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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 12. März 2014

GRAND BUDAPEST HOTEL (2014)

Regie und Drehbuch: Wes Anderson, Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Ralph Fiennes, Tony Revolori, Saoirse Ronan, Edward Norton, Adrien Brody, Willem Dafoe, Jeff Goldblum, Mathieu Amalric, Tilda Swinton, Bill Murray, Léa Seydoux, Harvey Keitel, Karl Markovics, Volker "Zack" Michalowski, Florian Lukas, Owen Wilson, Bob Balaban, Fisher Stevens, Waris Ahluwalia, Gisela Volodi, F. Murray Abraham, Jude Law, Jason Schwartzman, Tom Wilkinson, Matthias Matschke, George Clooney
 The Grand Budapest Hotel
(2014) on IMDb Rotten Tomatoes: 91% (8,4); weltweites Einspielergebnis: $174,8 Mio.
FSK: 12, Dauer: 101 Minuten.

Die (fiktive) osteuropäische Republik Zubrowka in den 1930er Jahren: Während in Europa die Vorzeichen eines neuen Krieges beinahe täglich deutlicher zu werden scheinen, kümmert sich Chef-Concierge Monsieur Gustave (Ralph Fiennes, "Skyfall") im prachtvollen Grand Budapest Hotel wie immer aufopfernd um seine Gäste – vor allem um die, die schon etwas älter und weiblich sind, so wie Madame D. (Tilda Swinton, "Moonrise Kingdom"). Als die betagte und sehr, sehr reiche Dame – ein langjähriger Stammgast im Grand Budapest Hotel – kurz nach der Rückkehr in das Familienschloß Lutz stirbt, reist Gustave mit seinem neuen Lobby-Boy Zéro (Tony Revolori) sofort hinterher, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Zufällig findet auf dem Schloß auch gerade die Verlesung des Testaments durch den Anwalt Kovacs (Jeff Goldblum, "Die Tiefseetaucher") statt, die für alle Anwesenden mit einer großen Überraschung endet: Madame D. hat Gustave das unschätzbar wertvolle Gemälde "Jüngling mit Apfel" vermacht! Haupterbe Dmitri (Adrien Brody, "Darjeeling Limited") ist von dieser Entscheidung überhaupt nicht angetan. Er bezichtigt Gustave des Mordes an Madame D. und hetzt ihm sowohl die Polizei unter Führung des gewissenhaften Inspektors Albert Henckels (Edward Norton, "Der unglaubliche Hulk") als auch seinen Vertrauten, den skrupellosen Jopling (Willem Dafoe, "Odd Thomas"), auf den Hals. Doch Gustave flüchtet nicht direkt, sondern entwendet und versteckt zunächst das ihm vermachte Gemälde ...

Kritik:
Vor allem Menschen, die seine Filme nicht mögen – und von denen gibt es etliche – werfen Regisseur und Drehbuch-Autor Wes Anderson gerne vor, er mache immer das Gleiche. Das ist natürlich Unsinn, aber es läßt sich nicht leugnen, daß die meisten seiner Werke deutliche (vor allem stilistische) Parallelen aufweisen. Das hat sich auch bei "Grand Budapest Hotel" nicht komplett geändert, dennoch ist der gefeierte Eröffnungsfilm der Berlinale 2014 ... anders. Nicht zuallererst eine skurrile Komödie, sondern im Grunde genommen eine ganz klassische Kriminalgeschichte und gleichzeitig das wehmütige und genau beobachtete Panorama einer untergehenden Epoche, in der vielleicht nicht alles besser war, aber doch irgendwie: stilvoller. Die an sich wenig aufregende Handlung, die sich im Wesentlichen an gängige Krimimuster hält, ist dabei gar nicht das, worum es Anderson geht. Auch die Figuren entwickeln dieses Mal (leider) deutlich weniger Profil als in seinen früheren Filmen. Eigentlicher Star des Films ist die Ära, die mittels großartiger (wie stets bei Anderson kunterbunter) Ausstattung und Kulissen, garniert mit dem unverwechselbaren Stil des Regisseurs, porträtiert wird. Das ist ungewöhnlich und trotz selbstverständlich wieder zahlloser herrlich absurder Szenen sowie einer bis in die kleinsten Rollen hochkarätigen Besetzung nicht so witzig wie von Anderson gewohnt. Aber es ist ohne Frage faszinierend, wie spielerisch leicht es ihm gelingt, sein Publikum in eine fiktive, aber doch geschickt in die dunkle historische Realität eingebettete Welt zu entführen, die erkennbar im Untergang begriffen ist.

Der Beginn des Films ist typisch Anderson, denn er erzählt seine Geschichte nicht einfach so, sondern nutzt dafür gleich eine dreifacher Klammer: Eine junge Frau liest 1985 auf einem Friedhof ein Buch, in dem ein älterer Schriftsteller (Tom Wilkinson, "Duplicity") erzählt, wie ihm als jungem Schriftsteller (Jude Law, "Anna Karenina") vom alten Zéro (F. Murray Abraham, "Inside Llewyn Davis") dessen Geschichte erzählt wird. Wenn die beginnt, tritt die Komik zunächst aber etwas in den Hintergrund. Wir lernen Monsieur Gustave kennen, der wunderbar nonchalant verkörpert wird von einem Ralph Fiennes in absoluter Hochform, und mit ihm das Hotel mit seinen leicht skurrilen Bediensteten und Gästen. Bei den Dialogen greift Anderson bereits hier zu einer etwas derberen Sprache als man das von ihm gewohnt ist – das will eigentlich nicht recht hineinpassen in die zuckersüße Welt, die der Filmemacher vordergründig kreiert hat, irgendwie aber wohl doch, angesichts der Bedrohung, der sich das Hotel, die Republik Zubrowka und letztlich ganz Europa ausgesetzt sehen. Und diese Bedrohung ist in "Grand Budapest Hotel" allgegenwärtig, ohne daß Anderson dabei zu plakativ vorgehen würde: Züge werden von bewaffneten und von Mal zu Mal rigoroser vorgehenden Soldaten aufgehalten und kontrolliert, die Zeitungen spekulieren über einen bevorstehenden Krieg und Dmitris Mann fürs Grobe Jopling ist ein Angehöriger der ZZ ("Zig Zag-Division") ...

Die Handlung selbst nimmt erst mit dem Mordverdacht an Gustave richtig Fahrt auf, präsentiert aber auch dann nicht viel, was dramaturgisch sonderlich ausgefeilt wäre. Dafür gibt es eine Abfolge schräger, häufig einfallsreicher Szenen, die mitunter eher an Monty Python-Sketche erinnern, etwa einen witzigen (obwohl streng genommen ziemlich brutalen) Gefängnisausbruch, einen perfiden, aber hinreißend komisch in Szene gesetzten Mord oder das in humoristischer Hinsicht absolute Highlight des Films: eine Stop Motion-animierte Verfolgungsjagd vom Gipfel eines Berges im Sudetengebirge herab – auf einem kaum lenkbaren Schlitten! Daß diese sensationelle Sequenz animiert ist, läßt sich zwar anhand der abrupten Bewegungen ziemlich leicht erkennen (und weckt wohlige Erinnerungen an Andersons "Der fantastische Mr. Fox"), fügt sich aber nahtlos in diese ganz eigene Welt des "Grand Budapest Hotel" ein und ist schlicht und ergreifend saukomisch. Zumal Komponist Alexandre Desplat ("Argo") geradezu über sich hinauswächst und den gesamten Film mit einem herrlich verspielten Soundtrack beglückt, der dem Franzosen endlich seinen lange verdienten ersten OSCAR eingebracht hat.

Künstlerisch ist Anderson mit dem komplett in Ostdeutschland gedrehten "Grand Budapest Hotel" also fraglos ein kleines Meisterwerk gelungen, in der er den ihm eigenen Stil (oftmals nicht ganz unpassend als "Puppenhaus"-Stil bezeichnet) gekonnt weiterentwickelt. Dennoch muß ich konstatieren, daß der Film zumindest nach der Erstsichtung nicht zu meinen größten Anderson-Favoriten zählt (das wären "Die Tiefseetaucher" und "Moonrise Kingdom"). Dafür fehlt mir die emotionale Bindung zu den – abgesehen von Monsieur Gustave – eher rudimentär ausgestalteten Figuren. Das war angesichts der Fülle von Stars im beeindruckenden Ensemble eigentlich zu erwarten, doch da die meisten davon nur Kurzauftritte haben (George Clooney gar ein echtes Cameo: Er soll einer der Hotelgäste im absurden Showdown sein, ich gebe aber zu, ihn nicht entdeckt zu haben; Nachtrag: Bei der Zweitsichtung habe ich ihn dann entdeckt ...), wäre durchaus mehr drin gewesen. Eigentlich haben lediglich Fiennes, Newcomer Revolori (der als Lobby-Boy Zéro als Identifikationsfigur des Publikums fungiert und das sehr überzeugend macht), Saoirse Ronan ("Violet & Daisy", als Agatha, Zuckerbäckerin und Zéros große Liebe), Edward Norton, Jeff Goldblum und Willem Dafoe nennenswerte Screentime, während selbst der eigentliche Bösewicht-Darsteller Adrien Brody nur wenige Szenen hat – in denen er seine Fieslings-Rolle aber sichtlich genießt. Wenn man das etwa mit "Moonrise Kingdom" vergleicht, in dem selbst die Nebenrollen durchdacht und liebevoll gezeichnet waren, dann ist es schon etwas enttäuschend, daß "Grand Budapest Hotel" – als dessen Inspirationsquelle im Abspann die Werke des in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tätigen österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig ("Schachnovelle") genannt werden nichts in der Art zu bieten hat; auch wenn hier nun einmal unverkennbar die untergehende Ära der Star ist und nicht die Figuren oder ihre Darsteller.

Fazit: Mit "Grand Budapest Hotel" ist Wes Anderson ein faszinierender, kunstvoll konstruierter und inszenatorisch großartig umgesetzter Blick auf eine vergangene Epoche gelungen, die der eigentliche Hauptdarsteller des Films ist und die eher beliebige Kriminalgeschichte und die toll gespielten, aber großteils schablonenhaften Figuren an den Rand drängt.

Wertung: 8 Punkte.


Kommentare:

  1. Bei mir rangiert er bisher auch nach "Tiefseetaucher" und "Moonrise Kingdom" auf einer Stufe (oder ganz knapp dahinter) mit "Darjeeling Limited". Ich fand ihn manchmal hart an der Grenze zur Ermüdung, was Inszenierung und das Spiel von Ralph Fines angeht. Der Gedanke zu Monty Python ist mir in der Tat auch gekommen.
    Mit der angesprochenen Schlittenszene konnte ich nur bedingt etwas anfagen, auch hier hat es Anderson für mich übertrieben. Dafür fand ich die Szenen in dem Museum, in das der Notar flüchtet, sehr schön fotografiert. Und der durch die Verschachtelung aufgezeigte optische Vergleich vom 1932er und 1985er Hotel war großes Kino. :D

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    1. Interessant, da scheinen wir eine fast identische Anderson-Reihenfolge zu haben, was ja eher selten ist ("Die Tiefseetaucher" und auch "Darjeeling Limited" rufen bekanntlich sehr unterschiedliche Reaktionen hervor). Wobei ich ja noch hoffe, daß ich mich in das "Grand Budapest Hotel" bei wiederholter Sichtung doch verliebe, schließlich war ich ins Kino mit einer nicht ganz richtigen Erwartungshaltung gegangen (ich hatte auch nach Ansicht des Trailers und der während der Berlinale gezeigten Ausschnitte mit einem viel stärkeren komödiantischen Schwerpunkt gerechnet) ...

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