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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 24. Februar 2012

GEFÄHRTEN (2011)

Originaltitel: War Horse
Regie: Steven Spielberg, Drehbuch: Lee Hall und Richard Curtis, Musik: John Williams
Darsteller: Jeremy Irvine, Emily Watson, Peter Mullan, David Thewlis, Benedict Cumberbatch, David Kross, Liam Cunningham, Niels Arestrup, Tom Hiddleston, David Dencik, Celine Buckens
 War Horse
(2011) on IMDb Rotten Tomatoes: 76% (7,0); weltweites Einspielergebnis: $177,6 Mio.
FSK: 12, Dauer: 147 Minuten.
Ländliches England, kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges: Der junge Albert Narracott (Newcomer Jeremy Irvine) richtet liebevoll das Vollblut-Pferd Joey ab, das sein trunksüchtiger Vater (Peter Mullan, "Children of Men") anstatt des dringen benötigten Arbeitspferdes gekauft hat. Obwohl niemand es für möglich hält, gelingt es Albert, mit Joey einen steinigen Acker umzupflügen, der für die Existenz seiner Familie von entscheidender Bedeutung ist. Doch dann bricht der Krieg aus und während Albert noch nicht alt genug ist, um Soldat zu werden, muß Joey als Offizierspferd an die Front auf dem europäischen Festland. Dort erlebt das Pferd die Schrecken des "Krieges, der alle Kriege beenden sollte" aus nächster Nähe und geht dabei durch britische, französische und deutsche Hände ...

Kritik:
Es gibt zwei Personengruppen, die einen ganz weiten Bogen um Steven Spielbergs neues Werk machen sollten. Erstens Zyniker, denn Spielberg präsentiert seinem Publikum eine Geschichte voller ganz großer Gefühle, die er (fast) frei von Ironie sowie ohne jede Scheu vor Pathos und hemmungsloser Sentimentalität inszeniert. Zweitens jeder, der noch nie eine richtig enge emotionale Bindung an ein Tier erlebt hat und auch nicht in der Lage ist, sich solche eine Beziehung vorzustellen – denn dann sind verständnislose Reaktionen á la "was soll eigentlich das ständige Getue um den doofen Gaul?" wohl unvermeidbar ...

Wer sich nicht zu diesen Gruppen zählt, der hat dafür eine gute Chance, daß ihn Spielbergs altmodisches Pferde-Epos – basierend auf einem Roman und dessen erfolgreicher Broadway-Adaption – gut unterhält. Die ersten 50 Minuten, die zeigen, wie die Bindung zwischen Albert und Joey entsteht, sind wohl der gelungenste Part des Films und könnten glatt von John Ford oder William Wyler (mit dessen "Freundliche Versuchung" der Film nicht nur eine vorlaute Gans gemeinsam hat) gedreht worden sein. Mit Beginn des Krieges verliert "Gefährten" leider etwas an Fahrt, da die menschlichen Hauptfiguren wechseln und der Mittelteil des Films stark episodisch geprägt ist. Zwar sind alle diese Episoden erzählerisch gelungen und gut besetzt, dennoch läßt sich nicht vermeiden, daß das Erzähltempo im Vergleich zum wunderbar flüssigen ersten Akt holpriger wird. Zudem ist es der Kardinalfehler von "Gefährten", daß es Spielberg nicht gelingt, aus Joey eine wirklich gleichberechtigte Hauptfigur zu machen. Theoretisch sehen wir die Geschehnisse durch seine Augen, die Menschen, auf die er trifft, sollen nur Randerscheinungen sein. Doch funktioniert dieses gewagte Konzept nur teilweise – zwar folgen wir tatsächlich meist Joeys Erlebnissen (ganz konsequent hält Spielberg dessen Perspektive jedoch nicht durch), aber zumindest bis zum dramatischen Schlußdrittel sind es dennoch die menschlichen Figuren, die einen wesentlich stärkeren Eindruck hinterlassen.

Im letzten Drittel bessert sich das wieder, zumal die Handlung nun zu einem dramatischen Höhepunkt mit etlichen denkwürdigen Szenen findet – wenngleich die Glaubwürdigkeit zunehmend darunter leidet und die unsichtbare Grenze zum Kitsch mitunter herzhaft überschritten wird. Doch die größte Stärke von "Gefährten" ist sowieso nicht die Handlung (obwohl mit Richard Curtis einer meiner Lieblings-Schreiberlinge am Drehbuch beteiligt war), sondern Spielbergs nostalgische Inszenierung, die von einer wunderbaren Kamerarbeit des OSCAR-nominierten Janusz Kaminski mit gemäldeartigen Einstellungen und zahllosen Nahaufnahmen gestützt wird. Zudem ist Altmeister John Williams sein bester Soundtrack seit vielen Jahren gelungen, mit wuchtigen, Spielbergs Inszenierungsstil angemessen pompösen bis triumphalen Klängen unterstreicht er die Überlebensgröße dieses Films, der wie ein klassisches Epos aus Hollywoods "Goldener Ära" wirkt.

Zweifelsohne ist das für so manchen Zuschauer zuviel des Guten, aber wem es gelingt, sich darauf einzulassen, der wird mit einem eindrucksvollen Film belohnt. Wäre es Spielberg noch gelungen, Joey zu einem stärkeren Protagonisten zu machen, sein Werk hätte ein echter Klassiker werden können. So ist das Resultat "nur" ein schöner Film.
Bezüglich der Kriegsszenen spart "Gefährten" übrigens nicht mit bedrückenden, teilweise brutalen Bildern, beläßt es aber meist doch bei Andeutungen – zum Glück, denn eine ultrarealistische Darstellung wie zu Beginn von "Der Soldat James Ryan" oder in "Schindlers Liste" hätte zu dieser Geschichte auch nicht gepaßt.

Fazit: "Gefährten" setzt den Nostalgie-Trend dieser OSCAR-Saison (nach "Midnight in Paris", "The Artist" und "Hugo Cabret") nahtlos und in vor allem technisch beeindruckender Qualität fort und präsentiert stolz eine dramatische, ironiefrei erzählte Geschichte voller Emotionalität und Dramatik, wie sie Hollywood vor allem in den 1940er und 1950er Jahren auf die Leinwand gebracht hat.

Wertung: 8,5 Punkte.


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