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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

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Donnerstag, 16. Juli 2015

INSIDIOUS: CHAPTER 3 (2015)

Regie und Drehbuch: Leigh Whannell, Musik: Joseph Bishara:
Darsteller: Lin Shaye, Stefanie Scott, Dermot Mulroney, Angus Sampson, Leigh Whannell, Michael Reid MacKay, Tom Fitzpatrick, Hayley Kiyoko, Tate Berney, Steve Coulter, Ashton Moio, Phyllis Applegate, Jeris Poindexter, Joseph Bishara, James Wan
 Insidious: Chapter 3 - Jede Geschichte hat einen Anfang
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 58% (5,5); weltweites Einspielergebnis: $113,0 Mio.
FSK: 16, Dauer: 98 Minuten.

Nach dem krankheitsbedingten Tod ihrer Mutter lebt die Schülerin Quinn Brenner (Stefanie Scott, "Freundschaft Plus") gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Alex und ihrem von der Situation überforderten Vater Sean (Dermot Mulroney, "The Grey") in einem großen, optisch nicht übermäßig freundlichen Wohnhauskomplex in Chicago. Da Quinn, die hofft, nach der High School in der Schauspielschule aufgenommen zu werden, ihre Mutter unendlich vermißt, will sie Kontakt zu der Verstorbenen aufnehmen und landet so bei dem Medium Elise Rainier (Lin Shaye, "Snakes on a Plane"). Obwohl Elise diese Tätigkeit inzwischen aufgegeben hat, macht sie für die verzweifelte Quinn eine Ausnahme – ohne Erfolg. Quinn spricht in ihrer Wohnung trotzdem weiterhin mit ihrer toten Mutter, bis sie eines Nachts tatsächlich Antwort zu erhalten scheint. Doch schon bald muß sie erkennen, daß es sich in Wirklichkeit um einen mächtigen Dämon handelt, der es auf ihre Seele abgesehen hat. Ob Elise die arme Quinn noch vor einem grausamen Schicksal bewahren kann?

Kritik:
Nachdem sich Regisseur James Wan mit dem großen Erfolg der Gruselfilme "Conjuring – Die Heimsuchung" und "Insidious" sowie "Insidious: Chapter 2" für höhere Aufgaben in Hollywood qualifiziert hat und dieses Jahr mit "Fast & Furious 7" prompt einen weltweiten Blockbuster landete, hat er die Leitung beim dritten "Insidious"-Film seinem langjährigen kreativen Partner Leigh Whannell überlassen (er selbst fungiert nur noch als Produzent). Whannell war eine ausgesprochen naheliegende Wahl, da er für die ersten beiden Teile bereits das Drehbuch schrieb und zudem als Nebendarsteller in Erscheinung trat. Beides tut er auch in "Chapter 3", dazu hat er eben die Regie übernommen. Kontinuität hinter der Kamera ist damit gewährleistet, vor der Kamera trifft das zumindest teilweise zu. Denn da "Chapter 3" ein Prequel ist, sind die bisherigen Hauptdarsteller Patrick Wilson und Rose Byrne nicht mit von der Partie; stattdessen gibt es eine andere Familie, die Brenners, die in ihrem neuen Heim von bösen übernatürlichen Mächten heimgesucht wird und schließlich Hilfe bei Experten sucht. Der deutsche Untertitel "Jede Geschichte hat einen Anfang" ist übrigens nicht ganz zutreffend, denn Elise ist hier bereits seit langem als Medium tätig und hat auch bereits Bekanntschaft mit der "Braut in Schwarz" gemacht, die im Zentrum von "Insidious: Chapter 2" stand. Allerdings erzählt dieses dritte Kapitel tatsächlich den Beginn der Geschichte von Specs (Whannell) und Tucker (Angus Sampson, "Mad Max: Fury Road") als "echte" Geisterjäger, zu denen sie nämlich erst durch das Zusammentreffen mit Elise bei den Brenners werden. Wie das geschieht, ist für Gruselfans sehr unterhaltsam anzuschauen.

Ehrlich gesagt waren meine Erwartungen an "Insidious: Chapter 3" verhalten. Der zweite Teil war für mich eine ziemliche Enttäuschung, daß nun auch noch Wilson und Byrne fehlen und statt einer Fortführung der Story ein Rückblick in frühere Zeiten stattfindet, löste in mir auch nicht gerade die helle Begeisterung aus. Auf der anderen Seite ist es aber immer noch Leigh Whannell, und selbst die schlechteren Filme von Whannell und/oder Wan haben ihre guten Seiten. Glücklicherweise sind die bei "Chapter 3" wieder ziemlich stark ausgeprägt. Zwar läßt sich nicht leugnen, daß die Handlung alles andere als innovativ ist und daher Kennern früherer Spukhaus- oder Exorzismus-Filme von "Das Omen" über "Der Exorzist" und "Poltergeist" bis hin zu "Conjuring" kaum Neues zu bieten hat – was vermutlich die ziemlich mittelmäßigen Kritiken erklärt. Dennoch ist die Inszenierung so spannend, effektvoll und kurzweilig geraten, daß ich als erklärter Anhänger des Grusel-Genres kaum etwas auszusetzen habe.

Gut, bei genauerer Betrachtung ist es schon auffällig, daß die Laufzeit durch etwas halbherzig verfolgte Storylines gestreckt wird. So ist die erste Hälfte, die fast komplett der Familie Brenner und ihrer Wohnstatt gewidmet ist, nicht allzu temporeich, außerdem werden Nebenfiguren aus Quinns direktem Umfeld eingeführt, die in der zweiten Hälfte fast so spurlos aus der Handlung verschwinden, als wären sie selbst Geister. Das ist nicht gerade elegant, positiv betrachtet stört es aber auch nicht sonderlich. Immerhin gibt der gemächliche Auftakt Whannell reichlich Gelegenheit, sein feines Gespür für eine Atmosphäre zu zeigen, deren Gruselfaktor langsam, aber beständig zunimmt. Zusätzlich bereitet die stimmungsvolle Bildsprache von Kameramann Brian Pearson ("Final Destination 5") gekonnt das drohende Unheil vor – und schließlich zeigt Whannell, wie man die berühmt-berüchtigten "Jump-Scares" richtig einsetzt. Diese Methodik, die Zuschauer durch plötzliche Schock-Szenen so sehr zu erschrecken, daß sie sprichwörtlich (manchmal vielleicht auch buchstäblich) aus dem Kinositz springen, ist ja ziemlich umstritten, und das meiner Ansicht nach vollkommen zu Recht. Denn allzu viele Horrorfilme versuchen mit solchen meist durch übertriebene Soundeffekte zusätzlich hervorgehobenen Jump-Scares den Mangel an eigenen Ideen und das fehlende Können, allein durch Story und Inszenierung eine überzeugende Grusel-Atmosphäre zu schaffen, zu übertünchen. Im Extremfall geht das (leider gar nicht selten) so weit, daß eine vollkommen einfallslose, vorhersehbare und auch noch billig gefilmte Szene überhaupt nur durch einen übertriebenen Soundeffekt Wirkung erzielt – ein Armutszeugnis für jeden Beitrag zum Genre. Doch wenn sie gut gemacht sind, dann können Jump-Scares sehr wohl funktionieren. Genau dann nämlich, wenn sie spärlich und wirklich unerwartet eingesetzt werden, aber mit perfektem Timing und im Idealfall gar ohne begleitende Musik oder Soundeffekte. Und genau diese Effektivität erreicht Leigh Whannell in "Insidious: Chapter 3".

In der zweiten Hälfte sind dann sowieso keine Jump-Scares mehr nötig, da geht es nämlich – wie in den beiden Vorgängern – so richtig rund. Und das erinnert erfreulicherweise deutlich stärker an den ersten Film als an den zweiten, bei dem das Finale arg konfus und eher chaotisch als erschreckend ausfiel. "Chapter 3" versucht sich, wie bereits erwähnt, gar nicht erst an Neuem, sondern konzentriert sich darauf, das Bewährte beizubehalten und nur leicht abzuwandeln – und da Whannells Inszenierung so stilsicher ausfällt, die gekonnt dissonante musikalische Begleitung des neuen "Master of Horror" Joseph Bishara gewohnt verstörend daherkommt und es in den Details doch ein paar ausgezeichnete Horror-Ideen gibt, macht das richtig viel Spaß. Dafür sorgt auch Whannells genauer Blick auf seine Protagonisten, die ihm sichtlich am Herzen liegen. Vor allem trifft das natürlich auf Elise Rainier zu – wiederum überzeugend verkörpert von Lin Shaye –, über deren Charakter und Lebensweg wir einiges Neues erfahren. Aber auch das neue Dämonen-Opfer Quinn erringt schnell das Mitgefühl des Publikums, und zwar sowohl aufgrund ihrer "irdischen" Schicksalsschläge wie auch der vor allem psychischen Tortur, der sie durch den Dämon ausgesetzt wird. Die Anwesenheit der beiden ungleichen, nerdigen Geisterjäger Tucker und Specs beschränkt sich allerdings fast noch mehr als in den Vorgängern darauf, gelegentlich etwas auflockernden Humor einzubringen – aber gut, Whannell war ja auch mit der Regie beschäftigt, da wäre eine größere Rolle vor der Kamera wohl eher hinderlich gewesen. Vielleicht klappt das dann ja im sehr wahrscheinlichen vierten Teil der Reihe, der wegen mir gerne kommen darf ...

Fazit: "Insidious: Chapter 3" ist ein guter Gruselfilm – den man, wenn man sich nur ein bißchen mit den Genreklassikern beschäftigt hat, sehr ähnlich garantiert schon mal gesehen hat; wer aber willens und fähig ist, dieses permanente Déjà-vu-Gefühl abzustreifen, der bekommt einen handwerklich gut gemachten, nicht immer ganz logischen, dafür aber atmosphärisch stimmigen Genrebeitrag mit leichtem B-Movie-Charakter präsentiert, der wenig Grund zur Klage gibt.

Wertung (ausdrücklich aus Sicht eines Grusel-Fans): 7,5 Punkte.


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