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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Donnerstag, 12. April 2018

READY PLAYER ONE (3D, 2018)

Regie: Steven Spielberg, Drehbuch: Zak Penn und Ernest Cline, Musik: Alan Silvestri
Darsteller: Tye Sheridan, Olivia Cooke, Ben Mendelsohn, Mark Rylance, Lena Waithe, Philip Zhao, Win Morisaki, T.J. Miller, Simon Pegg, Hannah John-Kamen, Neet Mohan, Susan Lynch, Ralph Ineson, Perdita Weeks, Letitia Wright, Clare Higgins
Ready Player One
(2018) on IMDb Rotten Tomatoes: 72% (6,8); weltweites Einspielergebnis: $607,9 Mio.
FSK: 12, Dauer: 140 Minuten.

Im Jahr 2045 sieht es recht ungemütlich aus auf der Erde: Die Städte sind überfüllt und voller verdreckter Slums, weil die Menschen irgendwann sogar aufgegeben haben zu versuchen, die Probleme zu lösen. Vor der unschönen Realität flüchten sich die meisten Menschen per Virtual Reality-Set in eine riesige virtuelle Welt namens OASIS, in der jeder sein und tun kann, was er oder sie will. Kreiert wurde die OASIS von dem exzentrischen und idealistischen Genie James Donovan Halliday (Mark Rylance, "Bridge of Spies"). Als dieser stirbt, wird eine letzte Botschaft im Spiel aktiviert: Er fordert alle Spieler auf, an der höchst anspruchsvollen Jagd nach einem von ihm kunstvoll versteckten "Easter Egg" teilzunehmen. Wer das Ei findet – wozu erst drei nicht minder gut verborgene Schlüssel aufgetrieben werden müssen – tritt Hallidays Erbe an und wird somit erstens stinkreich und zweitens Herr über die OASIS. Zu den ehrgeizigen Ei-Jägern zählen die beiden Jugendlichen Wade (Tye Sheridan, "The Tree of Life") mit dem Avatar Parzival und Samantha / Art3mis (Olivia Cooke, "Ich und Earl und das Mädchen"), aber ebenso die hochgerüsteten Schergen von Nolan Sorrento (Ben Mendelsohn, "Rogue One"), Chef des zweitgrößten Videospielkonzerns, der die OASIS unter seine Kontrolle bringen und finanziell ausschlachten will. Nachdem sich lange Zeit alle Spieler schon an der ersten Herausforderung – einem spektakulären Rennen zum ersten Schlüssel – die Zähne ausgebissen haben, findet schließlich Wade einen erfolgversprechenden Weg …

Kritik:
Man kann wirklich nicht behaupten, daß Regielegende Steven Spielberg dem Publikum keine Abwechslung biete. Der beste Beweis dafür ist bis heute das Jahr 1994, in dem Spielberg mit "Jurassic Park" und "Schindlers Liste" zwei Filme in die Kinos brachte, die unterschiedlicher kaum sein könnten – doch beide waren brillant und höchst erfolgreich und sind in das kollektive Gedächtnis unserer Gesellschaft eingegangen. Trotzdem kann man bei Spielbergs Schaffen im Rückblick durchaus gewisse Phasen und Trends ausmachen. So dominierten sein Werk in den 1980er Jahren eher heitere Abenteuerfilme wie "Indiana Jones", "E.T." oder (als Produzent bzw. Drehbuch-Autor) "Die Goonies" und "Zurück in die Zukunft", während die 1990er trotz "Jurassic Park" von dramatischen historischen Stoffen wie "Schindlers Liste", "Der Soldat James Ryan" und "Amistad" geprägt wurden. In den 2000ern wurde es eher futuristisch mit "Minority Report", "Krieg der Welten" sowie (als Produzent) "Transformers" und "Men in Black", in der laufenden Dekade setzen wiederum historische Dramen wie "Lincoln", "Gefährten", "Bridge of Spies" und "Die Verlegerin" den Schwerpunkt. Einen richtig schönen Spaßfilm hat Spielberg als Regisseur seit 2011 ("Tim und Struppi") nicht mehr gedreht – bis ihm der Roman "Ready Player One" von Ernest Cline unterkam, übrigens bereits vor dessen Veröffentlichung. Zugegeben, angesichts der dystopischen Zukunft, in der "Ready Player One" spielt, mutet die Bezeichnung "Spaßfilm" auf den ersten Blick vielleicht etwas kurios an, aber angesichts der Tatsache, daß die im Kern ziemlich schlichte Handlung von unzähligen popkulturellen Anspielungen und Zitaten lebt und vom Kampf einer Gruppe von jugendlichen Helden gegen böse Mächte erzählt – seit jeher ein Lieblingsthema Spielbergs –, stimmt es: "Ready Player One" macht einfach großen Spaß!

