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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 26. Juni 2014

DIE REISE NACH AGARTHA (2011)

Originaltitel: Hoshi o ou kodomo
Alternativtitel: Children Who Chase Lost Voices
Regie und Drehbuch: Makoto Shinkai, Musik: Tenmon
Sprecher der deutschen Synchronfassung: Maximiliane Häcke, Matthias Klie, Constantin von Jascheroff, Shalin Rogall, David Wittmann, Katrin Zimmermann, Ghadah Al-Akel
 Hoshi o ou kodomo
(2011) on IMDb Rotten Tomatoes: -; weltweites Einspielergebnis: $0,6 Mio.
FSK: 6, Dauer: 116 Minuten.

Nach dem Tod ihres Vaters wird die junge Asuna von ihrer Mutter aufgezogen, einer sie sehr liebenden Krankenschwester, die aber ständig arbeiten muß, um genügend Geld zu verdienen. Asuna nutzt ihre freie, unbeobachtete Zeit am liebsten für ausgiebige Streifzüge durch die naturbelassene Umgegend, besonders gerne besucht sie die höchste Erhebung, auf der sie mit ihrem Radio den besten Empfang hat. Auf dem Weg dorthin wird sie eines Tages auf einer Eisenbahnbrücke von einer aus dem Nichts auftauchenden, gräßlichen Kreatur attackiert, doch im letzten Moment rettet sie ein mysteriöser Junge namens Shun. Die Teenager verbringen einen angenehmen Nachmittag miteinander und Asuna erfährt, daß Shun aus einem fremden Land namens Agartha kommt und ein "Torwächter" ist. Am nächsten Tag wollen sie sich erneut treffen, doch Shun ist nicht da – in der Schule erfährt Asuna später, daß im Fluß die Leiche eines Jungen gefunden wurde, der Asunas Halstuch bei sich hatte … Als ihr neuer Lehrer, Herr Morisaki, kurz darauf im Unterricht vom unterirdischen Reich der Toten erzählt, das weltweit viele verschiedene Namen habe – darunter Agartha –, beginnt Asuna Nachforschungen. Und als sie an der Stelle, an der sie Shun traf, schließlich einen ihm sehr ähnlich sehenden Jungen auffindet, der sich als dessen jüngerer Bruder Shin vorstellt und an dessen Stelle nun das Tor nach Agartha bewachen soll, überschlagen sich die Ereignisse: Bewaffnete tauchen auf und attackieren Shin, der mit Asuna durch das Tor in seine Heimat flüchtet. Ein Bewaffneter kann ihnen folgen – es ist Herr Morisaki …

Kritik:
Immer wieder aufs Neue bin ich erstaunt und zutiefst beeindruckt, wie häufig es japanischen Zeichentrickfilmen gelingt, mit kindlichen oder jugendlichen Protagonisten dezidiert erwachsene Geschichten zu erzählen. Welch kurioser Unterschied ist das doch zu den amerikanischen und europäischen Animationsfilmen, in denen zwar häufiger Erwachsene im Mittelpunkt der Story stehen (beispielsweise in den zahlreichen Märchenadaptionen der Walt Disney Studios), die inhaltliche Ausrichtung aber dennoch viel stärker auf ein sehr junges Publikum abzielt. In den außer-asiatischen Kinos bekommt man die Fähigkeiten der japanischen Zeichentrick-Branche (außerhalb von Festivals) fast nur anhand der Werke von Hayao Miyazaki ("Chihiros Reise ins Zauberland") mit, doch ist er bei weitem nicht der einzige, der das kann. Ein anderer ist Makoto Shinkai, wie er mit seiner märchenhaften Coming of Age-Erzählung "Die Reise nach Agartha" eindrucksvoll nachweist.

Dabei begeistert der zauberhafte Zeichenstil ebenso wie Ernsthaftigkeit und Themenvielfalt der Handlung. Ich mache in meinen Rezensionen ja nie einen Hehl daraus, daß ich rein optisch klassischen Zeichentrick den heute in der westlichen Filmwelt dominierenden CGI-Animationen vorziehe. Natürlich kann man auch mit letzteren gute ("Die Eiskönigin") oder sogar großartige ("WALL-E") Filme machen, aber ein "echter" Zeichentrickfilm wird bei mir immer von Beginn an einen Stein im Brett haben. Und wenn er dann auch noch so wunderschön gezeichnet ist und zusätzlich inhaltlich so sehr überzeugt wie Miyazakis Werke oder "Die Reise nach Agartha", dann bin ich glücklich.

Was mich an Shinkais Film besonders fasziniert, ist, wie leichtfüßig er so schwere, ernsthafte Themen wie Tod, Liebe, Verantwortungsgefühl und krankhafte Obsession mit einer spannenden Geschichte verknüpft, die aus der Perspektive eines gutherzigen, altersbedingt etwas naiven jungen Mädchens erzählt wird. Ebenso erfreulich ist die Ambivalenz der recht vielschichtigen Figuren um Asuna herum. Shun, dessen Sehnsucht nach den in Agartha nicht existierenden Sternen ihn (in einer traumhaft schönen Szene) das Leben kostet, wächst einem in seinen wenigen Szenen ebenso ans Herz wie später Shin, der zwar nicht über die Fähigkeiten seines großen Bruders als Wächter Agarthas verfügt und das auch deutlich zu hören bekommt, aber an seiner Aufgabe wächst. Am interessantesten ist jedoch sicher Herr Morisaki geraten, dessen Motivation für den Besuch des Reichs der Toten seine vor Jahren verstorbene Frau Lisa ist, über deren Verlust er einfach nicht hinwegkommt … oder nicht hinwegkommen will. Obwohl Asuna ihm schon bald offenbart, er wäre für sie wie ein Vater (den sie ja nicht mehr hat), verhält sich Herr Morisaki in seiner wahnhaften Queste um die Wiedervereinigung mit seiner geliebten, toten Gattin keineswegs durchgehend heldenhaft. Er sorgt sich um Asuna und hilft ihr, wenn er kann – aber nur solange das nicht seine eigenen Pläne durchkreuzt.

Eingebettet sind diese glaubhaft dargebrachten Charaktere übrigens in einen viel größeren, grundsätzlichen Konflikt zwischen den Bewohnern Agarthas, die infolge schlechter Erfahrungen nichts mehr mit den Menschen von der Oberwelt zu tun haben wollen, und den "Arcangeli", einem zwielichtigen Geheimbund (dem sich Herr Morisaki angeschlossen hat, wenngleich er ihn nur als Mittel zum Zweck sieht), der in Agartha an Artefakte kommen will, die ihm große irdische Macht verleihen könnten. Allerdings kommt mir dieser Erzählstrang eher überflüssig vor, denn einerseits wird er zu oberflächlich abgehandelt, um ein echtes Interesse wecken zu können, andererseits wirkt es einfach übertrieben und tendentiell sogar unfreiwillig komisch, wenn ein Dorfältester Asuna erzählt, wie lange und oft bereits Menschen Agarthas Macht für ihre Zwecke mißbrauchen wollten, und dabei eine lange Reihe deutlich erkennbarer historischer Personen "eingeblendet" wird, die von Napoleon bis Hitler und Stalin reicht …

Eine bessere Idee Shinkais war es zweifellos, diverse Mythen in das von ihm geschaffene Phantasiereich Agartha einzubinden. So ist natürlich die altgriechische Sage von Orpheus und Eurydike klar als Inspiration für Herrn Morisakis Mission erkennbar – respektive eine japanische Variante, denn wie der Lehrer in der Schule erzählt, existieren wohl weltweit sehr ähnliche Versionen dieser Geschichte von der unendlichen Liebe über den Tod hinaus. Zudem gibt es beeindruckende, jede für sich ganz indivduell gestaltete Kreaturen wie die zu Beginn von Shun (widerwillig) getötete, die als Wächter der Toten dienen und "Quetzalcoatl" heißen – nach einer alten Inka- und Maya-Gottheit. Herr Morisaki lehrt seine Schüler übrigens eine interessante Theorie über das Verschwinden der alten Gottheiten auf der ganzen Welt: Demnach hätten sie der Menschheit anfangs als eine Art schützende Leitfiguren gedient, die dann nach und nach einfach nicht mehr gebraucht wurden.

Das Verschwinden der Quetzalcoatl von der Oberfläche hat allerdings einen weit profaneren Grund, wie Shin Asuna offenbart: Die zunehmende Luftverschmutzung war es, die sie in den Untergrund getrieben hat. In diesem winzigen Storyelement, das durch den grundsätzlichen (und in grobem Kontrast zu den Arcangeli stehenden) Widerwillen der Bewohner Agarthas, die Quetzalcoatl zu töten – selbst wenn sie von ihnen attackiert werden –, kann man unschwer eine Parallele Shinkais zu seinem erklärten Vorbild Hayao Miyazaki erkennen, denn dessen Werke, allen voran "Prinzessin Mononoke", sind stets von einer (fast nie übermäßig plakativ präsentierten) ökologischen Botschaft und der eindringlichen Mahnung an die Menschen, die Natur zu erhalten, durchdrungen. Leider kann das Finale von "Die Reise nach Agartha" nicht ganz so sehr überzeugen wie (fast) alles zuvor, dennoch ist Makoto Shinkai ohne jeden Zweifel ein bezaubernder Film gelungen.

Fazit: "Die Reise nach Agartha" ist ein wunderschöner japanischer Zeichentrickfilm, der eine märchenhafte, aber erwachsene Geschichte in einer phantasievollen Welt voller spannender Charaktere erzählt.

Wertung: 8,5 Punkte.


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