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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 2. Oktober 2012

RESIDENT EVIL: RETRIBUTION (3D, 2012)

Regie und Drehbuch: Paul W.S. Anderson, Musik: tomandandy
Darsteller: Milla Jovovich, Michelle Rodriguez, Sienna Guillory, Johann Urb, Li Bingbing, Shawn Roberts, Boris Kodjoe, Kevin Durand, Robin Kasyanov, Ofilio Portillo, Oded Fehr, Colin Salmon, Aryana Engineer, Mika Nakashima
 Resident Evil: Retribution
(2012) on IMDb Rotten Tomatoes: 31% (4,4); weltweites Einspielergebnis: $240,2 Mio.
FSK: 16, Dauer: 96 Minuten.

Direkt im Anschluß an die Geschehnisse in "Resident Evil: Afterlife" setzt die Handlung wieder ein und Alice (Milla Jovovich, "Die drei Musketiere") wird von ihrer gehirngewaschenen Freundin Jill Valentine (Sienna Guillory, "Eragon", "Tintenherz") und ihren Truppen gefangengenommen. Verfrachtet in einen gigantischen unterseeischen Testkomplex der Umbrella Corporation, kann sich Alice dank der unerwarteten Hilfe von Umbrella-Chef Albert Wesker (Shawn Roberts) zwar befreien; doch ist es so gut wie unmöglich, alleine den Weg durch den von unzähligen Zombies und Schlimmerem bevölkerten und von der Künstlichen Intelligenz "Red Queen" gesteuerten Komplex zu finden. Deshalb schickt ihr Wesker einen Eingreiftrupp um Leon S. Kennedy (Johann Urb) und Alices Freund Luther (Boris Kodjoe, "Surrogates") entgegen ... 

Kritik:
Paul W.S. Andersons "Resident Evil"-Reihe ist wohl eine der seltsamsten der Filmgeschichte. Kritiker mögen keinen der bisherigen fünf Filme, viele Anhänger der kultigen Videospiel-Vorlage hassen Andersons vor allem zu Beginn sehr freie Adaption ob der generell geringen Ähnlichkeit und ganz speziell der erheblichen Abweichungen zur Spiele-Story leidenschaftlich. Dennoch wurden die "Resident Evil"-Filme von Fortsetzung zu Fortsetzung kommerziell erfolgreicher (bezogen auf das weltweite Kino-Einspielergebnis). Der fünfte Teil namens "Retribution" wird zwar vermutlich erstmals einen leichten Rückgang zu verzeichnen haben, spielt aber immer noch locker genügend Geld ein, um einen sechsten Film zu garantieren.

Wie läßt sich das erklären? Der wohl wichtigste Erfolgsfaktor ist die Qualität der Action, die Anderson und sein Team konsequent liefern. Die Story war von Anfang kaum mehr als ein bloßes Alibi und Verbindungsstück zwischen den zahllosen, oft grandios choreographierten Kampfsequenzen. Allerdings ist sie gerade noch interessant genug, daß man als Zuschauer wissen will, wie die Geschichte weitergeht – tatkräftig unterstützt wird dieser Impuls natürlich durch die fiesen, eher für TV-Serien typischen Cliffhanger, mit denen jeder Film beendet wird. Dazu kommen die schillernden Charaktere: Allen voran selbstverständlich die von Milla Jovovich so vortrefflich verkörperte sexy Kampfamazone Alice, doch auch die teilweise aus den Spielen übernommenen Nebenfiguren funktionieren trotz fast vollständig fehlender Charakterzeichnung erstaunlich gut. Da mögen sich eingefleischte Anhänger der Spielereihe noch so sehr darüber aufregen, daß Andersons Version dieser Figuren nicht den Spielecharakteren entspreche – für Gelegenheitsspieler wie mich ("Resident Evil 4" ist der einzige Teil, den ich bislang gespielt habe) sind solch innerhalb des "Resident Evil"-Universums bekannte Namen wie Jill Valentine oder Leon S. Kennedy ein netter Bonus und wirken sogar ein klein wenig identifikationsstiftend.

Auffällig ist, daß die von Paul W.S. Anderson selbst inszenierten Teile der Filmreihe am besten funktionieren. Nach seinem trashigen, aber sehr atmosphärischen und horrorlastigen ersten Teil übernahm für die erste Fortsetzung "Apocalypse" Alexander Witt das Ruder und lieferte einen seelenlosen Actionstreifen ab, der die größten Stärken des Vorgängers viel zu sehr in den Hintergrund rückte: Alice und die Zombies. Mit "Extinction" unter der Leitung des B-Movie-erfahrenen "Highlander"-Regisseurs Russell Mulcahy ging es wieder ein bißchen aufwärts, doch erst als Anderson für "Afterlife" wieder vom Produzenten und Drehbuch-Autor zusätzlich zum Regisseur aufstieg, fand die Reihe zurück zu alter Stärke. Maßgeblich befördert wurde dies durch den erstmaligen Einsatz der 3D-Technik, die außer James Cameron kaum einer in Hollywood so gut beherrscht wie Anderson, und die das Actionspektakel auf eine ganz neue visuelle Ebene hievte. Leider blieb die klischeehafte Handlung eine große Schwäche, doch daraus hat Anderson gelernt: Bei "Resident Evil: Retribution" ist er nun endlich so konsequent, die Story auf ein absolutes Mindestmaß zu beschränken und stattdessen in der großartigen Inszenierung der 3D-Kampfszenen zu schwelgen. Für die Horrorelemente, die im Originalfilm noch so gut funktionierten, ist da allerdings abgesehen von einigen für Anderson seit "Event Horizon" so typischen übertriebenen Soundeffekten kaum noch Platz, die Reihe hat sich ab Teil 2 ganz eindeutig in die Actionrichtung gewandt. Das ist durchaus ein kleines bißchen mit "The Expendables 2" vergleichbar, jedoch mit dem Unterschied, daß "Resident Evil: Retribution" die bessere Action zu bieten hat, wohingegen Stallone und Co. mit viel mehr und besserem Humor punkten.

Vor allem das rasant geschnittene erste Filmdrittel von "Retribution" ist aber wirklich grandios. Beginnend mit dem in Zeitlupe und rückwärts präsentierten Prolog (nach dem Vorspann gibt es die Sequenz noch einmal in "normal") und kulminierend in einem harten Fight zwischen der mit einer Pistole und einer Kette bewaffneten Alice und einer ganzen Horde von Zombies in einem schmalen, klinisch steril wirkenden weißen Gang. Auf die Gefahr hin, daß mir maßlose Übertreibung vorgeworfen wird: Ich behaupte, daß dieses brutale Aufeinandertreffen eine der gelungensten Kampfszenen in der Geschichte des Actionkinos außerhalb Asiens ist. Die Choreographie ist atemberaubend, die Inszenierung samt Zeitlupeneffekten ungemein stylish, durch den gekonnten 3D-Einsatz wirkt es wunderbar plastisch (und für diejenigen, die finden, 3D sei nur dann gut, wenn ein paar Gegenstände Richtung Leinwand fliegen: Ja, das passiert auch ...) und der erbarmungslos antreibende Soundtrack des Elektronikduos tomandandy verleiht dem Ganzen den letzten Schliff. Wunderbar. Übrigens erzählt Alice zu Beginn ziemlich ausführlich die Ereignisse der ersten Filme nach, weshalb auch Neueinsteiger keine größeren Probleme haben dürften, der, nunja, "Handlung" zu folgen. Auch angesichts des Comebacks zahlreicher bekannter Gesichter aus den Vorgängern ist es aber naturgemäß von Vorteil, wenn man diese bereits gesehen hat.

Leider erweist sich die Spannungskurve von "Retribution" als nicht ideal: Während es bereits im ersten Akt die beschriebenen großartigen Action-Höhepunkte gibt, können die restlichen 60 Minuten damit einfach nicht mithalten und plätschern bis zum gelungenen Showdown eher vor sich hin. Natürlich kommt es auch weiterhin zu mehr als soliden Ballereien und Martial Arts-Einlagen und die CGI-Effekte wissen zu gefallen; zudem gibt es dank der Einbindung des "Las Plagas"-Parasiten aus dem Spiel "Resident Evil 4" weit intelligentere Monster als nur die obligatorischen T-Virus-Zombies. Aber dummerweise fehlen echte Highlights. Zwischendurch verläßt Anderson sogar vorübergehend den tugendhaften Pfad der Handlungsverweigerung, um einen stark an "Aliens – Die Rückkehr" erinnernden Erzählstrang um das Klon-Kind Becky (Aryana Engineer, "Orphan – Das Waisenkind"), das Alice für seine Mutter hält, einzubinden. Theoretisch kein schlechter Einfall, aber weil Anderson nicht einmal ansatzweise über die erzählerischen Qualitäten eines James Cameron verfügt, funktioniert das mehr schlecht als recht und ist eigentlich schlicht überflüssig.

Ein unvermeidlicher Nebeneffekt der vollen Konzentration auf die Action ist logischerweise auch die bereits erwähnte extrem kümmerliche Charakterzeichnung. Das ist schade, da die neuen Figuren durchaus interessant sind – vor allem von dem von Kevin Durand ("Robin Hood") in bester Badass-Manier verkörperten Barry Burton hätte ich gerne mehr gesehen, er kann hier sogar mehr glänzen als die bekannteren, aber ziemlich blaß bleibenden Spielefiguren Leon S. Kennedy (Johann Urb, "2012") und Ada Wong (Li Bingbing, "Forbidden Kingdom"). Und auch mit den in Klonform zurückkehrenden Überbleibseln der vorangegangenen Filme (darunter Michelle Rodriguez als Rain und Colin Salmon als "One" aus dem ersten Teil sowie Oded Fehr als Carlos aus dem zweiten und dritten) hätte man deutlich mehr anfangen können.

Fazit: "Resident Evil: Retribution" ist noch stärker als bereits der direkte Vorgänger "Afterlife" ein Paradebeispiel für den Begriff "style over substance". Wer also nach einem spektakulär inszenierten Actionstreifen ohne tieferen Sinn sucht, der wird hier fündig. Alle anderen sollten einen sehr weiten Bogen um diesen Film machen.

Wertung: Dank des tollen ersten Filmdrittels noch knapp 7,5 Punkte.


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