Aus Lizenzgründen mußten im Drehbuch – das Cline gemeinsam mit Zak Penn ("X-Men 2") verfaßte – zwar viele Anspielungen ausgetauscht werden (kurioserweise sogar der Spielberg-Film "Unheimliche Begegnung der dritten Art") und mit "Blade Runner" (wegen der fast parallel gedrehten Fortsetzung von Denis Villeneuve) und dem japanischen "Ultraman" fehlen auch zwei Werke, die im Buch eine zentrale Rolle einnehmen. Wie gut das im Film kompensiert wurde, kann ich mangels Kenntnis der Vorlage nicht beurteilen, für sich genommen funktioniert der Ersatz ("Shining" respektive "Der Gigant aus dem All") aber ausgezeichnet. Nicht geändert hat sich, daß sich die meisten Anspielungen auf die 1980er Jahre beziehen. Mit Sicherheit gibt es keinen Menschen, der beim ersten Ansehen von "Ready Player One" jedes popkulturelle Zitat erkennt – die meisten, speziell die Cameos in der finalen Massenschlacht in der OASIS, wird man wohl erst nach dem Heimkino-Release entdecken, wenn man jederzeit pausieren und den Bildschirm genau absuchen kann. Doch wenngleich es den Spaß am Film sicherlich erhöht, wenn man möglichst viele Anspielungen erkennt, sollte er auch jenen ziemlich gut gefallen, die zu jung sind oder sich nur in Teilbereichen auskennen. In meinem Fall ist es beispielsweise so, daß ich als umfangreich interessierter Filmautor und -blogger vermutlich mehr Filmreferenzen bemerke als der Durchschnittszuschauer – doch da ich nie eine Konsole hatte, werden mir die meisten Videospielzitate und Cameos entgangen sein. Und war das nun ein Problem für mich? Keinesfalls! Erstens sollte angesichts von weit über 100 Anspielungen jeder ab und zu ein "Das kenne ich!"-Erfolgserlebnis haben und zweitens funktioniert "Ready Player One" auch auf sich selbst gestellt gut. Dabei dürfte die klare Schwarzweißzeichnung sogar von Vorteil sein, auch wenn sie dramaturgisch nicht so ideal ist. Vor allem sorgen aber die beiden gut ausgestalteten und ungemein sympathischen Hauptfiguren Parzival und Art3mis (ihre drei Mitstreiter im "High Five"-Clan kommen leider etwas kurz) im Zusammenspiel mit spektakulären Actionsequenzen und viel Humor bester Oneliner: "Ninjas don't hug!" dafür, daß man sich trotz einer Länge von deutlich über zwei Stunden durchgehend gut unterhalten fühlt.

Für die zentralen Protagonisten hat sich Spielberg zwei große junge Talente geholt, die bereits wiederholt in Independent-Produktionen ihr Können bewiesen haben. Tye Sheridan wurde als Kind von Terrence Malick für "The Tree of Life" entdeckt und überzeugte seitdem in Arthouse-Hits wie "Mud" und "Joe", als Mutant Cyclops gelang ihm in "X-Men: Apocalypse" bereits der Sprung ins Blockbuster-Metier. Die bezaubernde Olivia Cooke hingegen wurde durch die TV-Serie "Bates Motel" bekannt und glänzte 2015 als todkranke Schülerin in der preisgekrönten Tragikomödie "Ich und Earl und das Mädchen". In "Ready Player One" beweisen beide, daß sie für noch größere Aufgaben bereit sind (wobei ich speziell bei Cooke hoffe, daß sie weiterhin dem Indie-Bereich verbunden bleibt), denn ohne diese beiden gut miteinander harmonierenden Sympathieträger könnte man nicht so großzügig über die Drehbuchschwächen hinwegsehen. Die wirken sich primär in den Szenen in der Realität aus, die recht klischeehaft daherkommen und mit einem gierigen Ultrakapitalisten-Bösewicht aus der Klischee-Mottenkiste nerven – der wird zwar vom Australier Ben Mendelsohn sehr routiniert und schön fies verkörpert, ist aber ein so übertriebenes, unglaubwürdig mächtiges Zerrbild, daß man ihn kaum ernst nehmen kann. Aber zugegeben, das ist auch nicht wirklich nötig, denn er ist letztlich nur die personifizierte Triebfeder für die turbulente Schnitzeljagd, die im Mittelpunkt der Handlung steht (und Wades Avatarnamen Parzival jener Ritter der Tafelrunde, der in der Artussage den Heiligen Gral sucht besonders treffend wirken läßt). Dementsprechend verwundert es nicht, daß die in der OASIS spielenden Sequenzen weitaus spannender und unterhaltsamer ausfallen und dem Film eine OSCAR-Nominierungen für die visuellen Effekte beschert haben. Bemerkenswert ist dabei, wie harmonisch der Übergang zwischen Realität und virtueller Realität gelingt. Noch vor ein paar Jahren wäre das technisch kaum möglich gewesen, inzwischen wirken die per Motion Capture-Verfahren realisierten Avatare der Figuren jedoch ebenso wie die computergenerierte Spielwelt so glaubwürdig, daß man mitunter fast vergißt, daß es sich nicht um Realfilm-Szenen handelt. Natürlich gibt es hier den Großteil der popkulturellen Referenzen, die nur selten aufgesetzt wirken und neben bloßen Erwähnungen und kurzen Cameos auch einige längere Sequenzen umfassen.

