Empfohlener Beitrag

In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 15. März 2017

LOGAN – THE WOLVERINE (2017)

Originaltitel: Logan
Regie: James Mangold, Drehbuch: Scott Frank, Michael Green und James Mangold, Musik: Marco Beltrami
Darsteller: Hugh Jackman, Sir Patrick Stewart, Dafne Keen, Boyd Holbrook, Richard E. Grant, Stephen Merchant, Eriq La Salle, Elise Neal, Quincy Fouse, Elizabeth Rodriguez, Krzysztof Soszynski, Stephen Dunlevy, Jason Genao, James Handy
 Logan: The Wolverine
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 92% (7,9); weltweites Einspielergebnis: $607,9 Mio.
FSK: 16, Dauer: 138 Minuten.

Im Jahr 2029 ist die Welt weitestgehend frei von Mutanten. Neue werden aus unerfindlichen Gründen nicht mehr geboren, der größte Teil der alten ist tot – wobei mutmaßlich die wenigsten eines friedlichen oder natürlichen Todes starben. Logan (Hugh Jackman, "Les Misérables") alias Wolverine ist noch am Leben, jedoch lassen seine Selbstheilungskräfte so deutlich nach, daß er inzwischen selbst beim Kampf mit einigen Gangmitgliedern ernsthafte Schwierigkeiten bekommt. Daß er generell ziemlich heruntergekommen ist und auch gern zum Alkohol greift, ist naturgemäß nicht hilfreich. Gäbe es da nicht noch seinen alten Freund und Mentor Charles Xavier (Sir Patrick Stewart, "Green Room") alias Professor X, hätte Logan sich wohl schon mit der Adamantium-Patrone, die er seit vielen Jahren mit sich herumträgt (er erhielt sie in "X-Men Origins: Wolverine"), erschossen. Der inzwischen 90 Jahre alte Charles leidet an Alzheimer und kann seine Kräfte nicht mehr völlig kontrollieren, von Homeland Security wird sein Gehirn deshalb als Massenvernichtungswaffe eingestuft! Gemeinsam mit dem Albino-Mutanten Caliban (Stephen Merchant, "Lügen macht erfinderisch") kümmert sich Logan in der amerikanisch-mexikanischen Grenzregion – interessanterweise noch immer ohne Mauer … – um Charles, was im Grunde genommen bedeutet, daß sie ihn permanent betäubt halten mit Medikamenten, für deren Bezahlung Logan als Chauffeur Geld verdient. Als eines Tages eine Frau die 11-jährige Laura (Dafne Keen) bei Logan ablädt und ihn anfleht, sie vor ihren Verfolgern in Sicherheit zu bringen, lehnt er brüsk ab. Doch Lauras Häscher, eine aus Cyborgs bestehende Spezialtruppe, die vom sinistren Wissenschaftler Dr. Rice (Richard E. Grant, "Jackie") ausgesandt wurde und von Donald Pierce (Boyd Holbrook, "Gone Girl") angeführt wird, sind nah, und so machen sich Logan, Charles und Laura notgedrungen gemeinsam auf die Flucht …

Kritik:
Als der damals außerhalb seiner Heimat Australien noch relativ unbekannte Hugh Jackman im Jahr 2000 in "X-Men" erstmals den mit spektakulären Selbstheilungskräften ausgestatteten und damit quasi unsterblichen Mutanten Wolverine spielte, war er 31 Jahre alt. Jetzt ist er 48 und in der Zwischenzeit war Wolverine als einzige Figur Teil eines jeden Films der "X-Men"-Reihe: in der ursprünglichen Trilogie spielte er eine zentrale Rolle, danach erhielt er mit "X-Men Origins: Wolverine" und "Wolverine – Weg des Kriegers" als erster und bis heute einziger des großen "X-Men"-Ensembles zwei eigene Solofilme und selbst nach dem Prequel-Reboot der Reihe mit "Erste Entscheidung", "Zukunft ist Vergangenheit" und "Apocalypse" war Wolverine stets dabei (wenn auch nur im mittleren Film als Hauptdarsteller). Doch während der Mutant nicht altert, tut das Hugh Jackman leider schon; und so wollte der Publikumsliebling jener Figur, die ihn zu einem Weltstar machte, auf jeden Fall einen würdigen Abgang bescheren, solange er sie noch glaubwürdig verkörpern konnte. Zu diesem Zweck ließen sich Regisseur James Mangold (der bereits "Weg des Kriegers" inszeniert hatte – leider erfahren wir übrigens nicht, was aus der von Rila Fukushima verkörperten Yukio wurde, die am Ende von "Weg des Kriegers" als Logans Bodyguard bei ihm bleibt) und seine beiden Co-Autoren von der klassischen Comic-Story "Old Man Logan" inspirieren, in der Wolverine in der näheren Zukunft dann eben doch gealtert ist. Somit hat Mangold eine Art "Erbarmungslos" der Superhelden-Filme geschaffen – so wie 1992 Clint Eastwood einen meisterhaften Western-Abgesang schuf, in dem ein alter Revolverheld gegen seinen Willen zu einem letzten großen Kampf gezwungen wird, zeigt auch "Logan" auf beklemmend intensive Art und Weise und mit deutlichen Film noir-Anleihen, wie aus den einst so vitalen (Super-)Helden alte, desillusionierte Männer wurden, die eigentlich nur noch auf ihren Tod warten.

Bei "Erbarmungslos" war das schon bemerkenswert, doch sind Westernhelden natürlich immer normale Menschen. In "Logan" sehen wir aber erstmals in einer Großproduktion, daß selbst Superhelden vor Alter und Krankheiten nicht gefeit sind. Und speziell Wolverines Verletzlichkeit erleben wir umso ausführlicher, da Mangold nach dem gewaltigen kommerziellen Erfolg des brutalen X-Men-Spin-Offs "Deadpool" Jackmans Abschied sogar für eine höhere Altersfreigabe konzipieren durfte, womit ein lange gehegter Traum der Comic-Fans wahr wurde: Endlich darf Wolverine seinem Namen ("Vielfraß") wirklich gerecht werden und blutig unter seinen Feinden wüten. Ein kleines Problem an der Sache ist: Nachdem uns die Filme des X-Men-Universums 17 Jahre lang erfolgreich darauf konditioniert haben, von Wolverine und seinen Kollegen zwar gelegentlich durchaus brutale, aber in letzter Konsequenz immer familienfreundliche, blutarme Kampfsequenzen zu erwarten, ist es regelrecht irritierend, wenn nun das Blut literweise fließt und die abgeschlagenen Gliedmaßen im Dutzend durch die Gegend fliegen, als wären wir bei einem Tarantino-Film. Da muß man selbst die deutsche FSK 16-Freigabe (die auch schon den harmloseren "X-Men Origins: Wolverine" traf) als großzügig werten, denn eine 18er-Einstufung wäre absolut möglich gewesen – schon weil Kinder direkt in die Kämpfe involviert sind. Doch letztlich ist das eine Frage der Gewöhnung und spätestens in der zweiten Filmhälfte sollte man den neuen Härtegrad akzeptiert haben, zumal die Handlung die Gemetzel locker rechtfertigt.

Das liegt primär an Lauras Häschern, den Reavern. Diese Spezialeinheit künstlich verbesserter Cyborgs (Anführer Pierce hat beispielsweise eine nützliche Roboterhand) kennt keine Skrupel und geht bei der Hetzjagd auf Laura ultrabrutal zu Werke. Sie folgt den Befehlen des sinistren Dr. Rice, der im Biotech-Unternehmen Alkali-Transigen daran arbeitet, Mutanten als perfekte Soldaten heranzuzüchten. Da die Reaver stets klar in der Überzahl und zudem aufgrund ihrer "Verbesserungen" sehr schwer zu besiegen sind, ist es nur logisch, daß Logan und auch Laura zu drastischen Mitteln in den Kämpfen greifen müssen; da kann der Gegner noch so hartnäckig sein, ohne Kopf kämpft es sich nunmal schlecht … Allzu ausgefeilt kommt die Story zwar, wie so häufig bei Superhelden-Filmen, nicht daher, doch wie es sich für das X-Men-Filmuniversum gehört, rührt sie durchaus an tiefergehende gesellschaftliche Fragen und liefert zudem allemal genügend Stoff für ein Roadmovie, das einen denkwürdigen Abschied von zwei der beliebtesten Superhelden überhaupt ermöglicht (in der aktuellen Inkarnation). Die Interaktion zwischen den langjährigen Freunden Logan und Charles auf der einen Seite und der wortkargen Laura auf der anderen (anfangs ist auch noch der leidgeprüfte Caliban involviert) ist dabei sehr einfühlsam in Szene gesetzt. Charles ist gewissermaßen der Mediator, er ist freundlich zu Laura und schubst mit seiner typischen Hartnäckigkeit auch Logan immer wieder in die richtige Richtung – denn Laura, die ähnliche Fähigkeiten hat wie Logan, braucht einen Beschützer, und dafür kommt in dieser gar nicht so schönen neuen Welt nunmal einzig der griesgrämige Logan noch in Frage.

Ein wenig erinnert der mittlere Akt von "Logan" an "Iron Man 3", wo Tony Stark ja eine Zeitlang auf sich alleingestellt und ohne seine Superhelden-Fähigkeiten mitten in der Provinz bestehen muß. Etwas ärgerlich ist es zwar schon, daß das Trio während seiner Flucht eine Art Ausflug unternimmt, obwohl es Charles und Logan ebenso klar sein muß wie dem Publikum, daß das angesichts der Verfolger nicht gut enden kann; aber zugegeben, für sich genommen funktioniert die Episode sehr gut, sie sorgt für eine wohltuende dramaturgische Ruhepause und verstärkt gleichzeitig die emotionale Wirkung des unweigerlich Folgenden. Und außerdem können die Darsteller in dieser kurzen Ruhephase schauspielerisch glänzen, wobei vor allem Jackman mit einer noch einmal höheren Intensität beeindruckt als man sie von ihm in dieser Rolle ohnehin gewohnt ist – und Newcomerin Dafne Keen liefert als Laura ein beeindruckendes Kinodebüt ab, das darauf hoffen läßt, in Zukunft noch viel von ihr zu sehen. Die Western-Einflüsse von "Logan" sind derweil unverkennbar, nicht nur "Erbarmungslos" drängt sich als Inspirationsquelle auf, sondern auch andere Klassiker des Genres – einen davon, "Mein großer Freund Shane" aus dem Jahr 1953, sehen sich Charles und Laura sogar gemeinsam in ihrem Hotelzimmer an. Stimmungsmäßig wird "Logan" naheliegenderweise von Melancholie dominiert. Das betrifft die Charaktere selbst, wenn Logan an lange zurückliegende Heldentaten oder verlorene Freunde denkt und Charles von seiner Alzheimer-Erkrankung geplagt wird; aber auch für den Zuschauer ist es nicht so einfach, die Helden, die man jahrelang bei ihren Abenteuern begleitet hat, so zu erleben. Nein, als "X-Men" in die Kinos kam, hätte wohl niemand gedacht, daß wir dereinst mitansehen würden, wie Wolverine den theoretisch nahezu allmächtigen Professor X wäscht und auf die Toilette bringt … Doch ein wenig Hoffnung, ein kleines bißchen Optimismus gibt es durch Laura und einige ihrer ebenfalls aus dem Labor von Dr. Rice entflohenen Freunde, zudem verzichtet "Logan" bei aller Wehmut dankenswerterweise nicht auf einen Schuß Humor und läßt neben einem netten Seitenhieb gegen die Eigenheiten der amerikanischen Altersfreigabe-Praxis beispielsweise Logan leidenschaftlich über die X-Men-Comics schimpfen, die Laura mit sich führt und in denen höchstens ein Viertel der Wahrheit entspreche ...

Etwas, das die X-Men-Filme für meinen Geschmack nie so richtig hinbekommen haben, ist das Ende, der Showdown, die finale Konfrontation. Dabei setzten die Filmemacher stets auf einen möglichst spektakulären, aufwendig und sehr teuer in Szene gesetzten Endkampf um häufig nicht weniger als die Rettung der Menschheit, der zwar in der Regel unterhaltsam daherkam, es aber definitiv an Innovationen missen ließ und eigentlich immer ähnlich ablief. "Logan" macht das dankenswerterweise besser. Angesichts der begrenzten Anzahl an involvierten Charakteren versucht man gar nicht erst, im Showdown für neue Genre-Superlative zu sorgen, stattdessen liefert man einen sehr persönlichen und vergleichsweise bodenständigen, jedoch erstklassig choreographierten und elegant gefilmten Kampf zwischen zwei Gegnergruppen, deren Stärken höchst ungleich verteilt sind. So eindeutig in der Außenseiterposition wie im Finale von "Logan" waren die X-Men noch nie – oder zumindest gelingt es Mangold, daß es sich für den Zuschauer so anfühlt (in der Theorie waren die Kämpfe gegen die Sentinels in "Zukunft ist Vergangenheit" oder gegen den gottgleichen Apocalypse sicher noch aussichtsloser); umso befriedigender ist es dann, wenn sie doch einen weiteren Reaver zur Strecke gebracht haben. Natürlich verrate ich keine Details und schon gar nicht, wie genau alles endet, aber eines kann ich bedenkenlos verraten: Die letzten Szenen von Hugh Jackman als Logan und Sir Patrick Stewart als Charles (denn nach Ansicht des fertigen Films entschied Stewart, es Jackman gleichzutun und den Mutantenhut sehr wahrscheinlich an den Nagel zu hängen) sind ebenso kraftvoll wie emotional und in der jeweiligen Figurenkonstellation regelrecht poetisch. Ein mehr als würdiger Abschied im in meinen Augen neben "X-Men 2" besten Film des X-Men-Kinouniversums, der durch den wehmütigen, von Bibel-Referenzen durchzogenen Abspannsong "The Man Comes Around" von Johnny Cash perfekt abgerundet wird (eine Szene nach dem Abspann gibt es diesmal übrigens nicht).

Fazit: "Logan – The Wolverine" ist ein blutiger, aber intelligenter und einfühlsamer Abgesang auf eine Ära, der dem Publikum einen exzellenten Abschied von zwei der populärsten Superhelden bietet.

Wertung: 9 Punkte.


Bei Gefallen an meinem Blog würde ich mich über die Unterstützung von "Der Kinogänger" mittels etwaiger amazon.de-Bestellungen über einen der Links in den Rezensionen oder das amazon.de-Suchfeld in der rechten Spalte freuen, für die ich eine kleine Provision erhalte.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen