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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 23. August 2017

PLANET DER AFFEN: SURVIVAL (2017)

Originaltitel: War for the Planet of the Apes
Regie: Matt Reeves, Drehbuch: Mark Bomback und Matt Reeves, Musik: Michael Giacchino
Darsteller: Andy Serkis, Woody Harrelson, Karin Konoval, Terry Notary, Steve Zahn, Michael Adamthwaite, Amiah Miller, Judy Greer, Ty Olsson, Sara Canning, Gabriel Chavarria, Timothy Webber, Aleks Paunovic, Alessandro Juliani, Max Lloyd-Jones, Dean Redman, Chad Rook, Devyn Dalton, Roger Cross, Toby Kebbell
 Planet der Affen: Survival
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 93% (8,1); weltweites Einspielergebnis: $490,7 Mio.
FSK: 12, Dauer: 140 Minuten.

Caesars (Andy Serkis, "Der Hobbit") Rivale Koba ist tot, doch der von ihm angezettelte Krieg gegen die Reste der Menschheit ist auch zwei Jahre später noch im Gange. Da der weiterhin auf Frieden zwischen den Spezies hoffende Caesar sich mit den meisten Affen in die Wälder zurückgezogen hat und nur zur Selbstverteidigung kämpft, sieht es aus, als könnten die vom fanatischen Colonel (Woody Harrelson, "Die Tribute von Panem") angeführten und von einigen verbliebenen Getreuen Kobas unterstützten Menschen gewinnen. Nachdem Caesars versteckte Basis aufgeflogen ist, schickt er die Affen auf den Weg zu einem geschützt gelegenen und menschenleeren Ort, den sein Sohn Blue Eyes (Max Lloyd-Jones) und Caesars Stellvertreter Rocket (Terry Notary, "Kong: Skull Island") auf einer Erkundungstour gefunden haben. Caesar selbst will derweil den Colonel aufsuchen und so die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich lenken. Begleitet von seinen engsten Freunden Rocket und Maurice (Karin Konoval) sowie dem kampfstarken Gorilla Luca (Michael Adamthwaite) bricht er auf, doch der Colonel ist bereits in den Norden gezogen, scheinbar um sich mit noch mehr Soldaten zu treffen. Während sie den Soldaten folgen, treffen Caesar und seine Gefährten auf den ortskundigen Schimpansen Bad Ape (Steve Zahn, "Dallas Buyers Club"), der ihnen hilft, aber immer wieder auch auf Menschen, die die Fähigkeit zum Sprechen verloren zu haben scheinen – unter ihnen ein junges Mädchen (Amiah Miller, "Lights Out"), das sie auf Maurices Drängen hin mitnehmen, da es alleine sicher sterben würde …

Kritik:
Als 2010 ein Prequel zur altehrwürdigen "Planet der Affen"-Reihe aus den 1960er und 1970er Jahren angekündigt wurde, waren die Reaktionen im allgemeinen bestenfalls verhalten. Das 21. Jahrhundert wimmelt nur so vor Remakes, Reboots und auch Prequels zu Filmklassikern, doch wenige erreichen auch nur ansatzweise die Qualität des jeweiligen Vorbilds. Bei Rupert Wyatts "Planet der Affen: Prevolution" ist das anders, er ist ein seriöser, mutiger, gut durchdachter und dabei den Geist des Originals ehrender Film, der sich über weite Strecken als ein intelligentes Charakterdrama präsentiert; und zudem natürlich mit brillanten Spezialeffekten aufwartet, allen voran dem von Andy Serkis per Motion Capture verkörperten intelligenten Gorilla Caesar. Die Fortsetzung "Planet der Affen: Revolution" erhielt mit Matt Reeves ("Let Me In") einen neuen Regisseur und fiel actionbetonter aus, konnte aber ebenfalls auf der ganzen Linie überzeugen, gilt vielen sogar als noch besser als der direkte Vorgänger und wurde dafür mit deutlich höheren Einspielergebnissen belohnt. Nun steht mit "Planet der Affen: Survival", erneut von Matt Reeves inszeniert, das große Finale der Geschichte vom Aufstieg der Affen und dem tiefen Fall der Menschheit ins Haus (zwar ist ein vierter Film bereits angekündigt worden, der wird dann aber voraussichtlich eine ganz neue Story erzählen) – und liefert einen großartigen Trilogieabschluß ab, der vor allem in der ersten Hälfte nahe an der erzählerischen und filmtechnischen Perfektion ist!

