalten können. Kein Wunder, immerhin war das einst von George Lucas gegründete Studio ILM maßgeblich beteiligt.

Kamen zu Beginn des Films noch die erwähnten Parallelen zu Hongkong-Actionklassikern zum Tragen, so erinnert diese märchenhafte SciFi-Entwicklung gegen Ende deutlich an den ersten Akt von Terrence Malicks "The Tree of Life" und natürlich auch an die "Matrix"-Trilogie von den Wachowski-Geschwistern. Leider gibt es neben den Logikmängeln aber noch ein weiteres, nicht zu vernachlässigendes Problem: die Figurenzeichnung. Dabei konzentriert sich Besson vollkommen auf Lucy, mit der wir tatsächlich mitfühlen können und die von Scarlett Johansson in einer erstklassigen Performance dargestellt wird, die sie endgültig als zugkräftigen Star in der ersten Hollywood-Liga etablieren wird (bei ihren bisherigen kommerziellen Erfolgen, allen voran den Marvel-Werken oder auch den Filmen von Woody Allen, hatte sie ja nie die alleinige Hauptrolle inne, sondern stets Stars an ihrer Seite). Der Rest ist dagegen zum Vergessen. Antagonist Mr. Jang profitiert zwar von Chois intensiver Darstellung, ist im Kern aber ein reiner, uninteressanter Klischee-Bösewicht. Professor Normans Rolle beschränkt sich darauf, die pseudo-wissenschaftlichen Hintergründe zu erläutern und ihnen mit der Morgan Freeman seit jeher eigenen Autorität Gewicht und Glaubwürdigkeit zu verleihen. Und warum der französische Polizist del Rio überhaupt dabei ist, weiß er selbst nicht (Lucys Erklärung ist auch nur bedingt glaubhaft). Es ist bedauerlich, daß sich Besson bei dieser Facette seines Films nicht mehr Mühe gegeben hat, auch angesichts der Tatsache, daß er in seinen frühen Werken wie "Léon – Der Profi", "Nikita" oder "Das fünfte Element" ja bereits bewiesen hat, daß er es besser kann; aber allzu schwer ins Gewicht fällt dieses Versäumnis dann doch nicht, da "Lucy" eben mit vielen anderen Stärken auftrumpfen kann.

Fazit: "Lucy" ist ein actionlastiger Science Fiction-Film mit existentialistischen Zügen, der vom Zuschauer zwar ein nicht geringes Maß an "Aussetzung der Ungläubigkeit" ("suspension of disbelief") einfordert, dafür aber mit fantasievoller Bildgewalt, toller musikalischer Untermalung und einer charismatischen Hauptdarstellerin nachdrücklich punktet.

Wertung: 8 Punkte.


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