Empfohlener Beitrag

In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 6. Dezember 2013

GANZ WEIT HINTEN (2013)

Original: The Way Way Back
Regie und Drehbuch: Nat Faxon und Jim Rash, Musik: Rob Simonsen
Darsteller: Liam James, Sam Rockwell, Toni Collette, Steve Carell, AnnaSophia Robb, Allison Janney, Maya Rudolph, Rob Corddry, Amanda Peet, Zoe Levin, River Alexander, Jim Rash, Nat Faxon
 The Way Way Back
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 85% (7,3); weltweites Einspielergebnis: $26,5 Mio.
FSK: 0, Dauer: 104 Minuten.

Normalerweise freuen sich Schüler, wenn endlich die langen Sommerferien bevorstehen, doch für den 14-jährigen Duncan (Liam James, der junge Shawn Spencer in der Comedy-Serie "Psych") scheint im Urlaub in einer Feriensiedlung direkt am Atlantik-Strand in Massachusetts eher eine Horrorzeit anzubrechen. Denn seine geschiedene Mutter (Toni Collette, "Little Miss Sunshine") ist nun mit dem windigen Trent (Steve Carrell, "Date Night") zusammen, der sich vor allem Duncan gegenüber wie ein echter Arsch verhält. Für Trents Teenager-Tochter Steph (Zoe Levin) wiederum ist der schüchterne Duncan, auf den sie am Strand auch noch aufpassen soll, einfach nur eine sehr nervige Last. Einziger Hoffnungsschimmer für Duncan ist zunächst die hübsche Nachbarstochter Susanna (AnnaSophia Robb, "Brücke nach Terabithia"), die als ebenfalls chronisch schlecht gelauntes Scheidungskind eine gewisse Verbindung zum neuen Nachbarn auf Zeit zu empfinden scheinen. Doch als Duncan wieder einmal auf eigene Faust mit dem Fahrrad die Gegend erkundet, um dem tristen Familienleben zu entkommen, lernt er durch einen Zufall den charismatischen Owen (Sam Rockwell, "7 Psychos") kennen, der in einem nahegelegenen Wasserpark arbeitet. Am nächsten Tag taucht Duncan dort auf und wird prompt von Owen unter die Fittiche genommen und mit einem Ferienjob im Park versorgt. Owen ist zwar ein fürchterlicher Sprücheklopfer, aber dadurch, daß er freundlich zu Duncan ist und ihn auch immer wieder fordert, wächst dessen Selbstbewußtsein ebenso wie seine Freude an diesen so verkorkst begonnenen Sommerferien ...

Kritik:
Eigentlich bin ich aus dem Alter des Kernzielpublikums von Coming of Age-Filmen mittlerweile ziemlich lange raus, aber trotzdem lande ich irgendwie ziemlich genau einmal pro Jahr bei einem solchen im Kino und bin oft genug begeistert. Ich kann nicht wirklich erklären, woran das liegt, vielleicht einfach daran, daß dieses kleine Genre mit seiner überschaubaren Bandbreite überdurchschnittlich viele gute Vertreter hervorzubringen scheint. Ob "American Graffiti" in den 1970er Jahren, "Ferris macht blau" oder "Stand By Me" in den 1980ern, "Almost Famous" in den 1990ern oder in jüngerer Vergangenheit "Vielleicht lieber morgen" und "Super 8" – das sind einfach absolute Wohlfühl-Klassiker, die dem geneigten Zuschauer immer wieder ein Lächeln aufs Gesicht zaubern und ihn mit einem Anflug von Nostalgie an die eigene Jugendzeit mit ihren Herausforderungen und Abenteuern zurückdenken lassen. "Ganz weit hinten" macht da keine Ausnahme.

Genau darauf hatte ich auch gehofft, denn das Duo Nat Faxon und Jim Rash konnte bereits mit seinem OSCAR-gekrönten Drehbuch-Kinodebüt "The Descendants" mit George Clooney dank lebensechter Figuren und wunderbar sympathischen, leisen Humors begeistern. Mit "Ganz weit hinten" erweitern die beiden, die lange Zeit nur als Schauspieler unterwegs waren (Rash kennt man beispielsweise als Dekan Pelton in der Kultserie "Community"), ihr Repertoire und führen erstmals auch Regie. Die Geschichte, die sie erzählen, ist alles andere als spektakulär oder auch nur ansatzweise originell, aber das ist vollkommen nebensächlich: Es geht ihnen darum, eine kleine, aber nachvollziehbare, sich echt anfühlende Geschichte über einen ganz normalen Teenager zu erzählen, dessen kleine Welt nach der Scheidung der Eltern zusammenzubrechen droht. Für Außenstehende ist das nicht weltbewegend, angesichts heutiger Scheidungsraten sogar ziemlich normal, doch für den Betroffenen ist es selbstverständlich eine Katastrophe. Entsprechend läuft Duncan im ersten Filmdrittel auch ständig mit Leidensbittermiene durch die Gegend, kriegt kaum einmal den Mund auf und tut sich selbst furchtbar leid. Das könnte auf Dauer nerven, aber Rash und Faxon wissen das zu verhindern, indem sie Duncans Umwelt mit so vielen prägnanten Nebenfiguren bevölkern, daß man aus dem Schmunzeln und Grinsen kaum noch herauskommt. Und wenn Duncan dann im von unfaßbar sympathischen Leuten bevölkerten Wasserpark endlich zu sich selbst zu finden und das Leben zu genießen beginnt, ist es endgültig so, als würde die Sonne aufgehen.

Eine ganz große Stärke von "Ganz weit hinten" ist das wunderbare Darsteller-Ensemble, das offensichtlich sehr sorgfältig und paßgenau auf die durch und durch warmherzig gezeichneten Charaktere gecastet wurde. Liam James und die bereits in zahlreichen Filmen wie "Charlie und die Schokoladenfabrik", "Brücke nach Terabithia" oder "Soul Surfer" bezaubernde AnnaSophia Robb geben in den zentralen Teenager-Rollen ein tolles Paar der seelisch Versehrten ab, die auch durch die gegenseitige Zuneigung und die gemeinsamen bitteren familiären Erfahrungen aneinander wachsen; Steve Carrell zeigt als pedantischer Unsympath (der aber wohlgemerkt auch nicht nur als bloßer Klischee-Bösewicht angelegt ist), daß er weit mehr kann als nur seine üblichen Comedy-Rollen, Toni Collette überzeugt ebenso mit ihrem Porträt einer zutiefst verunsicherten Frau, die für eine viel Jüngere verlassen wurde und nun fast panische Angst vor dem Alleinsein hat; der 13-jährige River Alexander (der bereits viel Bühnenerfahrung in Musicals wie "Oliver!", "Billy Elliot the Musical" oder "The Who's Tommy" gesammelt hat) als Susannas schielender Bruder Peter und Allison Janney ("The Help") als beider völlig überdrehte Mutter entpuppen sich als wahre Scene Stealer; die beiden Regisseure und Autoren Jim Rash und Nat Faxon sorgen als Wasserpark-Mitarbeiter Roddy und Lewis für zahlreiche Lacher. Die stärkste Leistung zeigt jedoch wieder einmal der von Hollywood scheinbar notorisch unterschätzte Sam Rockwell, der sowohl als Duncans einfühlsamer Mentor als auch als ewiger Kindskopf, der seine große Liebe Caitlyn (Maya Rudolph, "Away We Go") immer wieder an den Rand der Verzweiflung bringt, eine wahre Wucht ist.

Wie bei so vielen Coming of Age-Filmen ist bei "Ganz weit hinten" ein starker nostalgischer Touch ebenfalls unverkennbar, der sich unter anderem in der Verwendung zahlreicher Popsongs der 1980er Jahre manifestiert, die auch immer wieder direkt in die Handlung integriert werden. Es gibt im gesamten Film neben einigen ernsten und anrührenden wirklich zahllose witzige Szenen, aber die allerbeste, die mich buchstäblich dazu brachte, Tränen zu lachen, beinhaltet Sam Rockwell, eine Wasserrutsche und den Text eines weltberühmten Bonnie Tyler-Songs. Alleine dafür ist "Ganz weit hinten" das Eintrittsgeld locker wert.

Ich bin also nahezu restlos begeistert von diesem tollen Film, aber wenn man unbedingt etwas an ihm kritisieren will, dann findet man natürlich auch etwas. Daß die Story wenig innovativ und ziemlich vorhersehbar ist, hatte ich ja bereits erwähnt, sicherlich kann man "Ganz weit hinten" ebenfalls eine fehlende Tiefgründigkeit und eine nicht immer hundertprozentige Glaubwürdigkeit der Szenerie unterstellen. Vor allem, daß der Wasserpark als rundum heile Welt präsentiert wird und damit einen extremen Kontrast zu Duncans familiärer Situation darstellt, wirkt wenig realistisch. In dieser Hinsicht war Greg Mottolas thematisch sehr ähnlicher, aber insgesamt schwächerer "Adventureland" mit Jesse Eisenberg und Kristen Stewart fraglos authentischer; aber "Ganz weit hinten" legt es darauf eben gar nicht so sehr an. Vielleicht hat also Stephen Chboskys wunderbarer "Vielleicht lieber morgen" etwas zu viele heiße Eisen auf einmal angepackt und "Ganz weit hinten" dafür zu wenige (außer der Scheidung seiner Eltern und dem unsympathischen neuen Freund seiner Mutter ist da eigentlich nichts) – aber das ist eine sehr akademische Betrachtungsweise, die nicht berücktsichtigt, daß Faxons und Rashs Werk einfach glücklich macht. Und wie viele Filme können das schon von sich behaupten?

Fazit: "Ganz weit hinten" ist eine nicht sonderlich tiefgründige oder innovative, dafür aber umso einfühlsamere und amüsantere Coming of Age-Tragikomödie, die primär durch ihre unverschämt sympathischen und zudem ausgezeichnet besetzten Figuren sowie den warmherzigen Humor für anhaltendes Wohlempfinden sorgt.

Wertung: 9 Punkte.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen