Empfohlener Beitrag

In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 17. August 2012

ZEITEN DES AUFRUHRS (2008)

Originaltitel: Revolutionary Road
Regie: Sam Mendes, Drehbuch: Justin Haythe, Musik: Thomas Newman
Darsteller: Kate Winslet, Leonardo DiCaprio, David Harbour, Kathryn Hahn, Michael Shannon, Kathy Bates, Richard Easton, Zoe Kazan, Dylan Baker, Jay O. Sanders
 Revolutionary Road
(2008) on IMDb Rotten Tomatoes: 67% (6,6); weltweites Einspielergebnis: $75,2 Mio.
FSK: 12, Dauer: 119 Minuten.

Mitte der 1950er Jahre in einer typischen amerikanischen Vorstadt: Frank Wheeler (Leonardo DiCaprio) hat einen monotonen Job als Telefon-Verkäufer, den er haßt. Seine Frau April (Kate Winslet), die einst eine Schauspielschule besuchte, langweilt sich nun als Hausfrau und Mutter zweier Kinder zu Tode. Beide sind mit ihrem gemeinsamen Leben unzufrieden, beide trauern ihren einstigen Träumen nach, beide suchen außerehelichen Trost. Beide lassen ihren Frust am jeweils anderen aus. Schließlich entscheiden sie auf Aprils Drängen hin, einen Neuanfang in Paris zu wagen – Nachbarn und Bekannte der Wheelers sind ziemlich entsetzt über diese Idee und schon bald bringt eine unerwartete Beförderung für Frank das ganze Vorhaben und damit den Familienfrieden wieder ins Wanken ...

Kritik:
In gewisser Hinsicht ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von US-Autor Richard Yates ein idealer Nachfolger für Regisseur Sam Mendes' Durchbruch mit "American Beauty" zehn Jahre zuvor. Hier wie dort seziert Mendes die kleinbürgerliche amerikanische Gesellschaft mit Argusaugen und offenbart (nicht nur dem dortigen Publikum) unbequeme Wahrheiten. Doch während Mendes mit "American Beauty" eine beißende, schwarzhumorige Satire schuf, ist "Zeiten des Aufruhrs" ein kompromißloses Drama, das den Zuschauer ähnlich desillusioniert zurückläßt wie seine Protagonisten. Zwar ist "Zeiten des Aufruhrs" nicht völlig frei von Humor, allerdings dominiert der Zynismus und so bleibt einem das Lachen im Halse stecken.

Doch um die Qualitäten von "Zeiten des Aufruhrs" wirklich genießen zu können, muß man eine wichtige Voraussetzung erfüllen: Man muß empathisch veranlagt sein und damit in der Lage, sich voll und ganz in die beiden zentralen Protagonisten des Films hineinzuversetzen. Wem dies nicht gelingt, der wird sich eher darüber beschweren, daß die Wheelers wehleidige Jammerlappen seien, denen es doch wunderbar ginge und die sich nicht so anstellen sollten, nur weil sich nicht alles nach ihren Wünschen entwickle. Dabei sind solche Vorwürfe (die von etlichen Kritiker und Kinogängern geäußert wurden) bei näherer Betrachtung ziemlich absurd, unterstellen sie doch im Grunde, daß Geld beziehungsweise Besitz alleine glücklich macht. Bekanntlich ist das nicht der Fall und so ist es vollkommen nachvollziehbar, daß die Wheelers, gefangen in den engen gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit und ohne jede Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, trotz ihres relativen materiellen Wohlstands zutiefst unglücklich sind. Das mag angesichts ihrer Kinder egoistisch sein, vielleicht steigert sich vor allem April auch zu sehr in ihr Unglück hinein doch unglaubwürdig ist es keinesfalls. Aber wie gesagt: Um dies emotional hundertprozentig nachvollziehen zu können, braucht es (so man sich nicht in einer ähnlichen Situation befand oder befindet) eine ausgeprägte Fähigkeit zur Empathie.

