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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 5. Dezember 2012

THE MAN WITH THE IRON FISTS (2012)

Regie: RZA, Drehbuch: Eli Roth und RZA, Musik: Howard Drossin und RZA
Darsteller: RZA, Russell Crowe, Rick Yune, Lucy Liu, Jamie Chung, Byron Mann, Daniel Wu, David Bautista, Cung Le, Zhu Zhu, Kuan Tai Chen, Grace Huang, Andrew Lin, Ren Luomin, Pam Grier, Gordon Liu, Eli Roth
 The Man with the Iron Fists
(2012) on IMDb Rotten Tomatoes: 49% (5,1); weltweites Einspielergebnis: $20,5 Mio.
FSK: 16, Dauer: 95 Minuten.

Im China des 19. Jahrhunderts beauftragt der Gouverneur den in Jungle Village beheimateten Löwen-Clan, für den sicheren Transport einer Goldladung zu sorgen. Doch seine geldgierigen Stellvertreter ermorden den Anführer Gold Lion hinterrücks und übernehmen die Führung des Clans. Als Gold Lions Sohn Zen Yi (Rick Yune) von der Intrige erfährt, macht er sich sofort nach Jungle Village auf, um seinen Vater zu rächen. Da auch weitere interessierte Parteien von dem Goldtransport erfahren haben, darunter ein mysteriöser Engländer (Russell Crowe), droht es in der kleinen Ortschaft zu einem höchst blutigen Showdown zu kommen. Der mit Zen Yi befreundete Waffenschmied Thaddeus (RZA), ein früherer Sklave aus Amerika, wird unfreiwillig in die Kabale hineingezogen, weil er für fast alle Beteiligten die Waffen für die bevorstehende Auseinandersetzung anfertigen soll ...

Kritik:
Robert Diggs alias RZA ist den meisten (wenn überhaupt) als Musiker und Gründungsmitglied der HipHop-Gruppe Wu-Tang Clan bekannt. Als Filmfan hat er aber nicht nur an zahlreichen Soundtracks mitgewirkt, sondern ist immer wieder auch in kleineren Rollen vor der Kamera aufgetreten ("American Gangster", "72 Stunden"). Als besonders fruchtbar erwies sich seine Zusammenarbeit mit Quentin Tarantino an dessen beiden "Kill Bill"-Filmen, denn ohne diese wäre es dem leidenschaftlichen Eastern-Fan RZA wohl kaum möglich gewesen, nun sein Regiedebüt "The Man with the Iron Fists" in die Kinos zu bringen, in dem er selbst die Titelrolle spielt. Zwar ist Tarantino nicht direkt am Film beteiligt, adelte diesen jedoch mit dem sehr öffentlichkeitswirksamen Prädikat "Quentin Tarantino presents". Außerdem hat Tarantino-Freund Eli Roth ("Hostel", "Cabin Fever", Darsteller in "Inglourious Basterds") gemeinsam mit RZA das Drehbuch verfaßt und fungiert zusätzlich als Co-Produzent.

Unglücklicherweise fällt das Ergebnis ihrer Bemühungen durchwachsen aus. Einerseits merkt man "The Man with the Iron Fists" genau an, wie gut RZA vor allem die klassischen Shaw Brothers-Eastern aus den 1970er Jahren kennt, wie sehr er sie liebt und wie genau er sich an deren Erzählschemata hält. Andererseits versucht er offensichtlich genau wegen dieser Leidenschaft, möglichst viele Motive und Elemente der alten Klassiker in "The Man with the Iron Fists" unterzubringen: einen charismatischen Helden, einen sadistischen Bösewicht, einen mysteriösen Fremden, eine Schatzjagd, Intrigen, einen Shaolin-Tempel (der dank chinesischer Zensoren aber nicht so heißen darf), literweise Blutfontänen, Peking-Oper und so weiter. Leider hat das jedoch vor allem zur Folge, daß sein Film hoffnungslos überfrachtet und unrhythmisch ist. Wobei das wohl gar nicht primär RZAs Schuld ist, denn dessen erste Schnittfassung dauerte rund vier Stunden, weshalb er den Film in zwei Teilen veröffentlichen wollte (wie es ja Tarantino mit "Kill Bill" erfolgreich vorgemacht hat). Stattdessen wurde entschieden, ihn auf knapp 100 Minuten zu kürzen und dabei auch die meisten Splatterszenen zu entfernen. Natürlich bleibt es reine Spekulation, ob "The Man with the Iron Fists" als Vierstünder wirklich besser geworden wäre, aber angesichts der vorliegenden Kinofassung halte ich es für recht wahrscheinlich.

