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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 4. Januar 2018

KINO-JAHRESBILANZ 2017

Mein persönliches Fazit des Kinojahres 2017 fällt sehr ähnlich aus wie das von 2016: Es gab viele gute bis sehr gute Filme, aber es fehlt ein echtes Meisterwerk, in das ich mich auf Anhieb verlieben konnte (wie zuletzt 2015 bei "Sicario" und "Ewige Jugend"). Entsprechend kam auch 2017 keine Produktion, die ich im Kino sah, auf mehr als 9 Punkte. Auf der anderen Seite bin ich jedoch wieder einmal froh über meine durchdachte Filmauswahl, die mir allzu viel Bedauern über rausgeschmissenes Geld ersparte - das muß auch bei meiner Flop 5-Liste berücksichtigt werden, die nur einen wirklich schlechten Film enthält sowie vier mittelmäßige, die allerdings angesichts der vorherigen Erwartungen ziemlich große Enttäuschungen waren. Wie immer gilt, daß alle Filme in die Auswahl kamen, die ich 2017 im Kino gesehen habe und die auch einen regulären Starttermin hatten (meine Fantasy Filmfest-Besuche zählen folglich nicht); zudem ist die Zusammenstellung der folgenden Listen selbstverständlich höchst subjektiv und entspricht meinem heutigen Eindruck, folgt also nicht hundertprozentig den von mir direkt nach Sichtung vergebenen Wertungen.

Die Top 25 (mit Links zu den Rezensionen sowie kurzer Kommentierung):

Kenneth Lonergans immersives, berührendes, jedoch wundersamerweise stets hoffnungsvolles Trauerdrama ist der Film des Jahres 2017, der sein Publikum am tiefsten ins Herz trifft – dank ausgefeilter Figurenzeichnung, grandioser schauspielerischer Leistungen von Casey Affleck, Lucas Hedges und Michelle Williams sowie einer behutsamen, empathischen Regie.

Lange macht Matt Reeves' Abschluß der nicht nur technisch bahnbrechenden Caesar-Trilogie alles richtig: Er präsentiert eine kluge und erstmals konsequent aus der Perspektive der Affen erzählte Story, überwältigt mit visueller Pracht und einer phantastischen Musik von Michael Giacchino und zielt gekonnt auf die Emotionen des Publikums ab. Würde das letzte Filmdrittel nicht etwas an Einfalls- und Abwechslungsreichtum verlieren, wäre dies mein Lieblingsfilm des Jahres 2017. So reicht es immerhin noch knapp für Platz 2.

Christopher Nolans Zweiter Weltkriegs-Thriller polarisiert stärker als die meisten seiner Filme, was darin begründet liegt, daß er ganz bewußt auf eine klassische Handlung verzichtet und stattdessen tief in die Gefühlswelt seiner vielen vom Kriegswahnsinn betroffenen Protagonisten eindringt. Daß die Figurenzeichnung dabei eher rudimentär ist, erleichtert die Zugänglichkeit von "Dunkirk" nicht, unterstreicht aber die Stellvertreter-Funktion: Nolan geht es gar nicht um einzelne Personen, er präsentiert einen Querschnitt derjenigen – vom Offizier bis zum aufgrund zu hohen oder zu geringen Alters nicht eingezogenen Bürger –, die direkt vom Krieg betroffen sind.

Rian Johnsons "Star Wars"-Debüt verärgert manche Hardcore-Fans mit sehr mutigen Story- und Charakterentwicklungen und enttäuscht auch inhaltlich einige Erwartungen, begeistert aber mit einem spannenden, atemlosen, gleichzeitig ungewohnt düsteren wie witzigen Weltraum-Abenteuer, das der altgedienten Reihe viele erzählerische Möglichkeiten für die Zukunft auftut.

