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Dienstag, 11. Dezember 2012

BRÜGGE SEHEN ... UND STERBEN? (2008)

Originaltitel: In Bruges
Regie und Drehbuch: Martin McDonagh, Musik: Carter Burwell
Darsteller: Colin Farrell, Brendan Gleeson, Ralph Fiennes, Thekla Reuten, Clémence Poésy, Jordan Prentice, Jérémie Renier, Željko Ivanek, Eric Godon, Anna Madeley, Ciarán Hinds, Matt Smith
 In Bruges
(2008) on IMDb Rotten Tomatoes: 84% (7,3); weltweites Einspielergebnis: $33,4 Mio.
FSK: 16, Dauer: 107 Minuten.

Nach einem vermasselten Auftrag in London werden die beiden irischen Profikiller Ken und Ray von ihrem Boß Harry (Ralph Fiennes, "Skyfall", "Zorn der Titanen") erst einmal nach Brügge verfrachtet, wo sie sich unauffällig verhalten und auf weitere Anweisungen warten sollen. Für den eher kultivierten Ken (Brendan Gleeson, "The Guard", "Braveheart") ist das keine große Sache, er erfreut sich an den Sehenswürdigkeiten der zum Weltkulturerbe der UNESCO zählenden belgischen Stadt. Der hitzköpfige Ray (Colin Farrell, "7 Psychos") langweilt sich hingegen von der ersten Minute an zu Tode und ist nur am Saufen und an Frauen interessiert. So gehen sich die beiden gegenseitig auf die Nerven, bis sich Harry schließlich meldet und Ken einen neuen Auftrag verkündet. Einen Auftrag, über den dieser ganz und gar nicht glücklich ist ...

Kritik:
"Brügge sehen ... und sterben?" ist das Kinodebüt des irischen Regisseurs Martin McDonagh. Und wenn er die Qualität seines für das hervorragende Drehbuch OSCAR-nominierten Erstlings halten kann, dürfte sein Name bald in aller Munde sein. Der Film beginnt als eher gemächliche Gangster-Komödie mit einem Humor, den man wohl als "typisch irisch" bezeichnen kann und der nicht unbedingt jedermanns Geschmack treffen dürfte. Vor allem die gut aufgelegten und trotz der Gegensätzlichkeit ihrer Figuren wunderbar miteinander harmonierenden Brendan Gleeson und Colin Farrell sowie die erstaunlich intelligenten, mitunter beinahe philosophischen Dialoge sorgen dafür, daß der Zuschauer das Interesse nicht verliert. Zumal die wunderschöne Stadt Brügge als heimlicher dritter Hauptdarsteller von McDonagh und seinem Kameramann Eigil Bryld prominent in Szene gesetzt wird und somit für zusätzliche optische und kulturelle Highlights sorgt.

Nach diesem guten, aber doch noch einigermaßen verhaltenen Auftakt dreht McDonaghs Film jedoch erst so richtig auf. Um ehrlich zu sein: Die zweite Filmhälfte ist mit das Beste, was ich seit der Jahrtausendwende auf der großen Leinwand gesehen habe! Spätestens sobald der wunderbar diabolisch agierende Ralph Fiennes prominent in die Story integriert wird, zieht das Erzähltempo immer stärker an, bis es eine beinahe wahnwitzige Endgeschwindigkeit erreicht und diese tatsächlich bis zum Ende halten kann. Nun erkennt man auch, warum die erste Filmhälfte so gemächlich war: Weil in ihr die zahlreichen überraschenden Entwicklungen der weiteren Handlung ebenso behutsam wie raffiniert durchdacht vorbereitet wurden. Jedes noch so unscheinbare Detail kann sich als Quell einer neuen, aberwitzigen Storywendung erweisen – und sei es sogar abseits des tatsächlich Gezeigten. Das einzige, was ich an dieser nahezu perfekten zweiten Filmhälfte auszusetzen habe, ist der allerletzte "Gag", denn der ist ein bißchen unglaubwürdig, innerhalb der Story aber letztlich doch ein würdiger und konsequenter Abschluß.

Generell entwickelt sich die Geschichte von der anfänglichen Buddy-Komödie hin zu einer überraschend harmonischen Symbiose aus Komik, Dramatik und jeder Menge Melancholie. Die Charaktere mögen nicht allzu vielschichtig sein, dafür sind sie ausgefeilt und teilweise wunderbar skurril. In Nebenrollen überzeugen beispielsweise die Holländerin Thekla Reuten ("Highlander – Die Quelle der Unsterblichkeit") als sympathische Motel-Besitzerin Marie, Jordan Prentice ("Spieglein Spieglein") als koksender kleinwüchsiger US-Schauspieler mit rassistischen Tendenzen, Željko Ivanek ("Argo""Das Bourne Vermächtnis") als kanadischer Tourist, der in einem Restaurant mit Ray aneinandergerät, oder Ciarán Hinds ("Die Frau in Schwarz", "John Carter") in einem Gastauftritt als Priester. Dazu gesellt sich ein sensationeller Soundtrack mit wunderbarer Musik von Carter Burwell (dem langjährigen Stamm-Komponisten der Coen-Brüder) und perfekt mit der Handlung harmonierenden Liedern zwischen Klassik (z.B. "Der Leiermann" von Franz Schubert) und irischem Folk (herausragend: "St. John the Gambler" von Townes van Zandt), die die Melancholie der Handlung kongenial zum Ausdruck bringen.

Fazit: "Brügge sehen ... und sterben?" ist ein kleines Wunder und eines der besten (Kino-)Regiedebüts aller Zeiten. Das hervorragend konstruierte Drehbuch mit seinen schrägen, aber authentischen Figuren, den hintersinnigen Dialogen und viel schwarzem Humor sorgt ebenso für Begeisterung wie die bis in die Nebenrollen hinein stimmige Besetzung der melancholischen Tragikomödie. "Brügge sehen ... und sterben?" ist schlicht und ergreifend ein toller Film und eine Zierde des irischen Kinos.

Wertung: 9 Punkte.


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