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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Donnerstag, 1. Oktober 2020

FANTASTIC FOUR (2015)

Regie: Josh Trank, Drehbuch: Jeremy Slater, Simon Kinberg und Josh Trank, Musik: Marco Beltrami und Philip Glass
Darsteller: Miles Teller, Jamie Bell, Kate Mara, Michael B. Jordan, Toby Kebbell, Tim Blake Nelson, Reg E. Cathey, Dan Castellaneta, Owen Judge, Evan Hannemann, Tim Heidecker
Fantastic Four (2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 9% (3,6); weltweites Einspielergebnis: $167,9 Mio.
FSK: 12, Dauer: 101 Minuten. 
 
Schon in der Highschool arbeitet Reed Richards in der Garage mit seinem Freund Ben Grimm an einem Teleporter – von seinem Umfeld und auch seinen Lehrern werden seine Bemühungen und sein Enthusiasmus jedoch als Träumereien oder gar Schwindel abgetan. Auf einer Schüler-Wissenschaftsmesse weckt Reed aber das Interesse des Wissenschaftlers Professor Franklin Storm (Reg E. Cathey, TV-Serie "House of Cards"), der mit seinem Team ebenfalls an einer Art von Teleporter-Technologie arbeitet und erkennt, daß Reed ein Teilproblem lösen konnte, an dem er bislang gescheitert war. Wovon Reed keine Ahnung hatte: Seine Maschine teleportiert Objekte nicht etwa zu einem Punkt auf der Erde, sondern in eine andere Dimension! Franklin verschafft Reed ein Stipendium in seiner von der US-Regierung finanzierten Baxter Foundation und sieben Jahre später ist es soweit: Das "Quanten-Tor", mit dem sie die fremde Dimension betreten wollen, ist beinahe fertig. Das erste Außenteam sollten eigentlich der nun erwachsene Reed (Miles Teller, "Whiplash"), Prof. Storms hitzköpfiger Sohn Johnny (Michael B. Jordan, "Black Panther"), seine Adoptivtochter Sue (Kate Mara, "Der Marsianer") und Victor von Doom (Toby Kebbell, "Planet der Affen: Revolution") bilden, die maßgeblich am Gelingen des Projekts beteiligt waren. Die Regierung will das jedoch lieber NASA-Experten überlassen ... Nach einer Nacht des Frustsaufens beschließen Reed, Johnny, Victor und der von Reed herbeigerufene Ben (Jamie Bell, "Snowpiercer"), die Maschine sofort und auf eigene Faust zu aktivieren – mit fatalen Folgen, denn Reed verfügt fortan über Gummigelenke, Johnny kann Feuer kontrollieren, Ben wird zu einer Steinkreatur – und die am Ende auch betroffene Sue erhält die Fähigkeit, unsichtbar zu werden …

Kritik:
Nachdem der erste Versuch, die langlebige Marvel-Superhelden-Truppe Fantastic Four in den Kinos zu etablieren, mit Tim Storys "Fantastic Four" (2005) und seinem zwei Jahre später folgenden Sequel "Fantastic Four: Rise of the Silver Surfer" mit einer Kombination aus miesen Kritiken, durchwachsenen Fanreaktionen und soliden Einspielergebnissen letztlich scheiterte, sollte zehn Jahre nach dem ersten Versuch mit Josh Trank ein aufstrebender Filmemacher für einen gelungenen Neustart sorgen. Trank wurde 2012 bekannt mit seinem sehenswerten Found Footage-Coming of Age-Superheldenfilm "Chronicle – Wozu bist Du fähig?" – welcher gut das Zehnfache seines überschaubaren Budgets von $12 Mio. einspielte – und schien eine gute, naheliegende Wahl für die Wiederbelebung des mächtigen Quartetts. Beim produzierenden Studio Fox setzte allerdings spätestens nach miserablen Testscreenings leichte Panik ein, der Filmstart wurde verschoben und es wurden umfangreiche Nachdrehs angesetzt, eine geplante 3D-Konvertierung fiel dafür aus. Doch alle Bemühungen sollten sich als vergebens erweisen, denn als "Fantastic Four" schließlich im August 2015 anlief, fielen die Kritiken verheerend aus und ein Großteil des anvisierten Publikums auf der ganzen Welt sparte sich den Kinobesuch. Man kann es nicht anders sagen: Josh Tranks "Fantastic Four" ist einer der größten Flops in der Geschichte des Superhelden-Genres. Für völlig gerechtfertigt halte ich das allerdings nicht, denn wenngleich Tranks Film fraglos große Schwächen hat, kann er doch in einigen Bereichen punkten. Im Prinzip gefällt mir Tranks im Vergleich zu den beiden Filmen von Tim Story radikal veränderte Herangehensweise jedenfalls deutlich besser und sie offenbart ein beträchtliches Potential für die fest geplanten (es gab sogar schon einen Kino-Starttermin für Teil 2), nach der desaströsen Kinoauswertung aber natürlich in Windeseile gestrichenen Fortsetzungen. A.O. Scott, Kritiker der "New York Times", bezeichnete "Fantastic Four" durchaus treffend als eine einzige, extrem lange Eröffnungssequenz und brachte die Problematik damit auf den Punkt.

Angesichts der negativen Aufnahme von Tranks "Fantastic Four" durch die Zuschauer sowie der extremen stilistischen und inhaltlichen Abweichung von den ersten beiden Filmen ging ich davon aus, daß sich die kollektive Ablehnung zumindest teilweise damit begründen ließe, daß der Film sich fast komplett von der (mir unbekannten) Comicvorlage löst. Das war allerdings ein Irrtum, denn eine kurze Recherche ergab, daß sich Tranks Version auf die von 2004 bis 2009 laufende Comicreihe "Ultimate Fantastic Four" stützt, die dem Quartett u.a. eine komplett neue Ursprungsgeschichte verpaßt. Die neuen "Fantastic Four" sind nicht nur jünger, ihre Welt ist erheblich düsterer als zuvor, was mit einem fast vollständigen Fehlen von Humor einhergeht – und erfreulicherweise bleibt uns auch das obligatorische Beziehungsgedöns fast völlig erspart. Da ich mit den häufig infantilen Gags der beiden sehr konventionell bis altbacken inszenierten Filme von Tim Story eher wenig anfangen konnte, ist diese 180-Grad-Wende für mich eine positive Veränderung, wenngleich sie vielleicht nicht gar so radikal hätte ausfallen müssen. Mir gefällt der grimmige, realistische und humorarme neue Stil prinzipiell jedenfalls gut, der sich auch auf die Figurenzeichnung auswirkt. Richtig tief geht die in Tranks Film zwar auch nicht, aber Reed, Ben (der sich hier erheblich schneller mit seinem neuen Dasein als Steinwesen arrangiert), Sue und Johnny wirken meines Erachtens lebensechter als in den alten Filmen, in denen sie kaum Persönlichkeit entwickeln konnten. Am meisten profitiert jedoch von der neuen Herangehensweise Victor von Doom. Dieser kam in Storys Filmen nie über den Status eines fiesen Klischee-Bösewichts hinaus, ist hier aber zu Beginn ein echter, trotz einer rebellischen Ader (die er sich mit Johnny teilt) recht sympathischer Teil des Teams, weshalb die emotionale Fallhöhe bei seiner Entwicklung zum tragischen Antagonisten wesentlich größer ist. Und ein glaubwürdiger Oberschurke ist bekanntlich immer ein wichtiger Bestandteil eines gelungenen Superhelden-Films.

Soweit klingt das also alles ziemlich gut, allerdings gibt es ein riesiges Problem, das Tranks "Fantastic Four" letztlich trotz aller vielversprechenden Ansätze zu einem Fehlschlag macht: Irgendwie haben die drei Drehbuch-Autoren vergessen, eine echte Handlung zu implementieren! Ein Stück weit gibt es diese Problematik ja immer bei solchen Origin-Storys, in denen das Hauptaugenmerk darauf liegt, die Protagonisten und ihre Fähigkeiten zu etablieren – der erste "Fantastic Four" war da keine Ausnahme. Doch Tranks Film geht in dieser Hinsicht bis ins Extrem: Die Exposition inklusive eines Rückblicks in die Kindheit von Reed und Ben zieht sich fast über den gesamten Film hindurch, ihre Kräfte erhalten die vier Wissenschaflter und Ben erst nach etwa 45 Minuten und bis sie sie einigermaßen beherrschen, ist alles schon wieder beinahe vorbei. Dementsprechend wird erst in den letzten 20 Minuten eine echte Bedrohung eingebracht, welche die Zusammenarbeit der Fantastic Four erfordert und in einen hoffnungslos überstürzten, trotz eines sehenswerten Effektgewitters erschreckend einfallslosen Showdown mündet. Generell zählt das Pacing zu den großen Schwachpunkten von "Fantastic Four". So lobenswert die Intention ist, sich bei der Einführung der fünf Hauptfiguren Zeit zu lassen, wird das dummerweise so sehr übertrieben, bis die Schwelle zur Langeweile überschritten ist. Eine etwas zügiger erzählte erste Filmhälfte gefolgt von einer überlegteren Ausarbeitung der zweiten Hälfte (mit richtiger Story!) wäre eindeutig die bessere Wahl gewesen. Schauspielerisch ist "Fantastic Four" derweil ordentlich, aber nicht so gut wie angesichts der Besetzung erhofft. Teller, Jordan (der bereits in "Chronicle" einer der Hauptdarsteller war), Mara und Bell sind ohne Frage gute bis sehr gute Schauspieler, aber ihre Fähigkeiten werden hier nicht ansatzweise ausgereizt – ähnlich wie in den ersten beiden "Fantastic Four"-Filmen. In denen konnte nur Chris Evans seine Rolle als Johnny Storm wirklich mit Leben und Persönlichkeit erfüllen, in Tranks Film liefert Toby Kebbell als Victor von Doom die beste Leistung ab, wogegen Michael B. Jordan mich als Johnny nicht restlos überzeugen konnte und der Rest in die Kategorie "solide" fällt. Insgesamt ist Josh Tranks "Fantastic Four" besser als sein Ruf (was nicht schwer ist) und offenbart einige interessante Ansatzpunkte, die sich wahrscheinlich erst in eventuellen Fortsetzungen richtig ausgezahlt hätten, wird jedoch durch die kaum vorhandene Handlung und ein viel zu unausgewogenes Erzähltempo mächtig ausgebremst. Trotzdem: Hierzu hätte ich lieber einen zweiten Teil gesehen als bei Tim Storys "Fantastic Four".

Fazit: Josh Tranks "Fantastic Four" ist grundsätzlich ein ambitioniertes, in einigen Aspekten durchaus vielversprechendes Reboot, das mangels vernünftiger Handlung zu schnell langweilt.

Wertung: 5,5 Punkte.

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