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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 14. Februar 2018

RIVER (2015, TV-Miniserie)

Regie: Tim Fywell, Jessica Hobbs und Richard Laxton, Drehbuch: Abi Morgan, Musik: Harry Escott
Darsteller: Stellan Skarsgård, Nicola Walker, Adeel Akhtar, Lesley Manville, Georgina Rich, Jim Norton, Owen Teale, Eddie Marsan, Turlough Convery, Sorcha Cusack, Steve Nicolson, Peter Bankole, Josef Altin, Franz Drameh, Pippa Bennett-Warner, Lydia Leonard, Souleiman Bock, Shannon Tarbet, Anamaria Marinca
 River
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 100% (9,0); FSK: 16, Dauer: 349 Minuten.
Der vor vielen Jahrzehnten aus Schweden eingewanderte Londoner Kriminalinspektor John River (Stellan Skarsgård, "The Avengers") ist nicht ganz normal: Er unterhält sich regelmäßig mit Verstorbenen, was keine übernatürliche Fähigkeit ist, sondern eine nie genau diagnostizierte psychische Störung. Mit seinem seltsamen Verhalten ist er bei der Polizei und im Privatleben ein Außenseiter, den Job behält er wohl nur, weil er ein solch brillanter Ermittler ist. Doch als seine langjährige Partnerin bei der Polizei, Jackie "Stevie" Stevenson (Nicola Walker, TV-Serie "Spooks") – die zudem seine einzige echte Freundin und vielleicht noch etwas mehr war –, auf offener Straße erschossen wird, droht Rivers Leben zusammenzubrechen. Aufrecht hält ihn nur die, leider wenig erfolgversprechende, Suche nach dem Mörder, bei der er gegen seinen Willen von seinem neuen Partner Ira King (Adeel Akhtar, "The Big Sick") unterstützt wird. Auch seine direkte Vorgesetzte Chrissie Read (Lesley Manville, OSCAR-nominiert für "Der seidene Faden") steht zu River, während Polizeipräsident McDonald (Owen Teale, TV-Serie "Game of Thrones") ihn am liebsten loswerde würde und deshalb verfügt, daß er sich von Polizeipsychologin Rosa Fallows (Theater-Schauspielerin Georgina Rich) untersuchen lassen muß …

Kritik:
Als ich dieses Blog Anfang 2012 startete und "Der Kinogänger" benannte, da war es eigentlich dazu gedacht, sich ausschließlich Filmen zu widmen – nomen est omen. Seit ich gelegentlich Rezensionsexemplare von TV-Serien angeboten bekomme, mache ich allerdings gerne hin und wieder eine Ausnahme (siehe "Victoria", "Poldark" oder "The Missing"), bin ich doch auch ein bekennender Serienfan. Die vorliegende Rezension ist dennoch eine Premiere, denn es ist das erste Mal, daß ich eine (Mini-)Serie bespreche, die ich im TV gesehen habe – weil sie mich so begeistert und nachhaltig beeindruckt hat! Bei der von der BBC und Netflix produzierten und im deutschen Free-TV von Arte ausgestrahlten sechsteiligen Miniserie "River" handelt es sich auf den ersten Blick um eine typische Kriminalserie mit melancholischem "Scandic Noir"-Anstrich. Doch nach und nach offenbart sich, daß die von der Drehbuch-Autorin Abi Morgan (deren leider nach zwei Staffeln eingestellte historische Journalismusserie "The Hour" mit Romola Garai, Ben Whishaw und Dominic West ich ebenfalls sehr empfehlen kann) ersonnene Geschichte viel tiefer geht und John Rivers Ermittlungen nur den Rahmen für eine intensive Charakter- und Trauerstudie sowie eine anrührende unkonventionelle Liebesgeschichte setzen.
Natürlich ist der im weitesten Sinne exzentrische Ermittler eine beliebte Trope im Krimigenre, doch so weit wie "River" geht kaum eine andere Serie, am ehesten wohl noch "Monk" mit dem titelgebenden zwangsneurotischen Privatdetektiv. Denn John River ist zweifellos das, was man im Volksmund ohne großes Zögern als "verrückt" bezeichnen würde. Er hört nicht einfach nur Stimmen, er sieht die stets bereits verstorbenen Personen vor sich, als wären sie aus Fleisch und Blut, weshalb er auch nicht nur mit ihnen redet, sondern sogar mit ihnen interagiert. Daß das immer wieder für bestenfalls irritierte Reaktionen in seiner Umwelt sorgt, ist zwangsläufig, jedoch zeigen sich in dieser Version von London selbst wildfremde Menschen bemerkenswert nachsichtig. Das kann man als unrealistisch kritisieren, aber Abi Morgan geht es erkennbar nicht primär darum, ein möglichst genaues Abbild der Realität zu zeichnen (was schon daran erkennbar ist, daß Rivers sehr spezifisches Krankheitsbild offenbar gar nicht existiert, sondern eine ganz eigene Kombination bekannter Symptome ist) es geht ihr darum, eine Geschichte zu erzählen; eine Geschichte über einen merkwürdigen Mann, einen klassischen Außenseiter auf der Suche nach sich selbst. Die Manifestationen Verstorbener, die mit ihm sprechen – die sprichwörtlichen Geister der Vergangenheit –, sind dabei teilweise womöglich sogar hilfreich, teilweise alles andere als das.
Die wichtigste Manifestation ist zweifellos Stevie, seine ermordete Partnerin, die maßgeblich dafür verantwortlich war, daß River "funktionierte". Nun findet River Trost in den Gesprächen mit der toten Stevie, wiewohl er ganz genau weiß (und sie ihn sogar wiederholt darauf hinweist), daß sie ein Produkt seiner Einbildungskraft ist. Doch als River nach und nach herausfindet, daß er weniger über Stevie wußte, als er dachte, daß sie offensichtlich Geheimnisse vor ihm hatte, die sie am Ende wohl das Leben kosteten, da ist "seine" Stevie für ihn eine wichtige Hilfe, um das zu rekapitulieren, was er erfahren hat. Außerdem scheint er nur dann wenigstens ansatzweise glücklich zu sein, wenn er mit der meist gutgelauten, immer schlagfertigen Stevie spricht – was natürlich unglaublich traurig ist, wenn man genauer darüber nachdenkt, aber ihm wenigstens ein paar sorglose Momente beschert. Das Gegenteil ist der Fall, wenn Thomas Neill Cream (Eddie Marsan, "Atomic Blonde") ungefragt auftaucht, ein Serienmörder aus dem 19. Jahrhundert, über den River gerade ein Buch liest. Cream reizt River, er schikaniert und provoziert ihn und sein einziges Ziel scheint es zu sein, den Ermittler endgültig jene feine Linie zum Wahnsinn überschreiten zu lassen, von der er niemals zurückkehren könnte. Für seinen neuen Partner Ira ist es verständlicherweise sehr gewöhnungsbedürftig, daß River immer wieder scheinbar mit sich selbst redet und manchmal sogar zornig auf die Luft einschlägt. Doch auch dank gewisser Schubser von außen kommen sich der nicht per se unfreundliche, aber extrem eigenbrötlerische River und der bewundernswert geduldige Ira langsam näher und damit auch in den Ermittlungen weiter – wobei sie gelegentlich auch noch "normalen" Verbrechen nachgehen müssen. Diese bilden die Momente von "River", die am ehesten einer klassischen Krimiserie ähneln, doch letztlich bleiben sie – obwohl durchaus interessant gestaltet, etwa der "Romeo und Julia"-Fall in der Pilotfolge – im Hintergrund und dienen primär dazu, die Figurenzeichnung der Protagonisten zu vertiefen und zudem ausreichend Nebencharaktere einzuführen, um die Frage nach Stevies Mörder spannend zu halten.
Bemerkenswerterweise gestalten sich die dergestalt eingeführten Nebenhandlungsstränge etwa über die schwierige Ehe von Rivers Vorgesetzter Chrissie Read mit dem Richter Tom (Michael Maloney) oder über die Hinterbliebenen der aus einer Verbrecherfamilie stammenden Stevie allesamt sehr interessant, sodaß trotz eines relativ langsamen Erzähltempos niemals so etwas wie Langeweile aufkommt. Die melancholische Grundstimmung, die komplexen Charaktere, die einsichtsreichen Dialoge und auch die abwechslungsreiche Musik – John River ist passionierter Plattensammler, was wohlgemerkt wörtlich zu nehmen ist, und Stevie will ihn immer wieder zum Singen und Tanzen ihres Lieblingsliedes "I Love to Love" von Tina Charles animieren – nehmen einen als Zuschauer vollständig in Beschlag und ziehen einen tief hinein in diese Welt voller Trauer und Schuld, aber auch Hoffnung. Für die steht unter anderem Rivers widerwillige Bereitschaft, sich auf die Untersuchung durch die empathische Psychologin Rosa einzulassen und sogar eine Gesprächsgruppe von Menschen zu besuchen, die ebenfalls Stimmen hören. Daß Rivers Zustand, so sehr er Irritationen bei seinen Mitmenschen auslösen mag, niemals für echte Fremdschäm-Momente ausgenutzt wird, ist Morgan hoch anzurechnen, wie überhaupt ihr Umgang mit sämtlichen Figuren der Serie von großer Einfühlsamkeit geprägt ist, die sich auf die Schauspieler überträgt. Vor allem Stellan Skarsgård zeigt eine mitreißende Performance als tieftrauriger John River, der aber doch in seiner Interaktion mit Stevie so ausgelassen und fröhlich sein kann – und Nicola Walker ist als Stevie das ideale Gegengewicht für die bleierne Schwere, die River meist mit sich herumträgt: fröhlich, unbeschwert, trotz allem hoffnungsvoll. Nicht zuletzt durch Rivers Einwanderer-Vergangenheit zeigt sich die Miniserie sogar politisch aktuell und gesellschaftskritisch, denn bei der diverse Abgründe aufdeckenden Suche nach Stevies Mördern spielen auch (legale und illegale) Immigranten eine Rolle, mit denen sich River stärker identifizieren kann als die meisten anderen. Im Zentrum stehen jedoch letztlich John River und sein Versuch, mit dem Tod des bisherigen Ankers in seinem Leben fertigzuwerden, seiner einzigen echten Freundin, der er nie das wahre Ausmaß seiner Gefühle zu gestehen den Mut fand. Und das Ende dieser sechsstündigen Geschichte ist so perfekt, daß ich mir nicht einmal eine Fortsetzung wünsche (die Morgan auch nie eingeplant hat) ...

Fazit: "River" ist eine komplexe, tiefgründige und ungemein emotionale Geschichte über Trauer, Schuld und Liebe im Kostüm einer Krimiserie, exzellent gespielt und voller Melancholie, aber dennoch hoffnungsvoll. Eine der besten (Mini-)Serien der letzten Jahre!

Wertung: 10 Punkte.


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