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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 17. Januar 2017

ALLIED – VERTRAUTE FREMDE (2016)

Regie: Robert Zemeckis, Drehbuch: Steven Knight, Musik: Alan Silvestri
Darsteller: Brad Pitt, Marion Cotillard, Jared Harris, Simon McBurney, Lizzy Kaplan, Matthew Goode, Daniel Betts, August Diehl, Josh Dylan, Anton Lesser
 Allied: Vertraute Fremde
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 61% (6,2); weltweites Einspielergebnis: $119,5 Mio.
FSK: 12, Dauer: 125 Minuten.

Casablanca, 1942: Der gerade vor Ort eingetroffene kanadische Nachrichtenoffizier Max Vatan (Brad Pitt, "Herz aus Stahl") soll gemeinsam mit der nach der Auslöschung ihrer Gruppe aus Paris geflohenen französischen Widerstandskämpferin Marianne Beauséjour (Marion Cotillard, "Macbeth") den deutschen Botschafter töten. Während sich die beiden als zum Vichy-Regime loyales Ehepaar ausgeben, um nah genug an den Botschafter heranzukommen, verlieben sie sich Hals über Kopf ineinander. Und so sorgt Max nach dem Abschluß ihrer Mission dafür, daß Marianne zu seinem neuen Einsatzort London einreisen darf, worauf sie heiraten und ein Kind bekommen. Dann wird Max allerdings über den Verdacht der Spionageabwehr informiert, daß Marianne in Wirklichkeit eine deutsche Doppelagentin ist. Um den Verdacht zu bestätigen oder auszuräumen, wird Marianne eine Falle gestellt – während Max auf eigene Faust verzweifelt versucht, die Wahrheit über die große Liebe seines Lebens herauszufinden …

Kritik:
Nein, so hatte sich Starregisseur Robert Zemeckis ("Zurück in die Zukunft", "Forrest Gump") seine Rückkehr zum Realfilm nach einer Dekade, in der er sich auf kommerziell erfolgreiche, aber qualitativ nur bedingt überzeugende Animationsfilme ("Der Polarexpress", "Beowulf", "Eine Weihnachtsgeschichte") konzentrierte, sicher nicht vorgestellt: Nachdem das Drama "Flight" dank niedriger Produktionskosten noch ein recht schöner Erfolg war, scheiterte "The Walk" trotz hoher Qualität ziemlich krachend an den globalen Kinokassen. Und nun liefert er mit dem romantischen Kriegsdrama "Allied – Vertraute Fremde" bereits seinen zweiten Flop in Folge ab, der auch noch zu den schwächsten Filmen seiner glanzvollen Karriere zählt. Dabei war die Idee einer modernen "Casablanca"-Hommage durchaus reizvoll, schließlich werden solche Filme – aus Sicht eines Cineasten: leider – schon lange nicht mehr gedreht. Unglücklicherweise hat "Allied" trotz etlicher handwerklicher Stärken zu viele schwerwiegende Mängel, um überzeugen zu können.

Genau genommen hat "Allied" hat zwei große, grundlegende Probleme: Erstens liefert die laut Drehbuch-Autor Steven Knight ("Tödliche Versprechen", TV-Serie "Peaky Blinders") auf wahren Geschehnissen basierende Geschichte einfach nicht genügend Substanz für ein zweistündiges Hochglanz-Kinoepos, zumal – und das ist ein echter Kardinalfehler – die beiden Protagonisten ab dem zweiten Filmdrittel fast zu besseren Statisten verkommen, die weitgehend zu Passivität gezwungen sind. Bei Max versucht das Knight zwar durch einige arg aktionistisch wirkende detektivische Taten zu überspielen, aber gerade Marianne hat fast gar nichts mehr zu tun, was umso ärgerlicher ist, als Marion Cotillard ihre ambivalente Rolle viel einnehmender verkörpert als Brad Pitt den eher eindimensionalen Max. Es ist einfach so, daß nicht jede interessante historische Randnotiz – so dramatisch die Geschehnisse für die realen Vorbilder auch gewesen sein mögen automatisch einen guten Filmstoff ergibt. Und zweitens gelingt es Zemeckis und seinen Stars nicht, die ach so epische zentrale Liebesgeschichte glaubwürdig rüberzubringen. Dafür mangelt es dem Skript an Raffinesse und dem Darsteller-Gespann an Chemie. Gerade im ersten Filmakt in Marokko – wo sich der Vergleich mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman in Michael Curtiz' "Casablanca" natürlich besonders aufdrängt – bleiben die sich doch angeblich so schnell und stark entwickelnden Gefühle zwischen Max und Marianne eine Behauptung, sie ergeben sich nicht harmonisch aus der Handlung und aus dem Verhalten der Figuren heraus. Speziell Pitt tut sich erstaunlich schwer, an die Ausstrahlung eines Humphrey Bogart reicht er bei weitem nicht heran (auch wenn er keineswegs schlecht spielt); hingegen ist Cotillard mit Charisma und geheimnisvoller Aura der eindeutige Star des Films.

Ein nicht ganz so großes, aber gleichfalls nicht zu unterschätzendes Manko ist das Fehlen spannender Nebenfiguren. Wenn schon die eigentlichen Protagonisten zwei Drittel des Films über wenig bis nichts zu tun bekommen, dann müßte man das wenigstens mit interessanten Nebenfiguren kompensieren. Doch die bleiben fast ausnahmslos blaß, speziell Lizzy Caplan ("Die Unfaßbaren 2") als Max' lesbische Schwester hat eigentlich keinerlei Bedeutung für die Handlung, auch Jared Harris ("Pompeii") als Max' Freund und Vorgesetzter, Simon McBurney ("Mission: Impossible – Rogue Nation") als gegen Marianne ermittlender Geheimdienstoffizier oder Matthew Goode ("Stoker") als Mariannes leidgeprüfter früherer Kontaktmann bekommen viel zu wenig zu tun, um allzu positiv im Gedächtnis zu bleiben. Zumindest die bedrückende Kriegsatmosphäre bekommt Zemeckis in London besser vermittelt als es zuvor in Casablanca der Fall war, wo "Allied" kein Vergleich ist zur fiebrigen, hektischen, von permanenter latenter Gefahr durchzogenen Stimmung, die Curtiz einst so meisterhaft in "Casablanca" erzeugte. In "Allied" sorgen in London die durchaus beklemmend (jedoch wie der gesamte Film weitgehend unblutig) und mit ein paar erinnerungswürdigen Sequenzen dargestellten ständigen Luftangriffe der Nazis und die überzeugend in Szene gesetzten verzweifelten Versuche der Zivilbevölkerung, die beständige Todesangst durch wildes, trotziges Feiern zu übertünchen, dafür, daß man sich tatsächlich ein Stück weit in die Haut der handelnden Figuren hineinversetzen kann.

An der mangelnden emotionalen Verbindung zu dem in immer größere Turbulenzen geratenden Paar Max und Marianne ändert das freilich nicht viel, weshalb die zunehmende Dramatik des Handlungsverlaufs auch nicht die gewünschte Wirkung erzielt. Vielmehr lenken Max' hektische Versuche, die Unschuld seiner Frau zu beweisen, sogar eher von dem Verhältnis zwischen ihm und Marianne ab, das eigentlich den Kern der Geschichte bildet und deshalb auch noch stärker im Fokus des Films stehen sollte. Daß der vom Geheimdienst angezettelte Gesinnungstest für Marianne doch ziemlich leicht manipulierbar erscheint, ist auch nicht unbedingt hilfreich (auf die Schnelle konnte ich nicht herausfinden, wie historisch akkurat das gezeigte Vorgehen ist – ich vermute, es handelt sich um eine simplifizierte Form des tatsächlichen Vorgangs). Angesichts dieser dramaturgischen Probleme kann am Ende selbst der für sich genommen stark in Szene gesetzte und hochemotionale Showdown – wie in "Casablanca" auf einem Flugfeld stattfindend – nicht mehr allzu viel retten.

Fazit: Das romantische Kriegsdrama "Allied – Vertraute Fremde" ist ein Film der verschenkten Möglichkeiten – elegant inszeniert, gut aussehend und mit einer wie so oft stark aufspielenden Marion Cotillard, jedoch mit zu oberflächlicher Figurenzeichnung und erzählerisch bestenfalls Mittelmaß.

Wertung: 5,5 Punkte.


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