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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 4. Juni 2014

ART WAR (2014)

Regie und Drehbuch: Marco Wilms, Musik: Moritz Denis, Eike Hosenfeld und Tim Stanzel
Protagonisten: Hamed Abdel-Samad, Ammar Abo Bakr, Ganzeer, Bosaina, Ramy Essam, Alaa Awad, Mohammed Khaled
 Art War
(2014) on IMDb Rotten Tomatoes: -; FSK: 12, Dauer: 89 Minuten.
Als der Arabische Frühling auch Ägypten erfaßt und Millionen wütender Demonstranten den jahrzehntelang autoritär regierenden Präsidenten Husni Mubarak im Februar 2011 zum Rücktritt zwingen, sind die Ziele der Revolution – mehr Bürgerrechte, mehr Freiheit, mehr Gerechtigkeit – noch lange nicht erreicht. Zu den vielen Unzufriedenen zählen auch Schriftsteller, Musiker und Graffiti-Künstler, die den Aufstand tatkräftig unterstützen. Doch als Mubarak Geschichte ist, folgt Unterdrückung durch die Militärherrschaft. Auf die erste freie Wahl folgt Unterdrückung durch die Wahlsieger von der Muslimbruderschaft um den neuen Präsidenten Mohammed Mursi. Die wiederholten Rückschritte auf dem Weg zu der von ihnen erträumten freien, offenen Gesellschaft kommen für die Künstler nicht überraschend, dennoch sind sie frustrierend und finden wiederum ihren Niederschlag in ihren Werken …

Kritik:
Es ist purer Zufall, doch genau einen Tag, bevor ich diese Zeilen schreibe, gab der populäre ägyptische Chirurg und Satiriker Bassem Youssef bekannt, daß er seine Fernsehsendung "El Barnameg" ("Das Programm") – vergleichbar mit satirischen Nachrichtensendungen wie "The Daily Show with Jon Stewart" oder der deutschen "heute-show" –, endgültig aufgibt. Der Grund: Angst um seine Sicherheit angesichts anhaltender Anfeindungen und Drohungen aus den Reihen des Militärs. Einen besseren Aufhänger für meine Rezension der Dokumentation "Art War" von Marco Wilms kann es kaum geben, denn er zeigt, wie aktuell der Film weiterhin ist, obwohl die politischen Ereignisse in Ägypten ihn eigentlich schon wieder längst überholt haben.

Der deutsch-ägyptische Schriftsteller und Islamkritiker Hamed Abdel-Samad sinniert zu Beginn des Films darüber, daß Revolutionen nie von der Mehrheit, sondern immer von einer Minderheit ausgingen. Das ist ein interessanter und durchaus treffender Gedanke, wie die vielen Beispiele der letzten Zeit (Ukraine, Syrien, Thailand, auch die Türkei) immer wieder belegen. Es ist gleichzeitig keine wirklich überraschende Erkenntnis, denn der Mensch an sich neigt nunmal zur Bequemlichkeit. Aufstände, der Wunsch nach mehr Freiheit und Rechten oder generellen Verbesserungen gehen anfangs immer von einer vergleichsweise kleinen Gruppe Engagierter aus. Nur wenn sie Glück haben und/oder wenn sie gegen eine besonders himmelschreiende Ungerechtigkeit aufbegehren und das auch noch zum richtigen Zeitpunkt, kann daraus eine Massenbewegung werden. Deshalb ist es in meinen Augen auch kein sehr überzeugendes Argument gegen die Demonstranten oder meinetwegen auch Revolutionäre etwa auf dem Kiewer Maidan, daß sie sich landesweit nicht in der Überzahl befinden. Denn wenn das das alleinzählende Argument wäre, gäbe es so gut wie nie Veränderungen, da die schweigende Mehrheit stets triumphieren und für die Zementierung des Status Quo sorgen würde. In Ägypten jedenfalls wurde der Aufstand Einiger zu einer Massenbewegung, und die Künstler, die die Geschehnisse begleiteten und kreativ dokumentierten, hatten ihren Anteil daran.

Regisseur, Drehbuch-Autor und Kameramann Marco Wilms konzentriert sich in "Art War" auf einen Zeitraum von etwa zwei Jahren, der mit Mubaraks Abdankung beginnt und mit Mursis Absetzung durch das Militär endet. Wilms hält sich an einen klassischen chronologischen Aufbau, allerdings hat er kein Interesse, eine "normale" Dokumentation dieses Volksaufstandes abzuliefern. Stattdessen wählt er bewußt einen sehr speziellen Aspekt der "Arabellion", indem er die Geschehnisse aus der engen Perspektive einiger engagierter Künstler präsentiert. Wilms kommentiert oder wertet nichts, nach der Wahl Mursis darf auch ein für die Muslimbrüder eintretender Künstler seine Sicht der Dinge kundtun (und sich dabei selbst entlarven, indem er etwa behauptet, die verbliebenen Demonstranten auf dem Tahrir-Platz wären samt und sonders "Süchtige und Prostituierte" und zudem Faulpelze, die bloß nicht arbeiten wollen) – dennoch ist unverkennbar, auf welcher Seite die Sympathien des Filmemachers liegen. Das schadet dem Film nicht, der gerade durch Wilms' mutigen Einsatz, als er die Künstler u.a. bei einigen nicht ganz ungefährlichen nächtlichen Guerilla-Aktionen begleitet, an Intensität gewinnt, aber wer von einem Dokumentarfilm größtmögliche Objektivität erwartet, der sei hiermit gewarnt.

Daß sich Künstler gegen Krieg und Unterdrückung engagieren, ist ja nicht ganz neu. In den USA beispielsweise wurde die große Friedensbewegung während des Vietnam-Krieges in nicht unerheblichem Maß durch die Musik von späteren Ikonen wie Bob Dylan oder Joan Baez sowie das legendäre Woodstock-Festival beflügelt, die Schauspielerin Jane Fonda ging mit ihren symbolischen Aktionen gar so weit, daß sie jahrzehntelang ein Feindbild des Militärs blieb. Die Protagonisten von "Art War" sehen sich offenbar in dieser Tradition (gleichzeitig reicht ihre Inspiration bis in die Zeit der Pharaonen mit den vielen Zeichnungen auf den Wänden der Pyramiden zurück), die Auswahl der Künstler, die im Zentrum des Films stehen, ist Wilms dabei gut gelungen. Sie unterscheiden sich genügend, um nicht durch Wiederholungen zu langweilen, zugleich sind sie so charismatisch und enthusiastisch, daß man ihnen gerne folgt. Manche von ihnen halten Gewalt als letztes Mittel für die Revolution für gerechtfertigt, andere sind strikt gegen jegliche Gewalt. Und einige von ihnen durchlaufen über die zwei Jahre hinweg eine teilweise deutliche Veränderung. Eindrucksvoll ist beispielsweise die Gegenüberstellung der frühen Werke des Graffiti-Künstlers Ganzeer, der nach Mubaraks Sturz die "Märtyrer" der Revolution auf den Mauern der Stadt so abbildete, wie sie zu Lebzeiten aussahen und damit mit dafür sorgte, daß das Opfer der Getöteten nicht vergessen wurde, mit seinen späteren Arbeiten. Denn nach dem brutalen Vorgehen der Muslimbrüder und ihrer Anhänger gegen ihre vielen Gegner hält Ganzeer solche fotogenen "Touristenmotive" nicht länger für zweckdienlich und porträtiert die neuen "Märtyrer" folgerichtig so, wie sie zum Zeitpunkt ihres gewaltsamen Todes aussahen: Von Schrotkugeln zerfetzt oder auch von einem Panzer überfahren. Sicherlich keine Touristenmotive mehr.

Auch eine Szene, in der Hamed Abdel-Samad zur Zeit der Mursi-Präsidentschaft an einer von eigentlich nur wenigen Fußgängern gesäumten Straße Wilms ein Interview gibt und, ausgelöst durch ein paar passierende Jugendliche, unvermittelt zum Ziel eines wütenden Mobs wird, der sich am Aufdruck seines T-Shirts "God's busy  Can I help you?" stört (einige verteidigen ihn aber auch), zeigt nachdrücklich, daß es noch ein weiter Weg zur Überwindung jeglichen Extremismus in Ägypten ist. Interessant zu sehen ist ebenfalls, wie Nationalisten Proteste gegen die Militärherrschaft (vor Mursis Wahl) mit Methoden – patriotische Musik, Behauptung "unislamischer Inhalte", wenn etwa Pinocchio in einem kritischen Graffiti enthalten ist – und Parolen – "Ägypten den Ägyptern!" – kontern, die einem irgendwie bekannt vorkommen. Wie wir wissen, sind die Muslimbrüder inzwischen verboten, viele ihrer Anführer sogar zum Tode verurteilt; an ihrer statt herrscht wieder das Militär, neuer gewählter Präsident wird der bisherige Feldmarschall al-Sisi. Ob das wirklich eine Wende hin zu einer echten Demokratie für Ägypten bedeutet, ist fraglich.

Es wäre sicherlich interessant, zu hören, was die Protagonisten von "Art War" heute zu diesen Entwicklungen zu sagen hätten; gerade auch die weiblichen Künstler, die noch einmal eine besondere Stellung einnehmen, da sie noch mehr diskriminiert werden. So wird im Film nach der Mursi-Wahl generell die zunehmende Frustration der "Kunst-Revolutionäre" thematisiert, vor allem jedoch der weiblichen, die sich seit der Machtübernahme der Islamisten noch stärker benachteiligt fühlen als zuvor (was mitunter an Marjane Satrapis hervorragenden Animationsfilm "Persepolis" über das Leben einer Frau im Iran erinnert). Ein sehr treffendes Beispiel für die vorherrschende Doppelmoral wird gleich mitgeliefert: So erhalten Nacktfotos einer jungen Ägypterin, die sie aus Protest auf ihrer Homepage postet, innerhalb weniger Tage 4 Millionen Aufrufe. Fast gleichzeitig verklagt eine andere Ägypterin einen Militärarzt, nachdem sie vor Soldaten einem beschämenden "Jungfrauentest" unterzogen wurde – aber das scheint kaum jemanden zu interessieren (inzwischen wurde der Arzt übrigens freigesprochen) ...

Gerade anhand dieser Episode, die recht kurz und ohne weitere Erklärungen abgehandelt wird, zeigt sich aber auch eine kleine Schwäche dieser Doku. Manchmal würde man sich schon etwas mehr einordnende oder erklärende Kommentare wünschen, wenn etwa die Künstler wie selbstverständlich von Personen oder Ereignissen sprechen, die in Ägypten sicher jedem ein Begriff sind, im Rest der Welt aber höchstens jenen, die die Nachrichten sehr genau verfolgt haben. Auch sorgt der temporeiche Wechsel zwischen den einzelnen Künstlern dafür, daß es mitunter etwas schwer fällt, den Überblick über die Geschehnisse zu behalten. Aber davon abgesehen ist Marco Wilms eine gute, relativ unkonventionelle Dokumentation gelungen.

Fazit: "Art War" ist ein faszinierender, wenn auch vielleicht etwas zu sehr mit einordnenden Hintergründen geizender Insider-Blick auf die ägyptische Revolution aus der ganz persönlichen Perspektive einiger Künstler, von Regisseur Marco Wilms engagiert begleitet und dokumentiert.

Wertung: 8 Punkte.


Das Rezensionsexemplar wurde von der Agentur rische & co PR zur Verfügung gestellt.

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