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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 25. Oktober 2013

PRISONERS (2013)

Regie: Denis Villeneuve, Drehbuch: Aaron Guzikowski, Musik: Jóhann Jóhannsson
Darsteller: Hugh Jackman, Jake Gyllenhaal, Terrence Howard, Viola Davis, Maria Bello, Paul Dano, Melissa Leo, Wayne Duvall, Dylan Minnette, Zoë Soul, Len Cariou, David Dastmalchian, Erin Gerasimovich
 Prisoners
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 81% (7,3); weltweites Einspielergebnis: $122,1 Mio.
FSK: 16, Dauer: 154 Minuten.

Während ihre Eltern gemeinsam Thanksgiving feiern, verschwinden ihre jüngsten Töchter Anna Dover und Joy Birch, die draußen nach Annas verlorengegangener roter Trillerpfeife suchen wollten, spurlos. Die örtliche Polizei um den leitenden Detective Loki (Jake Gyllenhaal, "Prince of Persia") findet schon bald einen Verdächtigen, doch Alex Jones (Paul Dano, "Looper") hat einen extrem niedrigen IQ und scheint kaum dazu fähig, ein solches Verbrechen zu begehen, ohne deutliche Spuren zu hinterlassen. Da es keinerlei konkrete Beweise gegen Alex gibt, wird er schon bald vorübergehend aus der Haft in die Obhut seiner fürsorglichen Tante Holly (Melissa Leo, "Oblivion") entlassen. Sehr zum Unwillen von Keller Dover (Hugh Jackman, "Australia"), der beschließt, gemeinsam mit Joys deutlich zögerlicherem Vater Franklin (Terrence Howard, "Iron Man") die Suche nach den beiden Mädchen selbst in die Hand zu nehmen ...

Kritik:
In seiner Heimat zählt der Kanadier Denis Villeneuve mit vielgelobten Filmen wie "Maelström" oder "Polytechnique" schon länger zu den renommiertesten Regisseuren – nachdem er 2011 für sein ergreifendes Mystery-Drama "Die Frau, die singt – Incendies" den Auslands-OSCAR erhielt, geriet er auch ins Blickfeld Hollywoods. Und wenn man sich den Erfolg bei Kritikern und Publikum mit dem grimmigen Thriller "Prisoners" anschaut, dann dürfte ihm noch eine lange, erfolgreiche Karriere in der amerikanischen Traumfabrik bevorstehen. Nicht nur wegen der Thematik, auch stilistisch erinnert der von dem "No Country for Old Men"-Kameramann Roger Deakins gekonnt (und OSCAR-nominiert) trostlos bebilderte "Prisoners" deutlich an moderne Klassiker wie die beiden Dennis Lehane-Verfilmungen "Mystic River" und "Gone Baby Gone" – wobei er qualitativ meiner Ansicht nach eher in einer Liga mit dem guten "Gone Baby Gone" als dem herausragenden "Mystic River" spielt.

Denis Villeneuve gelingt es hervorragend, die beiden zentralen Handlungsstränge um Detective Loki und Keller Dover miteinander zu verknüpfen und durch die unterschiedlichen inhaltlichen Akzentuierungen für Abwechslung zu sorgen. Auf der einen Seite steht die Ermittlungsarbeit der Polizei im Vordergrund, die relativ sachlich und gründlich von dem ehrgeizigen und bislang mit einer makellosen Erfolgsbilanz ausgestatteten Loki vorangetrieben wird. Zwar wirkt es etwas befremdlich, daß das selbstgewählte Einzelgängertum Lokis so weit getrieben wird, daß er wiederholt ohne jede Verstärkung oder auch nur Information seines praktisch veranlagten Vorgesetzten Captain O'Malley (Wayne Duvall, "Lincoln") oder anderer Polizisten wichtige Spuren verfolgt. Aber das läßt sich zumindest teilweise durch die (tatsächlich vom Captain erwähnte) Personalknappheit der Gesetzeshüter in dieser Kleinstadt erklären; außerdem dient es Lokis Charakterisierung, daß er fast konkurrenzlos im Zentrum seines Handlungsstrangs steht. Jake Gyllenhaal porträtiert diesen ernsthaften Detective sehr subtil und überzeugend und verleiht ihm im Handlungsverlauf immer mehr interessante Facetten. Ich wage die Vorhersage, daß in ein paar Jahren oder Jahrzehnten filmhistorisch auf "Prisoners" zurückgeblickt werden wird als jenen Film, in dem Jake Gyllenhaal endgültig vom jugendlichen Heldendarsteller zum Mann für anspruchsvolle erwachsene Rollen aufstieg.

Jedenfalls ist Gyllenhaals Leistung hervorragend und setzt einen starken Kontrapunkt zu Hugh Jackmans Darbietung als aufbrausender und in seiner Verzweiflung wildentschlossener Vater. Psychologisch ist dieser Keller Dover allerdings noch spannender und komplexer als Detective Loki. Ohne Spoiler kann ich leider nicht allzu genau darauf eingehen, aber Jackman bringt die innere und äußere Wandlung dieses tiefgläubigen und seit jeher betont selbstbestimmten Mannes eindrucksvoll auf die Leinwand, auch wenn manche Kritiker ihm bei den nicht seltenen Zornesausbrüchen Overacting vorwerfen. Das kann man sicherlich so sehen, innerhalb der Handlung stört es mich allerdings ebenso wenig wie seinerzeit Sean Penns noch viel stärkeres Overacting in "Mystic River" (das ihm sogar einen OSCAR einbrachte). Terrence Howard als bedächtigerer Franklin bleibt dagegen ziemlich blaß, was auch mit seiner eher unspektakulären Rolle zusammenhängt. Ähnliches gilt für die beiden Haupt-Frauenrollen: Maria Bello ("A History of Violence") muß sich als Kellers Ehefrau Grace mehr oder weniger auf ständiges Weinen beschränken, Viola Davis ("Glaubensfrage") darf als Franklins Gattin Nancy zwar deutlich mehr zeigen, bleibt aber ebenfalls weitgehend im Hintergrund. Paul Dano wiederum, der in Filmen wie "There Will Be Blood", "Little Miss Sunshine" oder "Ruby Sparks" sein großes Talent zeigen durfte, holt aus seiner Rolle als geistig minderbemittelter Hauptverdächtiger das Beste heraus, während Melissa Leo als seine mitfühlende Tante Holly überzeugt.

Es gibt also vieles, was man an "Prisoners" loben darf, aber auch ein paar kritisierenswerte Punkte. So ist das Erzähltempo des zweieinhalbstündigen Werks sehr gemächlich; das wird einerseits von Villeneuve und seinem Team geschickt genutzt, um das Setting und die Figuren ausführlich und authentisch einzuführen, andererseits tritt die Handlung im Mittelteil – wie Lokis Ermittlungen – ziemlich auf der Stelle, was trotz der konsequent beklemmenden Atmosphäre zu Anflügen von Langeweile führen kann. Auch ist das Geflecht aus möglichen Verdächtigen und falschen Spuren relativ konventionell aufgebaut und daher für geübte Krimischauer unter Umständen schneller entwirrbar als beabsichtigt (ich muß aber gestehen, daß ich den Täter nicht geahnt habe, obwohl er im Nachhinein, wie so oft, ziemlich offensichtlich wirkt). Aber vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig, denn noch stärker als der vordergründige Krimiplot interessieren Regisseur Villeneuve und Drehbuch-Autor Aaron Guzikowski ("Contraband") die Auswirkungen der Geschehnisse auf die Protagonisten und ihre moralischen, auch religiösen Werte. So gesehen ist "Prisoners" mehr ein abgründiges Charakterdrama als ein Thriller und funktioniert auf diese Weise sehr gut. Aber auch als Thriller, der mit einigen Szenen aufwartet, die nichts für Zartbesaitete sind, ist Villeneuves Film gut konstruiert. Und am Ende wartet er mit einer Motivation für die Tat auf, die auf den ersten Blick ziemlich weit hergeholt wirkt, bei genauerer Betrachtung jedoch psychologisch durchaus schlüssig ist.

Fazit: "Prisoners" ist ein grimmiges, etwas zu lang geratenes Thriller-Drama über eine doppelte Kindesentführung, das von zwei starken zentralen Performances, genau beobachteten Figuren und einer beklemmenden Kleinstadt-Atmosphäre lebt.

Wertung: 8 Punkte.


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