Empfohlener Beitrag

In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 9. Mai 2014

WIE SEHR LIEBST DU MICH? (2005)

Originaltitel: Combien tu m'aimes?
Regie und Drehbuch: Bertrand Blier
Darsteller: Bernard Campan, Monica Bellucci, Gérard Depardieu, Jean-Pierre Darroussin, Sara Forestier, Édouard Baer, Farida Rahouadj, Michel Vuillermoz, Bertrand Blier
 Combien tu m'aimes?
(2005) on IMDb Rotten Tomatoes: 55% (5,2); weltweites Einspielergebnis: $6,8 Mio.
FSK: 12, Dauer: 94 Minuten.

Ein unauffälliger Mann mittleren Alters (Bernard Campan, "Die Herzen der Männer") betritt am späten Abend eine fast leere Bar. Eine wunderschöne, dunkelhaarige Frau (Monica Bellucci, "Pakt der Wölfe", "Die Passion Christi") setzt sich neben ihn und bietet ihm eines Liebesnacht an. Für 150 Euro. Der Mann erzählt ihr, er habe im Lotto gewonnen und biete ihr 100.000 Euro pro Monat, wenn sie mit ihm lebe. Die Frau zögert zunächst ob dieser unerwarteten Offerte … und akzeptiert. Das Arrangement funktioniert zunächst, doch nach und nach treten ein paar Probleme auf. Beispielsweise ist der Mann, François ist sein Name, herzkrank und darf sich eigentlich nicht aufregen. Da ist es eher ungünstig, wenn er mit der so ziemlich aufregendsten Frau zusammenlebt, die er sich vorstellen kann. Außerdem hat diese Frau, Daniela, auch noch einen Liebhaber namens Charlie (Gerard Depardieu, "Das Schmuckstück"), der gleichzeitig ihr Zuhälter ist und mit dem von Daniela eigenmächtig abgeschlossenen Deal nicht allzu glücklich ist …

Kritik:
Bertrand Blier, geboren 1939, ist einer der bekanntesten Regisseure und Drehbuch-Autoren Frankreichs. Bereits mit seinem Regiedebüt, der sexuell ziemlich expliziten Tragikomödie "Die Ausgebufften" – der Adaption seines eigenen Romans – verhalf er 1974 keinem Geringeren als dem (allen Eskapaden zum Trotz) heutigen französischen Nationalheiligtum Gérard Depardieu zum Durchbruch als Schauspieler; auch in den folgenden Jahrzehnten feierte Blier vor allem in seiner Heimat mit meist humorvoll-frivolen und oft preisgekrönten Filmen wie "Den Mörder trifft man am Buffet" (1979), "Abendanzug" (1986), "Zu schön für Dich" (1989) oder "Eins, zwei, drei, Sonne" (1993) Erfolge. Mit der erotischen Liebes-Farce "Wie sehr liebst Du mich?" beendete er 2005 scheinbar seine so richtig arbeitsame Phase, seitdem drehte er jedenfalls nur noch einen Film ("Der Klang von Eiswürfeln" aus dem Jahr 2010). Vielleicht lag es auch daran, daß seine späteren Werke nicht mehr ganz so gut ankamen, was auch auf "Wie sehr liebst Du mich?" zutrifft. Die sehr unterkühlte Aufnahme dieses quicklebendigen Alterswerks kann ich durchaus nachvollziehen, denn Blier schert sich hier einen Dreck um jegliche filmische Konventionen oder Publikums-Bedürfnisse und liefert stattdessen einen rotzfrechen Genremix, der eigentlich kein echtes Zielpublikum hat, ab. Was soll ich sagen? Ich liebe diesen Film!

Streng genommen ist es fast unmöglich, "Wie sehr liebst Du mich?" einem bestimmten Genre zuzuordnen. Der Film beginnt als relativ normale Komödie mit romantischen Untertönen, wird dann kurzzeitig zu einem emotionalen Drama, nimmt anschließend leichte Anleihen beim Gangsterfilm-Genre und endet als äußerst skurrile Farce. Bemerkenswert ist dabei, daß so ziemlich jede Szene maßlos übertrieben ist: Wenn Daniela beispielsweise einfach nur ihren Mantel ablegt, ertönt zur Begleitung nicht etwa normale Filmmusik (die es hier überhaupt nicht gibt), sondern eine pompöse Opern-Arie! Ein weiteres Beispiel: Sämtliche Arbeitskollegen von François (und er hat einige davon) besuchen ihn wenig später umgehend in seiner Wohnung, weil sie unbedingt wissen müssen, wer die mysteriöse Frau ist, die den immer so ernsthaften François tatsächlich zum Lächeln bringt. Und wenn die Nachbarin aufgebracht bei François und Daniela klopft, um sich über deren zu lautstarken Sex zu beschweren, artet das – selbstredend – unvermittelt in eine leidenschaftliche Grundsatz-Diskussion über die Natur des weiblichen Orgasmus aus! Ganz ehrlich: Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal einen Film gesehen zu haben, der dermaßen konsequent übertrieben inszeniert ist wie "Wie sehr liebst Du mich?" (abgesehen von reinen Genre-Parodien wie "Hot Shots!" oder "OSS 117"). Manchmal vielleicht doch sogar ein wenig zu übertrieben, denn auf Dauer ist dieser absolut gewöhnungsbedürftige Stil schon recht anstrengend anzuschauen.

So wundert es mich auch nicht im Geringsten, daß die (europäischen) Kritiker den Film mehr zu mögen scheinen als die "normalen" Zuschauer. Wenn man sich jedoch auf Bliers verrückte Ideen und seine überbordenden gestalterischen Einfälle bei der Inszenierung einläßt, kann man äußerst gut unterhalten werden. Wer angesichts der bloßen Inhaltsbeschreibung einen "Pretty Woman"-ähnlichen Film erwartet, der wird dagegen sicherlich enttäuscht werden. Nein, das ist noch untertrieben: … der wird vermutlich spätestens nach der Hälfte des Films entsetzt aus dem Kinosaal fliehen (respektive den Fernseher ausschalten). Zumal auch die Tatsache, daß es keine richtige Handlung im klassischen Sinne gibt, ja, noch nicht einmal so etwas wie einen Spannungsbogen, so manchen Zuschauer nachhaltig abschrecken dürfte. Aber auf wen das nicht zutrifft, der wird vielleicht – nur vielleicht! – ähnlich begeistert sein wie ich.

Im Zentrum des Films steht natürlich unzweifelhaft Monica Bellucci, der die Rolle der Daniela von Blier offensichtlich auf den Leib geschrieben wurde. Blier nimmt ihren öffentlichen Status als Sexsymbol und schafft es, ihn so zu überhöhen, daß es gleichzeitig bewundernd wie auch abschätzig wirkt. Bellucci selbst nutzt die Gelegenheit, die Blier ihr hier gibt, mit sichtlicher Spielfreude und lebt jene Rolle, die ihr von den Medien über viele Jahre hinweg angeheftet wurde, mit lustvollem Overacting aus. Sie wirkt – ebenso wie die immer wieder eingeflochtene Opern-Musik – wie ein Fremdkörper in diesem seltsamen Film, was von Blier ganz offenkundig genau so gewollt ist und ebenso irritiert wie fasziniert. Interessanterweise funktioniert aber auch Bernard Campan in der Rolle des ruhigen, sehnsüchtigen François hervorragend als Gegenpol zu der beinahe übermenschlich erscheinenden Traumfrau Daniela. Und Gérard Depardieu sorgt als rauhbeiniger Möchtegern-Pate mit Herz erwartungsgemäß für das i-Tüpfelchen auf einer rundum gelungenen Besetzung.

Fazit: "Wie sehr liebst Du mich?" ist ein äußerst gewöhnungsbedürftiger, aber ausgesprochen amüsanter satirischer Genre-Mix mit einer hervorragenden Besetzung, der gegen Ende hin immer übertriebener und surrealer und damit immer besser wird. Zumindest, sofern man in etwa weiß, was einen erwartet und bereit und aufgeschlossen genug ist, sich darauf einzulassen …

Wertung: 8 Punkte.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen