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Donnerstag, 22. Dezember 2022

THE ENGLISH (2022, TV-Miniserie)

Regie und Drehbuch: Hugo Blick, Musik: Federico Jusid
Darsteller: Emily Blunt, Chaske Spencer, Tom Hughes, Rafe Spall, Stephen Rea, Steve Wall, Valerie Pachner, Malcolm Storry, Nicholas Aaron, Miguel Alvarez, Julian Bleach, Gary Farmer, Kimberly Guerrero, William Belleau, Tonantzin Carmelo, Ciarán Hinds, Toby Jones
The English (2022) on IMDb Rotten Tomatoes: 84% (7,7); Altersempfehlung: 16, Dauer: 316 Minuten.
USA, 1890: Die Britin Lady Cornelia Locke (Emily Blunt, "Jungle Cruise") ist aus ihrer Heimat nach Amerika gereist mit einem ganz speziellen Ziel: Sie will den Mann töten, den sie für den Tod ihres Sohnes verantwortlich macht. Kurz nach ihrer Ankunft trifft Cornelia auf den Pawnee-Krieger Eli Whipp (Chaske Spencer, "Twilight"-Reihe), der viele Jahre lang als Scout für die US-Armee tätig war und nun auf dem Weg ist, jenes Stück Land für sich zu beanspruchen, das Armee-Veteranen von der Regierung versprochen wurde. Der Pawnee und die wohlhabende Britin helfen sich gegenseitig aus einer mißlichen Situtation und entschließen sich angesichts eines lange gemeinsamen Weges zur gemeinsamen Weiterreise. Dabei haben sie zahlreiche interessante bis gefährliche Begegnungen und lernen einander immer besser kennen. Derweil untersucht in dem neugegründeten Ort Hoxem Sheriff Robert Marshall (Stephen Rea, "Black 47") einige merkwürdige, möglicherweise zusammenhängende Vorkommnisse. So wurden die wertvollen Tiere des Rinderzüchters Thomas Trafford (Tom Hughes, TV-Serie "Victoria") brutal massakriert und auch der Tod des Ex-Soldaten Timothy Flynn (Miguel Alvarez, Amazon-Serie "Das Rad der Zeit") – nachdem er seine eigene Frau ermordet hatte – wirft Fragen auf ...

Kritik:
Der Western ist und bleibt als Genre unkaputtbar. Zwar ist die Hochzeit der Western – die in der Mitte des 20. Jahrhunderts in massiver Anzahl für Kino und TV produziert wurden – lange vorbei, doch gibt es auch im 21. Jahrhundert noch gelegentliche Highlights wie die TV-Serien "Deadwood" (2004-2006) und "Hell on Wheels" (2011-2016) sowie richtig gute Kinofilme wie "Django Unchained", "True Grit" oder "The Ballad of Buster Scruggs". Meiner Ansicht nach erreicht aber keine dieser Produktionen die Qualität der besten, epischsten Western-Miniserie, die ich je gesehen habe: "Der Ruf des Adlers" (auch unter dem Originaltitel "Lonesome Dove" bekannt) aus dem Jahr 1989. Der Brite Hugo Blick, bekannt für hochwertige TV-Miniserien wie "The Shadow Line", "The Honourable Woman" oder "Black Earth Rising" kommt mit seinem Sechsteiler "The English" jedoch nahe an "Der Ruf des Adlers" heran. Eine Top-Besetzung, eine emotionale, wendungsreiche, glaubwürdig erzählte Story, die sensationelle Kameraarbeit des Spaniers Arnau Valls Colomer ("Der beste Film aller Zeiten") und die deutlich von Western-Großmeistern wie Ennio Morricone inspirierte, dennoch eigenständige Musik des Argentiniers Federico Jusid ("In ihren Augen") ergeben eine großartige Miniserie, die von Anfang bis Ende packt und nur durch ein recht unspektakuläres Finale an der Höchstwertung vorbeischrammt.

Im Zentrum von "The English" steht die sich entwickelnde Beziehung zwischen Cornelia und Eli. Beide, der stoische, schweigsame Krieger und die resolute Adlige, könnten auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein, haben bei genauerer Betrachtung allerdings durchaus einige Gemeinsamkeiten. Die auffälligste ist zweifellos, daß beide Außenseiter sind. Eli hat sich als amerikanischer Ureinwohner der US-Armee angeschlossen und dieser jahrelang treu als Scout gedient, obwohl sie in dieser Zeit in erster Linie gegen diverse Stämme vorging – und das alles andere als skrupellos, vielmehr sogar mit einigen äußerst unrühmlichen Massakern. Obwohl sich Eli durchaus den Respekt seiner zumeist weißen Armeekameraden erarbeitet hat, ist er doch immer bis zu einem gewissen Grad ein Außenseiter geblieben – und erwartungsgemäß betrachten ihn andere Ureinwohner auch nach seinem Austritt aus der Armee noch mindestens mißtrauisch. Er ist also letztlich auf sich gestellt und kann sich nur auf sich selbst verlassen. Bei Cornelia mag das in ihrer Heimat anders aussehen – trotz recht ausführlicher Rückblicke erfahren wir darüber nur wenig, da diese thematisch sehr verengt sind –, aber in Amerika ergeht es ihr noch schlimmer als Eli. Auch sie ist eine Außenseiterin, die sich mit ihrem Verhalten und ihrer gehobenen Sprache deutlich von den meisten Amerikanern unterscheidet – aber sie ist zusätzlich auch noch vollkommen fremd und hat nur wenig Ahnung von den hiesigen Sitten und Gebräuchen (oder auch nur von der Geographie). Beide sind folglich zu Beginn von "The English" ganz auf sich gestellt, allerdings hat nur Eli das Potential, auf diese Weise länger zu überleben, während Cornelia eigentlich hoffnungslos verloren ist.

Das ändert sich durch ihr zufälliges Aufeinandertreffen, bei dem sie sich gegenseitig retten und dadurch den Beginn eines immer dicker werdenden Bandes zwischen ihnen knüpfen, das sie zu Reisegefährten, dann zu Freunden und irgendwann vielleicht sogar zu mehr macht. Obwohl Cornelia und Eli das schlagende Herz von "The English" sind, zeichnet Regisseur und Autor Blick ein deutlich tiefer gehendes Bild des "Wilden Westens" im ausgehenden 19. Jahrhundert. Dafür bedient er sich einerseits teils langer Prologe in den einzelnen Episoden, die in der Regel in Hoxem spielen und das Publikum nach und nach mit den Bewohnern der jungen Ortschaft bekanntmachen, aber auch mit den Ermittlungen des Sheriffs. Das wirkt zunächst recht ziellos, nach und nach offenbaren sich jedoch die Verbindungen dieses Neben-Handlungsstrangs zur Hauptgeschichte von Cornelia und Eli. Andererseits entwirft Blick sein Sittenbild auch durch die Begegnungen, die Cornelia und Eli während ihrer langen Reise haben. Diese anekdotenhaften Ereignisse zeichnen sich meist durch eine illusionslose, die Ungerechtigkeiten der damaligen Gesellschaft aufzeigende Grimmigkeit aus, aber ebenso durch eine gewisse Skurrilität, die an die Filme der Coen-Brüder erinnert (allen voran deren bereits erwähnte Western-Anthologie "The Ballad of Buster Scruggs"). Ob unser sympathisches Duo auf Banditen trifft, auf mennonitische Siedler, einen Cheyenne-Häuptling auf Rachefeldzug oder auf einen Ex-Offizier, der Ureinwohner "selbstlos" zu braven, loyalen Dienern erzieht – selten enden diese kleinen Geschichten gut, stattdessen fließt regelmäßig Blut und die Gewalt regiert (wobei diese zumeist nur angedeutet wird, weshalb allein die Auftaktepisode eine Altersempfehlung ab 16 Jahren erhielt, alle anderen ab 12).

Obwohl durch den Roadmovie-Charakter von "The English" viele Nebenfiguren nur in einer oder zwei Episoden zu sehen sind, wurden sie teilweise namhaft besetzt. Beispielsweise ist Ciarán Hinds ("Die Frau in Schwarz") als skrupelloser Hotelbesitzer zu sehen, Toby Jones ("Captain America") als Kutscher und Rafe Spall ("Jurassic World 2") als sadistischer Ex-Soldat David Melmont. Aber auch die weniger bekannten Nebendarsteller machen ihre Sache sehr gut, etwa Nichola McAuliffe (TV-Serie "Coronation Street") als Banditin Black Eyed Mog, William Belleau (TV-Serie "Frontier") als Cheyenne-Häuptling Kills on Water, die Österreicherin Valerie Pachner ("The King's Man") als Rinderzüchterin in Hoxem oder Gary Farmer ("Dead Man") und Kimberly Guerrero (TV-Serie "Reservation Dogs") als Ehepaar, das Eli und Cornelia seine Unterstützung anbietet. Und das Beste: Fast alle Nebenfiguren sind glaubwürdig und interessant gezeichnet und entziehen sich einem klaren Gut-Böse-Schema. Das trifft auch auf Eli und Cornelia zu, die beide ihre Stärken und Schwächen haben und deren Handeln man häufig kritisch reflektieren kann. Zudem ist Emily Blunt natürlich eine tolle Schauspielerin, die Lady Cornelia in all ihren Facetten höchst überzeugend verkörpert. Chaske Spencer ist schauspielerisch nicht ganz so gefordert, da er nunmal einen Stoiker vor dem Herrn spielt – aber das tut er mit Ausdruckskraft und Charisma, und wenn Eli sich Cornelia gegenüber doch einmal öffnet, dann spielt Spencer das richtig gut.

Einzige echte Ausnahme unter den lebensechten und vielschichtigen (wenn auch nicht immer komplett klischeefreien) Charakteren ist der große Bösewicht der Geschichte – das Ziel von Cornelias Rache –, dessen Identität ich hier nicht enthüllen werde, weil es auch in der Miniserie recht spät geschieht. Verraten kann ich, daß mir dieser Antagonist etwas zu sehr dämonisiert wird, zumal er den Erwartungen, die dergestalt über fünf Episoden hinweg geweckt werden, im auch deshalb etwas unbefriedigenden Finale gar nicht gerecht werden kann. Das ist zweifellos ein Wermutstropfen, der eine grandios inszenierte und erzählte Geschichte ein Stück weit um ein würdiges Ende beraubt; jedoch ist die Reise bis hierhin so phantastisch, daß man dennoch gut damit leben kann (zumal es keineswegs schlecht ist, nur eben ziemlich unspektakulär und auch kurz). Großes Lob verdienen sich über die gut fünf Stunden hinweg, wie bereits erwähnt, auch Kameramann Arnau Valls Colomer und Komponist Federico Jusid. Western fallen häufig bildgewaltig aus, weil sie von Haus aus großartige Szenerien bieten – da bildet "The English" keine Ausnahme. Allerdings hebt sich die Kameraarbeit hier von den meisten Genrekollegen durch eine große Kunstfertigkeit aus. Valls Colomer gelingt es immer wieder, großartige und aussagekräftige Bildkompositionen zu erschaffen, wobei er viel mit Schatten und Licht arbeitet. Die vielleicht beste diesbezügliche Szene zeigt aus großer Entfernung und wie im Schattenriß, wie Eli und einige Cowboys wild schießend aufeinanderzureiten – das klingt banal, sieht aber sensationell und begeisternd aus! Die Musik von Federico Jusid trägt noch zusätzlich dazu bei, solche magischen Momente passend zu untermalen, wobei Jusids großartige, bewußt an die epischen Western-Scores der 1960er und 1970er Jahre (von Elmer Bernstein bis Morricone) erinnernde Vorspann-Musik unerreicht bleibt. Kurzum: "The English" ist in fast jeder Hinsicht ein Triumph und für mich eine der besten Western-Miniserien aller Zeiten!

Fazit: "The English" ist eine grandiose Western-Miniserie mit starker Besetzung, spannenden Charakteren und einer emotionalen Geschichte, die zudem großartig aussieht und klingt – nur das Finale enttäuscht leicht.

Wertung: 9 Punkte.

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