Über den ästhetischen Wert der recht generischen deutschen Titel dieser Prequel-Trilogie kann man sicher streiten, in dem Fall muß man jedoch konstatieren, daß der "deutsche" Untertitel "Survival" deutlich näher bei der Wahrheit bleibt als der Originaltitel "War for the Planet of the Apes". Der suggeriert einen großen Krieg zwischen Menschen und Affen, was ein Versprechen ist, das die örtlich recht begrenzte Story nicht halten kann. Zwar gibt es zwei große Schlachten (eine zu Beginn, eine am Ende), von einem echten Kriegsfilm ist "Survival" aber – zum Glück – weit entfernt. Stattdessen funktioniert die erste Filmhälfte als atemberaubend unterhaltsames, ebenso spannendes wie intelligentes Abenteuerkino, stets begleitet von einer unübersehbaren melancholischen Note. Daß es zu diesem Zeitpunkt speziell für die auf eigene Angriffsaktionen verzichtenden Affen buchstäblich ums Überleben geht, macht schon die anfängliche Schlacht klar, bei deren Inszenierung sich Matt Reeves erkennbar von Vietnam-Filmen wie "Platoon", "Die durch die Hölle gehen" und ganz besonders "Apocalypse Now" (auf den es später sogar eine direkte Anspielung gibt) hat inspirieren lassen. Das paßt schon optisch, da sich Caesar und seine Anhänger tief in die nordamerikanischen Urwälder zurückgezogen haben, aber auch inhaltlich, weil es sich um einen sinnlosen Krieg handelt, in dem es eigentlich keine Gewinner geben kann.

Aber wie gesagt, "Survival" ist trotz dieses kriegerischen Auftakts (und Endes) kein Kriegsfilm, sondern zeichnet sich vielmehr durch eine ungeheure Vielfalt aus. Es gibt eine hochspannende Einbruchssequenz, herzzerreißende Momente, kluge, zum Nachdenken animierende Dialoge, glaubwürdige Figuren und speziell nach dem Aufbruch Caesars zu seiner Ablenkungsmission einige epische Momente voll purer Kinomagie! Einen großen Anteil an dieser Kinomagie haben der Kameramann und der Komponist. Die Kameraarbeit des erfahrenen Neuseeländers Michael Seresin ("Angel Heart", "Harry Potter und der Gefangene von Askaban") ist von herausragender Qualität, wiederholt begeistern – auch in der 2D-Fassung, die ich gesehen habe – sensationell atmosphärische Bildkompositionen, die außerdem immer wieder (wie etwa in der wunderbaren Strandszene) dem Original-"Planet der Affen" aus dem Jahr 1968 Hommage zollen. Sogar noch besser ist die Musik von Michael Giacchino, die ich gar als den besten Score seiner an starken Kompositionen wahrlich nicht armen Filmkarriere ("Cloverfield", "Star Trek", "Jurassic World", "Zoomania", "Rogue One", ein OSCAR für "Oben") einschätze! Seine Melodien sind sogar noch abwechslungsreicher als der Film selbst, sie klingen episch und melancholisch wie bei James Horner ("Braveheart"), schwelgerisch und monumental wie bei Dimitri Tiomkin ("Red River") und Maurice Jarre ("Doktor Schiwago", "Lawrence von Arabien"), so sehnsüchtig wie bei Nino Rota ("Der Pate"), spannungsgeladen wie bei Jerry Goldsmith ("Planet der Affen", "Star Trek: Der Film"), zärtlich-melodisch wie bei Ennio Morricone ("Es war einmal in Amerika") sowie treibend wie Basil Poledouris ("Conan der Barbar", die klare Inspirationsquelle für den großartigen Track "Planet of the Escapes" und einige Passagen während des Abspanns). Das ist wirklich nicht übertrieben: Giacchino vereint in seinem Score das Beste von diesen Meistern der Filmmusik, verpaßt seinen Kompositionen aber wohlgemerkt dennoch seine ganz eigene Note.

