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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 11. März 2014

Klassiker-Rezension: IN EINEM ANDEREN LAND (1932)

Originaltitel: A Farewell to Arms
Regie: Franz Borzage, Drehbuch: Benjamin Glazer und Oliver H.P. Garrett, Musik: Milan Roder
Darsteller: Gary Cooper, Helen Hayes, Adolphe Menjou, Mary Philips, Jack La Rue, Blanche Friderici, Gilbert Emery, Mary Forbes, George Humbert
 A Farewell to Arms
(1932) on IMDb Rotten Tomatoes: 92% (7,8); FSK: nicht geprüft; Dauer: 85 Minuten.

Europa während des Ersten Weltkrieges: Der Amerikaner Frederic Henry (Gary Cooper, "Ein Mann wie Sprengstoff") ist als Freiwilliger Teil der italienischen Armee und fungiert dort als Ambulanzfahrer. Eines Tages lernt er im Hospital die hübsche englische Krankenschwester Catherine Barkley (Helen Hayes, "Anastasia", "Airport") kennen und obwohl Liebeleien streng verboten sind, verlieben sie sich unsterblich ineinander. Frederic muß schon bald wieder an die Front, weshalb die Liebenden die lange Zeit bis zu ihrem Wiedersehen mit Briefen überbrücken müssen, die durch unglückliche Umstände jedoch beiderseits nie ihr Ziel erreichen. Irgendwann hält Frederic die Ungewißheit nicht mehr aus und desertiert kurzerhand, um sich inmitten der Wirren des Krieges auf die Suche nach Catherine – von deren Schwangerschaft er noch nichts weiß – zu machen ...

Kritik:
Obwohl der Erste Weltkrieg – von dem damals niemand dachte, er würde jemals das Wort "Erste" vorangestellt bekommen, schließlich sollte es der "Krieg, um alle Kriege zu beenden" sein – logischerweise ein extrem prägendes Ereignis des 20. Jahrhunderts war, scheint es manchmal so, als wäre er schon fast vergessen. Das liegt neben der langen Zeit, die seitdem vergangen ist, natürlich vor allem am Zweiten Weltkrieg mit seinen noch umfassenderen und verheerenderen Verbrechen gegen die Menschheit mitsamt der anschließenden politischen Umwälzungen. Das merkt man auch dem Film-Output zu beiden Weltkriegen an, denn während bis heute jährlich Werke über den Zweiten Weltkrieg in die Kinos kommen, wird der Erste Weltkrieg kaum noch behandelt. Steven Spielbergs "Gefährten" war eine Ausnahme, auch die deutsche Co-Produktion "Merry Christmas" – die wohl bekanntesten und auch bedeutendsten Filme über den Ersten Weltkrieg dürften aber immer noch Stanley Kubricks beklemmendes Meisterwerk "Wege zum Ruhm" aus dem Jahr 1957 und Lewis Milestones Remarque-Adaption "Im Westen nichts Neues" (1930) sein. Naja, und David Leans "Lawrence von Arabien", der zwar während dieses Krieges spielt, aber einen ganz anderen Schwerpunkt setzt. Zu den zu Unrecht eher in Vergessenheit geratenen Klassikern zur Thematik zählt neben Dalton Trumbos erschütterndem "Johnny zieht in den Krieg" (1971), dem nostalgischen Geniestreich "Leben und Sterben des Colonel Blimp" (1943) von Michael Powell und Emeric Pressburger sowie Jean Renoirs poetischem "Die große Illusion" (1937) auch die Hemingway-Verfilmung "In einem anderen Land". Es gibt noch eine neuere und bekanntere Version des Stoffs aus dem Jahr 1957 mit Rock Hudson und Jennifer Jones, aber Frank Borzages ("Tödlicher Sturm") Fassung gilt als die deutlich bessere.

Borzage hat die bewegende Story im Stil eines typischen Hollywood-Epos in Szene gesetzt, sich dabei aber ehrlich gesagt etwas zu kurz gefaßt. Hemingways knapp 400-seitiges Buch in gerade einmal 85 Minuten abzuhandeln ist schon gewagt, zwangsläufig gehen dabei einige Feinheiten verloren. Da Borzage aber versucht hat, möglichst viel Stoff in diese 85 Minuten zu packen, wirkt der Film an vielen Stellen einfach gehetzt. Das ist wirklich schade, denn es wäre sicherlich kein Problem gewesen, "In einem anderen Land" um 20 oder 30 Minuten zu strecken und dafür die einzelnen Passagen detaillierter sowie mit sanfteren Übergängen auszuspielen. Erst beim melodramatischen Ende läßt sich Borzage plötzlich alle Zeit der Welt und walzt es übertrieben aus. Da wäre eine etwas gleichmäßigere Verteilung der inhaltlichen Schwerpunkte angeraten gewesen.

Dennoch bietet "In einem anderen Land" fraglos Unterhaltung auf ziemlich hohem Niveau. Wie es bei einem Film auf Grundlage eines (von den eigenen Erfahrungen als Sanitäter im Krieg inspirierten) Buches von Ernest Hemingway nicht anders zu erwarten ist, sind die tiefsinnigen und sprachlich ausgefeilten Dialoge ein großes Highlight des Films: Es ist einfach eine Freude, den schlagfertigen Rededuellen und den philosophischen Gedankengängen der Charaktere zu lauschen. Bemerkenswert ist dabei, wie schnell die vier wichtigsten Figuren trotz der Kürze des Films an Profil gewinnen. Der wie stets große Würde ausstrahlende Gary Cooper und die zierliche Helen Hayes wirken optisch, wenn sie nebeneinander stehen, dank eines gefühlten Größenunterschieds von einem Meter (in Wirklichkeit waren es "nur" 39 cm) zwar eher wie ein Vater mit seiner zehnjährigen Tochter; dennoch geben sie ein sehr schönes, leidenschaftliches und sogar glaubwürdiges Liebespaar ab, dem man alles Glück der Welt wünscht – bei einem Film, in dessen Zentrum diese Liebesgeschichte unter extrem erschwerten Bedingungen steht, ist das naturgemäß ein entscheidender Aspekt. Neben den beiden zentralen Liebenden sind ebenfalls ihre besten Freunde interessant, der etwas selbstverliebte Chirurg Rinaldi (Adolphe Menjou, "The Front Page") und Catherines Kollegin Helen "Fergie" Ferguson (Mary Philips, "Prinz Eisenherz"), die das Liebespaar unbedingt auseinanderbringen wollen. Wohlgemerkt aus wohlmeinenden Motiven, denn beide sind überzeugt, daß die Beziehung erstens sowieso nicht funktionieren könne und ihnen zweitens schade, da sie sie vom Wesentlichen (ihren Pflichten im Krieg) abhalte.

Dieser recht ausführlich geschilderte Handlungsstrang war vermutlich auch dazu gedacht, die Zensurbehörde zu besänftigen. Zwar ist "In einem anderen Land" ein Pre-Code-Film, der also in die Kinos kam, bevor die Einhaltung des "Hays Codes" mit seinen strengen Zensurvorschriften 1934 verpflichtend wurde; aber allzu deutliche Verstöße gegen die moralischen Vorschriften konnten auch zu dieser Zeit bereits zu Problemen führen. Und ein amerikanischer Offizier, der am laufenden Band gegen die Vorschriften verstößt und dem die Liebe wichtiger ist als seine militärische Pflicht – so etwas konnte man dem Publikum wohl nur zumuten, wenn ihm gleichzeitig verdeutlich wird, wie schändlich ein solch egoistisches Verhalten doch sei ... Zu Hemingways großer Verärgerung wurde sogar ein alternatives Ende gedreht, das seiner Ansicht nach den Sinn der Geschichte völlig entstellt. Die amerikanischen Kinos durften dann selbst entscheiden, welches Ende sie ihrem Publikum präsentieren wollten; glücklicherweise ist das "echte" Ende aber erhalten geblieben (es gibt mehr als genügend Filme, von denen nur noch die zensierte Version existiert) und wird heutzutage standardmäßig verwendet.

Trotz dieser (abgesehen vom alternativen Ende dramaturgisch erstaunlich gut funktionierenden und somit kaum störenden) Zugeständnisse ist es aber offensichtlich, daß "In einem anderen Land" ein Pre-Code-Film ist, allen voran anhand einer für die damalige Zeit sehr fortschrittlichen und zugleich gewagten Sequenz im Lazarett, die komplett aus der Ich-Perspektive gefilmt ist und geradezu unerhört mit einem Kuß endet! Generell durfte sich Kameramann Charles Lang ("Manche mögen's heiß", "Die glorreichen Sieben") richtig austoben und für seinen Regisseur beeindruckende, dezidiert expressionistische Schwarzweiß-Bildkompositionen kreieren, die die Wucht des Krieges (der ansonsten kaum von Nahem gezeigt wird) so eindrücklich illustrieren wie kaum ein Film zuvor. Dazu passend wird bereits während des Vorspanns das Geräusch explodierender Bomben sehr effektvoll genutzt, um die jeweils nächste "Seite" mit den Namen der Beteiligten zu markieren. Innovative Kniffe wie diese sind es, die auch dafür sorgen, daß Borzages Film einem im Gedächtnis bleibt.

Fazit: "In einem anderen Land" ist eine technisch eindrucksvolle Mischung aus überzeugtem Anti-Kriegsfilm und epischer Romanze, die zwar teilweise deutlich von Ernest Hemingways Romanvorlage abweicht und zu viel Handlung in 85 Minuten packen will, aber mit sorgfältiger Figurenzeichnung und starker Besetzung gut und sogar recht anspruchsvoll unterhält.

Wertung: Knapp 8 Punkte.


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