Bestes Beispiel für den zynischen Humor in "Zeiten des Aufruhrs" ist die Nebenfigur des John Givings (OSCAR-Nominierung für Michael Shannon, "Man of Steel"). Denn in Wirklichkeit sind weder Frank noch April Wheeler positive Identifikationsfiguren oder gar Helden der Geschichte. Eigentlich sind beide in ihrem zumindest teilweise selbstverschuldeten Unglück sogar eher abschreckende Beispiele, in denen sich (ungewollt) bestimmt der eine oder andere Zuschauer wiedererkennen wird. Der einzige "Held" von "Zeiten des Aufruhrs" ist wohl ebenjener John Givings, denn er sagt als einziger stets kompromißlos die Wahrheit und pfeift auf das enge Korsett gesellschaftlicher Konventionen in den von den Nachwehen von McCarthys berüchtigter Kommunistenjagd geprägten USA der 1950er Jahre. Mit der Konsequenz, daß er von der Gesellschaft offiziell für verrückt erklärt und in der Psychiatrie mit 37 (!) Stromstoß-Therapien "behandelt" wurde. Das ist wohl bezeichnend für die illusionslose Sicht des Schriftstellers Richard Yates auf die kleinbürgerliche Gesellschaft.

Frank und April Wheeler dagegen haben auf den ersten Blick ein nahezu perfektes Leben. Frank verdient gut, sie haben Freunde und zwei gesunde Kinder, bewohnen ein schönes Haus. Doch das Herz will, was es will. Ein solches "normales" Leben mag für viele Menschen zufriedenstellend oder gar erstrebenswert sein für andere ist es eine Schreckensvorstellung. Und zu diesen Menschen zählen April und Frank Wheeler. Sie zerbrechen unter der Last der Konventionen, obwohl sie wieder und wieder versuchen, sich anzupassen; die Lüge zu leben. Für ihre Kinder und für die Gesellschaft, die das und nichts anderes von ihnen erwartet, wie ihnen beständig verdeutlicht wird. Als die beiden ihre Pläne für einen völligen Neubeginn in Paris offenbaren, stoßen sie denn auch auf nichts als Unverständnis bei ihren Bekannten und Freunden.

Wie Sam Mendes das Schicksal dieses ebenso jungen wie unglücklichen Ehepaares schildert und die Geschehnisse aus einer betont unterkühlten, beobachtenden Perspektive inszeniert, ist angesichts der emotionalen Distanziertheit durchaus kontrovers, formal jedoch meisterhaft. "Zeiten des Aufruhrs" verzichtet konsequent auf echte Sympathieträger und entzieht sich damit selbst den Konventionen. Für die zu übertriebener Melodramatik neigende April und den oft gefühlskalt wirkenden Frank empfindet man abwechselnd Mitleid, Unverständnis, Verständis, Zorn. Und die anderen Filmfiguren sind auch nicht wirklich besser dran. Für den Zuschauer ist das keine leichte Aufgabe. Wer sich jedoch auf die im Grunde so durchschnittlichen Figuren einläßt und sich zumindest ansatzweise in April und/oder Frank einfühlen kann, der wird mit einem wirklich tollen, nachdenklich machenden Drama belohnt, dessen Inhalt und Aussage so melancholisch wie zeitlos sind und das an Genre-Klassiker wie "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", "Tod eines Handlungsreisenden" oder "Little Children" (in dem Kate Winslet eine ganz ähnliche Rolle spielt) erinnert.

Das Ganze kleidet Mendes in atmosphärische, poetische Kleinstadtbilder, begleitet von einem sehr schönen, klavierlastigen Soundtrack von Thomas Newman. Und dann sind da natürlich noch die Schauspieler. Kate Winslet und Leonardo DiCaprio spielen sich hier buchstäblich die Seele aus dem Leib und setzen ihre geballte Leidenschaftlichkeit der kühlen Inszenierung als faszinierenden Kontrapunkt entgegen. Daß beide bei den OSCARs übergangen wurden, ist daher kaum nachvollziehbar, aber immerhin gewann Winslet für ihre begeisternde Leistung den Golden Globe und DiCaprio wurde zumindest nominiert. Zudem kommt es dank Kathy Bates in der Rolle der Mrs. Givings, der geschwätzigen Vermieterin der Wheelers, gleich zu einer dreifachen "Titanic"-Reunion, in weiteren Nebenrollen überzeugen vor allem der wenig bekannte David Harbour und Zoe Kazan ("Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin") als jeweilige Affären der Wheelers mit nuancierten Darbietungen.

Fazit: "Zeiten des Aufruhrs" ist ein sperriges historisches Vorstadt-Drama, das mit seiner unterkühlten Inszenierung, dem Verzicht auf Sympathieträger und seiner eher deprimierenden Thematik vermutlich nur ein zahlenmäßig relativ begrenztes Publikum vollends begeistern wird. Geduldige und einfühlsame Zuschauer werden dafür mit einem tiefgründigen Charakterdrama mit intelligenten und schlagfertigen Dialogen und zwei alles überragenden Hauptdarstellern belohnt.

Wertung: 9 Punkte.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen