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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Dienstag, 7. April 2020

Klassiker-Rezension: DER CLUB DER TOTEN DICHTER (1989)

Regie: Peter Weir, Drehbuch: Tom Schulman, Musik: Maurice Jarre
Darsteller: Robin Williams, Ethan Hawke, Robert Sean Leonard, Josh Charles, Gale Hansen, Dylan Kussman, Allelon Ruggiero, James Waterston, Alexandra Powers, Norman Lloyd, Colin Irving, Kurtwood Smith, Kevin Cooney, George Martin, Lara Flynn Boyle, Melora Walters
Der Club der toten Dichter (1989) on IMDb Rotten Tomatoes: 84% (7,2); weltweites Einspielergebnis: $235,9 Mio.
FSK: 12, Dauer: 129 Minuten.

Im Jahr 1959 kommt der extrem schüchterne Todd Anderson (Ethan Hawke, "Before Sunset") an die Welton Academy, ein erzkonservatives Elite-Internat im Vermont. Todd stand zeit seines Lebens im Schatten seines älteren Bruders Jeffrey, dessen schulische Leistungen am gleichen Internat überragten. Weil Todd sich stark von seinem überaus beliebten Bruder unterscheidet, leidet er sehr unter dem Erfolgsdruck und versucht in erster Linie, nicht aufzufallen. Doch mit dem charismatischen Neil Perry (Robert Sean Leonard, TV-Serie "Dr. House") wird Todd einem Zimmergenossen zugeteilt, der sich Todds an- und ihn in seine Freundesgruppe aufnimmt, zu der Knox Overstreet (Josh Charles, TV-Serie "Good Wife") und der extrovertierte Charlie Dalton (Gale Hansen) zählen. So richtig aus sich heraus geht Todd allerdings erst, als ihn der neue, fortschrittliche Englischlehrer John Keating (Robin Williams, "Insomnia") – selbst ein Absolvent des Internats – immer wieder reizt und ermutigt. Neil, Knox, Todd und einige andere beleben in der Folge den einst von Keating gegründeten "Club der toten Dichter" neu, was bedeutet, daß sie sich heimlich in einer Höhle außerhalb des Schulgeländes treffen und dabei diskutieren, trinken und Gedichte rezitieren. Die Treffen inspirieren Neil dazu, sich gegen den Willen seines Vaters (Kurtwood Smith, TV-Serie "Die wilden Siebziger") der Schauspielerei zu verschreiben, derweil Knox versucht, die schöne und eigentlich unerreichbare Chris (Alexandra Powers, "Die Wiege der Sonne") zu erobern. Unterdessen stoßen Keatings unkonventionelle Lehrmethoden auf immer größere Widerstände bei seinen Kollegen und den Eltern der Schüler …

Kritik:
Der beste Film aller Zeiten (zugleich die beste Romanadaption aller Zeiten) ist und bleibt für mich Francis Ford Coppolas "Der Pate, Teil I". Keine sehr originelle Wahl, klar – schließlich führt das Mafiaepos seit Jahrzehnten zahlreiche Film-Bestenlisten an und belegt auch bei den aus Millionen von Nutzerbewertungen erstellten Top 250 der Internet Movie Database mehr oder weniger von Beginn an Platz 2 (einzig geschlagen von Frank Darabonts "Die Verurteilten"). Aber das eben auch höchst verdient. So sehr ich die gesamte "Die Pate"-Trilogie wie auch Mario Puzos Buchvorlage jedoch liebe, habe ich als meinen persönlichen Lieblingsfilm trotzdem stets "Der Club der toten Dichter" des australischen Filmemachers Peter Weir ("Die Truman Show") genannt. Inzwischen würde ich das nicht mehr ganz so kategorisch sagen, da es erstens zu viele Filme gibt, die mir je nach Tagesform genauso gut oder sogar noch etwas besser gefallen; außerdem ist "Der Club der toten Dichter" ein Film, der seine größte Wirkung auf Zuschauer entfalten dürfte, die selbst einigermaßen jung sind. Dazu zähle ich mit 40 Jahren inzwischen eher nicht mehr, was aber nichts daran ändert, daß ich Peter Weirs ebenso humorvolles wie kluges und dramatisches Meisterwerk noch immer liebe – weil es schlicht und ergreifend ein toller und emotional mitreißender Film ist, der mich so stark berührt hat wie kaum ein anderer.

Auf den ersten Blick erscheint die Story von "Der Club der toten Dichter" gar nicht sonderlich bemerkenswert. Es ist eine klassische Coming of Age-Geschichte über Jugendliche auf der Suche nach ihrer Identität und dem richtigen Lebensweg, wobei sie von ihrer konservativeren Elterngeneration wiederholt Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommen. Dieser Aspekt fällt hier durch das Setting in den späten 1950er Jahren überdurchschnittlich schwerwiegend aus und bedingt die in späteren, aufgeklärteren und toleranteren Dekaden so nur noch schwer vorstellbare (auch wenn das natürlich regional sehr unterschiedlich ausgeprägt ist und es etwa homo- oder transsexuelle Jugendliche anders empfinden mögen) zunehmende Dramatik des Handlungsverlaufs. In dieser Welton Academy, die die Formung zukünftiger gesellschaftlicher Führungspersönlichkeiten als ihr erklärtes Ziel vorgibt, ist es schon ein schwerer Affront, wenn man offen dem Vater widerspricht oder lieber schauspielern will als ein Wirtschaftsführer oder Staatsanwalt zu werden. Dieser Konflikt macht den von allen bewunderten Musterschüler Neil Perry nach und nach zur eigentlichen Hauptfigur von "Der Club der toten Dichter", wenngleich die Geschichte aus der Perspektive des schüchternen Todd erzählt wird, der als Neuling am Internat die primäre Identifikationsfigur des Publikums ist.

Generell sind die jungen Protagonisten neben Robin Williams die größte Stärke des Films. Das OSCAR-gekrönte, von eigenen Erfahrungen inspirierte Drehbuch von Tom Schulman ("Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft") behandelt den ein halbes Dutzend umfassenden Schüler-Kern der Geschichte weitgehend gleichberechtigt – zwar bekommen Todd, Neil und Knox mit ihren eigenen Handlungssträngen zweifellos mehr zu tun als ihre Freunde, dennoch wirken sie alle trotz ihrer Unterschiedlichkeit ungewöhnlich authentisch und lebensecht. Bemerkenswert ist das auch deshalb, weil Peter Weir die Schülerrollen größtenteils mit Newcomern besetzte, die wenig oder gar keine Filmerfahrung hatten (nur Ethan Hawke war bereits als Hauptdarsteller von Joe Dantes phantastischem Jugendabenteuer "Explorers" aufgefallen), aber ihre Figuren ausnahmslos kongenial verkörpern. Ob Robert Sean Leonard als leidenschaftlicher Neil, Josh Charles als der hoffnungslose Romantiker Knox, Gale Hansen als rebellischer Charlie, Allelon Ruggiero als nur auf den ersten Blick klischeehafter Streber Meeks, James Waterston als der gutmütige Pitts oder eben Ethan Hawke als introvertierter Todd – die Bande wird einem schnell so sympathisch, daß man am liebsten ein Mitglied ihres Clubs würde (respektive sich wünscht, man wäre es als Teenager gewesen). Zudem verknüpfen Weir und Schulman die zahlreichen Handlungsstränge der Charaktere so virtuos miteinander, daß die unspektakuläre Kern-Story gar nicht stört.

Und dann ist da natürlich noch Robin Williams als John Keating. Williams hat in seiner ebenso langen wie erfolgreichen Karriere viele gute Filme gedreht – vorwiegend Komödien –, doch "Der Club der toten Dichter" sticht aus seiner Filmographie deutlich heraus. Es war zwar nicht das erste Mal, daß Williams bewies, mehr als "nur" Comedy zu können (siehe "Garp und wie er die Welt sah" oder "Good Morning, Vietnam"), doch mit seiner OSCAR-nominierten verschmitzten und zugleich angenehm zurückhaltenden Interpretation des fortschrittlich denkenden Lehrers John Keating, der seine Schüler nicht wie seine Kollegen primär für die Wirtschaft formen will, sondern sich eher als ein Mentor sieht, der ihnen ganz nach dem Motto "Carpe Diem" bei der Selbstverwirklichung hilft, schuf er eine der denkwürdigsten und beliebtesten Figuren in der Geschichte des Kinos – nicht ohne Grund war es eine Szene aus "Der Club der toten Dichter", die nach Williams' zu frühem Tod im Jahr 2014 zu seinen Ehren weltweit millionenfach imitiert wurde. Die Rede ist natürlich von jener Szene, in der ein Teil seiner Schüler in einer Geste der Solidarität mit dem von der Elternschaft heftig kritisierten John Keating auf ihre Tische steigt und ihrem "Captain" salutiert. Wenngleich das mit Sicherheit die bekannteste Szene aus "Der Club der toten Dichter" ist, zeichnet es den Film doch aus, daß er eine ganze Reihe ähnlich denkwürdiger Momente zu bieten hat. Wenn Keating zum Beispiel Todd dazu bringt, daß der schweigsame Junge endlich sein "barbarisches YAWP" in die Welt hinausschreit, vergißt man das ebenso wenig wie Knox' ziemlich peinliche, aber zugleich sehr mutige und romantische Liebeserklärung gegenüber seiner Angebeteten, die beinahe mystisch anmutende Aufführung von Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" (mit Neil als Puck), die witzige Marschier-Szene oder Todds grenzenlose Verzweiflung infolge eines tragischen Unglücks. Die Wirkung dieser Sequenzen wird verstärkt durch John Seales ("Mad Max: Fury Road") Kameraarbeit, die vor allem durch atemberaubend schöne Aufnahmen der winterlichen Landschaft besticht, sowie die gefühlvolle, niemals aufdringliche Musik von Maurice Jarre ("Lawrence von Arabien"). Doch, es bleibt dabei: "Der Club der toten Dichter" ist mein absoluter Lieblingsfilm; vielleicht nicht jeden Tag, aber doch an sehr vielen.

Fazit: "Der Club der toten Dichter" ist ein zeitloses, inspirierendes Meisterwerk – ein ungemein einfühlsam geschriebenes und exzellent gespieltes Coming of Age-Drama, das Robin Williams in seiner wohl besten Rolle zeigt.

Wertung: 10 Punkte.

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