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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 17. April 2018

THE DEATH OF STALIN (2017)

Regie: Armando Iannucci, Drehbuch: David Schneider, Ian Martin, Armando Iannucci, Musik: Christopher Willis
Darsteller: Steve Buscemi, Simon Russell Beale, Jeffrey Tambor, Michael Palin, Jason Isaacs, Adrian McLoughlin, Olga Kurylenko, Paul Chahidi, Dermot Crowley, Paul Whitehouse, Andrea Riseborough, Rupert Friend, David Crow, Paddy Considine, Sylvestra Le Touzel, Roger Ashton-Griffiths, Diana Quick
 The Death of Stalin
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 96% (8,2); weltweites Einspielergebnis: $19,5 Mio.
FSK: 12, Dauer: 108 Minuten.

Sowjetunion, 1953: Als Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei hat Josef Stalin (Adrian McLoughlin) das Riesenreich fest in seinem Griff, alle auch nur potentiellen Gefahren für seine Macht werden schnellstmöglich in diktatorischer Manier entsorgt – die von seinem skrupellosen Geheimdienstchef Beria (Simon Russell Beale, "My Week with Marilyn") erstellten Listen umfassen über die Jahre hinweg Millionen von Bürgern, die ohne Prozeß ins Gefängnis geworfen oder gleich exekutiert werden. Als Stalin einen Schlaganfall erleidet und im Sterben liegt, beginnt unverzüglich der Machtkampf um seine Nachfolge. Die neun verbliebenen Mitglieder des Politbüros bringen sich in Stellung und intrigieren, was das Zeug hält, wobei neben Beria sowie Stalins eitlem Stellvertreter und designierten Nachfolger Malenkow (Jeffrey Tambor, "Hellboy") vor allem der ehrgeizige Erste Sekretär des Zentralkomitees Chruschtschow (Steve Buscemi, "The Big Lebowski") und der zuletzt bei Stalin in Ungnade gefallene frühere Außenminister Molotow (Monty Python-Legende Michael Palin) gute Aussichten haben. Zudem muß nach Stalins Tod eine angemessen pompöse Trauerfeier bereitet werden und mit Stalins Kindern Svetlana (Andrea Riseborough, "Birdman") und Wassili (Rupert Friend, "Stolz und Vorurteil") sowie dem Armeechef und Kriegshelden Schukow (Jason Isaacs, "Herz aus Stahl") kommen weitere Akteure ins Spiel …

Kritik:
Wenn man mal seine Nische gefunden hat, dann sollte man sie auch konsequent besetzen. An diese Devise hält sich offensichtlich der britische Komiker und Filmemacher Armando Iannucci, der in seiner Heimat Kultstatus besitzt, international aber nie richtig den Durchbruch schaffte. Das liegt vermutlich daran, daß sein thematisches Steckenpferd die Politik ist und weil sich seine frühen, vielfach preisgekrönten Werke – von der TV-Nachrichten-Parodie "The Day Today" mit Steve Coogan in der Rolle des notorisch überforderten Moderators Alan Partridge bis zur Mockumentary "The Thick of It" mit Peter Capaldi samt Kino-Sequel im Geiste "Kabinett außer Kontrolle" – speziell an der britischen Politik orientieren, sind einige Gags und Anspielungen für nicht-britische Zuschauer einfach zu speziell. Dabei sind die Funktionsweisen der Politik, die Iannucci seit jeher zielsicher aufs Korn nimmt, grundsätzlich ziemlich universell, wie zunächst seine erfolgreiche HBO-Show "Veep" (über eine fiktive US-Vizepräsidentin) und nun "The Death of Stalin" vortrefflich demonstrieren. Eine gewisse Sonderstellung hat "The Death of Stalin" aber natürlich schon inne, da die beißende Politsatire im Kern auf realen Geschehnissen basiert, die Sowjetunion als Schauplatz hat und die Adaption einer französischen Graphic Novel von Fabien Nury ist. Bemerkenswert sind außerdem die überragenden weltweiten Kritiken und das sehr kurzfristige Verbot des Films in Russland.