Gerade im Vergleich zu Tsui Harks 2011 realisiertem und thematisch verwandten, aber mit gut zwei Stunden deutlich längeren "Flying Swords of Dragon Gate" kommen hier schlicht und ergreifend die zahlreich vertretenen Parteien – darunter allein etwa ein halbes Dutzend unterschiedlicher Clans, die teilweise kaum mehr als eine Minute Screentime haben – viel zu kurz. Die Handlung selbst ist höchst simpel, was bei den meisten Eastern nicht anders war. Doch während es deren besten Vertretern gelang, die zentralen Kung Fu-Szenen durch ein komplexes Zusammenspiel vieler Figuren und Clans zu bereichern, scheitert "The Man with the Iron Fists" bei diesem Versuch ziemlich kläglich. Im Gegenteil bremst sich der Film sogar noch selbst aus, indem im Mittelteil ein längerer, dramaturgisch überflüssiger und auch ziemlich langweiliger Rückblick auf die Vergangenheit des Waffenschmieds eingeschoben wird, dessen eigentlicher Zweck es wohl nur ist, Kurzauftritte der beiden 1970er Jahre-Ikonen Pam Grier ("Foxy Brown", "Jackie Brown") und Gordon Liu ("Die 36 Kammern der Shaolin", "Kill Bill") unterzubringen. Ärgerlich ist zudem die fehlende Konsequenz in Sachen Sprache. Es mag ja noch ansatzweise nachvollziehbar sein, daß die chinesischen Figuren in Anwesenheit des Engländers oder des Waffenschmieds Englisch sprechen (wenngleich man sich fragt, wo im ländlichen China des 19. Jahrhunderts solche Sprachkenntnisse herkommen). Aber wenn sich sogar die Chinesen untereinander auf Englisch unterhalten (in der deutschen Synchronfassung natürlich auf Deutsch), dann wirkt das einfach lächerlich. Da hätte RZA lieber den gesamten Film auf Englisch drehen sollen, aber offenbar dachte er, gelegentlich eingestreute chinesische Dialogzeilen mit Untertitelung würden der Authentizität zugutekommen. Leider falsch gedacht. Wenigstens harmoniert der vor allem von HipHop- und Soulklängen (samt einiger Songs vom Wu-Tang Clan) dominierte Soundtrack überraschend gut mit der Handlung.

Auffällig ist weiterhin, daß vor allem die asiatischen Rollen im Film ziemlich blaß bleiben. Der von Rick Yune ("Ninja Assassin", "Schnee, der auf Zedern fällt") verkörperte Zen Yi alias "X-Blades" als eigentlicher Held der Handlung bekommt viel zu wenig zu tun, um außerhalb seiner Kampfszenen irgendeinen Eindruck zu hinterlassen, ähnliches gilt für Jamie Chung ("Sucker Punch""Premium Rush") als Thaddeus' Freundin Lady Silk; und der exaltierte Bösewicht Silver Lion (Byron Mann, "Crying Freeman") wirkt oft eher albern als bedrohlich. Während RZA seine Sache ganz ordentlich macht, fungiert Russell Crowe ("Robin Hood") als ebenso vergnügungs- wie kampffreudiger Engländer Jack Knife als eigentlicher Hauptdarsteller. Und ganz offensichtlich bereitet ihm diese Badass-Rolle großen Spaß – trotz der mitunter arg zwanghaft komischen Dialoge, die ihn das Drehbuch aufzusagen zwingt. Neben Russell Crowe überzeugen vor allem Lucy Liu als (ein wenig an die von ihr gespielte O-Ren Ishii in "Kill Bill" erinnernde) resolute Bordellbesitzerin und etwas überraschend Ex-Wrestler David Bautista als Assassine "Brass Body". Zugegebenermaßen profitiert Bautista erheblich davon, daß er die eindeutig coolste Rolle des gesamten Films abbekommen hat: Brass Body ist eine beeindruckende Kampfmaschine mit trockenem Humor und einem aufgrund (nicht näher erklärter) übernatürlicher Fähigkeiten scheinbar unzerstörbaren Körper. Um diese buchstäblich schillernde Figur überzeugend zu verkörpern, sind nicht etwa übermäßige schauspielerische Fähigkeiten vonnöten, sondern pure physische Präsenz und ein gewisses Charisma – über beides verfügt Bautista.

Aber natürlich waren Eastern nie vorrangig für eine raffinierte Handlung oder eine tiefgründige Figurenzeichnung bekannt, sondern für herausragende Kampfkunst. In dieser Hinsicht macht "The Man with the Iron Fists" durchaus eine gute Figur. Die Choreographien von Altmeister Corey Yuen (der übrigens der gleichen Kampfsportschule in Hongkong entstammt wie Jackie Chan und Sammo Hung) sind stimmig, oft spektakulär und vereinzelt sogar richtig originell. Dummerweise können die Kämpfe aber nicht ihre volle Wucht entfalten, da die Szenenfolgen viel zu hektisch geschnitten und teilweise sogar mit (in diesem Fall) unnützem Firlefanz wie Split-Screen-Effekten aufgeplustert sind. Anstatt sich auf die schlichte Eleganz und brutale Schönheit der Kampfsequenzen zu konzentrieren, wird auf diese Weise eher davon abgelenkt. Beinahe irritierend wirken zudem vereinzelte (immerhin in alter Eastern-Tradition überwiegend handgemachte) Splatter-Effekte, die allerdings dermaßen übertrieben und damit unrealistisch wirken, daß es in Deutschland trotzdem zu einer Altersfreigabe ab 16 Jahren gereicht hat. Auch wenn die Martial Arts-Kämpfe also nicht so herausragend inszeniert sind wie sie es sein könnten und sollten, so sind sie doch ohne Frage die größte Stärke von "The Man with the Iron Fists".

Fazit: "The Man with the Iron Fists" ist eine gutgemeinte und mit vielen liebevollen Details gespickte Eastern-Hommage, die zwar phasenweise gute (Kampf-)Unterhaltung bietet, doch insgesamt viel zu überfrachtet ist, um echtes Interesse an der Handlung oder den Figuren zu wecken. Vor allem stellt sich unweigerlich die Frage: Warum sollte man sich ein solches Imitat anschauen, wenn es doch zahlreiche chinesische Genreklassiker gibt, die viel besser sind?

Wertung: 5,5 Punkte.


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