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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 14. Januar 2015

DIE ENTDECKUNG DER UNENDLICHKEIT (2014)

Originaltitel: The Theory of Everything
Regie: James Marsh, Drehbuch: Anthony McCarten, Musik: Jóhann Jóhannssen
Darsteller: Eddie Redmayne, Felicity Jones, David Thewlis, Charlie Cox, Maxine Peak, Harry Lloyd, Simon McBurney, Emily Watson, Adam Godley, Christian McKay
 The Theory of Everything
(2014) on IMDb Rotten Tomatoes: 79% (7,3); weltweites Einspielergebnis: $123,7 Mio.
FSK: 0, Dauer: 123 Minuten.

Cambridge, 1960er Jahre: Ein junger Physiker namens Stephen Hawking (Eddie Redmayne, "Les Misérables") ist Doktorand an der Universität – er ist ob seines brillanten Geistes hoch angesehen und hat in Prof. Sciama (David Thewlis, "Gefährten") einen wohlmeinenden Mentor. Stephens Problem: Er kann sich einfach nicht für ein Dissertations-Thema entscheiden. Erst als Prof. Sciama ihn zu einem Vortrag des renommierten Mathematikers und Physikers Roger Penrose (Christian McKay, "Rush") mitnimmt, erhält er die entscheidende Inspiration: Er will eine Gleichung finden, die das Universum und seine Entstehung erklärt! Das ausgesprochen ehrgeizige Vorhaben ist jedoch nicht alles, was in Stephens Kopf herumschwirrt, denn er hat sich in die hübsche Literaturstudentin Jane Wilde (Felicity Jones, "In guten Händen") verliebt, die seine Gefühle durchaus erwidert. Es könnte also kaum besser laufen für den ambitionierten, aber etwas tollpatschigen Nachwuchs-Wissenschaftler, bis er eines Tages auf dem Campus böse stürzt. Die anschließenden Untersuchungen im Krankenhaus ergeben, daß Stephen an einer seltenen und unheilbaren Krankheit leidet, die fast alle Muskelfunktionen des Körpers immer stärker schädigt, bis er irgendwann fast vollständig gelähmt sein wird – wobei er solange wahrscheinlich sowieso nicht leben wird, denn Stephens Lebenserwartung schätzen die Ärzte auf zwei Jahre. Stephen denkt jedoch gar nicht daran aufzugeben, auch Jane steht zu ihm und heiratet ihn, bereits wenig später werden sie erstmals Eltern. Doch die Krankheit und Stephens ungebrochener wissenschaftlicher Ehrgeiz belasten die Ehe zunehmend …

Kritik:
Um ein wichtiges Fakt gleich aus dem Weg zu räumen: Im Zentrum von "Die Entdeckung der Unendlichkeit" steht nicht Stephen Hawkings wissenschaftliches Wirken – dieses wird zwar natürlich nicht komplett außen vor gelassen, jedoch eher beiläufig und oberflächlich behandelt. Stattdessen konzentriert sich Autor Anthony McCarten ("Am Ende eines viel zu kurzen Tages") vor allem auf Hawkings Umgang mit seiner unheilbaren Krankheit sowie auf die Beziehung zu seiner ersten Ehefrau Jane – was insofern nicht überraschend ist, als McCartens Drehbuch ausdrücklich auf Jane Hawkings Autobiographie basiert. Daraus hat Regisseur James Marsh ("Man on Wire") eine stilvolle und teilweise sehr bewegende Liebesgeschichte gemacht, die von zwei herausragenden Hauptdarstellern getragen wird. Dennoch bin ich sicher nicht der einzige, der es schade findet, daß Hawkings berufliche Leistungen ziemlich kurz kommen. In dieser Hinsicht ist der 2004 veröffentlichte und ebenfalls sehr gelungene TV-Film "Hawking – Die Suche nach dem Anfang der Zeit" mit dem damals noch kaum bekannten Benedict "Sherlock" Cumberbatch in der Titelrolle stärker zu empfehlen. Wer einfach nur einen guten, gefühlvollen Film sehen will, der dürfte mit "Die Entdeckung der Unendlichkeit" ebenso glücklich werden.

Obwohl Hawkings wissenschaftlichen Leistungen also nur eine Nebenrolle zukommt, sorgen sie doch immerhin für die wenigen Ausbrüche aus der doch recht großen dramaturgischen Konventionalität des Films. Speziell Hawkings Inspirationen (die u.a. mit dem Sternenhimmel zu tun haben) für einige seiner bahnbrechenden Theorien werden mehrmals in elegant gefilmten und hinreichend innovativen Sequenzen verbildlicht, die einfach nur schön anzuschauen sind. Davon abgesehen folgt die Handlung relativ phantasielos den von der Realität vorgegebenen Lebensstationen des jungen Stephen Hawking. Das ist alles andere als bahnbrechend, aber das braucht es auch gar nicht zu sein – schließlich gibt es da ja Eddie Redmayne und Felicity Jones, deren ebenso leidenschaftliches wie nuanciertes Spiel den Film problemlos trägt.

In der Öffentlichkeit erfährt naheliegenderweise vor allem Eddie Redmayne großes Lob für seine Darstellung des Stephen Hawking, die in der Tat ganz ausgezeichnet ist. Aber natürlich ist seine Rolle auch etwas "spektakulärer", schließlich muß Redmayne die einzelnen Stadien von Hawkings Krankheit, die schleichende, aber unübersehbare Verschlechterung seines Zustands glaubwürdig rüberbringen und darf dafür immer weniger Gestik und Mimik verwenden (weil dies die Krankheit eben nicht zuläßt). Dafür, daß ihm dies vortrefflich und frei von Übertreibungen gelingt, hat sich Redmayne seinen ersten OSCAR wahrlich verdient. Dennoch: Ich finde Felicity Jones' Leistung als Jane Wilde/Hawking sogar noch etwas beeindruckender! Die Möglichkeiten, die Janes zu ihrem Ehemann fast gleichberechtigte Stellung innerhalb dieses Films ihr bietet, nutzt Jones zu einer Weltklasse-Performance aus. Es fällt nicht schwer nachzuvollziehen, warum Stephen sich auf den ersten Blick in die Studentin verliebt, die eher der Typ "nettes hübsches Mädchen von nebenan" als eine klassische Schönheit ist, aber mit Charme und Gutherzigkeit begeistert. In der relativ kurzen glücklichen, sorgenfreien Zeit mit Stephen strahlt sie vor Glück, nach der Diagnose seiner Krankheit wird sie ohne Aufhebens zur moralischen Stütze des jungen Wissenschaftlers. Selbst als sie im Alltag eher Krankenpflegerin als Ehefrau ist (und sich zusätzlich ganz allein um die Kinder kümmern muß), trägt sie diese Last mit Würde – doch gleichzeitig gelingt es Jones, die zunehmende Bekümmerung Janes greifbar zu machen, die ihre eigenen Ambitionen für ihren Mann geopfert hat und irgendwann kurz vor dem Zusammenbruch steht. Alles zusammengenommen ist das schlicht eine fulminante Darstellung durch Felicity Jones, die ihr in der Zukunft mit Sicherheit viele große Rollenangebote einbringen wird.

Doch Regisseur James Marsh verläßt sich etwas zu sehr auf die Darbietungen seiner beiden Hauptdarsteller und vernachlässigt darob einige andere Punkte. Ein kleineres Problem ist, daß die Nebenfiguren so blaß bleiben, daß man sich von den meisten kaum den Namen merken kann – lediglich David Thewlis als Stephens stets hilfsbereiter Mentor Dennis Sciama bleibt einigermaßen im Gedächtnis. In dieser Hinsicht wäre viel mehr möglich gewesen, aber weil Redmayne und Jones die zentralen Rollen so hervorragend verkörpern, läßt sich dieses Manko verschmerzen. Deutlich ärgerlicher ist da schon ein erheblicher Mangel an Subtilität in Marshs Erzählweise. Immer dann, wenn eine größere Veränderung im Leben der beiden Protagonisten bevorsteht (z.B. erste Eheprobleme oder die Einführung eines verwitweten Chorleiters, der Stephen und Jane hilft), dann setzt Marsh das so auffällig und plakativ in Szene, daß den Zuschauern kaum verborgen bleiben kann, daß sich hier gerade etwas Wichtiges ankündigt. Letztlich spoilert sich der Film auf diese Weise selbst und das nervt einfach.

Manche Zuschauer könnte vielleicht auch stören, daß "Die Entdeckung der Unendlichkeit" alles in allem etwas konfliktscheu wirkt und selbst ernsthafte Auseinandersetzungen, die man völlig problemlos zu längeren Episoden aufbauschen könnte, sehr kurz und weitgehend schmerzlos abhandelt. Mir gefällt diese Vorgehensweise allerdings; ich ärgere mich sowieso häufig darüber, daß Filme allzu offensichtlich Konflikte nur deshalb konstruieren, weil jemand (ob nun Autor, Regisseur oder Produzent) offenbar der Meinung ist, das gehöre einfach dazu und verhindere Langeweile beim Publikum. Finde ich absolut nicht. Warum soll selbst ein dem Drama-Genre zugehöriger Film wie dieser nicht auch dann gut unterhalten können, wenn er sich auf das Positive konzentriert und eine betont harmonische Erzählweise verfolgt? "Die Entdeckung der Unendlichkeit" zeigt, daß das sehr wohl geht, auch wenn es womöglich nicht jedem gefällt. Übrigens möchte ich auch noch anmerken, daß das Drehbuch keineswegs frei von Humor ist, vielmehr gibt es sogar überraschend viel zum Lachen oder Schmunzeln – inklusive mindestens zweier witziger "Doctor Who"-Anspielungen (von denen eine in der deutschen Synchronfassung allerdings durch die Übersetzung etwas vermasselt wird). Doch letztlich erzählt James Marsh eine besondere Liebesgeschichte, hörenswert untermalt durch die einfühlsame und melodische Musik des isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson ("Prisoners"), die meist von Klavier und Streichern dominiert wird.

Fazit: "Die Entdeckung der Unendlichkeit" ist eine Kombination aus Wissenschaftler-Biopic und durch Hawkings schwere Krankheit beeinträchtigte Liebesgeschichte, die einen dank der beiden herausragend guten Hauptdarsteller und einer jederzeit sensiblen und geschmackvollen – wenngleich für manchen Geschmack vielleicht ein wenig zu konfliktscheuen – Inszenierung beschwingt aus dem Kinosaal gehen läßt.

Wertung: 8 Punkte.


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