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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

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Sonntag, 4. März 2018

Nachruf: David Ogden Stiers (1942-2018)

Die sehr erfolgreich von 1972 bis 1983 laufende TV-Serie "M*A*S*H" wird bis heute als einer der besten betrachtet - mit ihrer unnachahmlichen Mischung aus oft zum Brüllen komischem Humor und ernstem Korea-Kriegshintergrund ist "M*A*S*H" auch eine meiner Lieblingsserien. Und wie das bei mir so ist, verfolge ich die Karrieren der Hauptdarsteller meiner liebsten Serien auch nach deren Ende konsequent weiter. Im Falle von "M*A*S*H" ist angesichts des Alters des Serie leider nicht mehr so viel zu verfolgen: Alan Alda ("Hawkeye") immerhin ist trotz seiner 82 Jahre noch aktiv, vorwiegend am Theater, gelegentlich aber auch in Filmen wie Spielbergs "Bridge of Spies" und als Gastdarsteller in Serien wie "The Blacklist" und "Horace and Pete". Mike Farrell ("BJ") spielt immer wieder in Serien mit (zuletzt "The Red Road" und "American Crime Story"), G.W. Bailey ("Sgt. Rizzo") zählte bis zum Schluß zur Stammbesetzung der exzellenten Krimiserie "The Closer" und ihrem Spin-Off "Major Crimes", Jamie Farr ("Klinger") agiert in diversen TV-Filmen, die in der Regel allerdings nie den Weg nach Deutschland finden. Wayne Rogers ("Trapper John") hat hingegen seine Schauspielkarriere schon lange beendet und ist stattdessen so erfolgreich ins Finanzgeschäft eingestiegen, daß er sogar jahrelang eine eigene Wirtschaftssendung bei Fox News hatte. Loretta Swit ("Hot Lips") stand letztmalig 1998 vor der Kamera, Gary Burghoff ("Radar") 2010. McLean Stevenson ("Col. Blake"), Larry Linville ("Frank"), Harry Morgan ("Col. Potter") und William Christopher ("Father Mulcahy") sind bereits verstorben. Und mit David Ogden Stiers gilt das nun auch für das fünfte Ensemble-Mitglied, das nach "M*A*S*H" gut im Geschäft blieb und außerdem ein arrivierter Musiker war, der überall auf der Welt als Gastdirigent auftrat.

David Ogden Stiers' Aufgabe bei "M*A*S*H" war weißgott keine einfache: Er mußte ab der 6. Staffel Larry Linville ersetzen, dessen überkorrekter, heuchlerischer, stümperhafter und feiger Berufsoffizier Frank Burns der klare Antagonist der Serie war - derjenige, den man zu hassen liebte und der gegen die tapferen Ärzte-Schlawiner Hawkeye und Trapper John respektive BJ (fast) immer den Kürzeren zog. Kein Wunder, daß Linville irgendwann keine Lust mehr auf die Rolle hatte, die er trotz all ihrer Fehler stets sehr überzeugend und witzig und manchmal sogar beinahe liebenswert portraitierte. Und der noch ganz am Anfang seiner Karriere stehende Stiers sollte seine Funktion nun übernehmen? Puh. Doch er tat es vortrefflich, was natürlich auch dem Können der Autoren zu verdanken ist, die nicht einfach einen neuen Frank schufen, sondern einen ganz anderen Charakter: Medizinisch ist Major Charles Emerson Winchester III. absolut fähig, sich dessen aber nur allzu bewußt und entsprechend arrogant, ein Einzelgänger zudem, der am liebsten mit seiner geliebten klassischen Musik alleine sein will und wenig Interesse an sozialer Interaktion mit Menschen unterhalb seiner (gefühlten) Stellung hat - und damit natürlich die ideale Zielscheibe für die Späße von Hawkeye und BJ ist. Anders als Frank blieb Charles aber nicht lange der Serienfiesling - Stiers' mit zwei Emmy-Nominierungen belohnte Darstellung des bulligen vermeintlichen Ekels mit den unerwartet vielen Facetten kam beim Publikum so glänzend an, daß Charles sich rasch zum Publikumsliebling mauserte und in der Folge auch immer sympathischer gezeichnet wurde (ohne seine Ecken und Kanten zu verlieren). Es zeigte sich: "M*A*S*H" hat keinen klassischen Antagonisten nötig, um wunderbar zu funktionieren!

Als "M*A*S*H" 1983 mit einem Abschlußfilm vor unfaßbaren durchschnittlich 106 Millionen US-Fernsehzuschauern endete (insgesamt wegen der Zeitverschiebung innerhalb der USA sogar 125 Millionen, bis heute ein unerreichbarer Serienrekord), blieb Stiers sehr gut im Geschäft. Ab 1985 zählte er als der Kongreßabgeordnete Greene zum Cast des TV-Ereignisses "Fackeln im Sturm", 1987 und 1988 wirkte er als Bezirksstaatsanwalt Reston in acht TV-Filmen der "Perry Mason"-Reihe mit Raymond Burr mit, zudem übernahm er Gastrollen in Serien wie "Mord ist ihr Hobby" und "ALF". In den 1990er Jahren eröffneten sich Stiers sogar ganz neue Möglichkeiten, als Disney seine Qualitäten als Sprecher entdeckte: Im Zeichentrickklassiker "Die Schöne und das Biest" überzeugte er 1991 als Erzähler Unruh so sehr, daß Disney immer wieder auf seine Dienste zurückgriff. So war er in "Pocahontas" (1995) zu hören, in "Der Glöckner von Notre-Dame" (1996) und "Atlantis - Das Geheimnis der verlorenen Stadt" (2001), aber auch im in den USA von Disney vertriebenen Hayao Miyazaki-Meisterwerk "Porco Rosso" (1992) und einigen Disney-Heimkinoproduktionen. Auch vor der Kamera war Stiers in den 1990er Jahren gefragt, so agierte er etwa als Bürgermeister Nicholson in der Michael J. Fox-Komödie "Doc Hollywood" (1991) und wurde von Woody Allen für sich entdeckt, der ihm Rollen in seinem Drama "Eine andere Frau" (1988), der Kafka- und Lang-Hommage "Schatten und Nebel" (1991), der OSCAR-prämierten Gaunerkomödie "Geliebte Aphrodite" (1995), dem Musical "Alle sagen: I love you" (1996) und (in einer herrlichen Rolle als Hypnotiseur/Meisterdieb) der Krimikomödie "Im Bann des Jade Skorpions" (2001) gab. Nach der Jahrtausendwende konzentrierte sich David Ogden Stiers vor allem auf Sprecher-Rollen (auch in Computerspielen wie "Icewind Dale", "Myst V" und "Kingdom Hearts II"), spielte aber immer wieder in TV-Serien mit, wobei seine langjährige Rolle als Reverend Purdy in der freien, aber gelungenen Stephen King-Adaption "Dead Zone" mit Abstand am bemerkenswertesten ist.

Am 3. März 2018 starb David Ogden Stiers im Alter von 75 Jahren in Newport an den Folgen einer Blasenkrebserkrankung. Ich werde ihn vermissen. R.I.P.
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