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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 24. Mai 2018

FOLLOW THE MONEY (2016, TV-Serie, 1. Staffel)

Originaltitel: Bedrag
Regie: Per Fly, Jannik Johansen, Søren Balle, Søren Kragh-Jacobsen, Drehbuch: Jeppe Gjervig Gram, Anders August und Jannik Taj Mosholt, Musik: Tobias Wilner
Darsteller: Thomas Bo Larsen, Natalie Madueño, Nikolaj Lie Kaas, Thomas Hwan, Line Kruse, Esben Smed Jensen, Lucas Hansen, Claes Ljungmark, Waage Sandø, Julie Grundtvig Wester, Anders Heinrichsen, Charlotte Munk, Niels-Martin Eriksen, Villum Eneström Valsten
 Follow the Money
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: -; FSK: 12, Dauer: 580 Minuten.
Der dänische Polizist Mads Justesen (Thomas Bo Larsen, "Die Jagd", "Das Fest") untersucht den Tod eines ukrainischen Arbeiters bei einem Windpark vor der dänischen Küste. Eigentlich spricht viel für einen Unfall, doch nicht zuletzt die merkwürdig mauernden Kollegen des zu Tode Gekommenen wecken Mads' Mißtrauen. Wie sich rasch herausstellt, trügt ihn seine Intuition keineswegs, ein Team der Wirtschafts-Kriminalpolizei um Alf Rybjerg (Thomas Hwan) ermittelt bereits lange gegen den aufstrebenden Windpark-Betreiber Energreen, dessen charismatischer Vorstandsvorsitzender Alexander "Sander" Sødergren (Nikolaj Lie Kaas, "Erbarmen") den vor dem Börsengang stehenden und auf zukunftsweisende alternative Energien setzenden Konzern hemdsärmelig führt. Im Konzern wird derweil die junge Juristin Claudia (Natalie Madueño) von ihrem Vorgesetzten ins Vertrauen gezogen, da er illegale Machenschaften entdeckt hat, die bis hin zu Sødergren reichen könnten. Nun muß die alleinerziehende Mutter eines Sohnes also eine folgenschwere Entscheidung treffen zwischen ihren moralischen Grundsätzen und ihrem beruflichen Ehrgeiz …

