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Donnerstag, 12. Juli 2012

Klassiker-Rezension: DER KETZER (1979)

Originaltitel: Wise Blood
Regie: John Huston, Drehbuch: Benedict und Michael Fitzgerald, Musik: Alex North
Darsteller: Brad Dourif, Amy Wright, Harry Dean Stanton, Dan Shor, Mary Nell Santacroce, Ned Beatty, William Hickey, John Huston
 Wise Blood
(1979) on IMDb Rotten Tomatoes: 89% (7,3); FSK: 12, Dauer: 102 Minuten.

Der desillusionierte Kriegsveteran Hazel Motes (Brad Dourif, "Der Herr der Ringe", "Einer flog über das Kuckucksnest") kehrt nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst in seine ländliche Heimat in den amerikanischen Südstaaten zurück, muß aber feststellen, daß die Familienfarm verlassen ist. Nach einer Begegnung mit einem blinden Prediger (Harry Dean Stanton, "Alien", "Paris, Texas") und dessen Tochter (Amy Wright, "Die durch die Hölle gehen", "Stardust Memories") fühlt er sich von den beiden gleichermaßen fasziniert wie abgestoßen. Er zieht in der gleichen Pension ein und betätigt sich fortan selbst als Prediger für seine anti-religiöse "Heilige Kirche von Christus ohne Christus", denn er ist überzeugt, daß Jesus keineswegs für die Sünden der Menschen gestorben ist. Doch seine Mission ist nicht so einfach zu erfüllen ...

Kritik:
Im reifen Alter von 72 Jahren reihte sich die Regielegende John Huston ("Die Spur des Falken", "Der Schatz der Sierra Madre", "African Queen") mit dieser (vor allem in der religiösen Aussage ziemlich freien) Adaption eines Romans von Flannery O'Connor in die künstlerische Revolution des Filmgeschäfts durch das "New Hollywood" von Martin Scorsese, Robert Altman, Francis Ford Coppola und anderen ein. Mit "Der Ketzer" schuf er ein ungeschliffenes, schwer zugängliches und höchst rätselhaftes Spätwerk, das zwar nur wenige Zuschauer begeistern dürfte, aber dank Hustons Könnerschaft ohne Frage eine große Faszination ausstrahlt.

Huston macht es seinem Publikum alles andere als einfach. Selbst einige Details aus obiger Inhaltsangabe sind der Romanvorlage entnommen, denn im Film gibt es kaum Informationen über Hazel und die seltsame Mission, zu der er sich scheinbar berufen glaubt. Denn auch das ist schwer zu beurteilen: Handelt er aus (anti-)religiöser Überzeugung, möglicherweise geboren aus seinen Kriegserlebnissen (die nur ganz kurz gestreift werden)? Ist er wie so viele andere Wanderprediger dieser Zeit ein Betrüger? Sucht er verzweifelt nach Aufmerksamkeit? Oder ist er schlicht und ergreifend verrückt? Es ist schwer zu beurteilen. Eines steht jedoch fest: Als Sympathieträger taugt dieser schmächtige Hazel Motes mit seiner schwarzen Kleidung und seinem auffälligen Hut nicht. Und damit befindet er sich in guter Gesellschaft, denn – wie gesagt, Huston macht es seinem Publikum hier nicht einfach – keine einzige Figur, die in "Der Ketzer" auftaucht, taugt auch nur ansatzweise als Identifikationsfigur. Nicht Hazel Motes, nicht der blinde Prediger, nicht seine nymphomanische Tochter, nicht die anhängliche Vermieterin, auch nicht der offensichtlich manisch veranlagte und verzweifelt nach Zuneigung suchende junge Zoowärter Enoch, der Hazel unbedingt bei seiner "Kirchengründung" helfen will. Am ehesten – und das ist sicher kein Zufall, sondern bezeichnend für den bitteren, rabenschwarzen Humor der Geschichte – kann noch die übergewichtige Prostituierte Leora, bei der sich Hazel anfänglich einquartiert, als Sympathieträgerin qualifizieren, denn sie ist wenigstens ehrlich in ihren Absichten.

Brad Dourif brilliert in der Hauptrolle und liefert wenige Jahre nach seiner OSCAR-nominierten Nebenrolle in Milos Formans Meisterwerk "Einer flog über das Kuckucksnest" erneut eine preiswürdige schauspielerische Leistung ab. Auch die Nebendarsteller, allen voran Harry Dean Stanton, Amy Wright und Dan Beatty (als skrupelloser Betrüger, der Hazels Kirche für eine brillante Idee hält, um den Leuten Geld aus der Tasche zu ziehen), erden ihre ungewöhnlichen Rollen und verleihen ihnen so die nötige Glaubwürdigkeit.

Ein wenig erinnert das, was Huston hier präsentiert, an eine spartanische Version von Joel und Ethan Coens "Barton Fink" oder von David Lynchs "Mulholland Drive". Die Geschehnisse sind vergleichbar absurd, die Charaktere noch schräger und die von Symbolismus durchzogene Handlung entpuppt sich als noch schwerer zugänglich. Nein, "Der Ketzer" ist keine einfache Kost und definitiv kein Film, der jedem Zuschauer gefallen wird. Aber wer sich darauf einläßt, der wird zumindest mit einem in dieser Form selten gesehenen Filmerlebnis belohnt, das sich in all seiner Rätselhaftigkeit tief ins Gedächtnis einprägt.

Fazit: "Der Ketzer" ist ein bemerkenswert schwarzhumoriges Charakterdrama, das von einem großartigen Brad Dourif in der Hauptrolle und von seiner prinzipiell sehr interessanten (anti-)religiösen Thematik lebt. Mit der Verweigerung, sich mit der schwer nachvollziehbaren Handlung und den durch die Bank unsympathischen Figuren den üblichen Kinokonventionen auch nur ansatzweise zu beugen, werden aber viele Zuschauer (bewußt) verprellt.

Wertung: 6,5 Punkte.

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