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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 18. April 2012

ZIEMLICH BESTE FREUNDE (2011)

Originaltitel: Intouchables
Regie und Drehbuch: Olivier Nakache und Éric Toledano, Musik: Ludovico Einaudi
Darsteller: Omar Sy, François Cluzet, Anne Le Ny, Audrey Fleurot, Clotilde Mollet, Cyril Mendy
 Intouchables
(2011) on IMDb Rotten Tomatoes: 74% (6,7); weltweites Einspielergebnis: $426,6 Mio.
FSK: 6, Dauer: 112 Minuten.

Der gebürtige Senegalese Driss (Omar Sy, "Micmacs", in Frankreich bislang vor allem als Komiker erfolgreich) ist in der berüchtigten Pariser Vorstadt aufgewachsen, saß gerade ein halbes Jahr im Gefängnis, hat Probleme mit der Familie und keinen Job. Um Arbeitslosengeld zu bekommen, muß er dem Arbeitsamt regelmäßig seine erfolglosen Bewerbungen belegen. Als er zu diesem Zweck eines Tages als Pfleger bei dem reichen, querschnittsgelähmten Philippe (François Cluzet, "Kein Sterbenswort", "Der Husar auf dem Dach") vorspricht, geht er gar nicht erst davon aus, eine Chance zu haben, und verhält sich entsprechend. Zur Überraschung aller bekommt er genau deshalb den Job, denn er ist der einzige Bewerber, der keinerlei Mitleid für Philippe zeigt, ihn vielmehr sogar ziemlich respektlos behandelt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten entwickelt sich schon bald eine Art Freundschaft zwischen den beiden so unterschiedlichen Männern ...

Kritik:
Es ist schon erstaunlich, daß ein Film mit einer so klischeehaften (aber auf einer wahren Geschichte basierenden) Prämisse und einem auch später recht simplen Handlungsverlauf zu einem der erfolgreichsten europäischen Filme aller Zeiten wird. Bis heute hat "Ziemlich beste Freunde" in seiner Heimat Frankreich über 19 Millionen Zuschauer zählen können, in Deutschland sind es bereits fast acht Millionen. Auch in der Schweiz, in Italien, Belgien, Spanien, Südkorea und anderen Staaten läuft er hervorragend, in den USA wurden immerhin gut $10 Mio. eingespielt, was für einen untertitelten Film sehr beachtlich ist.

Welche Gründe kann es für diesen niemals erwarteten Monstererfolg geben? Nun, natürlich wäre da zunächst die Qualität zu nennen. "Ziemlich beste Freunde" ist aller Klischees und seiner eher konventionellen Inszenierung zum Trotz ein richtig guter Film geworden mit ebenso einfühlsamen wie amüsanten Dialogen, einem mitunter rotzfrechen Humor und zwei tollen Hauptdarstellern. Omar Sy wurde in Frankreich gar mit dem César als Bester Hauptdarsteller ausgezeichnet und konnte selbst OSCAR-Sieger Jean Dujardin ("The Artist") ausstechen.

Vielleicht liegt es zudem einfach daran, daß es genau der richtige Film zur richtigen Zeit ist? Schließlich ist es spätestens seit der Weltwirtschaftskrise ab 1929 für die Filmbranche kein Geheimnis mehr, daß in Krisenzeiten märchenhafte Wohlfühlfilme beim Publikum besonders gut ankommen. Zu dieser Kategorie zählt "Ziemlich beste Freunde" ganz eindeutig, denn die Annäherung von Driss und Philippe sowie der fröhlich-respektlose Umgang zwischen ihnen sorgen durchwegs für beste Laune. Zwar stehen diese beiden eindeutig im Zentrum der Geschichte, aber schlauerweise sind auch die beiden wichtigsten Nebenfiguren (Hausdame Yvonne und die attraktive Sekretärin Magalie) erstens präzise ausgearbeitet, zweitens geschickt in die Handlung integriert und drittens geradezu unverschämt sympathisch. Dennoch sind die Filmemacher nicht der Versuchung erlegen, aus ihrem Werk ein zuckersüßes Märchen ohne jegliche Konflikte zu machen. Durch Driss´ private Schwierigkeiten bleibt die Geschichte halbwegs geerdet und dem Regie- und Drehbuch-Duo Nakache und Toledano gelingt es, diesen Nebenerzählstrang zwar oberflächlich genug abzuhandeln, um die generelle Wohlfühlstimmung nicht nachhaltig zu beeinträchtigen, aber doch genügend ernsthaft, um die Realität mit den gerade in Frankreich besonders ausgeprägten gesellschaftlichen Konflikten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Diese (wenngleich ziemlich lose) Verankerung in den realen französischen Verhältnissen ist sicherlich ein weiterer Grund für den riesigen Erfolg des Films in seiner Heimat.

Die Musik ist ebenfalls ein sehr wichtiger Teil des Gesamtkunstwerks namens "Ziemlich beste Freunde". Die hörenswerte Mischung aus von dem kultivierten Philippe bevorzugten populären klassischen Melodien, der von Driss geliebten Funkmusik von Earth, Wind & Fire und Kool & The Gang sowie dem gefühlvollen Score von Filmkomponist Ludovico Einaudi ("This is England") mag zwar – wie der gesamte Film – nicht allzu originell sein. Sie bietet aber für so ziemlich jeden Geschmack etwas, ist aktiv in die Story eingebunden und trägt erheblich dazu bei, gute Laune zu verbreiten.

Und um die obige selbstgestellte Frage also zu beantworten: Ich habe keine Ahnung, warum unter den gar nicht so wenigen ähnlich guten Feelgood-Movies, die jedes Jahr in die Kinos kommen, ausgerechnet dieser so abräumt. Wahrscheinlich ist es die Kombination der genannten Erklärungsversuche, zu denen noch der Faktor "Glück" hinzukommt.

Fazit: "Ziemlich beste Freunde" ist weder revolutionär noch ein Meisterwerk. Er ist schlicht und ergreifend die unglaublich sympathisch und witzig erzählte Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft, stark geschrieben und gespielt, solide in Szene gesetzt.

Wertung: 8 Punkte.


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