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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 26. Januar 2017

MANCHESTER BY THE SEA (2016)

Regie und Drehbuch: Kenneth Lonergan, Musik: Lesley Barber
Darsteller: Casey Affleck, Lucas Hedges, Michelle Williams: Kyle Chandler, C.J. Wilson, Anna Baryshnikov, Gretchen Mol, Matthew Broderick, Heather Burns, Tate Donovan, Kara Hayward, Oscar Wahlberg, Josh Hamilton, Stephen McKinley Henderson, Kenneth Lonergan
 Manchester by the Sea
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 96% (8,9); weltweites Einspielergebnis: $62,3 Mio.
FSK: 12, Dauer: 138 Minuten.

Als sein älterer Bruder Joe (Kyle Chandler, "Carol") stirbt, kehrt der in Boston als Hausmeister tätige Lee Chandler (Casey Affleck aus "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford") in seinen Heimatort Manchester-by-the-Sea im Bundesstaat Connecticut zurück, um sich um alles zu kümmern. Das betrifft allem voran Joes 16-jährigen Sohn Patrick (Lucas Hedges, "Kill the Messenger"), denn dessen labile Mutter Elise (Gretchen Mol, "Todeszug nach Yuma") ist vor Jahren verschwunden, sodaß Patrick außer entfernteren Verwandten und Joes bestem Freund George (C.J. Wilson, "Demolition") nur noch Lee hat, zu dem er seit seiner Kindheit ein enges Verhältnis hat. Das ist auch der Grund dafür, daß Joe in seinem Testament seinen jüngeren Bruder ohne dessen Wissen zu Patricks neuem Vormund bestimmt hat. Lee, ein verschlossener und einzelgängerischer Mensch, wird davon komplett überrumpelt, zumal er dafür wohl nach Manchester zurückziehen müßte – in einen Ort, in dem es für ihn geradezu wimmelt vor Dämonen aus seiner Vergangenheit. Einer dieser "Dämonen" ist seine Ex-Frau Randi (Michelle Williams, "My Week with Marilyn") …

Kritik:
Nein, eines kann man Kenneth Lonergan in seiner Funktion als Regisseur ganz bestimmt nicht vorwerfen: daß er ein Fließband-Filmemacher ist (als Autor war er um die Jahrtausendwende herum hingegen sehr fleißig, innerhalb von drei Jahren war er an den Drehbüchern zu "Reine Nervensache", "Die Abenteuer von Rocky und Bullwinkle" und Scorseses "Gangs of New York" beteiligt). "Manchester by the Sea" ist gerade einmal die dritte Regiearbeit des 54-Jährigen, jedoch wurde jeder dieser drei in einem Zeitraum von 16 Jahren erschienenen Filme mit Preisen überhäuft. Ganz besonders gilt das für sein Debüt "You Can Count on Me" aus dem Jahr 2000, die Geschichte einer von Laura Linney gespielten alleinerziehenden Mutter und ihres jüngeren Bruders, die für zwei OSCARs nominiert wurde. Erst elf Jahre später brachte Kenneth Lonergan "Margaret" in die Kinos, ein Drama mit Anna Paquin über die Nachwehen eines Busunglücks, das trotz Kritikerlob kaum öffentliche Aufmerksamkeit erhielt. Das ändert sich mit "Manchester by the Sea". Lonergans bisheriger Karriere-Höhepunkt ist ein im Arbeitermilieu angesiedeltes und mit großer Empathie geschriebenes und in Szene gesetztes Familien- und Trauerdrama, das keinen Zuschauer unberührt lassen dürfte und mit sechs OSCAR-Nominierungen belohnt wurde.

Im Zentrum der Geschichte steht natürlich der von Casey Affleck bravourös verkörperte Lee. Wir lernen ihn als einen ambivalenten, anfangs ziemlich rätselhaften Menschen kennen, der die meiste Zeit über gelassen bis stoisch agiert und reagiert, nur um gelegentlich doch wütend aus der Haut zu fahren. Dieses Verhalten bildet einen besonders auffälligen Kontrast zu den immer wieder eingeschobenen, aus Lees Erinnerungen gespeisten Rückblenden zu viel glücklicheren Zeiten, die Lee etwa zehn Jahre zuvor mit seinem großen Bruder Joe und dessen kleinem Sohn Patrick zeigen. Selbstverständlich gibt es einen nachvollziehbaren Grund für Lees so auffällige charakterliche Wandlung seit jener Zeit, den wir relativ schnell erfahren: Lee hat ein großes, selbstverschuldetes Trauma erlebt, das ihn letztlich weg aus seiner Heimat und nach Boston vertrieb, sein ganzes Leben in einen überdimensionierten Umhang aus Schuld, Bedauern und Trauer gehüllt. Mit diesem Wissen können wir Lees Verhalten besser verstehen: Offensichtlich hat die Erinnerung an seine unaustilgbare Schuld neben einer permanenten Traurigkeit auch große Wut und Verzweiflung in ihm aufgestaut, die er unter einer gut gestalteten, doch sehr brüchigen Maske unberührbarer Gelassenheit verbirgt. In Alltagssituationen klappt das in der Regel gut, doch sobald ihm jemand zu lange auf die Nerven geht – oder er wieder einmal das Vergessen auf dem Grund mehrerer Bierflaschen sucht –, bricht es aus ihm heraus. Wobei die Vermutung naheliegt, daß er es in einem verzweifelten Akt der Selbstkasteiung darauf anlegt, verprügelt oder anderweitig bestraft zu werden.

Lees Leben als Hausmeister in Boston ist also ziemlich trostlos, Aussicht auf Besserung gibt es nicht – schon, weil Lee es darauf gar nicht anzulegen scheint. Doch dann stirbt sein Bruder und überträgt ihm die Verantwortung für den inzwischen zu einem Teenager herangewachsenen Patrick. Nein, ein perfekter Vormund sieht sicher nicht so aus wie der wütende Trauerkloß Lee. Und doch ist die neue, ungewollte Aufgabe (noch erschwert durch eine nicht übermäßig rosige finanzielle Situation) vielleicht der beste oder sogar der einzige Weg für den Traumatisierten, um wieder aus jenem tiefen Tal herauszufinden, in dem er sich eingebuddelt hat. Vielleicht war das sogar der Grund für Joes überraschende Wahl, vielleicht ahnte oder hoffte er zumindest, daß der Teenager Patrick – der nach außen hin ebenfalls eine Maske trägt, nämlich die der Gefaßtheit, sogar Sorglosigkeit, die passenderweise nur Lee hin und wieder zu durchdringen vermag – und der gebrochene Erwachsene Lee sich gegenseitig helfen könnten. Tatsächlich ist das Verhältnis zwischen den beiden zwar keineswegs frei von Problemen, der ungezwungene, im Kern immer innige und sogar latent humorvolle Umgang der beiden miteinander wird jedoch schnell zum Herz einer Geschichte, die viel mehr Wert auf die Figuren und ihr Seelenleben legt als auf eine klassische Handlung.

Angesichts dessen ist es natürlich mehr als vorteilhaft, daß Lonergan ein sehr feines Gespür für die von ihm geschaffenen und perfekt besetzten Charaktere hat, sie außerdem mit ebenso realitätsnahen wie pointierten Dialogen versorgt. Tatsächlich darf ich sogar konstatieren, daß ich selten zuvor Filmfiguren erlebt habe, die so stark aus dem wahren Leben gegriffen wirken wie es bei Lee, Patrick, Randi und den anderen Bewohnern von Manchester und Boston der Fall ist. Gerade Personen aus dem Arbeitermilieu wirken in amerikanischen Filmen häufig eher gekünstelt und konstruiert – was nicht so richtig überraschend ist, da die meisten Filmemacher nunmal eher wenige Verbindungen zum Alltagsleben der Durchschnittsbürger aus der (unteren) Mittelschicht haben dürften; zumindest, sobald sie erfolgreiche Filmemacher sind. Für Kenneth Lonergan, dessen Drehbuch mit einem OSCAR gewürdigt wurde, ist das offensichtlich kein Problem, seine Figuren wirken mindestens so real wie die aus den vielgerühmten britischen Sozialdramen eines Ken Loach oder eines Mike Leigh. Der Unterschied ist allerdings, daß "Manchester by the Sea" seiner bedrückenden Thematik zum Trotz im Grundton optimistischer wirkt und somit für das Publikum verdaulicher konsumierbar ist. Dabei hilft der angesprochene leise Humor, aber auch sonst hat man (fast) nie das Gefühl, daß die Situation ausweglos ist – noch nicht einmal für Lee, der nun wirklich wenig Grund zur Lebensfreude hat.

Für die richtige Balance sorgt auch Lonergans in vielerlei Hinsicht durchdachte Inszenierung. So blendet er speziell in emotional aufgeladenen Szenen den Ton komplett aus und unterlegt die Szenerie mit getragener klassischer Musik – mal geigen-, mal orgellastig –, die teilweise regelrecht sakral ausfällt (tatsächlich werden neben sehr gelungenen Eigenkompositionen des Filmkomponisten Lesley Barber auch einige Händel-Stücke mit großer Effizienz eingesetzt). Dadurch, daß wir in diesen Sequenzen die Dialoge nicht hören, sind wir gezwungen, uns umso stärker auf Mimik und Gestik der Schauspieler zu konzentrieren, was deshalb so exzellent funktioniert, weil die Darsteller in diesen Schlüsselszenen – das sind primär Affleck, Williams und Hedges – herausragende Leistungen darbieten. Vor allem die – von Lonergan sehr nüchtern und fern von jeder theatralischen Überhöhung präsentierten – erschütternden Szenen rund um Lees tragischen Fehler entfalten so eine ungemein starke emotionale Wirkung und binden das Publikum damit an den bedauernswerten, in seiner Distanziertheit anfangs eher unsympathisch wirkenden Kerl. Schauspielerisches Highlight ist aber eine sehr schmerzliche, doch überfällige Aussprache zwischen Lee und seiner Ex-Frau Randi, die von Michelle Williams (die ansonsten keine große Rolle im Film spielt) und Casey Affleck schlicht und ergreifend perfekt ausgespielt wird. Das ist Schauspielerkino vom Allerfeinsten, das entsprechend mit dem OSCAR für Affleck sowie Nominierungen für Williams und den speziell in der Interaktion mit Affleck ebenfalls sehr überzeugend aufspielenden Newcomer Hedges belohnt wurde. Zu dem insgesamt exzellenten Ensemble zählen übrigens auch Kara Hayward (famose Hauptdarstellerin aus Wes Andersons "Moonrise Kingdom"), Oscar Wahlberg (Mark Wahlbergs Neffe) und Anna Baryshnikov (Tochter des ehemaligen sowjetischen Ballett-Stars, später in "Am Wendepunkt" OSCAR-nominierten Hollywood-Schauspielers Mikhail Baryshnikov), die alle Freunde von Patrick spielen. Letztlich ist kaum etwas zu kritisieren an diesem Film, der mit voller Konzentration auf Schauspieler, Figuren und Dialoge über fast zweieinhalb Stunden hinweg fesselt.

Fazit: "Manchester by the Sea" ist ein tief berührendes, aber trotz seiner schweren Thematik niemals niederdrückendes Familien- und Trauerdrama mit lebensnahen Figuren, eindringlichen und intelligenten Dialogen und einer von Casey Affleck angeführten herausragenden Besetzung.

Wertung: 9 Punkte.


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