Empfohlener Beitrag

In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 13. Juni 2017

DIE MUMIE (3D, 2017)

Originaltitel: The Mummy
Regie: Alex Kurtzman, Drehbuch: David Koepp, Christopher McQuarrie und Dylan Kussman, Musik: Brian Tyler
Darsteller: Tom Cruise, Sofia Boutella, Annabelle Wallis, Russell Crowe, Jake Johnson, Simon Atherton, Courtney B. Vance, Marwan Kenzari, Selva Rasalingam, Dylan Kussman
 Die Mumie
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 16% (4,2); weltweites Einspielergebnis: $409,1 Mio.
FSK: 12, Dauer: 111 Minuten.

Die befreundeten Soldaten Nick Morton (Tom Cruise, "Edge of Tomorrow") und Chris Vail (Jake Johnson, "Jurassic World") nutzen eine Aufklärungsmission in der von Islamisten besetzten Region des Irak, um (unerlaubterweise) wertvolle Altertumsschätze zu bergen und dann teuer zu verschachern – als Grundlage für ihre Suche dient ihnen eine Karte, die Nick der attraktiven Archäologin Jenny Halsey (Annabelle Wallis, "King Arthur: Legend of the Sword") gestohlen hat. Da sie jedoch unter schweren Beschuß der Islamisten geraten und von der Armee gerettet werden müssen, fliegt ihr waghalsiger Plan auf. Daß sie nicht allzu viel Ärger bekommen, liegt daran, daß sie tatsächlich einen sensationellen Fund gemacht haben: Mehr als 1000 Kilometer von Ägypten entfernt liegt hier die Mumie der Prinzessin Ahmanet (Sofia Boutella, "Star Trek Beyond") in ihrem Sarkophag. Expertin Jenny erkennt zwar bald, daß es sich weniger um ein Grabmal als vielmehr um ein Gefängnis handelt, dennoch wird der Sarkophag samt Inhalt in einen Militärtransporter Richtung London verfrachtet, wo Dr. Henry Jekyll (Russell Crowe, "The Nice Guys") die Mumie untersuchen soll, ein Vetreter der Geheimorganisation "Prodigium". Die nicht wirklich tote und noch immer höchst ehrgeizige Ahmanet hat allerdings unbemerkt bereits eine starke geistige Verbindung zu Nick aufgebaut, der sie als erstes erblickte …

Kritik:
In den 1930er Jahren geriet das von dem gebürtigen Deutschen Carl Laemmle aus der Taufe gehobene Filmstudio Universal in eine bedenkliche Schieflage. Den Wechsel vom Stumm- zum Tonfilm meisterte man zwar aus qualitativer Sicht sehr überzeugend (z.B. mit Lewis Milestones Anti-Kriegs-Meisterwerk "Im Westen nichts Neues"), kommerziell blieb man aber häufig hinter den Erwartungen zurück und mußte – auch als Folge der Weltwirtschaftskrise – die komplette Dekade über Verluste verbuchen. Wer weiß, vielleicht hätte das Studio diese Phase gar nicht überstanden, wären da nicht die "Monsterfilme" gewesen. 1931 eröffnete "Dracula" den Reigen günstig produzierter, aber dank talentierten Personals vor und hinter der Kamera hochwertiger Horrorfilme, die überwiegend auf Grundlage populärer Romane viele Erfolge feiern konnten und unter Cineasten bis heute geschätzt werden. Neben Dracula, Frankenstein, dem Wolfsmensch und dem Unsichtbaren war auch die Mumie Teil dieses revolutionären Filmuniversums, das sich zwar nicht durch eine innere Story-Kontinuität auszeichnete, wie wir sie heutzutage etwa aus dem Marvel Cinematic Universe kennen, aber mit dem speziell in den 1940er Jahren fast schon exzessiven Rückgriff auf Crossover á la "Frankenstein Meets the Wolf Man" unzweifelhaft ein Vorreiter heutiger Marktmechanismen war. "Die Mumie", 1932 als Regiedebüt des 1937 für "Die gute Erde" OSCAR-gekrönten stilbildenden deutschen Kameramanns Karl Freund ("Der Golem, wie er in die Welt kam", "Metropolis", "Dracula") und ausnahmsweise ohne literarische Vorlage in die Kinos gebracht, glänzte wie die übrigen frühen Universal-Monsterfilme speziell durch eine ungemein stimmige Gruselatmosphäre und eine paßgenaue Besetzung. Vor allem der kantige, unvergeßliche Boris Karloff bewies kurz nach seinem Debüt in seiner bekanntesten Rolle als Frankensteins Kreatur in "Frankenstein" erneut, wie spielerisch leicht und charismatisch er die Kreaturen der Finsternis zum Leben erwecken und tief im Gedächtnis des Publikums verankern konnte, aber auch die wunderbare Zita Johann (die ihrer vielversprechenden Filmkarriere leider bereits nach vier Jahren ein Ende setzte, weil sie die Branche als zu oberflächlich empfand und sich deshalb lieber komplett dem Theater widmete) glänzte in der weiblichen Hauptrolle.

Dieser gar nicht so kurze Exkurs in die Frühzeit der Filmgeschichte ist für das Verständnis des bereits zweiten Reboots von "Die Mumie" selbstverständlich überflüssig. Jedoch ist die zweite Regiearbeit des lange im TV tätigen "Fringe"-Co-Schöpfers Alex Kurtzman (nach dem Drama "Zeit zu leben") bedauerlicherweise dermaßen belanglos geraten, daß ich gerade als Kontrast die faszinierenden Ursprünge dieser im doppelten Wortsinne langlebigen Kinofigur keinesfalls übergehen will – zumal man den heutigen Filmemachern nur empfehlen kann nachzuforschen, warum die damaligen Universal-Monsterfilme so gut funktioniert haben, und sich ein bißchen etwas davon abzuschauen. Zugegeben, ansatzweise ist das bei der 2017er-Version sogar der Fall, denn während Stephen Sommers' erster Neustart aus dem Jahr 1999 mit Brendan Fraser und Rachel Weisz abgesehen von dem selbstbewußt zur Schau getragenen B-Movie-Charme stilistisch eher wenig mit dem Original zu tun hatte und vorrangig auf Humor, Massenszenen und teure Spezialeffekte setzte, orientiert sich Kurtzmans Film doch etwas stärker an Freunds Werk. Zumindest gilt das für die erste Hälfte, in der sich Kenner der alten Monsterfilme über einige nette Verbeugungen vor den Klassikern freuen können, speziell was die stimmungsvolle Verwendung mittelalterlicher Gemäuer und Straßen in und nahe London betrifft. Leider zieht Kurtzman das aber nicht konsequent durch, sondern setzt in der zweiten Filmhälfte auf einen regelrechten Action-Overkill – und natürlich ist der komplette Film von hauptsächlich in Nicks omnipräsenten Onelinern manifestiertem Humor durchzogen, der manchmal wirklich witzig ist, sich insgesamt aber zu selten harmonisch in das Geschehen einfügt. Im Grunde genommen ist "Die Mumie" mit diesem allzu offensichtlichen Versuch, möglichst jedem Zuschauersegment etwas von dem zu bieten, das es theoretisch ins Kino lockt, ein Paradebeispiel für die ewige Hollywood-Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau – ewig, aber (bislang) vergeblich. Und da sich das bei "Die Mumie" auch in überwiegend mittelmäßigen Zuschauerzahlen niederschlägt (nur in Asien läuft es richtig gut), darf der lange verzögerte Start von Universals neuem "Dark Universe" als ziemlich holprig verbucht werden; wenn die Zahlen auch gut genug sind, um den Fortbestand des neuen Filmfranchises nicht sofort wieder in Frage zu stellen.

Dabei gibt es durchaus Argumente, die für "Die Mumie" sprechen. Interessant ist etwa die recht ungewöhnliche Storystruktur, die uns bereits zur Filmmitte jenen Kampf liefert, den man eigentlich für den Showdown erwartet hätte und dann noch einmal eine ganz andere Richtung einschlägt. Allerdings funktioniert das aufgrund der inhaltlichen Ideenlosigkeit für den komplett auf Action setzenden finalen Akt nur bedingt. Auch Nicks anfängliche Stellung als Anti-Held ist eine nette Variation vom gängigen Vorgehen, wenngleich seine Wandlung vom selbstsüchtigen, verantwortungslosen Egoisten zum noblen Helden natürlich auch nicht gerade vor Originalität sprüht und in der Umsetzung arg klischeehaft geraten ist. Und schließlich gibt Sofia Boutella eine richtig gute Mumie ab, der das Drehbuch jedoch kaum die Möglichkeit gewährt, Profil zu entwickeln, weshalb ihre Figur letztlich verschenkt bleibt. Gerade im Vergleich zu Sommers' Version der Geschichte fällt das ins Auge, denn ein Erfolgsgeheimnis seines Films war, daß der von Arnold Vosloo charismatisch verkörperte Hohepriester Imhotep auch dank zahlreicher Rückblenden ins antike Ägypten und einer zwar nicht spektakulär einfallsreichen, jedoch sehr glaubwürdigen Motivation ein großartiger Kontrahent war. Ahmanet kann zwar gut kämpfen und hat eine düster-mysteriöse Ausstrahlung – das war's dann aber auch schon wieder, zumal der Prolog der einzige nennenswerte Ausflug in die Vergangenheit bleibt.

Jenes Gefühl der Epik, das Sommers' Film auch aufgrund des exotischen Wüstensettings und trotz des B-Movie-Tonfalls auszeichnete, geht Kurtzmans "Die Mumie" komplett ab, auch nach dem ziemlich schnellen Wechsel nach London gelingt es trotz einiger kurzer Massenszenen kaum, dem Publikum die angeblich so gewaltige Gefahr zu vermitteln, die von Ahmanet und ihrem sinistren Plan ausgeht. Es ist schon ironisch, daß dem ebenfalls mängelbehafteten, aber deutlich originelleren und unterhaltsameren "Dracula Untold" nachträglich doch die Stellung als Anfangspunkt des "Dark Universe" verweigert wurde, nur damit es mit einem so generischen Actionfilm wie "Die Mumie" eröffnet wird. Zugegebenermaßen ist das neue Universum inhaltlich nun aber sorgfältiger vorbereitet, wie man an der Figur des Dr. Jekyll wie auch der Organisation Prodigium erkennt, die beide in den weiteren "Dark Universe"-Werken noch eine große Rolle spielen sollen.

Russell Crowe ist dabei eine gute Besetzung für Dr. Jekyll, womit diese Figur dem eigentlichen Protagonisten Nick einiges voraus hat. Denn es ist – vor allem bei den häufig eher infantilen Sprüchen, die er von sich gibt – unverkennbar, daß die Rolle eigentlich wohl für einen deutlich jüngeren Schauspieler als Cruise konzipiert wurde. Es mutet schon kurios an, ausgerechnet einen (wenngleich immer noch topfitten) 54-Jährigen in einer actionbetonten Rolle zu besetzen, die er im Idealfall auch noch in zehn Jahren spielen soll. Zwar funktioniert das Zusammenspiel mit Sidekick Jake Johnson und Love Interest Annabelle Wallis trotz der 15 respektive 22 Jahre Altersdifferenz gut und schauspielerisch kann man Tom Cruise kaum etwas vorwerfen; trotzdem handelt es sich alles in allem eine fragwürdige Besetzungsentscheidung – zumal man auch die heftige Charakterwandlung einem jüngeren Nick eher abkaufen würde (Stichwort "Arroganz der Jugend"). Inhaltlich und konzeptionell gibt es also reichlich Grund zur Kritik an "Die Mumie", aber zumindest die Spezialeffekte entsprechen absolut dem heutigen hochwertigen Standard – ein spektakulärer Flugzeugabsturz ist sogar herausragend in Szene gesetzt. Die nachträgliche 3D-Konvertierung hat hingegen mit ähnlichen Problemen (Ghosting, körniges Bild in dunklen Szenen) zu kämpfen wie dies etwa bei "King Arthur: Legend of the Sword" der Fall war. Insgesamt ist "Die Mumie" also ein mäßiger Auftakt für das "Dark Universe", bei aller Kritik gilt aber auch, daß das vergleichsweise unkonventionelle Ende viel Potential für eine Fortsetzung bzw. für Auftritte von Nick in anderen "Dark Universe"-Filmen birgt (und nachträglich sogar ein bißchen die Cruise-Besetzung rechtfertigt).

Fazit: "Die Mumie" ist ein letztlich enttäuschendes Reboot eines Gruselklassikers, das zwar handwerklich gut gemacht ist, jedoch über keinerlei Alleinstellungsmerkmale verfügt und in der zweiten Filmhälfte viel zu stark auf Action setzt.

Wertung: 5,5 Punkte.


Bei Gefallen an meinem Blog würde ich mich über die Unterstützung von "Der Kinogänger" mittels etwaiger Bestellungen über einen der amazon.de-Links in den Rezensionen oder über das amazon.de-Suchfeld oder das jpc-Banner in der rechten Spalte freuen, für die ich eine kleine Provision erhalte.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen