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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Mittwoch, 14. August 2019

YESTERDAY (2019)

Regie: Danny Boyle, Drehbuch: Richard Curtis, Musik: Daniel Pemberton
Darsteller: Himesh Patel, Lily James, Kate McKinnon, Ed Sheeran, Joel Fry, Sanjeev Bhaskar, Meera Syal, Sophia Di Martino, Harry Michell, Alexander Arnold, Sarah Lancashire, Ellise Chappell, Justin Edwards, Robert Carlyle, Michael Kiwanuka, James Corden
 Yesterday (2019) on IMDb Rotten Tomatoes: 63% (6,3); weltweites Einspielergebnis: $153,7 Mio.
FSK: 0, Dauer: 117 Minuten.

Nach Jahren, in denen der gelernte Lehrer Jack Malik (Himesh Patel, TV-Serie "EastEnders") erfolglos versucht hat, als Musiker durchzustarten, beschließt er ausgerechnet nach seinem ersten Festivalauftritt (vor einer Handvoll Zuschauer in einem Nebenzelt), aufzugeben. Genau in dieser Nacht geschieht jedoch etwas Außergewöhnliches: Während Jack per Fahrrad auf dem Heimweg ist, gibt es einen rätselhaften, globalen 12-sekündigen Stromausfall – der dazu führt, daß Jack mit einem Auto zusammenstößt. Er übersteht den Aufprall einigermaßen glimpflich, aber nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus findet er schnell heraus, daß sich etwas geändert hat in der Welt: Die Beatles haben offensichtlich nie existiert und er scheint sich als einziger an ihre Musik erinnern zu können! Nach anfänglichem Unglauben erkennt Jack darin bald eine Chance und er beginnt, die Lieder der Beatles (soweit er sich an sie erinnern kann) als seine eigene Musik auszugeben. Schließlich stellt sich der Erfolg ein und kein geringerer als Pop-Superstar Ed Sheeran engagiert Jack als Vorprogramm für seine Welttour. Der Erfolg bringt allerdings mit sich, daß Jacks enge Jugendfreundin und Managerin in seiner erfolglosen Zeit, die Lehrerin Ellie (Lily James, "Baby Driver"), ihn nicht länger begleiten kann und von Ed Sheerans leicht irrer Managerin Debra (Kate McKinnon, "Ghostbusters") abgelöst wird, was in ihrer bis dahin so guten Beziehung für Komplikationen sorgt …

Kritik:
Trends kommen und gehen bekanntlich und lassen sich nur selten zuverlässig prognostizieren. Kein Zweifel besteht, daß der (sehr britisch geprägte) Musikfilm in den späten 2010er Jahren ein beeindruckendes Comeback feiert, die Frage ist: Wie lange wird das anhalten? Nach dem Queen-Biopic "Bohemian Rhapsody" und dem Elton John-Biopic "Rocketman" ist "Yesterday" jedenfalls bereits der dritte weltweit erfolgreiche Musikfilm innerhalb eines Jahres. Daß dafür der Drehbuch-Autor Richard Curtis maßgeblich verantwortlich zeichnet, kann Branchenkenner kaum überraschen, spielte in dessen Filmen von "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" bis "Radio Rock Revolution" doch Musik fast immer eine wichtige Rolle. Und auch die Beatles haben ihre Spuren in Curtis' Werk hinterlassen, allen voran dürfte die denkwürdige Hochzeitsszene zu "All You Need Is Love" in "Tatsächlich … Liebe" sich sehr vielen Zuschauern eingeprägt haben. In "Yesterday" legt sich Curtis richtig ins Zeug (wobei er die Inszenierung "Trainspotting"-Routinier Danny Boyle überließ oder vielleicht auch überlassen mußte, weil seine eigenen Regiearbeiten kommerziell leider regelmäßig hinter den Erwartungen zurückblieben) und präsentiert seinem Publikum eine gleich zweifache Liebesgeschichte. Vordergründig steht die zwischen ihnen lang unausgesprochene, für alle anderen allerdings sehr offensichtliche Liebe von Jack und Ellie im Mittelpunkt, zugleich, vielleicht sogar primär ist "Yesterday" aber natürlich eine hingebungsvolle Liebeserklärung an die Musik von John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr. Und die ist so sympathisch, daß man auch kleinere Schwächen wie die im Verlauf etwas arg konstruiert wirkende "echte" Romanze oder das bei weitem nicht ausgeschöpfte Potential der spannenden "Was wäre, wenn …"-Prämisse gerne verzeiht.

Hauptdarsteller Himesh Patel ist außerhalb seiner britischen Heimat bislang kaum bekannt, gibt aber einen sehr sympathischen Protagonisten ab – gerade weil dieser Jack Malik niemals komplett dem Ego-Wahn verfällt, sondern sich immer des bittersüßen Beigeschmacks seines Welterfolges bewußt ist und ihn deshalb nicht voll genießen kann. Dabei kann man ihm sein Vorgehen eigentlich kaum vorwerfen, schließlich wäre die unsterbliche Musik der Beatles ohne ihn für immer verloren. Daß Jack von Skrupeln und Schuldgefühlen geplagt wird und vor allem die ständigen Lobhudeleien (wenn Ed Sheeran beispielsweise neidlos kommentiert, er sei nur der Salieri zu Jacks Mozart) ihm sehr unangenehm sind, ist ein Ausdruck seiner inhärenten Bescheidenheit und seines Charakters – wie könnte man so jemanden nicht mögen? Amüsant werden auch Jacks Schwierigkeiten dabei geschildert, sich genau an die Songs und vor allem die korrekten Texte zu erinnern (ich persönlich würde vielleicht irgendwie noch "Yesterday" und "Yellow Submarine" zusammenbekommen, doch bei den meisten übrigen Songs reicht meine Textkenntnis nicht weiter als bis zum Refrain …), wofür er schließlich sogar die Originalplätze in Liverpool besucht, um die Inspiration von Lennon und Co. nachvollziehen zu können. Etwas peinlich wird es auch, wenn er zur Bedeutung einzelner Lieder befragt wird und sich aus dem Stegreif etwas ausdenken muß. Lauter kleine Schwierigkeiten, die wohl jeder nachvollziehen kann, wenn er versucht, sich in Jacks Lage zu versetzen. Etwas bedauerlich ist es sicherlich, daß Autor Curtis die reizvolle Prämisse der verschwundenen Beatles nicht stärker thematisiert, wobei es durchaus Teil seines individuellen Schreibstils ist, daß derartige außergewöhnliche Ereignisse oder Fähigkeiten (wie der zeitreisende Domhnall Gleeson in "Alles eine Frage der Zeit") ganz bewußt nur als Mittel zum Zweck verwendet werden und keinen tieferen Sinn haben. Trotzdem: Gerade weil Jack im Laufe der Zeit herausfindet, daß noch andere Dinge durch den Stromausfall aus der Realität getilgt wurden – manche mit einem offensichtlichem Bezug zu den Beatles (ohne Beatles kein Oasis), manche scheinbar komplett unabhängig davon (kein Coca Cola) –, hätte man daraus mehr herausholen können als ein paar zugegeben gute Gags.

Wichtiger ist Curtis und Boyle (der sich inszenatorisch auffällig zurückhält und die Geschichte größtenteils für sich selbst stehen läßt) offensichtlich die Lovestory zwischen Jack und der von Lily James in der Tat höchst liebenswert verkörperten Ellie. Man kann darüber streiten, ob das der beste denkbare Schwerpunkt ist, aber die Romanze funktioniert in erster Linie deshalb, weil Jack und Ellie beide unheimlich sympathisch und zugleich offensichtlich füreinander bestimmt sind. Weil das so offensichtlich ist, baut Curtis ein paar Stolpersteine ein, die dummerweise teilweise sehr konstruiert und entsprechend wenig glaubwürdig wirken und außerdem nichts daran ändern, daß man dennoch genau weiß, wie es ausgehen wird. Ein bißchen Augenrollen ist mitunter also sehr wohl angebracht, wenn man mitansieht, wie kompliziert sich das Noch-nicht-Paar die eigentlich sehr simple Angelegenheit macht, aber wie gesagt: Die beiden sind so sympathisch und liebenswürdig, daß man ihnen gerne dabei zusieht. Für Curtis' Verhältnisse ist allerdings die Gagdichte relativ überschaubar. Ja, es gibt einiges zu lachen und noch mehr zu schmunzeln, aber im Vergleich zu "Notting Hill", "Tatsächlich … Liebe" oder "Radio Rock Revolution" steht der Humor nicht ganz so sehr im Vordergrund, es überwiegen die Emotionen. Apropos: Besonders gut gelungen ist ein kleiner Nebenhandlungsstrang darüber, daß Jack möglicherweise doch nicht der einzige ist, der sich an die Beatles erinnert – ich will nichts spoilern, aber diese Storyline entwickelt sich anders als vermutet und gipfelt in vielleicht sogar der bewegendsten Szene des Films. Schauspielerisch stehen Himesh Patel und Lily James selbstredend im Mittelpunkt und machen ihre Sache gut, wobei Patel auch musikalisch vollauf überzeugt. Für die komödiantischen Highlights sorgt in erster Linie die "Saturday Night Live"-Komikerin Kate McKinnon als Jacks neue und ziemlich eigenwillige Managerin, wenngleich ihr Ed Sheeran (der übrigens zweite Wahl war; Curtis hatte die "als er selbst"-Rolle für Coldplay-Frontmann Chris Martin vorgesehen, der jedoch ablehnte) in einer Szene beinahe die Schau stiehlt, in der er mit dem Austausch eines einzigen Buchstabens ein wahrlich unverzeihliches Verbrechen an der Musikgeschichte begeht …

Fazit: "Yesterday" ist eine von Herzen kommende Liebeserklärung an die Musik der Beatles im Gewand einer im Kern relativ generischen und etwas oberflächlichen, aber höchst sympathisch besetzten romantischen Komödie.

Wertung: 7,5 Punkte.


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