Das wiederum kann niemanden überraschen, findet doch in Putins Russland schon seit Jahren eine mehr oder weniger schleichende Rehabilitierung des brutalen Diktators Josef Stalin statt, dessen "politischen Säuberungen" viele Millionen Sowjetbürger zum Opfer fielen und daß Stalin und sein engster Führungskreis in "The Death of Stalin" sonderlich gut wegkämen, kann man beim besten Willen nicht behaupten. Daß es Iannucci ziemlich leicht erkennbar gar nicht so sehr konkret um die handelnden Figuren geht, sondern eher um die generelle Demaskierung von weltweiter Tyrannei, Machtgier und Korruption am Beispiel des Machtkampfes um Stalins Nachfolge, wurde von den russischen Zensoren entweder nicht verstanden oder es war für sie von untergeordneter Bedeutung. Schade für die aufgeschlossenen russischen Kinogänger, die somit einen richtig guten Film verpassen, aber immerhin hätte sich Iannucci kaum eine bessere Publicity für sein bis dahin den exzellenten Kritiken zum Trotz weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit hindurchfliegendes Werk wünschen können. Der begrenzte Mainstream-Appeal wiederum dürfte primär daran liegen, daß Iannucci auf eine insofern ziemlich unkonventionelle Erzählweise setzt, als zwar die historischen Eckpunkte eine gewisse Realitätsnähe sichern, die Figuren allerdings ausnahmslos als machtgierige, kindische und überwiegend inkompetente Stümper gezeichnet werden. Durch die Konsequenz, mit der Iannucci diese Überzeichnung durchzieht (bis hin zu Christopher Willis' exzellenter, von klassischen russischen Komponisten wie Schostakowitsch inspirierten, aber noch dramatischeren Musik), büßt dieses Stilmittel im Lauf der etwas über 100 Minuten zwar ein wenig an Effizienz ein – die grundsätzliche Aussage, wonach sich wenige korrupte und egoistische Personen auf Kosten der Bevölkerung (inklusive eines komplett unnötigen Massakers an einfachen Bürgern in Folge der Konkurrenz zwischen Armee und Geheimpolizei) wie unreife Kinder gebärden, ist aber klar und in Zeiten von Trump, Erdogan und Co. leider nur allzu zeitlos. Und das Deprimierendste daran ist, daß man sich bei aller offensichtlichen Übertreibung problemlos vorstellen an, daß es nach Stalins Tod (oder in Trumps Weißem Haus) gar nicht so unähnlich zuging, wenngleich es in der Realität hoffentlich zumindest noch ein paar seriöse Gestalten in entsprechenden Regierungen gibt ...

Den Schauspielern geben gerade die hemmungslosen Überzeichnungen reichlich Spielraum, um sich richtig auszutoben – was die hochkarätige Besetzung weidlich ausnutzt. Gerade Steve Buscemi spielt als Nikita Chruschtschow die Absurditäten des Skripts genüßlich aus, ob es nun um seine Konkurrenz zu dem intrigengewohnten Geheimdienstchef Beria geht, um seine Manipulation des leicht überforderten designierten Stalin-Nachfolgers Malenkow oder um sein Werben um den von Jason Isaacs wunderbar selbstherrlich und unflätig verkörperten Armeechef Schukow. Als riesiger Monty Python-Fan hat es mich zudem besonders gefreut, endlich einmal wieder Michael Palin ("Ein Fisch namens Wanda") in einer starken Rolle zu sehen, nachdem er sich in den letzten zwei Jahrzehnten überwiegend auf Reisedokus für das britische Fernsehen konzentriert hatte. Als Molotow zeigt er, daß er immer noch vortrefflich mit Skurrilitäten jeder Art zurechtkommt, wobei der Ex-Außenminister in der schrillen Führungsriege ironischerweise noch am ehesten seriös wirkt (was mutmaßlich der Grund ist, warum er bei Stalin in Ungnade fiel). Und Skurrilitäten und Absurditäten hat "The Death of Stalin" überreichlich zu bieten, was schon der köstliche Prolog aufzeigt, in dem nach einem live im Radio übertragenen klassischen Konzert Theaterleiter Andreyev (Paddy Considine, "Macbeth") einen Anruf von Stalin persönlich erhält, der die sofortige Zusendung einer Aufzeichnung des Konzerts wünscht. Klitzekleines Problemchen: Das Konzert wurde nicht aufgezeichnet! Logische Lösung: Man spielt es einfach noch mal, zeichnet es nun auf und hofft, daß Stalin nichts bemerkt … So schlicht beschrieben, dürfte das einigermaßen amüsant klingen, aber ich kann versprechen, daß es im Film noch viel witziger ist, da Andreyev in bester Slapstick-Manier einige Schwierigkeiten zu überwinden hat, die ich nicht spoilern möchte.

Dieser Prolog setzt jedenfalls den Ton für eine absurde Situation nach der anderen, die häufig voll bitterer Ironie ausgespielt werden, wenn etwa Stalin nach seiner Hirnblutung nur deshalb erst nach Stunden gefunden wird, weil sich die beiden Wachsoldaten nicht trauen, ins Zimmer zu gehen, nachdem sie darin ein von Stalins Sturz ausgehendes Poltern gehört haben – oder wenn die verbliebenen Politbüro-Mitglieder nach seinem Auffinden (und Anfällen demonstrativer Bestürzung, in deren Ausmaß einer den anderen übertreffen will) ratlos diskutieren, welchen Arzt sie denn jetzt holen sollen, denn alle fähigen Ärzte wurden von Stalin und Beria längst in den Gulag geschickt oder exekutiert! Somit ist es hier in einem Akt ausgleichender kosmischer Gerechtigkeit ausgerechnet jene furchteinflößende Tyrannei, die so lange und effektiv Stalins Macht zementiert hatte, die ihn letztlich das Leben kostet … Ein bißchen störend für jene, die sich ein wenig mit der sowjetischen Geschichte auskennen, ist derweil, daß man weiß oder zumindest erahnt, für wen der Film gut ausgehen wird und für wen nicht so sehr – denn selbst ohne Geschichtsstudium kennt man einige Namen bis heute, während man andere eventuell nie zuvor gehört hat. Das sehr stattliche Ensemble umfaßt von beiden Kategorien so viele handelnde Personen, daß leider zwangsläufig einige etwas kurz kommen. Stalins Kinder zum Beispiel bleiben eher Randfiguren (wenn auch mit einigen sehr amüsanten Szenen), ebenso die selbstbewußte Pianistin Marija Judina (Olga Kurylenko, "Oblivion"), die alles andere als ein Fan von Stalin ist. Trotzdem gelingt es Iannucci und seinen Mitautoren, den zentralen Politikern auch als Folge gelegentlicher ernster Zwischentöne wie bei der Geschichte rund um Molotows totgeglaubte Ehefrau Polina (Diana Quick, "Nostradamus") genügend Tiefe zu verleihen, daß sie trotz ihres kindischen Verhaltens keine kompletten Karikaturen sind. Es muß aber auch gesagt werden, daß man sich bei aller Schwarzhumorigkeit und satirischen Schärfe manchmal nicht ganz des Eindrucks erwehren kann, daß der Film über die mörderische Brutalität und die unfaßbaren Gräueltaten von Stalins Schreckensherrschaft und Berias mächtiger Geheimpolizei etwas zu nonchalant hinweggeht – zugegeben, bei Beria sorgt gerade die Beiläufigkeit, mit der seine Grausamkeiten und Perversitäten angeschnitten werden, für Beklemmung, im größeren Maßstab funktioniert das jedoch nicht immer wie gewünscht. Allerdings locker gut genug, um diesem unbedingt sehenswerten Film ingesamt nicht allzu sehr zu schaden.

Fazit: "The Death of Stalin" ist eine scharfsinnige, einsichtsreiche und bitterböse Politsatire, die den makabren Machtkampf um die Nachfolge des Sowjet-Diktators Stalin mit viel Ironie als schmutzige Schlammschlacht unter sehr böswilligen und egozentrischen kindischen Gemütern darstellt.

Wertung: 8,5 Punkte.


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