Zu meinen persönlichen Favoriten zählen dabei eine Tanzeinlage im "Saturday Night Fever"-Stil zu "Stayin' Alive" von den Bee Gees, die Heilige Handgranate aus "Die Ritter der Kokosnuß", der sehr coole Kurzauftritt von "Chucky, die Mörderpuppe" und ganz besonders ein grandios eingeflochtenes Zitat aus John Boormans düsterem Fantasyklassiker "Excalibur", das nur die wenigsten Zuschauer auf Anhieb werden zuordnen können. Der unumstrittene Höhepunkt ist allerdings die lange, sehr kunstvolle und hochgradig amüsante Hommage auf Stanley Kubricks Stephen King-Adaption "Shining", die dadurch noch an Reiz gewinnt, daß Parzivals Kumpel Aech (Lena Waithe, TV-Serie "Master of None") – dessen Avatar ein mächtiger Krieger ist – den Film nicht kennt und deshalb komplett unvorbereitet ist auf die Schrecken, die ihn erwarten … Obwohl Parzivals und Art3mis' Clanmitglieder etwas kurz kommen, gibt es dennoch einige denkwürdige Nebencharaktere; vor allem Sorrentos lakonischer Handlanger, der redselige, aber gefährliche Söldner i-R0k (T.J. Miller, "Deadpool") sowie der rätselhafte Kurator (Simon Pegg, "Star Trek") und der von Mark Rylance mit einer einnehmenden Mischung aus tolpatschiger Exzentrik und Melancholie verkörperte OASIS-Erfinder Halliday bereiten viel Freude. Technisch ist der Film auch abseits des Motion Capturings tadellos. Die OASIS ist ebenso gelungen und glaubwürdig gestaltet wie das dystopische, hoffnungslos überfüllte Columbus, die vom gewohnt klangvollen Actionscore von Altmeister Alan Silvestri ("Zurück in die Zukunft", "Die Mumie kehrt zurück", "The Avengers") untermalten 3D-Actionsequenzen sind spektakulär gestaltet und trotz etlicher Massenszenen behält man dank der eleganten Kameraführung von Spielbergs OSCAR-prämiertem Stamm-Kameramann Janusz Kaminski eigentlich stets den Überblick. Daß Steven Spielberg am Ende einen wenig subtilen Appell für mehr Realität und weniger virtuelle Realität / Internet / Social Media einflicht, sei ihm verziehen zumal er ja Recht hat. Angesichts der hohen technischen Anforderungen trägt "Ready Player One" zwar ein Budget von $175 Mio. mit sich herum, der global die Erwartungen übertreffende Erfolg läßt einen weiteren Film aber durchaus realistisch erscheinen – Ernest Cline arbeitet sowieso bereits an einer Fortsetzung seines Romans. Ich würde mich jedenfalls darüber freuen, allerdings auf eine anspruchsvollere Rahmenhandlung hoffen.

Fazit: "Ready Player One" ist der spaßigste Spielberg-Film seit Jahren, eine dramaturgisch nicht allzu anspruchsvolle, mit popkulturellen Anspielungen und Zitaten gespickte Schnitzeljagd mit ungemein sympathischen Protagonisten und einem allzu schablonenhaften Bösewicht.

Wertung: 8 Punkte.

P.S.: Eine umfangreiche, wenngleich sehr wahrscheinlich noch nicht vollständige Liste speziell der Filmanspielungen gibt es bei der IMDb.


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