Der energetischste Film des Jahres stammt wieder einmal aus Großbritannien und präsentiert eine innovativ inszenierte und konstruierte, stark musikgetriebene Gaunergeschichte, die vor Coolneß nur so strotzt.

6. Jackie
Pablo Larraín ist ein ebenso kluges wie tief bewegendes Portrait der Präsidentenwitwe Jackie Kennedy gelungen, deren Schmerz und Trauer, aber auch Stärke und Selbstbewußtsein von Natalie Portman kongenial eingefangen werden.

Die Fortsetzung von James Gunns gefeiertem Marvel-SciFi-Abenteuer bietet überwiegend mehr vom Gleichen, tut das aber so gewitzt, phantasievoll und mitunter sogar ergreifend, daß man ihr deshalb nicht böse sein kann.

Damien Chazelles mit sechs OSCARs ausgezeichnetes Jazz-Musical punktet nicht nur mit guter Musik, ausgefallenen Choreographien und zwei fabelhaft harmonierenden Hauptdarstellern Emma Stone und Ryan Gosling, sondern ebenso mit einer realistischen und bemerkenswert wendungsreichen Story.

Hugh Jackmans stylisher, gefühlvoller letzter Einsatz als populärer Mutant Wolverine in einer nicht allzu freundlichen Zukunft ist ein perfekter Schwanengesang nicht nur für ihn, sondern auch für den von Patrick Stewart verkörperten Professor X.

10. Silence
Martin Scorseses lange verfolgtes Wunschprojekt über die Suche portugiesischer Missionare im 17. Jahrhundert nach ihrem in Japan verschwundenen Mentor ist so weit vom Mainstream entfernt wie nur möglich – wer sich auf das überlange Glaubensdrama einläßt, wird dafür mit einem konsequent inszenierten und sehr nachdenklich machenden Kinoerlebnis belohnt, das seinesgleichen sucht (und wohlgemerkt auch für atheistische Zuschauer funktioniert).

Denis Villeneuves bildgewaltige und ungemein atmosphärische Fortsetzung von Ridley Scotts Cyberpunk-SF-Klassiker ist trotz seiner Länge von zweieinhalb Stunden etwas zugänglicher gestaltet, ohne dabei aber an Komplexität und Ideenreichtum einzubüßen – auch wenn (wie im ersten Teil) einige spannende Figuren deutlich zu kurz kommen.

Nachdem die ersten beiden "Thor"-Solofilme eher so im Strom des Marvel Cinematic Universe mitschwammen, gestaltet der neuseeländische Regisseur Taika Waititi Teil 3 zu einem großen Fantasy-/SF-Spektakel um, das zudem der (neben den "Guardians of the Galaxy") witzigste Film des MCU ist – wenn auch die Balance zwischen der dramatischen Kernhandlung und dem beständigen Gagfeuerwerk nicht so richtig stimmt.

Der grimmige und betont realitätsnahe Neo-Western nach einem Drehbuch von "Sicario"-Autor Taylor Sheridan besticht mit einem schonungslosen Blick auf die seit der Wirtschaftskrise ab 2007 besonders gebeutelten ländlichen Regionen der USA und der mit bitterer Konsequenz präsentierten Geschichte zweier ungleicher Brüder, die durch Banküberfälle die Familienfarm retten wollen.

14. Split
Mit diesem Horror-Psychothriller feiert der zwischenzeitlich tief gefallene M. Night Shyamalan endgültig sein Comeback, denn die Geschichte eines von James McAvoy fast erschreckend intensiv verkörperten Mannes mit multipler Persönlichkeitsstörung, der drei weibliche Teenager entführt, mag nicht allzu realistisch erzählt sein, ist aber umso spannender und aufregender in Szene gesetzt.

15. mother!
Darren Aronofskys nur im weitesten Sinne dem Horrorgenre zuzurechnender Fiebertraum von einem Film qualifiziert sich problemlos als kontroversester Film des Jahres – viele Zuschauer wird vor allem die verstörend-brillante zweite Hälfte verschrecken, vergessen wird "mother!" aber definitiv niemand …

Der Gewinner des "Bester Film"-OSCARs 2017 ist ein betont unspektakulärer, aber umso anrührenderer Coming of Age-Film, der in drei Stufen das Heranwachsen seines in ärmlichen Verhältnissen aufwachsenden afroamerikanischen Protagonisten schildert.

Der bislang einzige wirklich gelungene Beitrag zum DC Extended Universe ist ein zur Zeit des Zweiten Weltkrieges spielendes großes Abenteuer, das viel Spaß macht und vor allem mit dem stimmigen Hauptdarsteller-Duo Gal Gadot und Chris Pine begeistert.

18. Es
Die Neuverfilmung von Stephen Kings berühmtem Bestseller ist ein stimmungsvoller Gruselfilm, der mit visuell einfallsreich gestalteten Horrormomenten beeindruckt, noch mehr aber mit dem liebevoll gezeichnten und paßgenau besetzten jugendlichen "Club der Verlierer".

Der erfrischend altmodisch inszenierte Abenteuerfilm erzählt unaufgeregt, aber realitätsnah die wahre Geschichte des britischen Entdeckers Percy Fawcett – dessen Erlebnisse sind nicht überragend spektakulär, dafür überzeugt der Film mit tollen Naturaufnahmen sowie erfreulich komplex gezeichneten Charakteren.

Bill Condons Realverfilmung des berühmten Disney-Zeichentrick-Musicals ist ein opulentes und farbenprächtiges Märchen mit exzellenten visuellen Tricks, sehr guter Musik und spielfreudigen Darstellern – die Änderungen gegenüber der Vorlage funktionieren allerdings nicht so gut wie erhofft.

21. Fences
Die Adaption eines Theaterstücks über das Leben einer afroamerikanischen Arbeiterfamilie in den 1950er Jahren ist ein wenig sperrig, überzeugt aber mit fein gezeichneten Figuren, klugen Dialogen und einem herausragenden Ensemble rund um Denzel Washington und Viola Davis.

Der erste Solo-Film von Spider-Man als Teil des MCU hat keine besondere Handlung zu bieten, macht als Mischung aus Highschool-Komödie und Actionfilm aber einfach Spaß.

Pixars 3D-Animationsfilm punktet mit seiner originellen Prämisse rund um den mexikanischen "Tag der Toten", vergißt es aber, daraus eine spannende Handlung zu stricken – wettgemacht wird dieses Versäumnis durch gute Songs und ganz viel Herz.

Nein, Luc Bessons ambitioniertes, tricktechnisch beeindruckendes Weltraum-Märchen über die unglaublichen Erlebnisse zweier intergalaktischer Agenten glänzt sicher nicht mit inhaltlichem Einfallsreichtum – dafür gelingt es Besson vortrefflich, das Publikum in ganz neue, exotische und bemerkenswert glaubwürdige Welten zu entführen!

Sofia Coppolas Remake eines erotischen Thriller-Dramas mit Clint Eastwood aus den 1970er Jahren offenbart im finalen Akt einige Glaubwürdigkeitsschwächen, überzeugt insgesamt aber mit einer sehr dichten Atmosphäre und einer starken, von Nicole Kidman souverän angeführten Besetzung.

Damit gleich zu den Flop 5:

Das vermeintlich große Finale von Paul W.S. Andersons niemals hochklassiger, jedoch für Genrefreunde häufig unterhaltsamer Horror-Actionreihe entpuppt sich leider in jeglicher Hinsicht (abgesehen von der Musik) als mit Abstand schlechtester Film der Reihe.

Der nach "Dracula Untold" zweite Versuch, ein "Dark Universe" mit den klassischen Universal-Monstern zu etablieren, scheitert trotz interessanter Ansätze erneut, weil auch hier die dünne Story von zu viel generischem Action-Spektakel erdrückt wird.

Sir Ridley Scotts "Prometheus"-Fortsetzung und "Alien"-Prequel punktet zwar mit starker Optik und einem gewohnt exzellenten Michael Fassbender in einer Doppelrolle, insgesamt bleibt der SciFi-Horror ob eines erschreckend generischen Drehbuchs aber weit hinter den Erwartungen zurück.

DCs Antwort auf das Marvel-Superheldenteam der Avengers enthält einige nette und humorvolle Momente und zeigt, daß die erstmals in größerer Rolle zu sehenden Flash und Aquaman viel Potential haben – eine über weite Strecken einfallslose Klischeestory mit blassem Bösewicht sowie ein viel zu starker Action-Schwerpunkt lassen "Justice League" allerdings im Mittelmaß ersticken.

Die Fortsetzung von Matthew Vaughns grandioser Spionageabenteuer-Parodie ist bei weitem kein schlechter Film, aber sie wirkt trotz ihrer Starbesetzung wie eine blasse Kopie, die es versäumt, die vielen Stärken des Vorgängers weiterzuentwickeln.

Fazit:
Durchaus betrübt muß ich feststellen, daß sowohl die Top 25 als auch die Flop 5 so sehr von englischsprachigen Produktionen dominiert werden wie vermutlich nie zuvor. Immerhin gibt es mit "Valerian" einen französischen Film, der es knapp in die Bestenliste geschafft hat - aber der ist mit internationaler Besetzung ebenfalls auf Englisch gedreht worden. Tatsächlich gab es 2017 wenige regulär anlaufende nicht-englischsprachige Filme, deren Besuch mich überhaupt gereizt hätte. Asiatische Produktionen sind nach dem Zwischenhoch um die Jahrtausendwende fast komplett verschwunden und bestenfalls auf Festivals zu sehen - 2017 beispielsweise beim Fantasy Filmfest Takashi Miikes "Blade of the Immortal", der es mit Sicherheit in meine Top 25 geschafft hätte; deutsche, skandinavische, französische, spanische oder italienische Highlights gab es 2017 für mein Empfinden auch nicht (zugegeben, "Bullyparade - Der Film" habe ich verpaßt, obwohl er eigentlich fest eingeplant war). Das darf 2018 deutlich besser werden!
Die Anzahl der 3D-Filme in den Top 25 ist noch einmal leicht von 9 auf 10 gestiegen, was vor allem den Superhelden-Filmen zu verdanken ist. Von denen haben es rekordverdächtige fünf in die Liste geschafft (einer in die Flop 5), womit sich auch die Fortsetzungen gegenüber 2016 auf acht verdoppelt haben (neun, wenn man "Split" mitzählt). Und die Flop 5 bestehen sogar aus vier Fortsetzungen und einem Reboot. Außerdem befinden sich in den Top 25 drei Remakes ("Die Verführten", "Es", "Die Schöne und das Biest"). Ein Jahr der Originalstoffe war 2017 also definitiv nicht, allerdings gab es immer noch genügend Neues, um einem aufgeschlossenen Publikum eine große Auswahl zu bieten.

Damit wünsche ich allen Filmfans ein schönes, ertragreiches Kinojahr 2018 und will zum guten Schluß keinesfalls vergessen, mich einmal mehr herzlich bei denjenigen Lesern zu bedanken, die "Der Kinogänger" durch ihre Einkäufe über die auf meinem Blog verteilten amazon.de-Links (oder das einsame jpc-Banner), für die ich eine kleine Provision erhalte, finanziell unterstützen (wohlgemerkt: ein Klick auf irgendeinen der Links reicht aus, man muß also für einen DVD-Kauf nicht den passenden aus der Rezension heraussuchen und auch nicht alle Produkte einzeln per Suchfeld aufrufen!).

Achja, und natürlich, leicht verspätet: Frohes neues Jahr!

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