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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 18. Juni 2014

Klassiker-Rezension: DER LÖWE IM WINTER (1968)

Originaltitel: The Lion in Winter
Regie: Anthony Harvey, Drehbuch: James Goldman, Musik: John Barry
Darsteller: Peter O'Toole, Katharine Hepburn, Sir Anthony Hopkins, John Castle, Nigel Terry, Jane Merrow, Timothy Dalton, Nigel Stock
 The Lion in Winter
(1968) on IMDb Rotten Tomatoes: 91% (8,3); US-Einspielergebnis: $22,3 Mio.
FSK: 16, Dauer: 129 Minuten.

Weihnachten 1183: Der alternde britische König Henry II. (Peter O'Toole, "Der Sternwanderer") versammelt seine Familie auf einer französischen Burg um sich. Eine heile Familienwelt ist allerdings nicht angesagt, denn seine Ehefrau Eleanor von Aquitanien (Katharine Hepburn, "Die Nacht vor der Hochzeit") hält er seit Jahren quasi unter Hausarrest in einer englischen Burg und die noch lebenden Söhne bringen sich nach dem kürzlichen Tod ihres ältesten Bruders und designierten Thronfolgers bereits in Stellung für den Erbschaftsstreit um Henrys Krone. Der aufbrausende Richard (Sir Anthony Hopkins, "Noah") – später mit dem Beinamen "Löwenherz" bedacht – ist der älteste der drei, ein begnadeter Krieger, der seine Mutter als Unterstützerin seiner Herrschafts-Ambitionen auf seiner Seite weiß. Der naive John (Nigel Terry, "Excalibur") ist ein von seinem Vater verwöhnter Teenager, dem Henry aber die Krone überlassen will. Der mittlere Sohn Geoffrey (John Castle, "Blow Up") hat sein Talent fürs Intrigieren offenbar von der Mutter geerbt: Niemand denkt ernsthaft daran, daß er König werden könnte, und er selbst scheint es gar nicht schlecht zu finden, wenn er seine Pläne mehr oder weniger unbehelligt verfolgen kann zumal er beiden Brüdern seine Unterstützung zusichert und daher so oder so eine wichtige, privilegierte Stellung im Reich sicher haben sollte. Für die entscheidende Würze in diesem nicht wirklich bekömmlichen Familien-Cocktail sorgt die junge, schöne französische Prinzessin Alais (Jane Merrow), die aktuell Henrys Geliebte ist, aber von ihrem Halbbruder König Philip II. von Frankreich (Timothy Dalton, "The Tourist") dem Thronerben als Gemahlin versprochen wurde …

Kritik:
Normalerweise bin ich ein ziemlich großzügiger Kritiker. Ich lege nicht den allergrößten Wert auf historische Korrektheit, bei Literatur- oder Comicverfilmungen beobachte ich Abweichungen von der Originalquelle mit ehrlicher, gespannter Neugierde anstelle reflexartiger Ablehnung. Auch unglaubwürdige Verhaltensweisen oder dezente Logikfehler toleriere ich, wenn sie dem größeren Wohl des Films dienen, wobei das natürlich auch vom Genre und der generellen Machart abhängt. Kurzum: Ich bin ein großer Verfechter der künstlerischen Freiheit in fast jeder Situation. Dennoch gibt es gewisse Elemente, bei denen ich wesentlich schärfere Maßstäbe anlege, ohne das wirklich begründen zu können. Eines dieser Elemente sind Intrigen. Intrigen haben ein weit überdurchschnittliches Potential, mich entweder zu begeistern oder eben zu verärgern. Ich liebe (nicht nur in Filmen oder TV-Serien, sondern auch in Büchern) perfekt durchdachte, haargenau konstruierte und gerne möglichst perfide Ränkespiele, die einen als Zuschauer oder Leser herausfordern, penibel auf kleinste Details zu achten, um auch wirklich alle Feinheiten der Winkelzüge zu erkennen und verstehen. Es ist dabei noch nicht einmal unabdingbar, daß die Intrigen am Ende tatsächlich funktionieren – auch ein unglücklich, etwa durch einen dummen Zufall oder einen winzigen Planungsfehler gescheitertes Vorhaben kann mich in einen regelrecht enthusiastischen Zustand versetzen, wenn es nur intelligent genug vorgebracht ist.

Doch genau das ist der Knackpunkt: Eine richtig schöne, verwinkelte Intrige zu ersinnen, ist nicht leicht. Ganz im Gegenteil, es ist eine große Herausforderung. Eine Herausforderung, an der meiner Erfahrung nach (in der Kunst wie auch im Leben) die meisten scheitern. Was am Reißbrett als elegante Kabale geplant ist, erweist sich in der Umsetzung nur zu oft als plump, vorhersehbar, unglaubwürdig, unlogisch, verwirrend statt ausgeklügelt oder schlicht: dämlich. Im Filmbereich trifft das vor allem auf Thriller allzu oft zu, aber auch – um nur ein paar mir spontan in den Sinn kommende Beispiele zu nennen – der politische Nebenplot um Königin Gorgo in "300" oder George Clooneys von vielen gelobter, mich hingegen nur bedingt überzeugendes Politdrama "The Ides of March" sind solche für mich unbefriedigende Intrigen-Umsetzungen (und ein Grund dafür, daß ich im Gegensatz zu den meisten die ränkefreie "300"-Fortsetzung "Rise of an Empire" besser finde). Zugegeben: In der Realität dürften plumpe Intrigen in vielen Fällen bessere Erfolgsaussichten haben als komplizierte. Aber auch wenn ein simples "hinter dem Rücken fiese Gerüchte streuen" noch so effektiv sein mag: Es ist nicht vergleichbar mit einem raffiniert konstruierten Plan, bei dem man – so sehr man auch die Vorgehensweise an sich verachten mag – kaum anders kann, als die pure intellektuelle Leistung widerzuwillig zu bewundern; sondern es ist einfach nur hinterhältig und mies. Und dafür kann ich mich absolut nicht begeistern. Auch in der Kunst kommt Derartiges häufig vor, doch glücklicherweise gibt es positive Ausnahmen: William Shakespeare war natürlich ein Meister der Intrige, Filme wie Stephen Frears' "Gefährliche Liebschaften" oder manche asiatische Historienwerke wissen in dieser Hinsicht auch zu überzeugen. Auf "Der Löwe im Winter" trifft das ebenfalls zu.

Ursprünglich ein erfolgreiches Theaterstück von James Goldman, transformierte der Autor höchstpersönlich die Handlung in ein Drehbuch für diese Verfilmung. Wobei er wohl nicht allzu viel änderte (ich kenne das Bühnenstück nicht), denn im Grunde genommen wirkt "Der Löwe im Winter" immer noch wie ein Theaterstück – mit einem streng abgegrenzten, siebenköpfigen Figurenensemble, das fast vollständig auf ein einziges (großes) Gebäude beschränkt agiert. Mit Weltklasse-Schauspielern, die grandios ausgeklügelte Dialoge veredeln und mit einer scheinbar beiläufigen Geste oder einer kleinsten mimischen Regung mehr zu sagen imstande sind als die meisten anderen mit tausend Worten. Nicht ohne Grund brachte der Film unter der souveränen, OSCAR-nominierten Regie des damals erst 37 Jahre alten Briten Anthony Harvey (der später bedauerlicherweise nicht mehr viel Bemerkenswertes zustande brachte) der Schauspiel-Ikone Katharine Hepburn ihren dritten Academy Award ein, auch das Drehbuch von James Goldman und die unkonventionelle, ziemlich einzigartige Musik von James Bond-Komponist John Barry ("Man lebt nur zweimal") wurden mit verdienten Goldjungen prämiert.

Peter O'Toole, selbstverständlich ebenfalls für den OSCAR nominiert, gibt als nicht mehr junger, aber immer noch ehrgeiziger und energischer König eine hervorragende Figur ab und harmoniert wunderbar in der Haßliebe-Beziehung zu Eleanor, mit der er seit Jahrzehnten mit vielen Höhen und Tiefen verheiratet ist und die ihm in fast jeder Hinsicht ebenbürtig ist. Die schlagfertigen Rededuelle dieser beiden suchen ihresgleichen, blitzschnell, stakkatoartig beinahe, hauen sie sich die spitzzüngigen Dialoge um die Ohren, als stünden sie im Mittelpunkt einer Screwball-Comedy aus der großen Zeit Hollywoods (häufig mit Hepburn in der weiblichen Hauptrolle …). Doch die übrigen Darsteller stehen ihnen nicht viel nach: Für Anthony Hopkins bedeutete die Rolle als späterer Richard Löwenherz den internationalen Durchbruch, und es ist wahrlich nicht schwer zu erkennen, warum es genau diese Leistung war, die seine große Karriere maßgeblich beflügelte. Störrisch seinem Vater gegenüber, sensibel im trauten Zwiegespräch mit der Mutter, entschieden und machthungrig im (ungeliebten) Intrigenspiel mit seinen Brüdern – Hopkins deutet alle Facetten seines Könnens mehr als nur an. Nigel Terry, kaum wiederzuerkennen, wenn man ihn aus seiner ikonischen Darstellung des König Artus in John Boormans düsterem Meisterwerk "Excalibur" 13 Jahre später kennt, zeigt als weibischer Jüngling John gleichfalls eine gute Leistung, lediglich John Castle bleibt als mittlererer Sohn Geoffrey – durchaus seiner Rolle entsprechend – vergleichsweise blaß. Jane Merrow als Alais und der spätere James Bond-Darsteller Timothy Dalton spielen neben der schrecklich netten britischen Königsfamilie nur eine Nebenrolle, haben aber auch ein paar schöne Szenen.

Zur Handlung selbst will ich gar nicht viel verraten: Es ist eben ein Intrigenspiel mit zahlreichen Wendungen; intellektuell anregend, aber auch extrem dialoglastig, was bestimmt nicht jedem Zuschauer gefällt. Schon gar nicht, wenn er einen "klassischen" Historienfilm erwartet, mit dem "Der Löwe im Winter" bis auf die opulente Ausstattung nicht viel gemein hat. James Goldmans Drehbuch erzählt im Kern ein Psychodrama, die tragikomisch ausgespielte Geschichte einer dysfunktionalen Familie, deren Mitglieder zufällig königlichen Blutes sind, womit wir gleichsam einen fiktiven Blick hinter die Kulissen des Mittelalter-Adels erhalten. Action gibt es kaum, zumindest keine handfeste, die messerscharfen Dialoge hingegen bieten mehr als genug davon. Wer das mag, der kann kaum ein größeres Vergnügen erleben als das von Goldmans Bühnenstück respektive Drehbuch gebotene – wie auch die sehr gelungene TV-Neuverfilmung aus dem Jahr 2003 beweist, mit Patrick Stewart und Glenn Close in den Hauptrollen.

Fazit: "Der Löwe im Winter" ist ein exquisites, sein Publikum intellektuell forderndes und in hohem Tempo fesselnd erzähltes historisches Intrigenspiel, zugunsten der Konzentration auf das Wesentliche bewußt karg und stringent inszeniert, dazu herausragend gespielt von einigen der besten Darsteller ihrer Generation.

Wertung: 9,5 Punkte.


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