Empfohlener Beitrag

In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 2. August 2012

HANNIBAL RISING (2007)

Regie: Peter Webber, Drehbuch: Thomas Harris, Musik: Ilan Eshkeri und Shigeru Umebayashi
Darsteller: Gaspard Ulliel, Gong Li, Rhys Ifans, Kevin McKidd, Dominic West, Aaran Thomas, Charles Maquignon, Goran Kostic, Richard Brake, Ivan Marevich, Stephen Martin Walters
 Hannibal Rising
(2007) on IMDb Rotten Tomatoes: 15% (3,9); weltweites Einspielergebnis: $82,2 Mio.
FSK: 18, Dauer: 122 Minuten.

Litauen, Winter 1944: Die adlige Familie Lecter flieht vor den anrückenden Nazi-Truppen in eine einsam gelegene Waldhütte. Doch die Erwachsenen fallen einem Fliegerangriff zum Opfer und nur der 8-jährige Hannibal und seine kleine Schwester Mischa überleben. Wenig später flüchten sich sechs litauische Marodeure zu der Hütte und nehmen die Kinder quasi als Geiseln für den Fall, daß sie von feindlichen Truppen entdeckt werden. Doch als sich alle einem grausamen Hungertod nähern, fällen die Marodeure eine folgenschwere Entscheidung. Als Erwachsener kennt Hannibal Lecter (Gaspard Ulliel, "Mathilde – Eine große Liebe") nur ein Ziel: Rache ...

Kritik:
Es gibt gute Gründe zu argumentieren, daß man Jonathan Demmes fünffach OSCAR-gekrönte Verfilmung des Thomas Harris-Bestsellers "Das Schweigen der Lämmer" aus dem Jahr 1991 hätte für sich allein stehen lassen sollen (abgesehen davon, daß es nach dem unterschätzten "Blutmond" mit William Peterson und Brian Cox bereits die zweite Adaption von Harris' Lecter-Romanen war): Die direkte Fortsetzung "Hannibal" (2001) von Sir Ridley Scott war zwar an den Kinokassen ein Hit, mußte aber qualitativ in die Kategorie "Enttäuschung" eingeordnet werden. Das nur ein Jahr später folgende Prequel "Roter Drache" von Brett Ratner (eine Neuverfilmung von "Blutmond") geriet zwar deutlich besser, reichte aber ebenfalls nicht an "Das Schweigen der Lämmer" heran und blieb auch kommerziell hinter den Erwartungen zurück. Als für 2007 ein weiteres, noch weiter zurückreichendes Prequel namens "Hannibal Rising" angekündigt wurde, das die Anfänge des berühmten Serienmörders mit kannibalistischen Neigungen beleuchten sollte, war die Skepsis groß. Der britische Regisseur Peter Webber konnte zwar mit dem eleganten Arthouse-Film "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" mit Scarlett Johansson einen Kritikererfolg vorweisen, schien für einen blutigen Horror-Thriller aber eine eher seltsame Wahl. Zudem sollte "Hannibal Rising" der erste Lecter-Film seit "Das Schweigen der Lämmer" werden, in dem aus Altersgründen nicht Sir Anthony Hopkins jene Rolle übernehmen würde, die ihn zum Weltstar gemacht hat. Stattdessen wurde der außerhalb seiner Heimat weitgehend unbekannte Franzose Gaspard Ulliel ausgewählt. Hoffen ließ wiederum, daß der Romanautor Thomas Harris höchstselbst seine literarische Vorlage in ein Drehbuch umarbeitete. Resultat der Mühen: Der bis dato zweifellos schwächste Film über Hannibal Lecter.

Zwar ist "Hannibal Rising" nicht der totale Reinfall, zu dem ihn viele Kritiker geschrieben haben, sondern taugt durchaus als einigermaßen solide Thrillerkost. Dramaturgisch, schauspielerisch und inszenatorisch ist er aber ohne Zweifel mindestens eine Klasse schlechter als selbst die schwächeren seiner Vorgänger. Unter einem eigenständigen Titel und mit einem Protagonisten anderen Namens wären die Kritiken dennoch sicherlich weit weniger vernichtend ausgefallen.

