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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 10. November 2016

KUBO – DER TAPFERE SAMURAI (3D, 2016)

Originaltitel: Kubo and the Two Strings
Regie: Travis Knight, Drehbuch: Marc Haimes und Chris Butler, Musik: Dario Marianelli
Sprecher der Originalfassung: Art Parkinson, Charlize Theron, Matthew McConaughey, Ralph Fiennes, George Takei, Cary-Hiroyuki Tagawa, Rooney Mara
Sprecher der deutschen Synchronfassung: Ben Hadad, Nana Spier, Benjamin Völz, Joachim Tennstedt, Wolfgang Condrus, Stefan Bräuler, Katrin Fröhlich
 Kubo: Der tapfere Samurai
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 97% (8,4); weltweites Einspielergebnis: $69,9 Mio.
FSK: 6, Dauer: 102 Minuten.

Der kleine, einäugige Kubo lebt im antiken Japan mit seiner psychisch schwer angeschlagenen Mutter Sariatu in einer Höhle auf den Klippen nahe eines Dorfs. Während Sariatu die meiste Zeit damit verbringt, in die Luft zu starren, verdient Kubo Geld als Geschichtenerzähler im Dorf – denn von seiner Mutter hat er das magische Talent geerbt, Geschichten durch "lebende" Origami-Figuren zum Leben erwecken zu können. Laut Sariatu war Kubos Vater Hanzo – der Held all seiner Erzählungen – ein mächtiger Samurai, der von Kubos bösem Großvater, dem Mondkönig, und seinen beiden Tanten getötet wurde. Diese sollen auch Kubos Auge geraubt haben und immer noch auf der Suche nach ihm sein, weshalb der Junge sich keinesfalls nach Sonnenuntergang im Freien aufhalten darf. Kubo glaubt das alles nicht so richtig, doch als er eines Tages tatsächlich zu spät aus dem Dorf in die Höhle zurückkehrt, wird er prompt von seinen zaubermächtigen Häscherinnen gefunden. Mit ihrer Magie bringt Sariatu Kubo im letzten Moment in Sicherheit, der nun drei mächtige Artefakte finden muß, um sein Leben auf Dauer zu retten. Unterstützung erhält er von einem kleinen Origami-Hanzo, dem auf magische Weise zum Leben erweckten Affen-Talisman Monkey und dem mannsgroßen Käfer Beetle, der sein Gedächtnis verloren hat, aber glaubt, einst Samurai in Hanzos Diensten gewesen zu sein …

Kritik:
Wer an Animationsfilm-Studios denkt, dem wird im Normalfall vermutlich zunächst Disney oder Pixar in den Sinn kommen, vielleicht auch noch das japanische Studio Ghibli ("Chihiros Reise ins Zauberland", "Wie der Wind sich hebt") oder die britischen Aardman Studios mit ihren Knetgummi-Wunderwerken ("Wallace & Gromit", "Shaun das Schaf"). Das auf Stop Motion-Animation spezialisierte amerikanische Unternehmen Laika läuft dagegen immer noch ziemlich unter dem Radar, obwohl es mit Tim Burtons "Corpse Bride", Henry Selicks Neil Gaiman-Adaption "Coraline", dem Halloween-Gruselspaß "ParaNorman" und der Kinderbuch-Verfilmung "Die Boxtrolls" ein durchaus eindrucksvolles Werk vorzuweisen hat. Den bisherigen qualitativen Höhepunkt von Laikas Schaffen stellt "Kubo – Der tapfere Samurai" dar, ein anspruchsvoller, dabei detailverliebter sowie phantasie- und liebevoll erzählter 3D-Coming of Age-Film unter den erschwerten Bedingungen einer japanischen Fantasygeschichte, der technisch schlicht brillant umgesetzt wurde.

Für diejenigen, die sich mit den Fachbegriffen nicht so gut auskennen, eine kurze Erläuterung: Stop-Motion bedeutet, daß alle Szenerien und Figuren vor dem Filmen von Hand gefertigt und aufgestellt werden, die Bewegung ergibt sich daraus, daß Tausende von Einzelbildern mit meist nur minimalen Veränderungen (etwa eine Kopfbewegung) im Idealfall nahtlos aneinandergereiht werden. Das ist ungeheuer aufwendig und fehleranfällig und verschlingt daher ein Vielfaches der Zeit, die man für einen computergenerierten Animationsfilm á la Pixar aufbringen muß. Umso bemerkenswerter ist die Stop-Motion-Qualität von "Kubo", die sich ohne Übertreibung nahe an der Perfektion bewegt – nur in wenigen Situationen (speziell Großaufnahmen) merkt man den Bewegungsabläufen überhaupt an, daß es sich immer noch um Stop-Motion handelt. Dennoch büßt "Kubo" wundersamerweise nicht jenen schwer zu beschreibenden altmodischen Charme ein, der mit der altbewährten Technik einhergeht und seit jeher einen großen Vorteil gegenüber am Computer erzeugten Animationsfilmen darstellt (deren Figuren bzw. Gesichtern es meist an dem gewissen Etwas fehlt, dem, was sie einzigartig und unverkennbar macht).

Doch zum Glück erschöpft sich die Qualität von "Kubo" bei weitem nicht in der Technik. Die Story, die sich die beiden Drehbuch-Autoren Marc Haimes und Chris Butler (auf dessen Konto auch "ParaNorman" geht) ausgedacht haben, ist voller Poesie und Einfallsreichtum. Zwar gibt es im Mittelteil ein paar kleinere Längen und einige Enthüllungen im Handlungsverlauf kommen nicht wirklich überraschend, insgesamt aber wird gekonnt asiatischen Themen und Legenden Respekt gezollt, verknüpft mit der anrührenden Geschichte eines kleinen Jungen, dem schon in frühen Jahren sehr übel mitgespielt wurde – und das von Teilen seiner eigenen Familie. Der einäugige Kubo ist ein liebenswerter, tapferer Junge, der zu allen freundlich ist und mit seinem magischen Geschichtenerzähler-Talent regelmäßig für Staunen sorgt. Gleichzeitig ist er traurig, da es seiner Mutter nicht gut geht und er den Vater vermißt. Dessen Name Hanzo ist übrigens eine von zahlreichen Anspielungen auf die japanische Kultur, denn Hattori Hanzo ist einer der bekanntesten historischen Samurai, der in etlichen Filmen (u.a. Tarantinos "Kill Bill", allerdings ist er dort ein Schwertschmied in unserer Gegenwart) vorkommt – es gibt auch eine japanische Samurai-Filmreihe namens "Hanzo the Razor", die ist aber definitiv für Erwachsene und somit vermutlich eher nicht das Vorbild für den "Kubo"-Hanzo … Wie dem auch sei, Regisseur Travis Knight – der sein Debüt als Verantwortlicher hinter der Kamera gibt, nachdem er an früheren Laika-Filmen als Animator, teilweise auch als Produzent beteiligt war – läßt sich Zeit für die Einführung von Kubo und seiner Mutter sowie ihren einzigartigen Fähigkeiten, wodurch beide einem schnell ans Herz wachsen.

Doch als dann Kubos finstere Tanten (die Masken nach Art des japanischen Kabuki-Theaters tragen) auftauchen und der Junge seine aufregende Suche nach den drei Artefakten beginnt, erhöht sich das Tempo rasant. Regisseur Knight findet eine ausgezeichnete Balance zwischen humorvollen, actionreichen und gruseligen Szenen, wobei für das Amüsement meist Monkey und Beetle sorgen. Die fürsorgliche Monkey und der forsche, aber etwas tollpatschige Beetle zanken sich wie ein altes Ehepaar, was dank der gewitzten Dialoge für viele Schmunzler und Lacher wie in einer guten Hollywood-Screwball-Komödie sorgt. Die Gruselsequenzen – deren unbestrittener Höhepunkt ein riesiges Skelett ist, dessen Entstehung übrigens gegen Ende des Abspanns per Zeitraffer demonstriert wird – hingegen sorgen dafür, daß "Kubo" (wie die meisten Laika-Filme) trotz Altersfreigabe ab 6 Jahren für ganz kleine Kinder eher weniger geeignet ist. Die recht komplexe, sich sensibel mit ernsten Themen wie dem Tod nahestehender Personen befassende Handlung könnte auch bei etwas Älteren für Verständnisprobleme sorgen, dafür hat "Kubo" aber ohne jeden Zweifel für Erwachsene viel zu bieten – sowohl was die interessante Märchen-Handlung betrifft als auch die glaubhaften und unterhaltsamen Charaktere sowie die bereits ausgiebig gelobte visuelle Umsetzung. Auch die verspielte, asiatisch geprägte Musik von Dario Marianelli ("Agora") fügt sich wunderbar ein, die passend zu Kubos Instrument u.a. auf Shamisen-Klänge setzt und während des Abspanns mit einer von Marianelli ebenfalls unter Rückgriff auf das traditionelle japanische Lauteninstrument kunstvoll arrangierten und zu dem bittersüßen Tonfall des Films passende Coverversion des wehmütigen Beatles-Songs "While My Guitar Gently Weeps" endet, wunderschön und gefühlvoll vorgetragen von der Alternative-Sängerin Regina Spektor.

Ein Punkt von besonderem Interesse sind bei Animationsfilmen immer die Sprecher. Während ich normalerweise versuche, Originalfassungen zu sehen, habe ich bei "Kubo" (zwangsweise) auf die deutsche Synchronfassung zurückgegriffen – die aber erfreulicherweise sehr gelungen ist. Auf Promi-Sprecher wird dankenswerterweise komplett verzichtet, stattdessen wird teils auf die etablierten deutschen Stimmen der Originalsprecher zurückgegriffen, teilweise auch einfach auf passende Sprecher. Der 14-jährige Ben Hadad macht seine Sache als Kubo überzeugend, ansonsten liefert vor allem Matthew McConaugheys Stammsprecher Benjamin Völz als Beetle eine Glanzleistung ab, ebenso wie Nana Spier als Monkey, die hier erstmals Charlize Theron synchronisiert (ebenso wie der sonst für John Malkovich, Michael Keaton oder Jeff Bridges zuständige Joachim Tennstedt den Mondkönig-Sprecher Ralph Fiennes) – schwer vorstellbar, daß das witzige Hin und Her zwischen diesen beiden magisch beeinflußten Figuren im Original noch besser klingt. Kurz zusammengefaßt: Das ist eine Synchronfassung, die der Qualität des Films absolut gerecht wird. Bravo!

Fazit: "Kubo – Der tapfere Samurai" ist der technisch wohl beste Stop-Motion-Animationsfilm aller Zeiten, der Zuschauer fast aller Altersgruppen auch mit interessanten, charismatischen Figuren und einer poetischen, durchaus tiefgehenden Märchen-Handlung fernab klassischer Schwarzweiß-Malerei begeistert.

Wertung: 9 Punkte.


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