Kritik:
Bekanntlich haben skandinavische TV-Serien und -Reihen von "Mankells Wallander" über "Die Brücke" bis zu "Kommissarin Lund" bereits vor vielen Jahren einen bemerkenswerten globalen Siegeszug gestartet, der im Jahr 2018 noch immer anhält. Meine persönliche Lieblingsserie aus dem europäischen Norden hat jedoch gar nichts mit den beliebten "Scandic Noir"-Krimis zu tun, vielmehr handelt es sich um das brillante "Borgen – Gefährliche Seilschaften" – die für mich beste Politikserie überhaupt (ja, sogar besser als die US-Kultserie "West Wing"). Als ich erfuhr, daß mit Jeppe Gjervig Gram einer der drei "Borgen"-Schöpfer mit zwei Kollegen (einer schrieb ebenfalls einige "Borgen"-Episoden) eine Kriminalserie im Wirtschaftsmilieu geschaffen hat, war ich dementsprechend gespannt: Würde auch "Follow the Money" eine so packende, intelligente, einfallsreiche, realitätsnahe und unterhaltsame Serie werden? Bedauerlicherweise muß ich diese Frage zumindest für die erste Staffel klar verneinen, denn obgleich "Follow the Money" ein handwerklich kompetent gemachter, gut gespielter und überwiegend spannender Wirtschaftsthriller in kühler, blaustichiger Edeloptik ist, der bei vielen Kritikern gut ankommt und sogar einige Preise einheimsen konnte (allerdings nicht grundlos primär für die darstellerischen Leistungen), erreicht die Serie bei weitem nicht die Qualität von "Borgen".
Hauptsächlicher Grund dafür ist ein Drehbuch, das so ziemlich alle gängigen Klischees sowohl aus Krimis wie auch aus (Anti-)Wirtschaftsstoffen ansammelt. So ist Mads der stereotypische getriebene Cop, der gerne mal die Grenzen übertritt, um die Bösen zu überführen, während die hohen Tiere bei der Polizei die Ermittlungen eher behindern und dabei vor Politik und Wirtschaft kuschen. Der Energreen-CEO Sødergren ist der klassische Blender, Claudia die rücksichtslose Karrierefrau und generell ist so ziemlich jeder, der in einer halbwegs verantwortlichen Position bei Energreen arbeitet, ein Charakterschwein. Natürlich gibt es solche Leute in der Realität zu Genüge und gerade bei Managern von großen Unternehmen sind entsprechende Charakterzüge wahrscheinlich sogar hilfreich, um überhaupt diese Stellung zu erreichen. Aber daß es bei Energreen eine derartige Ballung solcher Personen gibt, die dabei natürlich auch noch (fast) alle komplett rückgratlos sind und im Zweifelsfall ihre eigene Mutter verkaufen würden, um ihren Hals zu retten, das kann man wahrlich nicht subtil nennen. Im Grunde genommen gibt es mit Jens Kristian (Anders Heinrichsten) nur eine Figur bei Energreen, die keine Aggressionen beim Zuschauer auslöst – und die spielt gerade mal in der Hälfte der zehn einstündigen Episoden mit. Eingangs scheint es so, als könnte zumindest Claudia als ambivalente Identifikationsfigur dienen, da sie zumindest ein erkennbares Gewissen hat und mit vielen ihrer Entscheidungen hadert; doch wer sich so konsequent falsch entscheidet – und das wider besseres Wissen –, der ist im Grunde genommen fast schlimmer als jene offensichtlich soziopathisch veranlagten Entscheidungsträger, die gar keine Skrupel kennen. Insgesamt ist das für meinen Geschmack etwas zu viel Niedertracht (und das natürlich auch noch ausgerechnet in einem gesellschaftlich und umwelttechnisch vermeintlich besonders verantwortlich handelnden Konzern), um halbwegs glaubwürdig zu bleiben.
Dabei ist der erfreulich komplexe Fall selbst, in dem Mads und Alf ermitteln, sogar ziemlich gut konstruiert und enthüllt wiederholt neue Facetten – da wären die ganzen Klischee-Bösewichte bei Energreen gar nicht nötig gewesen, sie sind sogar eher kontraproduktiv. Als eine recht gute Idee erweist es sich hingegen, einen weiteren Handlungsstrang um die Automechaniker Nicky (Esben Smed Jensen) und Bimse (Lucas Hansen) einzubauen. Die jungen Männer haben beide eine kleinkriminelle Vergangenheit, doch während Nicky – der inzwischen ein Kind hat und in der Werkstatt des Vaters seiner Freundin arbeitet – eigentlich nun ein gesetzestreues Leben führen will, pflegt der leichtlebige Bimse weiterhin seine kriminellen Kontakte und verführt den finanzschwachen Nicky zu einem letzten Coup. Der vermeintlich einfache Autodiebstahl zieht aber wenig überraschend heftige Konsequenzen nach sich, die auch Nicky und Bimse indirekt in Energreens Machenschaften verwickeln. Zugegeben, diese Verbindung wirkt schon ziemlich gezwungen und konstruiert, aber die Geschichte der beiden jungen Männer sorgt für die nötige Abwechslung von der zwangsläufig doch recht trockenen Krimi- und Wirtschaftsthematik. Zwar taugen auch Nicky und Bimse nur sehr bedingt als Sympathieträger, doch zumindest sind sie keine berechnenden Fieslinge in Nadelstreifen, sondern naive Kindsköpfe ohne böse Absichten (was man durchaus als verharmlosend betrachten kann, aber im Kontext der Serie funktioniert es).
Immerhin eine Person gibt es aber doch, die fast vollständig positiv betrachtet werden kann: Wirtschaftspolizist Alf ist ein kompetenter, netter und immer hilfsbereiter Mann, der sich zwar ein wenig von den Flausen seines aufbrausenden neuen Partners Mads anstecken läßt, aber letztlich doch meistens das Richtige tut. Mads selbst ist eigentlich ganz in Ordnung und hat das Herz am rechten Fleck, aber seine ständigen ermittlungsgefährdenden Dummheiten nerven auf Dauer ebenso wie sein kompliziertes Privatleben mit einer an MS leidenden Ehefrau (Line Kruse, "Dänische Delikatessen") und zwei Kindern – das erinnert stark an "Borgen" mit der zwischenzeitlich an Krebs erkrankten Premierministerin Nyborg, ist aber weniger überzeugend umgesetzt. Was im Grunde genommen für die gesamte Serie respektive Staffel gilt. An den Schauspielern liegt das nicht, die liefern weitestgehend gute Arbeit ab, wobei neben Larsen, Hwan, Madueño, Smed Jensen und dem vor allem als Inspektor Carl Mørck aus den Jussi Adler-Olsen-Kinofilmen bekannten Nikolaj Lie Kaas noch Claes Ljungmark aus der TV-Reihe "Arne Dahl" in der Rolle von "P", Sødergrens undurchsichtigem Mann fürs Grobe, eine explizite Erwähnung verdient. Da die allgemeine Rezeption von "Follow the Money", wie erwähnt, besser ausfiel als bei mir, gibt es übrigens bereits eine zweite Staffel, eine dritte soll nach einer etwas längeren Pause 2019 im dänischen Fernsehen ausgestrahlt werden.

Fazit: Die erste Staffel der dänischen TV-Serie "Follow the Money" erzählt einen grundsoliden, handwerklich gut gemachten und stark gespielten Wirtschaftsthriller, der aber unter zahlreichen Klischees und zu vielen unsympathischen Figuren leidet.

Wertung: 6,5 Punkte.

Die erste Staffel von "Follow the Money" erschien am 27. April 2018 von Edel:Motion vorerst exklusiv bei Amazon auf DVD und Blu-ray sowohl als Download, Bonusmaterial gibt es (bis auf ein paar Trailer) keines. Ein Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise von Glücksstern-PR zur Verfügung gestellt.


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