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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit längerer Zeit das Cover meines neuen Buchs präsen...

Donnerstag, 21. Dezember 2017

MORD IM ORIENT EXPRESS (2017)

Originaltitel: Murder on the Orient Express
Regie: Sir Kenneth Branagh, Drehbuch: Michael Green, Musik: Patrick Doyle
Darsteller: Sir Kenneth Branagh, Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Tom Bateman, Daisy Ridley, Leslie Odom Jr., Dame Judi Dench, Willem Dafoe, Penélope Cruz, Sir Derek Jacobi, Josh Gad, Olivia Colman, Manuel Garcia-Rulfo, Lucy Boynton, Sergei Polunin, Marwan Kenzari
 Mord im Orient-Express
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 57% (6,1); weltweites Einspielergebnis: $351,7 Mio.
FSK: 12, Dauer: 114 Minuten.


Nachdem er 1934 den Diebstahl einer Reliquie in Jerusalem aufgeklärt hat, will der belgische Meisterdetektiv Hercule Poirot (Sir Kenneth Branagh, "Jack Ryan") mit dem legendären Orient-Express – dessen Direktor sein Freund Bouc (Tom Bateman, TV-Serie "Da Vinci's Demons") ist – in Richtung London fahren, wo ihn bereits der nächste Fall erwartet. Als ihn im Zug der zwielichtige amerikanische Kunsthändler Edward Ratchett (Johnny Depp, "Lone Ranger") zu seinem Schutz anheuern will, weil er bedroht wird, lehnt Poirot dankend ab. Doch als Ratchett am nächsten Morgen ermordet in der Kabine aufgefunden wird, ist selbstredend die Expertise des Detektivs gefragt – zumal der Zug von einer Schneelawine getroffen wurde und nun vorerst festsitzt, bis Hilfe eintrifft. Also befragt Poirot die ein Dutzend Mitreisenden im Waggon, denn einer von ihnen muß nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit der Mörder sein. Ist es der rassistische österreichische Professor Hardman (Willem Dafoe, "Grand Budapest Hotel")? Der schwarze Arzt Dr. Arbuthnot (Leslie Odom Jr., TV-Serie "Person of Interest")? Die spanische Missionarin Pilar (Penélope Cruz, "Vicky Cristina Barcelona")? Oder die reiche amerikanische Witwe Caroline Hubbard (Michelle Pfeiffer, "mother!")?

Kritik:
Seit 40 Jahren ist die britische Krimi-Autorin Agatha Christie inzwischen tot, doch offensichtlich ziehen ihre Geschichten noch immer weltweit das Publikum an. Klar, das britische Fernsehen sorgt mit regelmäßigen Adaptionen als TV-Film, Miniserie oder langlaufende Reihe dafür, daß Christie nicht in Vergessenheit gerät – aber wer hätte schon gedacht, daß ein so oft adaptierter Stoff wie "Mord im Orient Express" im Jahr 2017 zu einem globalen Kinohit werden würde? Zu verdanken ist das Shakespeare-Experte Sir Kenneth Branagh, der nicht nur die Regie, sondern gleich noch die Hauptrolle des exzentrischen belgischen Detektivs Poirot übernahm, der fast so berühmt für seinen kunstvollen Schnurrbart wie für sein meisterhaftes kriminalistisches Gespür ist. Denn Branagh ist das Kunststück gelungen, die inzwischen doch ein bißchen altbacken wirkende Krimigeschichte behutsam zu modernisieren und zu variieren, ohne die Kernelemente anzutasten. Um das klar zu sagen: Dieser "Mord im Orient Express" ist ein typischer Fall von "style over substance" – das wird naturgemäß nicht jedem gefallen, ist in meinen Augen aber hier genau die richtige Entscheidung gewesen.

Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: Erstens ist die Auflösung des Mordes an Mr. Ratchett – die, als Agatha Christie sie ersann, geradezu revolutionär war – heutzutage für jeden, der sich gelegentlich eine amerikanische oder britische Krimiserie á la "C.S.I.", "Criminal Minds" oder "Sherlock" anschaut, zumindest in ihren Grundzügen früh zu erahnen. Zweitens ist die Story eben durch die bisherigen, teils sehr erfolgreichen Verfilmungen vielen potentiellen Zuschauern bereits bekannt. Speziell Sidney Lumets OSCAR-gekrönte Version von 1974 (mit Albert Finney, Ingrid Bergman, Lauren Bacall, Sean Connery, Vanessa Redgrave und Richard Widmark) gilt als Klassiker, aber auch die britische TV-Adaption aus dem Jahr 2009 innerhalb der "Poirot"-Reihe mit Titeldarsteller David Suchet hat viele Anhänger. Daher halte ich es für einen schlauen Ansatz, Poirots für heutige Krimifans nicht allzu spannende oder anspruchsvolle Ermittlungen speziell im Vergleich zu Lumets (in meinen Augen gerade deshalb recht langweiligem) Film ein wenig in den Hintergrund zu rücken und neben der eindrucksvollen handwerklichen Gestaltung vor allem die ziemlich schillernden Charaktere in den Mittelpunkt des Films zu stellen. Da sich die Starbesetzung vor der aus Sidney Lumets Film nicht verstecken muß, ist es sowieso eine gute Idee, den Schauspielern etwas mehr Raum zum Glänzen zu geben – denn der ist ob der schieren Anzahl von Verdächtigen sowieso arg knapp bemessen.

Wer bezüglich des Täters trotz allem total im Dunkeln tappen sollte, der erhält immerhin auch durch die Gewichtung der einzelnen Verdächtigen keinen zusätzlichen (ungewollten) Hinweis, denn Branagh und Drehbuch-Autor Michael Green ("Logan") achten penibel darauf, niemanden deutlich zu bevorzugen. Dieser "Mord im Orient Express" ist ein wahrer, übrigens betont divers besetzter (und wegen des zeitlichen Settings folgerichtig das Thema Rassismus berührender) Ensemblefilm, aus dem wenig überraschend einzig Hercule Poirot selbst herausragt. Der wird von Branagh etwas abweichend von der Vorlage und den früheren Poirot-Darstellungen, aber mutmaßlich realistischer portraitiert. Denn wo Poirot bei Christie als egozentrisch beschrieben wird und von seinem berühmtesten Darsteller Sir Peter Ustinov in insgesamt sechs Filmen eher als schlitzohriger Exzentriker rüberkam, legt ihn Branagh als genialen, von Zwangsneurosen geplagten Autisten an. Ob das unbedingt nötig war, darüber kann man sicherlich streiten, denn wo sein merkwürdiges Verhalten im vergnüglichen Prolog in Jerusalem – der Persönlichkeit und Fähigkeiten Poirots gekonnt in Windeseile etabliert – noch eine große Rolle spielt, gerät es fortan so stark in den Hintergrund, daß es kaum noch auffällt. Richtig konsistent ist das nicht, aber vielleicht wird man ja in der bereits bewilligten Fortsetzung "Tod auf dem Nil" stärker darauf eingehen. Gut gefällt mir hingegen jener Hauch von Melancholie, der Branaghs Poirot bei aller Exzentrik und Genialität stets umweht. Unter den Verdächtigen stechen am ehesten Michelle Pfeiffer als schroffe Witwe Caroline und "Star Wars"-Heroine Daisy Ridley als Kindermädchen Mary, das sich offensichtlich zu Dr. Arbuthnot hingezogen fühlt, hervor. Branagh gönnt jedem seinen besonderen Moment – dennoch wünschte man, Schauspieler vom Kaliber einer Dame Judi Dench ("Skyfall", als russische Prinzessin Dragomiroff), Sir Derek Jacobi ("Anonymus", als Ratchetts Diener Masterman) oder Willem Dafoe hätten etwas mehr zu tun. Nettes Detail am Rande für Zuschauer der Originalfassung: Es gibt einen kurzen Dialog zwischen Poirot und Prinzessin Dragomiroffs Dienstmädchen Hildegard Schmidt (die Britin Olivia Colman aus den TV-Serien "Broadchurch" und "The Night Manager"), in dem beide gutes Deutsch sprechen – der belgische Meisterdetektiv allerdings deutlich akzentfreier als die deutsche Bedienstete …

Im Vergleich zu Agatha Christies Büchern sowie früheren Adaptionen zieht Branagh auch das Tempo ein wenig an – es gibt mehr Action und mehr, nunja, pikante Details, wobei sich das allerdings immer noch in sehr engen Grenzen hält. Agatha Christie-Puristen werden die sachte Modernisierung vermutlich trotzdem mindestens skeptisch sehen, aber ganz ehrlich: Es gab in den letzten Jahrzehnten so viele mehr oder weniger vorlagentreue Umsetzungen, da sind ein paar Änderungen durchaus angeraten, wenn man noch genügend Zuschauer hinter dem Ofen hervorlocken will. Das erreicht Branagh auch, indem er eher die Emotionen als den Verstand des Publikums anspricht – was dank der dramatischen Hintergründe, die Poirot nach und nach über den Mordfall aufdeckt, einwandfrei funktioniert. Und keine Sorge: Dermaßen radikal wie Guy Ritchie bei seinen "Sherlock Holmes"-Filmen geht Kenneth Branagh bei weitem nicht vor! Er setzt vorwiegend auf Stil und auf die Charaktere, wobei wie erwähnt die handwerkliche Seite eine bedeutende Rolle spielt. Zugegeben, einige Außenaufnahmen des Zuges in winterlicher Landschaft sind relativ leicht als computergeneriert zu erkennen – trotzdem sehen sie toll aus! Zudem protzt dieser "Mord im Orient Express" mit exquisiten Kostümen und einer beseelten Kameraführung des Zyprioten Haris Zambarloukos ("Cinderella"), der nicht nur wunderschöne Panoramen einfängt, sondern im Zug mit langen Einstellungen für intime Momente sorgt, wenn er einzelnen Passagieren auf ihrem Weg durch die engen Zugflure folgt oder beinahe tänzerisch von Person zu Person springt, immer wieder elegant die Perspektive wechselnd. Wie gesagt, Branaghs Devise ist hier relativ eindeutig: Stil über Substanz – aber wenn schon, dann richtig!

Fazit: Kenneth Branaghs "Mord im Orient Express" ist eine etwas oberflächlichere, aber sehr stilvolle, emotionale und stark besetzte Neuverfilmung des Agatha Christie-Klassikers, dessen sachte Modernisierung Puristen verärgern dürfte, aber insgesamt gut funktioniert.

Wertung: 7,5 Punkte.


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