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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 28. Februar 2017

SWISS ARMY MAN (2016)

Regie und Drehbuch: Daniel Scheinert und Daniel Kwan, Musik: Andy Hull, Robert McDowell
Darsteller: Paul Dano, Daniel Radcliffe, Mary Elizabeth Winstead, Antonia Ribero, Andy Hull, Richard Gross, Timothy Eulich, Aaron Marshall, Marika Casteel, Shane Carruth
 Swiss Army Man
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 69% (6,6); weltweites Einspielergebnis: $4,9 Mio.
FSK: 12, Dauer: 97 Minuten.
Hank (Paul Dano, "Ewige Jugend"), einsamer Schiffbrüchiger auf einer Insel, ist gerade dabei, sich selbst zu erhängen, als er am Strand einen leblosen Körper (Daniel Radcliffe, "Die Frau in Schwarz") entdeckt. Dummerweise ist der nicht nur leblos, sondern mausetot, wenngleich er noch, ähm, Geräusche von sich gibt, da die Gase aus seinem verwesenden Körper entweichen. In seiner Einsamkeit und Verzweiflung reicht das für Hank völlig aus, um ihm so etwas wie Hoffnung zu geben. Die Selbstmordgedanken sind zunächst einmal ad acta gelegt, zumal Hank schnell feststellt, daß sich die fröhlich vor sich hinpupsende Leiche sehr vielseitig einsetzen läßt, beinahe wie ein menschliches Schweizer Offiziersmesser. So schleppt Hank die Leiche mühsam überall mit sich hin – die fängt dann auch noch an, mit Hank zu sprechen und stellt sich als Manny vor …

Kritik:
Als "Swiss Army Man" im Januar 2016 auf dem Sundance Film Festival seine Weltpremiere feierte, verließen nicht wenige Zuschauer nach wenigen Minuten angewidert die Vorstellung. Das finde ich zwar ein bißchen übertrieben, aber ein Stück weit kann ich es nachvollziehen. Immerhin wird alleine in der ersten Viertelstunde schätzungsweise in etwa so oft und ausgiebig gefurzt wie in fünf Adam Sandler-Komödien zusammen – und das will was heißen! Andererseits kann man aber bereits in dieser frühen Phase erkennen, daß gewaltige Unterschiede zwischen typischen, anspruchslosen Hollywood-"Lowbrow"-Komödien und "Swiss Army Man" bestehen, denn hier ist das Ganze so übertrieben und charmant-skurril in Szene gesetzt – zudem mit wirklich amüsanten Toneffekten –, daß das Groteske der Handlung früh verdeutlicht wird, die mit der unweigerlichen Frage des Publikums spielt, ob Hank phantasiert oder das alles wider jede Wahrscheinlichkeit doch tatsächlich geschieht. Und glücklicherweise läßt das mit dem Gepupse dann auch deutlich nach, sobald Leiche Manny zu sprechen beginnt …
Ja, Manny ist wirklich talentiert für einen Leichnam, das muß man neidlos anerkennen. Im Lauf der eineinhalb Stunden nutzt Hank ihn unter anderem als Jetski mit patentiertem Pups-Motor, als hygienisch vollkommen unbedenklichen Wasserspender, als Kompaß (mittels eines, ähem, hervorstechenden Körperteils), als Schußwaffe sowie eine herrlich absurde Szene! als Axt. Seien wir ehrlich: Es gibt lebende Menschen, die sind weitaus weniger nützlich als dieses Leichnam gewordene Schweizer Taschenmesser! Doch obwohl die unkonventionelle Bromance zwischen Hank und Manny für zahlreiche amüsante Momente sorgt und Mannys selbstbewußt immer übertriebener und unglaubwürdiger inszenierte Verwendung als Allzweck-Werkzeug auch als Folge der einfallsreichen akustischen und visuellen Umsetzung etliche Lacher generiert, ist "Swiss Army Man" keine reine Komödie, sondern eher eine tragikomische Groteske. Natürlich sind sowohl Hank als auch Manny bedauernswerte Gestalten. Bei Manny ist das Hauptproblem offensichtlich (er ist tot), bei Hank ist die Sache vielschichtiger. Da Hank seinen neuen besten Freund – der unter Amnesie leidet und dem deshalb selbst elementare Züge des Menschseins erklärt werden müssen – auch als eine Art Psychiater mißbraucht, erfahren wir nach und nach einiges über sein früheres Leben. Und das war auch nicht viel weniger einsam als es jetzt nach seinem Schiffbruch der Fall ist.
Tatsächlich entwickeln sich durch Mannys naive Fragen und Hanks Versuche, seinem Freund das Menschsein zu erklären, mitunter erstaunlich tiefgehende, beinahe schon philosophisch zu nennende Diskussionen, zudem wird Hank auf diese Weise dazu gezwungen, sein eigenes Verhalten in der Zivilisation kritisch zu reflektieren. Da ist es dann auch passend, daß Mannys Herz durch Liebe wieder zum Schlagen gebracht wird – als er auf Hanks nutzlosem Handy das Foto einer schönen jungen Frau (Mary Elizabeth Winstead, "10 Cloverfield Lane") erblickt, läßt der ihn im Glauben, daß sie Mannys Freundin ist –, die Emotionen gleichzeitig aber auch seine unglaublichen Fähigkeiten beeinträchtigen. Ganz ähnlich erging es Hank stets, besonders in Liebesdingen war er immer eine Niete und ganz generell hatte er so seine Probleme, sich den Zwängen und Konventionen der Zivilisation anzupassen. Alles in allem hält das Regieduo Kwan und Scheinert gekonnt die Balance zwischen komischen und ernsten Szenen, wenngleich sich die aberwitzige Prämisse der Story im Verlauf doch etwas abnutzt und der groteske Humor im letzten Filmdrittel für meinen Geschmack zu kurz kommt – dafür mündet jedoch alles in ein für diesen unangepaßten Film wunderbar passendes, beinahe märchenhaftes Finale.
Großes Lob gebührt den Hauptdarstellern Paul Dano und Daniel Radcliffe, die das (über weite Strecken) Zwei-Personen-Stück bravourös auf ihren doch eher schmalen Schultern tragen und ihre zwischen tragischen und komischen Extremen wechselnden, in eine betont unrealistische Handlung eingebetteten Rollen bemerkenswert authentisch darstellen. Vor allem Radcliffe zeigt sich absolut unerschrocken, dafür beeindruckt Dano damit, daß er immer wieder Hanks große Verletzlichkeit durchscheinen läßt. Beide singen auch (u.a. das "Jurassic Park"-Theme), womit wir bei einer weiteren großen Stärke des Films wären: Die Absurdität von "Swiss Army Man" wird perfekt unterstrichen durch die a cappella-lastigen und ungewöhnlichen, mal verträumten, mal verspielten, aber immer irgendwie schrägen und emotionalen Songs von Robert McDowell und Andy Hull, zwei Mitgliedern der amerikanischen Indierock-Band "Manchester Orchestra". "Swiss Army Man" ist nicht perfekt und bedient ganz bestimmt nicht den Mainstream-Markt, aber wer auf der Suche nach etwas Besonderem ist, der sollte dem Film von Daniel Kwan und Daniel Scheinert definitiv eine Chance geben!

Fazit: "Swiss Army Man" ist eine schrullige, tragikomische und sehr originelle Groteske über die wundersame Freundschaft zwischen einem Mann und einer Leiche (sowas schreibt man auch nicht jeden Tag …).

Wertung: 7,5 Punkte.

"Swiss Army Man" ist von capelight pictures ab sofort auf DVD und Blu-ray erhältlich (sowie als "Limited Collector's Edition", die neben DVD und Blu-ray noch den exzellenten Soundtrack auf CD enthält), mir wurde freundlicherweise eine Rezensionsmöglichkeit zur Verfügung gestellt.

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