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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Montag, 17. September 2012

Awards Season 2012/2013 – Der Stand der Dinge (Teil 1)

Letztes Update vom 5.1.2013: Quentin Tarantinos "Django Unchained" steigt nach der bisher unerwartet guten Awards-Performance (vor allem bei den Golden Globes) vom Mitfavoriten zum Favoriten auf, der seine OSCAR-Nominierung als "Bester Film" fast sicher hat. "The Master" fällt nach der Nicht-Berücksichtigung bei der Produzentengilde hinter "Moonrise Kingdom" und "Beasts of the Southern Wild" zurück.

Die Awards Season ist in vollem Gange, da soll ein Überblick über die Favoritenlage auch hier nicht fehlen. Da ich die OSCAR-Kandidaten (abgesehen von den wenigen auch hierzulande bereits regulär angelaufenen wie "The Avengers" oder "The Dark Knight Rises" sowie dem beim Fantasy Filmfest gezeigten "Beasts of the Southern Wild") noch nicht selbst gesehen habe, beruht meine Einschätzung vor allem auf der umfangreichen englischsprachigen Berichterstattung (Quellenangaben gibt es am Ende des Posts) sowie meiner Intuition als langjähriger intensiver Beobachter des Rennens um die begehrtesten Filmpreise. Ich werde im folgenden die nach aktuellem Stand aussichtsreichsten Anwärter auflisten und kurz analysieren, wobei die Reihenfolge den von mir vermuteten Siegchancen in der Königskategorie "Bester Film" bei den OSCARs entspricht. In Klammern werde ich bei den noch nicht angelaufenen Filmen, soweit bekannt, den deutschen Starttermin angeben – wobei sich da erfahrungsgemäß noch einiges ändern wird.

Die Favoriten:
"Les Misérables" (21. Februar 2013):
Tom Hooper, OSCAR-gekrönter Regisseur des OSCAR-gekrönten "The King's Speech", verfilmt eines der langlebigsten, erfolgreichsten und vor allem besten Musicals aller Zeiten mit einem beeindruckenden Staraufgebot (Russell Crowe, Anne Hathaway, Hugh Jackman, Amanda Seyfried, Sacha Baron Cohen, Helena Bonham Carter) – noch Fragen? Nun, vielleicht die, wie sich Hoopers mutige Entscheidung, die zahlreichen Gesangseinlagen nicht – wie bei den meisten Filmmusicals üblich – von den Darstellern nachsynchronisieren zu lassen, sondern sie "live" aufzunehmen, auf die Qualität und auf die Zuschauerwahrnehmung auswirkt. Nach den ersten Vorstellungen läßt sich konstatieren: ganz offensichtlich positiv. Zwar besteht noch eine Sperrfrist für komplette Rezensionen, aber die frühen Zuschauer- und Kritikerreaktionen zeigen deutlich auf, daß die tragische Geschichte über den geläuterten Ex-Häftling Valjean (Jackman) und seinen unbarmherzigen Verfolger Inspector Javert (Crowe) ihre Favoritenstellung bestätigt. Manche Beobachter rechnen gar mit einem neuen Nominierungsrekord (bisherige Bestleistung: je 14 für "Titanic" und "Alles über Eva"). Bei den ersten Kritikerpreisen schnitt "Les Miz" zwar nicht überragend ab, aber da das Musical eindeutig zu jenen Filmen zählen dürfte, die bei den Filmschaffenden selbst besser ankommen als bei den Kritikern, bleibt es Topfavorit.
Wahrscheinlichkeit, bei den OSCARs als Bester Film nominiert zu werden: 100%.

"Zero Dark Thirty" (31. Januar 2013):
Für viele US-Experten war Kathryn Bigelows Action-Drama über die Tötung Osama bin Ladens bereits ein Topfavorit, als es noch niemand außerhalb des Filmteams gesehen hatte. Ich persönlich hatte lange meine Zweifel. Zwar hat sich Bigelow mit ihrem OSCAR-Gewinner "The Hurt Locker" eindrucksvoll zurückgemeldet, aber ob ein Film mit dieser Thematik wirklich Material für Preisverleihungen ist? Erste Kritiken beantworten diese Frage nun mit einem klaren "Ja". Wie erhofft, scheint Bigelow die Thematik zudem wie bereits in "The Hurt Locker" weitgehend authentisch und wertfrei zu behandeln, auch wenn trotz diverser Graustufen natürlich klar ist, wer die "Guten" und wer die "Bösen" sind. Eine Nominierung als Bester Film sollte gesichert sein, dank zahlreicher Kritikerpreise ist "Zero Dark Thirty" inzwischen sogar einer von drei Topfavoriten auf den Sieg.
Wahrscheinlichkeit, bei den OSCARs als Bester Film nominiert zu werden: 100%.

"Lincoln" (24. Januar 2013):
Eine ähnliche Ausgangssituation wie bei "Les Misérables": Steven Spielberg, kommerziell erfolgreichster Regisseur aller Zeiten und auch künstlerisch hoch respektiert, verfilmt das alles andere als langweilige Leben des wohl bis heute populärsten US-Präsidenten Abraham Lincoln mit Daniel Day-Lewis ("There Will Be Blood") in der Titelrolle, einem der besten Schauspieler seiner Generation. Was soll da schiefgehen? Nunja, ähnliches dachte man vergangenes Jahr über Spielbergs Theaterverfilmung "Gefährten", die am Ende bei sechs OSCAR-Nominierungen komplett leer ausging. Doch nach durch die Bank guten bis hervorragenden Rezensionen und unerwartet starken Zahlen aus den nordamerikanischen Lichtspielhäusern sollten alle Zweifel an einer starken OSCAR-Performance von "Lincoln" ausgeräumt sein.
Wahrscheinlichkeit, bei den OSCARs als Bester Film nominiert zu werden: 100%.

"Argo" (bereits gestartet):
Nachdem Ben Affleck nach seinem Wechsel auf den Regiestuhl mit den beiden Thrillern "Gone Baby Gone" und "The Town" (jeweils eine OSCAR-Nominierung) seine als Schauspieler mit Filmen wie "Daredevil", "Wie überleben wir Weihnachten?" und vor allem Madonnas Megaflop "Gigli" reichlich ramponierte Reputation mehr als wiederherstellen konnte, hat er mit seinem neuesten Werk – bei dem er erstmals vor und hinter der Kamera steht – auch große Chancen auf OSCAR-Ehren. Der Thriller über eine CIA-Spezialeinheit, die während der Islamischen Revolution im Iran Ende der 1970er Jahre eine Gruppe von in der kanadischen Botschaft in Teheran versteckten US-Diplomaten außer Landes bringen soll und sich zu diesem Zweck als ein Filmteam ausgibt, sorgte bei den Festivals in Telluride und Toronto für nahezu einhellige Begeisterung, manche sehen ihn sogar als aktuellen Topfavoriten. Ob "Argo" es tatsächlich halbwegs vergleichbaren Genrekollegen wie "The Departed" oder "No Country for Old Men" gleichtun und zum großen OSCAR-Abräumer werden kann, erscheint mir jedoch eher fraglich. Nominierungen dürfte es aber etliche geben.
Wahrscheinlichkeit, bei den OSCARs als Bester Film nominiert zu werden: 95%.

"Silver Linings" (bereits gestartet):
Vor Toronto galt David O. Russells ("The Fighter", "Three Kings") auf einem Roman von Matthew Quick basierende Tragikomödie über den in einer Sinnkrise steckenden Lehrer Pat (Bradley Cooper, "Hangover"), der nach einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik wieder bei seinen Eltern (Robert DeNiro und Jacki Weaver) einzieht, als Außenseiter in der Awards Season. Dann folgte die von Publikum und Kritikern begeistert aufgenommene Premiere in der kanadischen Großstadt samt Auszeichnung mit dem Publikumspreis (genau wie in früheren Jahren bei den späteren OSCAR-Gewinnern "Slumdog Millionär" und "The King's Speech") und schon wird "Silver Linings Playbook" als einer der ganz großen Favoriten gehandelt. Eine Nominierung als Bester Film sollte trotz bislang mittelmäßiger Performance bei den Kritikerpreisen sicher sein, Darstellernominierungen für Bradley Cooper und vor allem für die Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence ("Die Tribute von Panem") ebenfalls. Was in Sachen "Bester Film" besonders für "Silver Linings Playbook" spricht: Er ist unter den Favoriten das einzige "Feelgood-Movie" und gerade in Zeiten der Krise kann so etwas durchaus eine Rolle spielen ...
Wahrscheinlichkeit, bei den OSCARs als Bester Film nominiert zu werden: 90%.

Ang Lees ("Brokeback Mountain", "Tiger & Dragon") Verfilmung von Yann Martels Bestseller über einen indischen Jungen, der sich nach einem Schiffbruch gemeinsam mit einigen Tieren – darunter ein ausgewachsener Tiger – auf einem Rettungsboot wiederfindet, zählt zu jenen Filmen, die bereits durch einen visuell beeindruckenden Trailer Aufmerksamkeit erregten. Dieser Trailer in Verbindung mit dem originellen und populären Ausgangsmaterial reichte aus, um den 3D-Film zumindest in den erweiterten Favoritenkreis für die Awards Season zu hieven. Viele Experten sehen den Film sogar ziemlich sicher in der "Bester Film"-Kategorie und nach der erfolgreichen Premiere beim New York Film Festival sowie starken Einspielergebnissen in den US-Kinos sind die Chancen dafür deutlich gestiegen.
Wahrscheinlichkeit, bei den OSCARs als Bester Film nominiert zu werden: 80%.

"Django Unchained" (17. Januar 2013):
Ein neuer Film von Quentin Tarantino ist immer ein Erlebnis und nach dem großen Erfolg von "Inglourious Basterds" (ein OSCAR bei acht Nominierungen) darf er sich nun auch für seine Italowestern-Hommage Hoffnungen machen, zumal die Kritiken gut bis sehr gut ausfallen. Gute Chancen dürfen sich vor allem die Darsteller Jamie Foxx, Leonardo DiCaprio (als Bösewicht) und Christoph Waltz ausrechnen.
Wahrscheinlichkeit, bei den OSCARs als Bester Film nominiert zu werden: 75%.

Die Mitfavoriten:
"Moonrise Kingdom" (bereits gestartet):
Mein bisheriger Lieblingsfilm des Jahres 2012 über die skurrilen Abenteuer eines jungen Pfadfinders, der mit seiner ersten Liebe durchbrennt und seine Umwelt in große Aufregung versetzt, hat weltweit die Zuschauer verzaubert und sich sogar als ordentlicher Kassenerfolg erwiesen. Bisher hat die Academy die Talente des Regisseurs und Autors Wes Anderson weitestgehend ignoriert (eine Nominierung für "Die Royal Tenenbaums", zwei für "Der fantastische Mr. Fox"), aber diesmal sieht es ganz danach aus, als würde er endlich die längst fällige Anerkennung erhalten. Die Chance auf eine Nominierung als Bester Film ist recht gut, eine Drehbuch-Nominierung darf als gesichert gelten; vielleicht reicht es zudem für eine Regie-Nominierung und in den Nebenkategorien (z.B. Musik) könnte ebenfalls etwas gehen.
Wahrscheinlichkeit, bei den OSCARs als Bester Film nominiert zu werden: 55%.

"Beasts of the Southern Wild" (bereits gestartet):
Benh Zeitlins mit Laiendarstellern gefilmtes Debüt ist ein poetisch erzähltes Südstaaten-Sozialdrama und zugleich eine Parabel über das Abschiednehmen. Auf diversen Festivals hat der Film für Furore gesorgt und sich in den Stand eines OSCAR-Mitfavoriten erhoben. Ich persönlich kann das nicht ganz nachvollziehen, da ich "Beasts of the Southern Wild" für eine ziemlich prätentiöse Geschichte mit unsympathischen Charakteren halte. Dennoch und trotz des verhaltenen Erfolges an den US-Kinokassen (ein Punkt, der bei der Wahl durch die Academy-Mitglieder keine Rolle spielen sollte, es aber zweifellos doch bis zu einem gewissen Grad tut) sieht es derzeit so aus, als wäre eine Nominierung als Bester Film ziemlich sicher, auch die kindliche Hauptdarstellerin Quvenzhané Wallis wird sehr wahrscheinlich nominiert werden. Echte Siegchancen sehe ich aber nicht.
Wahrscheinlichkeit, bei den OSCARs als Bester Film nominiert zu werden: 50%.

"The Master" (21. Februar 2013):
Seit 15 Jahren zählt Paul Thomas Anderson zu den renommiertesten und besten Regisseuren, doch bei den OSCAR-Verleihungen wurde das bislang noch nicht ausreichend gewürdigt ("Boogie Nights" und "Magnolia" erhielten je drei Nominierungen, "There Will Be Blood" wurde bei acht Nominierungen immerhin zweimal ausgezeichnet). Mit seinem neuen Werk "The Master" könnte sich das ändern, denn wenngleich das epische Drama um einen Sektenführer und seine zunehmend zweifelnde "rechte Hand" durchaus kontrovers diskutiert wird, zeigen sich die meisten Kritiker begeistert. Die beiden Hauptdarsteller Joaquin Phoenix und Philip Seymour Hoffman gelten bereits jetzt als sichere Nominierte, wobei sich Phoenix in der Favoritenrolle befindet. Ob es auch für den Sieg in den Hauptkategorien "Bester Film" und "Beste Regie" reichen wird, hängt vor allem von der Qualität der noch nicht öffentlich gezeigten weiteren Favoriten ab. Außerdem wird sich angesichts der Tatsache, daß Anderson offen zugibt, Scientology-Gründer L. Ron Hubbard als Grundlage für seinen Sektenführer genommen zu haben, erweisen müssen, wie mächtig die Sekte in Hollywood wirklich ist. Mächtig genug, um nachhaltigen Einfluß auf das OSCAR-Rennen auszuüben? Ich glaube es nicht, aber wer weiß ... Nominierungen als Bester Film sowie für Anderson als Regisseur und Autor dürfen aber auf jeden Fall als gesichert gelten, bei den zahlreichen Kritikerpreisen wird "The Master" wohl besonders gut abschneiden. Ob sich auch die Academy-Mitglieder vollends überzeugen lassen, bleibt abzuwarten. Auch angesichts des eher mäßigen kommerziellen Erfolges (das US-Einspielergebnis beträgt nach zwei Monaten erst knapp über $15 Mio.) gilt Andersons Film zwischenzeitlich einigen Beobachtern eher als Wackelkandidat. Die Nicht-Nominierung bei der wichtigen Produzentengilde (die "Skyfall" bevorzugte) läßt ebenfalls nichts Gutes für Andersons Werk erwarten.
Wahrscheinlichkeit, bei den OSCARs als Bester Film nominiert zu werden: 45%.
 
"Flight" (24. Januar 2013):
Robert Zemeckis, OSCAR-gekrönter Regisseur von "Forrest Gump", kehrt nach mehreren künstlerisch eher mäßig erfolgreichen Jahren, in denen er sich komplett computeranimierten Motion Capture-Werken wie "Beowulf" oder "Eine Weihnachtsgeschichte" widmete, zum guten alten Realfilm zurück und erzählt mit Starbesetzung (Denzel Washington, John Goodman, Don Cheadle) die auf wahren Ereignissen basierende Geschichte eines erfahrenen Piloten, der mit dem längsten Gleitflug eines Düsenflugzeugs eine Notlandung auf den Azoren schaffte und damit zahlreiche Menschenleben rettete. Durch den anschließenden Presserummel kam allerdings auch seine kriminelle Vergangenheit ans Licht der Öffentlichkeit. Nach der positiv aufgenommen Premiere erscheint eine Nominierung für Hauptdarsteller Washington mehr als realistisch, aber auch als "Bester Film" darf sich "Flight" nun Chancen ausrechnen. Das schlechte Abschneiden bei den ersten Kritikerpreisen der Saison macht Zemeckis Film allerdings zum Wackelkandidaten.
Wahrscheinlichkeit, bei den OSCARs als Bester Film nominiert zu werden: 25%.

Das waren nun also sieben OSCAR-Favoriten und vier Mitfavoriten, weiter geht es im zweiten Teil meiner frühen Vorschau mit zahlreichen weiteren Kandidaten, denen ich mehr oder weniger große Außenseiterchancen auf eine "Bester Film"-Nominierung einräume.

Wichtigste Quellen:

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