Der Beginn in Litauen während des Zweiten Weltkrieges ist durchaus beklemmend inszeniert, wenngleich die in der Erinnerung des erwachsenen Hannibal stark verblassten, aber für seine Entwicklung so entscheidenden Geschehnisse bedauernswert unelegant auf die Leinwand transportiert wurden. Sobald sich der Fokus auf den erwachsenen Hannibal nach Frankreich verlagert, wo er Medizin studiert und bei seiner schönen Tante Lady Murasaki (die chinesische Schauspiellegende Gong Li spielt hier wie bereits in Rob Marshalls Bestseller-Verfilmung "Die Geisha" eine gebürtige Japanerin – angesichts der anhaltenden Animositäten zwischen China und Japan noch immer eine durchaus mutige Rollenwahl) wohnt, entwickelt sich "Hannibal Rising" jedoch arg konventionell. Hannibals Rachetaten sind zwar ziemlich blutig in Szene gesetzt, perfide erdacht und spannend anzuschauen, allerdings bleibt die Figurenzeichnung enttäuschenderweise fast völlig auf der Strecke. Hannibals Entwicklung zum Serienmörder ist zwar an sich psychologisch halbwegs nachvollziehbar (Rache für ein unfassbares Verbrechen ist immer ein starkes Motiv), wird innerhalb der Handlung aber wenig stimmig präsentiert. Das liegt zum einen am Drehbuch, das diesen jungen, traumatisierten Mann unerklärlich distanziert schildert und für das Publikum niemals richtig greifbar macht. Aber auch die schauspielerische Leistung von Gaspard Ulliel, der zwar hin und wieder starke Momente hat, der ikonischen Rolle alles in allem aber nicht gerecht werden kann, trägt eine Mitschuld. Wenig hilfreich ist zudem, daß sich – womit wir wieder bei den Drehbuch-Schwächen wären – Hannibal bei seinen Morden wiederholt sehr dilettantisch anstellt und nur durch glückliche Zufälle erfolgreich ist. Auch das Potential des von Dominic West ("300", "Centurion") gespielten Polizeiinspektors Popil, der Hannibal trotz gewisser Sympathien dicht auf der Spur ist, weiß Regisseur Webber nicht auszunutzen. Anstatt Popil zu einer charismatischen, ambivalenten Figur zwischen Hannibal auf der einen und den Kriegsverbrechern auf der anderen Seite auszubauen, kommt der Polizist kaum über eine Rolle als Stichwortgeber im Hintergrund hinaus. Ahnliches gilt übrigens für Lady Murasaki, auch wenn sie etwas mehr Raum bekommt.

Zu allem Überfluß funktionieren auch die Antagonisten nicht einwandfrei. Zwar gibt der Waliser Rhys Ifans ("The Amazing Spider-Man", "Fast verheiratet") einen überzeugend diabolischen Oberbösewicht ab (diabolischer als Hannibal selbst, was eigentlich schon alles über dessen mangelnde Ausgestaltung aussagt) und Kevin McKidd ("Dog Soldiers", TV-Serie "Rom") überzeugt als reumütiger Familienvater, der sich nach dem Krieg eine gutbürgerliche Existenz aufgebaut hat. Doch bleiben auch diese Charaktere zu klischeehaft und oberflächlich. Und selbst die größte Stärke von Regisseur Webbers "Das Mädchen mit dem Perlenohrring", die stilvolle visuelle Ausgestaltung, kommt in "Hannibal Rising" nur phasenweise zur Geltung.

Fazit: "Hannibal Rising" ist ein in jeder Hinsicht mittelmäßiger Thriller mit Horrorelementen, der seinem großen Namen niemals gerecht wird, aber auch nicht so schlecht ist wie sein Ruf.

Wertung: 5,5 Punkte.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen