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Mittwoch, 15. Januar 2014

Klassiker-Rezension: DIE ROTE HERBERGE (1951)

Originaltitel: L'auberge rouge
Regie und Drehbuch: Claude-Autant Lara, Musik: René Cloërec
Darsteller: Fernandel, Françoise Rosay, Julien Carette, Marie-Claire Olivia, Lud Germain, Didier d'Yd, Grégoire Aslan, Caussimon, Nane Germon, Jacques Charon, A. Viala, André Dalibert, Robert Berri, André Cheff, Yves Montand
 L'auberge rouge
(1951) on IMDb Rotten Tomatoes: -; FSK: 12, Dauer: 101 Minuten.
Südost-Frankreich im frühen 19. Jahrhundert: Abgelegen in der bergigen Wildnis der Ardéche steht eine Herberge, zu der sich nur selten Gäste verirren. Dennoch geht es der Familie Martin, die das Gasthaus mit ihrem schwarzen Diener Fetiche (Lud Germain) betreibt, erstaunlich gut. Ein Drehorgelspieler, der mit seinem zahmen Affen an der roten Herberge Station macht, muß sehr schnell herausfinden, warum das so ist: Die Wirtsleute betäuben jeden ihrer Gäste, der auch nur ansatzweise so aussieht, als ob er irgendetwas von Wert besitzen könnte, mit einem vergifteten Trank, erschlagen ihn im Schlaf und vergraben ihn dann im Garten. In einer grauen Winternacht winkt den Martins besonders fette Beute, als eine Reisekutsche in der Nähe der Herberge einen Defekt hat und die teilweise gutbetuchten Reisenden im Gasthaus übernachten wollen. Doch ergeben sich zwei Probleme: Erstens kommt wenig später auch ein Bettelmönch (Fernandel, "Don Camillo und Peppone") durch die Tür, zweitens verliebt sich die Tochter des Hauses, die hübsche Mathilde (Marie-Claire Olivia), in kürzester Zeit in den jungen Novizen des Mönchs (Didier d'Yd). Da die Wirtsfrau Marie (Françoise Rosay) gläubig ist, vertraut sie sich zudem dem Mönch im Vertrauen auf das Beichtgeheimnis an; doch rechnet sie nicht damit, daß der Mönch nun alles ihm durch seine Berufung nicht ausdrücklich Verbotene versucht, um das Leben der nichts Böses ahnenden Reisenden zu retten ...

Kritik:
Wenn jemand in Deutschland den Namen "Fernandel" hört, dann wird er ihn (sofern er ihm oder ihr überhaupt etwas sagt) mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zuerst mit seiner Rolle als schlitzohriger Priester Don Camillo in der zwischen 1952 und 1965 veröffentlichten fünfteiligen Komödien-Filmreihe in Verbindung bringen, die sich auch Jahrzehnte später noch regelmäßig im deutschen TV-Programm findet. In seiner Heimat Frankreich war Fernandel (eigentlich: Fernand Joseph Désiré Contandin) jedoch auch jenseits von Don Camillo ein großer Star, der in weit über 100 Filmen mitspielte, meist als Hauptdarsteller. In "Die rote Herberge" agierte er ein Jahr vor seinem ersten Auftritt als Don Camillo bereits einmal als Geistlicher – Parallelen zwischen den beiden Rollen sind nicht zu leugnen, geht doch auch der namenlose Mönch dieser Geschichte ziemlich gewitzt vor, um seine Mitmenschen vor Unheil zu bewahren.

Nur, daß das drohende Unheil in "Die rote Herberge" deutlich grausiger ausfällt als bei Don Camillos fortwährendem Kampf gegen den kommunistischen Bürgermeister Peppone. Und das erschreckendste an der von Regisseur Claude-Autant Lara ("Mit den Waffen einer Frau") auch verfaßten Geschichte ist, daß sie auf einer Mordserie basiert, die sich so ähnlich tatsächlich zugetragen hat. In Frankreich ist die Legende von der roten Herberge – die inzwischen ein Museum ist –, in der über gut 25 Jahre hinweg vermutlich mehrere Dutzend Reisende von den Wirtsleuten ermordet wurden, sehr bekannt (erst 2007 drehte Gérard Krawczyk darüber einen neuen Film mit Namen "Das Gasthaus des Schreckens"). Dabei klingt sie eigentlich eher nach einer "urban legend", und in diesem Stil hat sie Claude-Autant Lara 1951 auch verfilmt.

Denn er zeigt die Geschehnisse in der Ardéche nicht als Drama oder gar Horrorfilm, sondern arbeitet sie stattdessen in satirischer Art und Weise auf, als finstere Moritat, wie es im vom späteren Leinwandstar Yves Montand ("Lohn der Angst") zu Beginn und am Ende des Films vorgetragenen Titellied so schön heißt. Lara verbindet die Schauermär zudem mit einer deutlich erkennbaren Gesellschafts- und Kirchenkritik (die sich hauptsächlich in den bunt gemischten Gästen der Martins manifestiert), was ihm beim Kinostart von "Die rote Herberge" veritablen Gegenwind aus konservativen Kreisen einbrachte der aber auch nicht verhindern konnte, daß der Film ein großer Publikumserfolg wurde. Aus heutiger Sicht wirkt dieser öffentliche Wirbel angesichts der vergleichsweise doch eher zahmen, nur implizit vorgebrachten Kritik natürlich reichlich albern, aber auf jeden Fall funktioniert Laras Vorgehensweise noch immer: "Die rote Herberge" hat nichts von ihrer Faszination verloren, was neben Fernandels gewohnt charmanter Darbietung auch an den von den Kameramännern André Bac und Jacques Natteau kunstvoll eingefangenen, winterlich geprägten Bildkompositionen sowie der melancholischen Musik von René Cloërec ("Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris") liegt. Auch, daß Fernandels Mönch nicht die unumstrittene Hauptfigur der Geschichte ist, sondern Lara zu Beginn viel Wert darauf legt, die mörderische Wirtsfamilie glaubwürdig und gar nicht mal so unsympathisch zu zeichnen (Vergleiche mit den Thénardiers aus dem Erfolgsmusical "Les Misérables" drängen sich geradezu auf – und die haben sich schließlich sogar zu heimlichen Publikumslieblingen gemausert), ist eine kluge Entscheidung. Zumal die zweite Filmhälfte, in der der Schwerpunkt verstärkt auf die auf Dauer etwas repetitiven Versuche des Mönchs, die Martins zu stoppen, gelegt wird, sogar etwas schwächer ausfällt als die von wohligem Grusel bestimmte erste, von den Martins dominierte.

Fazit: "Die rote Herberge" ist eine stimmungsvolle Schauermoritat, die ihre finstere Geschichte mit satirischem Biß und viel schwarzem Humor erzählt und sich dabei trotz einer etwas in die Länge gezogenen zweiten Filmhälfte ganz auf die stilsichere Inszenierung des Regisseurs Lara und die charismatische Präsenz Fernandels verlassen kann.

Wertung: 7,5 Punkte.

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