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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 19. April 2016

MOONWALKERS (2015)

Regie: Antoine Bardou-Jacquet, Drehbuch: Dean Craig
Darsteller: Ron Perlman, Rupert Grint, Robert Sheehan, James Cosmo, Tom Audenaert, Erika Sainte, Stephen Campbell Moore, Jay Benedict, Kevin Bishop
 Moonwalkers
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 44% (5,2); weltweites Einspielergebnis: $0,1 Mio.
FSK: 16, Dauer: 97 Minuten.

1969: Das Wettrennen zwischen USA und Sowjetunion zur ersten bemannten Mondlandung ist längst zu einem Wettkampf der Ideologien im Kalten Krieg geworden – umso wichtiger ist es für die Amerikaner (gerade angesichts des wenig erfolgreich verlaufenden Vietnam-Konflikts), daß bei der Apollo 11-Mission mit Neil Armstrong und Buzz Aldrin nichts schiefgeht. Und um das zu garantieren, wäre ein Plan B nicht schlecht. Also schickt die CIA den traumatisierten Vietnam-Rückkehrer Kidman (Ron Perlman, "Pacific Rim") mit einem Geldkoffer nach London, wo er den Regisseur Stanley Kubrick – der ein Jahr zuvor mit seinem Weltraum-Film "2001: Odyssee im Weltraum" für Furore sorgte – dazu überreden soll, eine fingierte Mondlandung zu inszenieren, die im Falle eines Scheiterns der echten Mission im Fernsehen gezeigt werden soll. Durch eine unglückliche Verwechslung gerät Kidman allerdings nicht an Kubricks Agent, sondern an den glücklosen Bandmanager Jonny (Rupert Grint aus der "Harry Potter"-Reihe), der mit dem Geldkoffer abhaut, weil er hohe Schulden bei dem fiesen Gangsterboß Dawson (James Cosmo, TV-Serie "Game of Thrones") hat. Als Kidman seinen Fehler bemerkt, will er das Geld natürlich unbedingt zurück; und einen Film braucht er ja auch noch immer, doch zum Glück kennt Jonny den experimentellen deutschen Filmemacher Renatus (Tom Audenaert), der in einem abgelegenen Anwesen eine eigene Hippie-Kommune um sich geschart hat …

Kritik:
Verschwörungstheorien sind ja so eine Sache. Als neutraler Beobachter kann man über etliche nur den Kopf schütteln, viele sind dagegen richtig lustig (und selbstverständlich dürften einige zumindest einen wahren Kern beinhalten) – problematisch kann es werden, wenn jemand so fanatisch an die Wahrheit abstrusester Theorien glaubt, daß er jegliche Bodenhaftung verliert. Bei der Mondlandungs-Verschwörungstheorie dürfte das kein Problem sein, denn mal ehrlich: Was würde es schon ändern, wenn sie sich als wahr herausstellen würde? Genau das macht die Legende der von Meisterregisseur Stanley Kubrick inszenierten Mondlandung wohl auch zu einer der beliebtesten, weil fast jeder die ikonischen TV-Bilder kennt und weil die Vorstellung einerseits höchst amüsant, letztlich aber völlig harmlos ist. Natürlich dauerte es nicht lang, bis Hollywood die Thematik aufgriff; bereits 1978 kam Peter Hyams' "Unternehmen Capricorn" in die Kinos – okay, darin geht es um eine Fake-Marslandung, aber die Stoßrichtung ist klar –, während es in vielen anderen Filmen, Serien oder Videospielen deutliche Anspielungen gibt. Bevor die ganze Angelegenheit aber vielleicht doch in Vergessenheit zu geraten droht, hat der britische Drehbuch-Autor Dean Craig ("Die Trauzeugen") die Verschwörungstheorie als Basis für die vom Franzosen Antoine Bardou-Jacquet in seinem Langfilm-Debüt inszenierte schwarze Komödie "Moonwalkers" hergenommen. Fairerweise müßte die jedoch eher einen anderen Titel tragen: "Ron Perlman mies gelaunt unter Hippies". Denn ausgehend von der Verschwörungs-Prämisse entwickelt sich rasch eine irre, drogengeschwängerte Komödie mit überraschenden Gewaltspitzen im Stil der Filme von Guy Ritchie – das ist vor allem dank Ron Perlman sehr amüsant, hat jedoch mit einigen Schwächen zu kämpfen.

Auffällig ist schnell, daß Regisseur Bardou-Jacquet ein richtig gutes Gespür für visuelle Gags hat. Immer dann, wenn im Film nicht geredet wird, kann man sich eigentlich sicher sein, daß es richtig unterhaltsam wird: wenn Kidman sauer wird (und das wird er schnell), in den absurd übertriebenen Kampfszenen und vor allem in dem liebevoll-abstrus gestalteten Hippie-Anwesen, in dem schon der ständige Drogenkonsum samt halluzinogener Trips dazu führt, daß Worte ihre Bedeutung verlieren. Bardou-Jacquet weiß um die große charismatische Präsenz seines Hauptdarstellers; so läßt er dem unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidenden hartgesottenen Soldaten viel Raum, um völlig wortlos seinen wenig positiven Gefühlen für das ihm völlig unverständliche "Swinging London" freien Lauf zu lassen – allein die fassungslose Verachtung in Kidmans Blick, wenn er beispielsweise die äußerst sexistischen Tischbeine im Büro des Kubrick-Agenten Derek (Stephen Campbell Moore, "Der letzte Tempelritter") erblickt, ist einfach nur köstlich; ganz zu schweigen von den irritierten Reaktionen auf die fortwährenden Annäherungsversuche der konsequent spärlich bekleideten Hippie-Braut Ella (Erika Sainte, "Familienbande"). Apropos "Swinging London": Das ist von Bardou-Jacquet ordentlich in Szene gesetzt, so richtig kann "Moonwalkers" die in Filmen wie Michelangelo Antonionis "Blow Up" zelebrierte, unnachahmliche Stimmung jener Ära aber nicht zum Leben erwecken – was auch an einem Soundtrack liegt, der (vermutlich eine Frage der Lizenzkosten) nur wenige prägende Sixties-Songs von Bands wie Jefferson Airplane oder Creedence Clearwater Revival aufbieten kann.

Weniger gut als in den wortarmen Sequenzen sieht es aus – beziehungsweise hört es sich an –, sobald die Figuren anfangen zu reden. Das ist wohlgemerkt nicht die Schuld der Darsteller, die alles aus ihren zumeist skurrilen Rollen herausholen. Ob das Robert Sheehan ("Chroniken der Unterwelt") als Jonnys dauerbreiter Kumpel (und Kubrick-Double) Leon ist, Jay Benedict als überzeichneter US-Colonel Dickford, James Cosmo als Gangsterboß mit einem Bastel-Faible oder natürlich der selbstverliebte Künstler Renatus – für Amüsement sorgen sie alle, womit der arme Rupert Grint als die noch normalste Person im Ensemble fast ein wenig untergeht. Aber die Dialoge, die das handlungstechnisch sowieso dünne Drehbuch ihnen vorgibt, sind einfach nicht das Gelbe vom Ei. Der einfallsreiche, verspielte visuelle Humor der wortlosen Szenen will nicht so recht passen zu den oft banalen Dialogen und den zotigen Gags auf mäßigem Niveau. Natürlich gibt es ein paar witzige Oneliner und gelungene popkulturelle Anspielungen, wenn quasi kein Satz ohne mindestens einen Gag vergeht, aber insgesamt ist die Trefferquote eher mäßig. Diskutabel ist zudem der hohe Gewaltgrad. Wie gesagt ist es überdeutlich, daß Guy Ritchies Action-Komödien wie "Bube, Dame, König, GrAs" oder "Snatch" Pate standen für "Moonwalkers", auch Tarantino war definitiv eine Inspirationsquelle. Und weil Ron Perlman als harter Hund in einer ihm völlig fremden Welt so unfaßbar cool rüberkommt und die gar nicht wenigen Kampfsequenzen mit abgetrennten Köpfen und Blutfontänen in bester Shaw Brothers-Tradition so dermaßen hemmungslos übertrieben sind, daß man sie absolut nicht ernstnehmen kann, funktioniert das gar nicht so schlecht. Dennoch stellt sich die Frage: Mußte das wirklich sein? Letztlich wirken die entsprechenden Szenen vor allem im grotesken Finale eher so, als müßten sie Craigs fehlende Ideen zum Vorantreiben bzw. Beschließen der Handlung ausbaden als daß sie sich wirklich harmonisch in den Film einfügen würden. Daß einige Zuschauer durch den hohen Gewaltgrad abgeschreckt werden, davon kann man ausgehen – und das ist schade, weil denen eine über weite Strecken wirklich unterhaltsame und in positivem Sinne alberne Geschichte entgeht.

Fazit: "Moonwalkers" ist eine schwarzhumorige, an Zitaten reiche Komödie mit recht heftigen Gewaltspitzen, die mit dem wunderbar kantigen Hauptdarsteller Ron Perlman, vielen schrägen Nebenfiguren und einem guten Gespür für visuelle Gags für Unterhaltung sorgt – eine extrem dünne Handlung und eher schwache Dialoge verhindern, daß daraus ein richtig guter Film wird.

Wertung: 6,5 Punkte.


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