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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 7. Juni 2013

BEFORE MIDNIGHT (2013)

Regie: Richard Linklater, Drehbuch: Julie Delpy, Ethan Hawke und Richard Linklater, Musik: Graham Reynolds
Darsteller: Julie Delpy, Ethan Hawke, Walter Lassally, Xenia Kalogeropoulou, Athina Rachel Tsangari, Panos Koronis, Ariane Labed, Yiannis Papadopoulos, Seamus Davey-Fitzpatrick, Jennifer Prior, Charlotte Prior
 Before Midnight
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 98% (8,7); weltweites Einspielergebnis: $20,8 Mio.
FSK: 6, Dauer: 109 Minuten.

Neun Jahre, nachdem Schriftsteller Jesse (Ethan Hawke) in Paris sein Flugzeug verpaßt hat, sind er und Celine (Julie Delpy) ein Paar und haben Zwillingstöchter. Auf Einladung von Jesses Verleger Patrick (der für "Alexis Sorbas" OSCAR-prämierte Kameramann Walter Lassally in seinem Schauspieldebüt im reifen Alter von 86 Jahren!) haben sie den Sommer gemeinsam mit einigen Freunden Patricks und Jesses 13-jährigem Sohn aus erster Ehe Hank (Seamus Davey-Fitzpatrick, "Moonrise Kingdom") auf einer sonnigen griechischen Insel verbracht. Doch nun ist Hank wieder in die USA geflogen, was Jesse darüber nachsinnen läßt, wieviel von der Kindheit seines Sohnes er verpaßt hat, da er mit seiner neuen Familie in Frankreich lebt und mit Hank fast nur dessen jährliche Sommerferien verbringen kann. Celine, die von ihrer oft fruchtlosen Arbeit für gemeinnützige Institutionen inzwischen sehr desillusioniert ist und ein lukratives Angebot für einen Job im Umfeld der französischen Regierung hat, befürchtet sofort, daß Jesses Überlegungen darauf hinauslaufen werden, daß sie und die Kinder mit ihm in die USA ziehen sollen ...

Kritik:
Regisseur Richard Linklater ("School of Rock"), Julie Delpy und Ethan Hawke behalten ihren Rhythmus bei: Neun Jahre nach "Before Sunrise" kam die Fortsetzung "Before Sunset" in die Kinos, weitere neun Jahre später steht nun "Before Midnight" ins Haus. Wieder befinden sich die beiden zentralen Figuren Celine und Jesse an einem neuen Punkt in ihrem Leben, aber immer noch beschäftigen sie sich im Film größtenteils mit Reden. Es ist, dank der zutiefst authentischen Charaktere, wie ein Wiedersehen mit alten Freunden, die man lange nicht mehr gesehen, aber sehr vermißt hat. Das ging offenbar selbst den professionellen Kritikern so, die "Before Midnight" mit Lobeshymnen geradezu überschattet haben. Tatsächlich kann der Film das qualitative Niveau seiner Vorgänger halten, hat aber etwas von seiner Magie verloren – was wohlgemerkt so gewollt ist, da nach den beiden hochromantischen Vorgängern in diesem dritten Teil der Reihe schonungslos gezeigt wird, wie sich der jahrelange Alltagsstreß auf die Liebe auswirkt.

Formal ist "Before Midnight" etwas konventioneller ausgefallen als vor allem der direkte Vorgänger "Before Sunset". Dieses Mal gibt es wieder eine klassische (wenn auch relativ unspektakuläre) Filmmusik, auch der Zweipersonenstück-Charakter wird deutlich aufgeweicht und kommt eigentlich erst im letzten Drittel wieder so richtig zum Tragen. Das zweite Drittel (das erste umfaßt Jesses Abschied von Hank und die anschließende Autofahrt zurück zu Patricks Haus) wird dagegen dominiert von einem großen Abendessen mit Patrick, einigen griechischen Freunden sowie dem etwa 20-jährigen Enkelsohn des Gastgebers und dessen hübscher Freundin. Und das erweist sich als ein äußerst geschickter Kniff, um nahtlos an die emotionalen Diskussionen der beiden vorherigen Filme anknüpfen zu können, ohne sich zu wiederholen. Denn durch die Erweiterung des Personenkreises kommen nun die Ansichten gleich dreier Generationen zu den verschiedenen Themen zum Tragen, was zu interessanten Einsichten und liebevollen Sticheleien führt, ohne je die heitere Stimmung zu verlieren (auch wenn die Spannungen zwischen Celine und Jesse bereits leicht durchscheinen). Die Politik spielt dabei dieses Mal leider nur am Rande eine Rolle, was angesichts Celines Angebot, für die Hollande-Regierung zu arbeiten, und des Settings in Griechenland sehr schade ist. Stattdessen dominiert Zwischenmenschliches die Gespräche, in denen die einzelnen Personen ihre Meinung zum Wesen von Liebe und Ehe, vor allem aber auch über das Rollenverständnis der Geschlechter kundtun. Dank der erneut sehr guten und feinfühligen Dialoge und der sympathischen Darsteller macht es einfach Spaß, bei diesem gesprächsreichen Abendessen zuzuschauen.

Im letzten Filmdrittel geht die heitere Atmosphäre dann jedoch allzu schnell und abrupt verloren. Eigentlich sollen Celine und Jesse in einem Hotelzimmer, das ihre Freunde für sie gebucht und bezahlt haben, zum ersten Mal seit ewigen Zeiten eine romantische Nacht zu zweit verbringen – doch stattdessen brechen die offenbar schon lange schwelenden Konflikte in ihrer Beziehung endgültig aus, die durch Jesses Überlegungen über die Teilhabe am Leben seines Sohnes bereits dicht unter die Oberfläche getrieben waren. Aus der beinahe magischen Liebe, deren Entstehung man als Zuschauer in "Before Sunrise" und "Before Sunset" hautnah miterleben durfte, ist eine ganz normale Beziehung geworden, die vollkommen realitätsgetreu durch den Alltag immer wieder auf die Probe gestellt wird. Das nun darzustellen, ist nur konsequent, auch wenn für meinen Geschmack etwas zu viel auf einmal in diesen heftigen Streit hineingepackt wird, der auch noch aus einem absolut nichtigen Anlaß ausbricht (was zugegebenermaßen so unrealistisch nicht ist). Dennoch fällt es ohne Frage schwer, dem vermeintlichen Traumpaar minutenlang dabei zuzuhören, wie es sich streitet und gegenseitig mit bitteren Vorwürfen überzieht. Bemerkenswert ist allerdings, daß Julie Delpy und Ethan Hawke im Streit ebenso wunderbar harmonieren wie im romantischen Werben umeinander. Ihre zutiefst uneitle Darstellung der von ihnen mitgeschriebenen Figuren ist und bleibt ein absolutes Highlight.

Wahrscheinlich haben jene Kritiker sogar recht, die sagen, daß "Before Midnight" gerade wegen dieses letzten Aktes der beste und wahrhaftigste Teil der Reihe ist – aber da ich generell kein Freund von Streitereien bin, kann ich mir ehrlich gesagt auch im Kino Schöneres vorstellen, als diesen zu folgen (auch wenn sie immer wieder durch ganz kurze Anflüge von Humor leicht aufgelockert werden). Insofern erkenne ich die Qualität des Films neidlos an, in meiner persönlichen Rangfolge liegt er jedoch deutlich hinter "Before Sunset" und wohl auch knapp hinter "Before Sunrise". Dennoch freue ich mich auf ein hoffentlich erneutes und dann wieder etwas harmonischeres Wiedersehen mit Celine und Jesse im Jahr 2022 ...

Fazit: "Before Midnight" ist eine bewundernswert konsequente und wiederum hervorragend geschriebene und gespielte Fortführung der Liebesgeschichte von Celine und Jesse, deren desillusionierende zweite Hälfte aber leicht depressiv machen kann.

Wertung: 8 Punkte. 

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