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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 13. September 2012

ACE ATTORNEY (2012)

Originaltitel: Gyakuten Saiban
Regie: Takashi Miike, Drehbuch: Takeshi Iida und Sachiko Ôguchi, Musik: Kôji Endô
Darsteller: Hiroki Narimiya, Mirei Kiritani, Takumi Saitô, Ryo Ishibashi, Akiyoshi Nakao, Akira Emoto, Shunsuke Daitô, Mitsuki Tanimura, Fumio Kohinata, Makoto Ayukawa, Rei Dan, Takehiro Hira
 Gyakuten saiban
(2012) on IMDb Rotten Tomatoes: -; weltweites Einspielergebnis: $6,2 Mio.
FSK: 12, Dauer: 135 Minuten.

In der nicht allzu fernen Zukunft hat sich die Kriminalitätsrate in Japan vervielfacht, weshalb das Rechtssystem einschneidend verändert wurde. Wichtigste Neuerung ist die Einführung einer Art Schnellgericht als Standard, wonach die Maximaldauer jedes Prozesses ganze drei Tage umfaßt. Der unerfahrene Rechtsanwalt Phoenix Wright (Hiroki Narimiya, "Azumi") vertritt nach dem gewaltsamen Tod seiner Mentorin Mia deren des Mordes verdächtigte Schwester Maya (Mirei Kiritani) vor Gericht. Sein Gegenspieler ist sein alter Schulfreund Miles Edgeworth (Takumi Saitô, "13 Assassins"), der bei der Staatsanwaltschaft mit seiner skrupellosen und rigorosen Vorgehensweise bereits Karriere gemacht hat. Phoenix' Mission scheint angesichts der Beweise und eines Augenzeugen aussichtslos, doch schon bald gibt es überraschende Wendungen in Hülle und Fülle und der junge, idealistische Anwalt bekommt mehr als reichlich Gelegenheit, an seinen äußerst herausfordernden Aufgaben zu wachsen ...

Kritik:
Takashi Miike ist einer der fleißigsten, vielseitigsten und auch besten Regisseure der derzeitigen asiatischen Filmlandschaft. Möglicherweise wäre er noch besser, wenn er sein geradezu übermenschliches Arbeitspensum mit im Schnitt drei Filmen pro Jahr etwas zügeln und sich mehr auf seine einzelnen Projekte konzentrieren würde. Denn wenngleich er mit Filmen wie "13 Assassins", "Audition" oder dem höchst umstrittenen "Ichi the Killer" bereits einige moderne Klassiker des japanischen Kinos geschaffen hat, so kann man sich doch bei den meisten seiner Werke nur schwer des Eindrucks erwehren, daß sie ihr kreatives Potential nicht bis ins Letzte ausreizen. Das Themen-Repertoire Miikes ist allerdings ohne jeden Zweifel beeindruckend. International bekannt wurde er vor allem für seine ultrabrutalen Gangsterfilme wie "Ichi the Killer" oder "Dead or Alive", doch kann er auch ernsthafte Dramen ("The Bird People in China"), Fantasy ("Krieg der Dämonen"), Horror ("Audition", "The Call"), Musical ("The Happiness of the Katakuris"), Western ("Sukiyaki Western Django"), Jugenddrama ("Crows Zero") und Samuraifilme ("13 Assassins"). Und nun hat er sich also auch noch an einen Gerichtsfilm gewagt. All seinen Filmen, selbst den grundsätzlich ernsthaften, hat Miike seinen ganz eigenen, unverkennbaren Stempel aufgedrückt, der sich vor allem durch einen schrillen Humor und hoffnungslos überzeichnete, comicartige Charaktere ausdrückt.

"Ace Attorney", die Verfilmung einer mir persönlich völlig unbekannten Videospielreihe von Capcom, ist geradezu ein Paradebeispiel für Miikes stilistische Eigenheiten. Die im Kern konventionelle, wenngleich clever konstruierte Krimi-Handlung ist durchzogen von Slapstick-Einlagen, hemmungslos übertriebenem Verhalten sämtlicher Figuren, irren Einfällen sowie extremem Overacting. Achja, und nicht zu vergessen: Sollte einmal eine Abstimmung über den schlechtest frisierten Film aller Zeiten gestartet werden, dann ist "Ace Attorney" der große Favorit. Zumindest sorgt Miike mit den teils unfaßbaren Frisur-Verbrechen seiner Protagonisten dafür, daß man sie von der ersten Minute an problemlos auseinanderhalten kann ...

Leider zieht Miike den verhandelten und sich immer weiter verzweigenden Kriminalfall zu sehr in die Länge, was speziell der letzten halben Stunde von "Ace Attorney" nicht gut bekommt. Denn ab einem bestimmten Punkt ist es komplett vorhersehbar, wie alles enden wird – und wenn dieses Finale des mit einer Laufzeit von 135 Minuten sowieso umfangreichen Films dann noch ewig mit langatmigen Dialogen, aber ohne neue Ideen hinausgezögert wird, ist das einfach ärgerlich. Zumal das kollektive Overacting auf Dauer doch etwas ermüdend wirkt und eine echte Charakterentwicklung fast unmöglich macht.

Ein großes Problem ist zumindest für mich in der beim Fantasy Filmfest aufgeführten Originalfassung mit englischen Untertiteln die Verwendung alberner englischer Namen anstelle der ursprünglichen japanischen. Das ist offenbar der US-Lokalisation der Videospiel-Vorlage geschuldet, was die Sache aber nicht besser macht. Früher war es ja (bedauerlicherweise) Usus, in Synchronfassungen ausländischer Filme die Namen einzudeutschen, auch heute kommt das noch gelegentlich vor. Bei Untertiteln ist ein solches Vorgehen aber logischerweise noch viel ärgerlicher und sinnloser, da man hier ja ganz genau hört, daß die angeblichen Namen überhaupt nicht ausgesprochen werden – ganz davon abgesehen, daß die japanischen Darsteller einfach nicht aussehen wie ein "Miles", "Phoenix", "Dick", "Larry" oder eine "Lotta". Und daß ein Papagei, der im Rahmen der Handlung eine recht wichtige (und witzige) Rolle spielt, statt Sayuri in den Untertiteln ausgerechnet klischeehaft "Polly" heißt, ist der negative Höhepunkt der ganzen Angelegenheit. Das mag nicht jeden stören, aber in diesem Fall rate ich dennoch ausdrücklich dazu, den Film – natürlich nur, sofern man kein Japanisch versteht – in einer vermutlich irgendwann folgenden Synchronfassung anzusehen und -hören. Dann hoffentlich auch mit den echten japanischen Namen, aber selbst wenn nicht, wäre es immer noch erträglicher als in dieser untertitelten Version.

Fazit: "Ace Attorney" ist eigentlich ein klassischer Gerichtsfilm, der durch Takashi Miikes typisch unkonventionelle Inszenierungsart mit durchgeknallten Einfällen, Slapstickeinlagen, witzigen Spezialeffekten und dem ungebremsten Overacting sämtlicher Akteure wie ein knallbunter Drogentrip wirkt. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber durchaus sehenswert. Was man im Grunde genommen über alle Filme von Takashi Miike sagen kann ...

Wertung: 6 Punkte. Ohne die Untertitel-Problematik wüdre die Wertung vermutlich bis zu einen Punkt höher ausfallen.


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