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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Mittwoch, 8. Mai 2019

DIE FRAU DES NOBELPREISTRÄGERS (2017)

Originaltitel: The Wife
Regie: Björn L. Runge, Drehbuch: Jane Anderson, Musik: Jocelyn Pook
Darsteller: Glenn Close, Jonathan Pryce, Max Irons, Christian Slater, Elizabeth McGovern, Annie Starke, Harry Lloyd, Karin Franz Körlof, Johan Widerberg, Grainne Keenan, Morgane Polanski, Nick Fletcher
 Die Frau des Nobelpreisträgers (2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 86% (7,1); weltweites Einspielergebnis: $18,2 Mio.
FSK: 6, Dauer: 101 Minuten.

Connecticut in den USA, 1993: Der erfolgreiche Schriftsteller Joe Castleman (Jonathan Pryce, "In guten Händen") wird für sein umfangreiches Lebenswerk mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Im Dezember fliegt er mit seiner Frau Joan (Glenn Close, "Guardians of the Galaxy") und dem Sohn David (Max Irons, "Das krumme Haus") zur Verleihung nach Stockholm, allerdings zeigen sich bereits auf dem Flug Spannungen innerhalb der Familie, welche sich nach der Ankunft in Schweden weiter steigern. Denn David ist ebenfalls ein angehender Schriftsteller, der sich von seinem Vater jedoch geringgeschätzt fühlt und deshalb zunehmend gereizt agiert. Und Joan, die nach der Hochzeit mit Joe – der damals ihr Literaturdozent an der Uni war – vor rund 35 Jahren ihre eigenen künstlerischen Ambitionen auch wegen der mangelnden Erfolgsaussichten weiblicher Autoren zu dieser Zeit aufgab, fühlt ihren Beitrag zu Joes Erfolg zu wenig gewürdigt. Zusätzliches Salz in die Wunden streut der hartnäckige Journalist Nathanial Bone (Christian Slater, TV-Serie "Mr. Robot"), der mit oder ohne dessen Einverständnis eine Biographie über Joe schreiben möchte und davon überzeugt ist, in Wirklichkeit wäre Joan die Autorin von Joes Büchern …

Kritik:
Frage: Was haben folgende Filme gemeinsam: "Garp und wie er die Welt sah", "Der große Frust", "Der Unbeugsame", "Eine verhängnisvolle Affäre", "Gefährliche Liebschaften", "Albert Nobbs" und "Die Frau des Nobelpreisträgers"? Antwort: Glenn Close spielt darin eine wichtige Rolle, für die sie jeweils für einen OSCAR nominiert wurde – jedoch nie gewann. Das ist eine Schande, denn zumindest für ihre wunderbar manipulative Adlige in "Gefährliche Liebschaften" hätte sie den Goldjungen auf jeden Fall verdient gehabt (wobei man zugegebenermaßen kaum behaupten kann, die tatsächliche Gewinnerin Jodie Foster hätte ihn für ihre beeindruckende Leistung in "Angeklagt" nicht verdient). Nun sollte mit "Die Frau des Nobelpreisträgers" endlich alles gut werden: Glenn Close war klare Favoritin, sie gewann die meisten wichtigen Preise der Awards Season 2018/2019 inklusive des Golden Globes – und unterlag doch bei den OSCARs überraschend Olivia Colman. So sehr ich der vor allem aus hochwertigen TV-Serien bekannten Britin den Academy Award für ihre leidenschaftliche und mutige Darstellung der kränkelnden Queen Anne in Yorgos Lanthimos' satirischem Geniestreich "The Favourite" gönne: Nach der Sichtung von "Die Frau des Nobelpreisträgers"  muß ich sagen, daß die falsche Schauspielerin ausgezeichnet wurde. Denn Closes Darbietung in Björn L. Runges schwedisch-amerikanischer Adaption eines Romans von Meg Wolitzer ist schlichtweg atemberaubend und sie hebt ein gut geschriebenes, aber doch recht konventionell inszeniertes, kammerspielhaftes Charakterdrama auf eine höhere Ebene!
Bereits in den ersten Minuten wird die Klasse von Closes Darbietung offenbar. Als am frühen Morgen der ersehnte Anruf aus Stockholm kommt, hört Joan am zweiten Apparat mit, wie ihr Gatte über den Gewinn des Nobelpreises informiert wird – und während sich Joan zunächst aufrichtig mitfreut, verändert sich ihre Reaktion ganz subtil, als der Vertreter des Nobelkomitees die Begründung für die Auszeichnung vorliest: Ihre Gesichtszüge versteinern plötzlich – nur ein kleines bißchen, aber für den aufmerksamen Zuschauer doch unverkennbar –, und die Freude wird von etwas durchzogen, was Melancholie sein kann, Wehmut, vielleicht auch Verbitterung. Diese Interpretation bleibt zunächst offen, da uns schlicht die nötigen Informationen fehlen, um Joans Gefühle passend einordnen zu können; eines allerdings ist ab diesem schauspielerisch außerordentlichen Moment klar: Es geht hier etwas vor, von dem wir noch nicht wissen, und es muß mit Joans Anteil an Joes Arbeit zu tun haben – ob es nun um konkrete Schreibarbeiten geht oder eher um die ideelle und praktische Unterstützung im Hintergrund, indem sie sich um alles gekümmert hat. Im Lauf der gut eineinhalb Stunden, so viel kann ich verraten, werden wir einige Erkenntnisse zu dieser Frage erhalten, doch bis dahin bleibt uns Rätselraten sowie die Interpretation der vielen Hinweise, die wir durch Gespräche, Gesten und Mimik der handelnden Personen erhalten. Dabei fungiert der von Christian Slater routiniert charismatisch bis schleimig verkörperte Nathanial durch hartnäckige bis impertinente Nachfragen quasi als Multiplikator, der die Geschehnisse immer wieder vorantreibt und beschleunigt und besonders mit Joan einige wunderbar intensive Momente teilt.
Um ehrlich zu sein, hatte ich angesichts der Prämisse und des Trailers befürchtet, "Die Frau des Nobelpreisträgers" würde letztlich in 90 Minuten voller (zweifellos erstklassig gespieltem) Gestreite und unangenehmer Momente mit Fremdschämpotential ausarten, doch zum Glück ist das nicht der Fall. Zwar gibt es selbstredend einige emotionale Auseinandersetzungen und nicht wenig passiv-agressives Verhalten vor allem von Joan und (da eher aggressiv) Sohn David, aber das nimmt niemals überhand und ist zudem von der Drehbuch-Autorin Jane Anderson ("Ein amerikanischer Quilt") – die im Vergleich zur Romanvorlage vor allem Davids Rolle klar ausbaute – so gut und überzeugend geschrieben, daß man jederzeit gerne zuschaut. Es zahlt sich ebenso aus, daß man mit dem Schweden Björn L. Runge einen Regisseur auswählte, der vorwiegend an den Theaterbühnen tätig ist, denn "Die Frau des Nobelpreisträgers" ist letztlich ein Kammerspiel mit wenigen Schauplätzen und in erster Linie klassisches Schauspielerkino. Und Runge versteht es ausgezeichnet, seine Akteure mit etlichen ausführlichen Nahaufnahmen ins bestmögliche Bild zu setzen, wobei das naturgemäß bei einem Kaliber wie Glenn Close nicht gar so schwierig sein dürfte. Dennoch darf Close die Szenerie nicht dominieren, damit der Film funktioniert, und so ist es wichtig, daß man mit dem routinierten, selbst theatererfahrenen Briten Jonathan Pryce einen Mann als Closes Widerpart gefunden hat, der ihr schauspielerisch gewachsen ist und zudem wunderbar mit ihr harmoniert.
Das alte Ehepaar, dessen Beziehung voller Liebe, aber auch voller aufgestauter Frustration und Vorwürfe ist, nimmt man Close und Pryce jederzeit ab, ein glaubwürdigeres Leinwand-Ehepaar kann man sich in der Tat kaum vorstellen. Und so selbstsicher und charmant (am Rande der Selbstverliebtheit) Pryce als Joe öffentlich auftritt, kontrastiert er auch noch perfekt mit Closes eher schüchterner, zurückhaltender Joan, was deren Gefühlsaufruhr nur umso glaubwürdiger wirken läßt. Für etwas Abwechslung in der Handlung sorgen gelegentliche Rückblenden in die 1950er und 1960er Jahre, also jene Zeit, in der der junge, verheiratete Dozent Joe (Harry Lloyd, "Die Entdeckung der Unendlichkeit") und seine ambitionierte Studentin Joan (Annie Starke in ihrem Filmdebüt, abgesehen von einer Statistenrolle in "Albert Nobbs" – mit Glenn Close in der Hauptrolle) sich kennen und lieben lernten. Tatsächlich dienen diese Rückblenden aber nicht nur der Auflockerung, sondern vermitteln dem Publikum wichtige Hintergrundinformationen über diese starken Persönlichkeiten und darüber, warum Joan das Schreiben überhaupt aufgab (das hat viel mit der von "Downton Abbey"-Star Elizabeth McGovern in einem kurzen Gastauftritt verkörperten Schriftstellerin Elaine Mozell zu tun). Die Handlung entwickelt sich derweil relativ vorhersehbar, ohne langweilig zu werden, wobei das wie gesagt in erster Linie den grandiosen Schauspielern zu verdanken ist. Nur mit dem Ende, ohne es spoilern zu wollen, bin ich nicht wirklich zufrieden, denn es fühlt sich ein Stück weit … vielleicht nicht direkt feige an, aber auf jeden Fall ist es sehr bequem und liefert eine simple Auflösung für die angestauten Konflikte, die dem Rest der Handlung meines Erachtens nicht gerecht wird. Das ändert nichts daran, daß "Die Frau des Nobelpreisträgers" vor allem für Bewunderer großartiger Schauspielkunst absolut sehenswert ist, es führt aber definitiv zu Abzügen in der B-Note.

Fazit: "Die Frau des Nobelpreisträgers" ist ein intensives, gut geschriebenes und konstruiertes Charakter- und Ehedrama, dessen größter Trumpf die meisterhafte, OSCAR-würdige Leistung von Hauptdarstellerin Glenn Close ist.

Wertung: 7,5 Punkte.


"Die Frau des Nobelpreisträgers" erscheint am 10. Mai 2019 von capelight pictures auf DVD und Blu-ray, Herzstück des Bonusmaterials ist ein halbstündiges Featurette mit informativen Interviews mit Besetzung und Crew. Eine Rezensionsmöglichkeit wurde mir freundlicherweise von capelight pictures zur Verfügung gestellt.


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Screenshots: © capelight pictures

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