Empfohlener Beitrag

In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 6. Dezember 2017

THE MISSING (TV-Serie, 2016, 2. Staffel)

Regie: Ben Chanan, Drehbuch: Jack & Harry Williams, Musik:
Darsteller: Tchéky Karyo, Keeley Hawes, David Morrissey, Laura Fraser, Abigail Hardingham, Jake Davies, Roger Allam, Florian Bartholomäi, Derek Riddell, Anastasia Hille, Lia Williams, Filip Peeters, Ólafur Darri Ólafsson, Daniel Ezra, Brian Bovell, Bernhard Schütz, Chelsea Edge, Stefan Schönenberg, Tobias Schönenberg, Indica Watson, Camille Schott, Fabrice Rodriguez, Sebastian Urbanski, Nabil Elouahabi, Lena Lauzemis, Cela Yildiz
 The Missing
(2014) on IMDb Rotten Tomatoes: 96% (7,6); FSK: 16, Dauer: 472 Minuten.
Im Jahr 2003 verschwindet die 11 Jahre alte Alice – Tochter des dort stationierten britischen Offiziers Sam Webster (David Morrissey, "Centurion") und seiner Frau Gemma (Keeley Hawes, TV-Serie "Ashes to Ashes") – aus dem deutschen Ort Eckhausen. Die Ermittlungen bleiben erfolglos. 2014 taucht Alice (Abigail Hardingham, TV-Serie "Will") am gleichen Ort wieder auf, offensichtlich schwer traumatisiert, aber am Leben. Während sie, ihre Eltern und ihr jüngerer Bruder Matthew (Jake Davies) versuchen, mit der neuen Situation umzugehen, versuchen die deutsche Polizei und das britische Militär unter Führung von Brigadier Stone (Roger Allam, "A Royal Night") und seiner hochschwangeren Tochter Sergeant Eve Stone (Laura Fraser, "Ritter aus Leidenschaft") in Zusammenarbeit den Täter ausfindig zu machen – denn wie sie von Alice erfahren haben, hatte sie noch eine in etwa gleichaltrige Mitgefangene namens Sophie Giroux. Die verschwand bereits 2002 aus Frankreich, der leitende Ermittler war Julien Baptiste (Tchéky Karyo, "Nikita"). Als der inzwischen pensionierte Julien von der neuen Spur erfährt, macht er sich sofort auf den Weg nach Deutschland, denn Sophies ungeklärtes Verschwinden ließ ihn niemals los …

Kritik:
Als die Brüder Jack und Harry Williams die ungewöhnlich komplexe Thriller-Serie "The Missing" schufen, wurde die grimmig-realistische Geschichte über die mannigfaltigen Auswirkungen des spurlosen Verschwindens eines Kindes 2014 in Großbritannien zu einem großen Kritiker- und Publikumserfolg (anders als im deutschen TV, wo sie auf bedauerlich wenig Interesse stieß). Zwei Jahre später kehrte die Serie mit einer zweiten Staffel zurück, die versuchte, den Stil und die Stärken der ersten beizubehalten, dabei aber trotzdem ganz anders daherzukommen. Das ist weitestgehend geglückt, auch wenn diese zweite Staffel nach einem ganz starken Auftakt in meinen Augen doch abbaut und somit insgesamt einen Tick schwächer ausfällt. Großartige, anspruchsvolle Fernsehunterhaltung bleibt "The Missing" aber, was in Großbritannien übrigens erneut honoriert wurde. Eine dritte Staffel ist deshalb eigentlich Formsache, allerdings wollen die Williams' sie löblicherweise erst realisieren, wenn sie eine richtig gute Storyidee haben – und da sie sich zwischenzeitlich mit dem rückwärts erzählten "Rellik" einer ganz neuen Serie widmeten, steht der Zeitpunkt der Rückkehr von "The Missing" Ende 2017 immer noch in den Sternen.
Das ist aber natürlich so oder so Zukunftsmusik, also widmen wir uns erstmal genauer Staffel 2. Vieles ist neu, denn aus dem Personal der ersten Staffel kehren lediglich der routinierte, leicht obsessive französische Ermittler Julien Baptiste sowie in Nebenrollen dessen Ehefrau und Tochter zurück. Das ergibt Sinn und ist konsequent, denn weitere bekannte Figuren in die Handlung einzubinden, hätte das Drehbuch zwangsläufig arg konstruiert erscheinen lassen. Aber mit Julien haben wir sogleich eine liebgewonnene Identifikationsfigur, die zwar eigentlich im Ruhestand ist, es aber ganz im Sinne von "Der Pate, Teil III" ("Gerade als ich dachte, ich bin raus, ziehen sie mich wieder rein") durch die Verbindung von Alice zu seinem alten Sophie Giroux-Fall – der wahrlich nicht zu den Highlights seiner langen Karriere zählt – nicht lassen kann, wieder zu ermitteln. Diesmal allerdings komplett als Privatperson und bestenfalls toleriert von der deutschen Polizei und der britischen Militärpolizei (die schon genügend damit zu tun haben, die höchst ungewöhnliche gemeinsame Ermittlung halbwegs harmonisch zu gestalten). Lediglich der junge, aber talentierte und sehr engagierte deutsche Polizist Jörn Lenhart (Florian Bartholomäi, "Rubinrot") arbeitet gerne inoffiziell eng mit dem erfahrenen Julien zusammen.
Auffällig ist, daß die Prämisse von "The Missing 2" beinahe das Gegenteil der ersten Staffel darstellt: War es damals das Verschwinden eines Kindes, das das Leben einer Familie (und anderer direkt oder indirekt Beteiligter) schwer beeinträchtigte, ist es nun ironischerweise das Wiederauftauchen eines verschwundenen Kindes, das unerwartet eine ganz ähnliche Wirkung zeitigt. Denn anders als die Hughes', die als Familie als Folge der Tragödie zerbrachen, haben die Websters den Verlust ihrer Tochter gemeinsam so gut verarbeitet, wie das wohl nur möglich ist; sie sind eine intakte Familie geblieben. Als Alice zurückkehrt, ändert sich das. Wie genau, das erfahren wir erst nach und nach, denn beibehalten haben die Williams' die verschiedenen Zeitebenen, zwischen denen die Handlung immer wieder hin- und herwechselt. Insgesamt gibt es etwa ein halbes Dutzend, das meiste konzentriert sich jedoch auf die Jahre 2014 – als Alice zurückkehrt – und die Gegenwart (also 2016). Zwei Jahre sind also nur vergangen, die sich aber auf alle Beteiligten negativ niedergeschlagen haben. Erneut gelingt es den Williams' großartig, die Zuschauer mit immer neuen Fragen und Hinweisen zu ködern, die Spannung ungemein hoch zu halten und mit kaum vorhersehbaren, aber rückblickend in den meisten Fällen sehr sinnvollen Wendungen genau aufs Herz des Publikums zu zielen. Kurzum: In der ersten Hälfte der wiederum acht Episoden umfassenden Staffel ist "The Missing 2" nah an der Perfektion!
Dazu trägt auch der im Vergleich zu Staffel 1 noch einmal gesteigerte Abwechslungsreichtum der Schauplätze bei. Speziell der Ausflug des inzwischen gesundheitlich recht angeschlagenen Julien in den Irak in der Gegenwart, wo er eine Person sucht, die er für eine Schlüsselfigur in den Fällen von Alice und Sophie hält, macht richtig Laune. Er sorgt (ohne es zu übertreiben) für Action, da Julien und sein Begleiter – der erfahrene Kriegsreporter Stefan Andersen (Ólafur Darri Ólafsson, "Ruhet in Frieden - A Walk Among the Tombstones") – an den Rand des heftig umkämpften IS-Gebietes reisen müssen, bringt aber tatsächlich wichtige, teils schockierende Antworten ein. So ist es sicher kein Zufall, daß die Qualität der Staffel nachläßt, kurz nachdem Julien wieder zurück in Deutschland ist. Das ist natürlich nicht der einzige Grund, schließlich funktioniert Julien auch in relativ vertrautem Gebiet wunderbar mit seinem Scharfsinn, seiner unbelehrbaren Besessenheit und dem eher mäßig ausgeprägten Gespür für Diplomatie sowohl gegenüber den Websters als auch den deutschen und britischen Polizisten. Das Problem ist vielmehr, daß man nach Juliens Irak-Ausflug bereits sehr viel über die wahren Hintergründe der Entführungsfälle ahnt oder sogar weiß, die halbe Staffel aber noch vor einem liegt. Spätestens nach der fünften Folge bleibt dann neben einigen Details nur noch die Frage offen, wie man den oder die Täter überführt und ob man das verbleibende Opfer lebendig findet. Das ist bei weitem keine katastrophale Entwicklung, denn auch so und obgleich man als Zuschauer wegen des Gesamtüberblicks mehr weiß als die erfahrenen Ermittler, halten das Drehbuch der Williams-Brüder und Ben Chanans kluge, die verschiedenen Zeitebenen gut unterscheidbar gestaltende Regie Spannung und Interesse hoch und führen das Publikum schließlich zu einem hochgradig emotionalen Finale. Doch im direkten Vergleich kann die zweite Staffelhälfte (und in der Folge die gesamte Staffel) nicht mit dem ersten Durchgang der Serie mithalten, die buchstäblich bis zur letzten Einstellung hochdramatisch blieb.
Die Besetzung von "The Missing 2" ist dafür in der Breite vielleicht sogar noch etwas besser als die bereits exzellente der ersten Staffel, allerdings reicht niemand an die fiebrige Intensität von James Nesbitts verzweifeltem Vater Tony Hughes heran. Dessen emotionale Position in der Story übernimmt in der zweiten Staffel in gewisser Weise Julien Baptiste, der somit auch vom sekundären zum primären Protagonisten aufsteigt. Er steht nun klar im Zentrum der Handlung und im Zusammenhang mit seinem gesundheitlichen Zustand agiert er gefühlsgetriebener als zuvor. Das steht ihm aber gut, zumal die Konflikte mit den anderen Personen stark geschrieben und gespielt sind. Speziell "Breaking Bad"-Darstellerin Laura Fraser gibt als Militärermittlerin Sergeant Eve Stone einen gleichwertigen Widerpart ab, aber auch Alices von Ex-"The Walking Dead"-Antagonist David Morrissey überzeugend verkörperter aufbrausender Vater Sam Webster wird vom unnachgiebigen Julien immer wieder an den Rand des Wahnsinns getrieben. Auf der anderen Seite entwickelt sich neben dem deutschen Polizisten Jörn Lenhart vor allem Alices Mutter Gemma zu einer wichtigen Verbündeten Juliens, wobei Keeley Hawes die von Zweifeln und Selbstvorwürfen geplagte, aber unter der Oberfläche bewunderswert starke Frau mit jener Einfühlsamkeit, Intensität und Nuanciertheit verkörpert, die Liebhaber britischer TV-Serien seit mindestens 15 Jahren von ihr gewohnt sind. Eine echte Entdeckung ist Abigail Hardingham, die die innere Zerrissenheit und latente Traurigkeit des wiederaufgetauchten, aber traumatisierten Entführungsopfers mit bemerkenswerter Ausdrucksstärke vermittelt. Einige recht interessante Nebenfiguren kommen dagegen – eine Parallele zur ersten Staffel – relativ kurz, darunter das deutsch-britische Ehepaar Herz (Filip Peeters aus "Loft" und Lia Williams aus "The Foreigner") und Alices Bruder Matthew, der nach der Rückkehr seiner Schwester an ziemlich fragwürdige neue Freunde gerät.
Bei meiner Rezension der ersten Staffel hatte ich ja aufgrund der multinationalen Handlung und Besetzung der englischen Sprache mächtigen Zuschauern zur Originalfassung geraten (bei der deutschen Heimkinoveröffentlichung gibt es in beiden Staffeln englische Untertitel). Eigentlich gilt das auch für Staffel 2, die von den Williams-Brüdern ganz bewußt erneut sehr international konzipiert wurde; allerdings gibt es dieses Mal eine kleine Einschränkung, denn dadurch, daß ein Großteil der Handlung in Deutschland spielt, jedoch in Belgien gedreht wurde, sind einige deutsche Neben- und Statistenrollen mit Belgiern besetzt. Die sprechen zwar ausnahmslos gutes bis hervorragendes Deutsch, allerdings bleibt Muttersprachlern der Akzent trotzdem nicht verborgen. Das stört nicht wirklich, fällt aber schon auf, weshalb die entsprechenden Dialoge in der deutschen Fassung synchronisiert wurden und sich somit harmonischer in das Gesamt-Sprachbild einfügen. Andererseits hat die deutsche Synchronfassung dafür mit einem vor allem aus im Zweiten Weltkrieg spielenden englischsprachigen Produktionen altbekannten Problem zu kämpfen: Dadurch, daß die englischen Dialoge deutsch synchronisiert wurden, sind etwaige Verständnisprobleme zwischen englisch- und deutschsprachigen Figuren schwer zu vermitteln – denn in der Synchronfassung sprechen die ja alle deutsch. Interessanterweise gibt es auch gelegentlich Unterschiede in den Dialogen deutscher Figuren, die in beiden Sprachfassungen vom echten Schauspieler gesprochen werden: So kommentiert beispielsweise der von Bernhard Schütz gespielte Polizeichef Engel im Original einen emotionalen Ausbruch Juliens mit einem verächtlichen "verrückter alter Spinner", während er in der Synchronfassung ein neutraleres und langweiligeres "Ich versteh' kein Wort" von sich gibt (weil Julien ihn hier ja verstehen müßte, wenn er Deutsch spricht). Letztendlich rate ich daher auch in der zweiten Staffel dazu, nach Möglichkeit die Originalfassung zu genießen – zumal leider etliche Darsteller (speziell Hawes, Morrissey und Fraser; Karyo übrigens auch, aber das war ja schon in der ersten Staffel der Fall) nicht von ihren Stammsprechern vertont werden, auch wenn ihre Vertreter einen guten Job machen (soweit ich das anhand meiner Stichproben beurteilen kann). Außerdem lohnt sich die Originalfassung schon wegen Tchéky Karyos wunderbarem französischen Akzent (der in der Synchronfassung komplett fehlt) … So oder so: Hauptsache anschauen, denn "The Missing" bleibt trotz des leichten Abschwungs gegen Ende auch in seiner zweiten Staffel erstklassige TV-Unterhaltung!

Fazit: Die zweite Staffel von "The Missing" bietet wiederum britische Thriller-Unterhaltung auf hohem Niveau, wenn sie auch aufgrund einer nach grandiosem Auftakt ein wenig schwächeren zweiten Hälfte einen Tick hinter der ersten Staffel zurückbleibt.

Wertung: Knapp 8,5 Punkte.

Staffel 2 von "The Missing" ist am 29. September 2017 von Pandastorm Pictures auf DVD und Blu-ray veröffentlicht worden. Das Bonusmaterial umfaßt den Trailer und ein gut 40-minütiges "Behind the Scenes"-Featurette, das jedoch phasenweise arg nacherzählend ausgefallen ist – wirklich interessante Einblicke gibt es vorwiegend von den beiden Serienschöpfern Jack und Harry Williams. Das Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise von Glücksstern-PR zur Verfügung gestellt.


Bei Gefallen an meinem Blog würde ich mich über die Unterstützung von "Der Kinogänger" mittels etwaiger Bestellungen über einen der amazon.de-Links in den Rezensionen oder über das amazon.de-Suchfeld oder das jpc-Banner in der rechten Spalte freuen, für die ich eine kleine Provision erhalte.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen