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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Dienstag, 12. Januar 2021

Kurz-Nachruf: Michael Apted (1941-2021)

Nein, das Jahr 2021 beginnt (nicht nur) aus Cineasten-Sicht nicht besser, als das Jahr 2020 geendet hat, denn das Kino verliert mit dem Briten Michael Apted einen versierten Regisseur, der sowohl im Spielfilm- wie auch im Dokumentarfilm-Bereich und mit TV-Serien viele Erfolge feiern konnte. Michael Apted wurde 79 Jahre alt.

Nachdem Apted Ende der 1960er Jahre als TV-Serien-Regisseur begann, veröffentlichte er 1970 eine TV-Doku, deren Thematik ihn bis zum Ende seines Lebens begleiten sollte: "7 plus Seven" war sein erster Dokumentarfilm als Regisseur, allerdings nicht der Beginn der Reihe: Als 1964 die Doku "Seven Up!" über 14 britische Kinder im Alter von 7 Jahren veröffentlicht wurde, war Apted daran als Rechercheur und bei der Auswahl der Kinder beteiligt. Da die Doku gut ankam, beschloß er, in "7 plus Seven" zu erkunden, wie sich die Kinder, die inzwischen zu Teenagern herangewachsen waren, entwickelt hatten. Dieses spannende Konzept - quasi ein "Boyhood" in Echtzeit - führte Apted quasi bis zu seinem Tod fort, erst 2019 erschien mit "63 Up" der insgesamt neunte Teil der vielfach preisgekrönten Reihe (der achte unter Apteds Regie). Einen weiteren großen Erfolg feierte Apted 1985 mit der Sting-Doku "Bring On the Night", außerdem drehte er Dokumentarfilme u.a. über einen tödlichen Konflikt zwischen FBI und amerikanischen Ureinwohnern im Jahr 1975 ("Zwischenfall in Oglala", 1992), über sieben Top-Wissenschaftler ("Me & Isaac Newton", 1999) und über die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland ("WM 2006 - Ein Fußballmärchen") - man kann Michael Apted also wohl als "vielfältig interessiert" bezeichnen ...

Dazu paßt natürlich wunderbar, daß er parallel zu seinen vielen Dokus Spielfilme drehte, wobei Apted in dieser Sparte seinen Durchbruch erst 1980 feierte. "Nashville Lady", ein Biopic über die berühmte US-Countrymusikerin Loretta Lynn, ergatterte sieben OSCAR-Nominierungen (die Hauptdarstellerin Sissy Spacek schaffte den einzigen Sieg) und lockte in den USA mehr als 30 Millionen Zuschauer in die Kinos, womit er dort sein besucherstärkster Film bleiben sollte. Apteds letzter künstlerischer und/oder kommerzieller Erfolg war es aber bei weitem nicht, vor allem zeigte er auch abseits von "Nashville Lady", daß er ein Spezialist darin ist, komplexe Frauenfiguren zu inszenieren. Ob die von Sigourney Weaver verkörptere Primatenforscherin Dian Fossey im fünffach OSCAR-nominierten "Gorillas im Nebel" (1988), die fern der Zivilisation aufgewachsene, von der dafür ebenfalls OSCAR-nominierten Jodie Foster gespielte Titelfigur in "Nell" (1994) oder die von Jennifer Lopez verkörperte, sich gegen ihren gewalttätigen Ehemann wehrende Karen in "Genug" (2002) - starke Frauenrollen waren bei Michael Apted nicht nur eine hohle Phrase.

Zu den Highlights in Apteds Spielfilm-Katalog zählt außerdem der Kalter Kriegs-Thriller "Gorky Park" (1983) mit William Hurt und Lee Marvin, zudem brachte er viele solide Filme in die Kinos wie das Justizdrama "Das Gesetz der Macht" (1991) mit Gene Hackman, den Neo-Western "Halbblut" (1992) mit Val Kilmer oder den Krankenhaus-Thriller "Extrem ... Mit allen Mitteln" (1996) mit Hugh Grant und Gene Hackman. 1999 folgte mit dem James Bond-Film "Die Welt ist nicht genug" mit Pierce Brosnan und Sophie Marceau Apteds erfolgreichster Film außerhalb der USA, der alleine in Deutschland mehr als fünf Millionen Kinozuschauer zählte. Nach dem Jahrtausendwechsel blieben die ganz großen Kinohits aus, doch inszenierte er weiterhin einige sehenswerte Filme wie den Spionage-Thriller "Enigma" (2001) mit Kate Winslet und Dougray Scott, das Sklaverei-Drama "Amazing Grace" (2006) mit Ioan Gruffudd, Romola Garai und Benedict Cumberbatch, den dritten Narnia-Fantasyfilm "Die Reise auf der Morgenröte" (2010) und das Surfer-Biopic "Mavericks" (2012). Apteds letzter Spielfilm war der allerdings gefloppte und von der Kritik ziemlich verrissene Thriller "Unlocked" (2017) mit Noomi Rapace und Orlando Bloom. Während sein Ausstoß an Kinofilmen nachließ, widmete sich Apted im 21. Jahrhundert dafür wieder vermehrt TV-Serien, mit denen seine Karriere ja begonnen hatte, wobei er sich auf anspruchsvolle Qualitätsserien wie "Rom", "Masters of Sex", "Ray Donovan" und "Bloodline" konzentrierte.

Am 7. Januar 2021 starb Michael Apted mit 79 Jahren in Los Angeles, seine Todesursache wurde nicht bekanntgegeben. R.I.P.

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