Bedauerlicherweise kann die zweite Hälfte von "Survival" wegen einer gewissen storybedingten Statik – die Handlung findet nun fast komplett in einer einzigen Örtlichkeit samt unmittelbarer Umgebung statt – nicht ganz mithalten und hat zwischendurch sogar ein paar kleinere Längen zu verzeichnen; um ein paar Minuten hätte man den deutlich über zwei Stunden langen Film an dieser Stelle sicherlich kürzen können. Dafür ist die Konfrontation zwischen Caesar und dem namenlos bleibenden Colonel allerdings extrem spannungsgeladen, wobei Woody Harrelsons fiebrige Interpretation des Antagonisten deutlich an Marlon Brandos Kultrolle als Colonel Kurtz in Francis Ford Coppolas Anti-Kriegsklassiker "Apocalypse Now" angelehnt ist. Es funktioniert, weil Harrelson bekanntlich ein sehr guter Schauspieler ist und seine Figur nicht als reinen Irren verkörpert. In einem aufschlußreichen Dialog mit Caesar erläutert der Colonel sogar ausführlich seine Motivation, die irgendwie sogar halbwegs logisch und nachvollziehbar ist – und im Grunde genommen durch die nur dem Publikum aus dem Original-"Planet der Affen" bekannte, wenig rosige Zukunft der Menschheit unter dem Affenregime sogar bestätigt wird. Die Zuschauer sind so gezwungen, sich selbst mit unangenehmen moralischen Fragen auseinanderzusetzen, auf die es keine klaren oder einfachen Antworten gibt; wie es bekanntlich sehr oft der Fall ist, auch wenn gerade Politiker (speziell an den Rändern des politischen Spektrums) gern das Gegenteil behaupten. Matt Reeves und sein Co-Autor Mark Bomback ("Wolverine – Weg des Kriegers") legen es auf solche Interpretationen übrigens gezielt an, wie anhand des wiederholt auffälligen Symbolismus klar wird, wenn etwa die Behandlung der gefangenen (und auch der kaum besser gestellten übergelaufenen) Affen deutlich an die Sklaverei erinnert, während die vom Colonel angeführte "Alpha Omega"-Militärsekte mit den gehirnwäscheartig verwendeten Parolen an den Ku-Klux-Klan gemahnt und nebenbei durch die Integration von US-Flagge und -Hymne auf den grassierenden Nationalismus nicht nur in den USA angespielt wird. Wer keine Lust auf solche gesellschaftspolitischen Untertöne hat, der braucht sich jedoch nicht zu grämen, denn dieser Symbolismus läuft doch meist im Hintergrund ab und lenkt nicht wirklich von der eigentlichen Handlung ab.

Interessanterweise und passend zur Namenlosigkeit bleibt der Colonel letztlich eine Nebenfigur, ein – wenn auch schillerndes – Mittel zum Zweck, denn während es in den beiden Vorgängern noch wichtige menschliche Protagonisten als Identifikationsfiguren für das Publikum gab, traut sich "Survival" erstmals, ganz klar die Affen ins Zentrum zu stellen. Allein deshalb ist es auch konsequent, daß die überlebenden menschlichen Figuren aus "Revolution" nicht mehr erwähnt werden – was natürlich trotzdem schade ist; ich bin sicher nicht der einzige, der schon gerne erfahren hätte, was aus den von Jason Clarke und Keri Russell gespielten Figuren geworden ist. Dennoch muß man sagen: Diese Vorgehensweise funktioniert, da die Reihe das Publikum bereits ausreichend an den Gedanken gewöhnt hat, daß hier die Affen die Protagonisten sind, sodaß man an ihrer Seite kämpfende Menschen nicht vermißt – zumal dafür die Interaktion von Maurice, Luca, Rocket, Bad Ape und Caesar mit dem herzallerliebsten Menschenmädchen für ein paar emotionale Sternstunden sorgt. Die Motion Capture-Technik, die bereits in "Revolution" nahezu perfekt schien, wurde noch einmal verfeinert (die reitenden Affen wirken beispielsweise viel natürlicher) und ermöglicht den Schauspielern zahllose mimische Nuancen – eine OSCAR-Nominierung für Andy Serkis ist inzwischen fraglos überfällig, denn sein Caesar ist eine derart lebensechte, nuanciert dargestellte Person, wie man sie selten in Hollywood-Großproduktionen zu sehen bekommt! Der loyale, sanftmütige Orang-Utan Maurice behält derweil seine Stellung als Publikumsliebling, während Steve Zahn dafür sorgt, daß man auch den exzentrischen, aber hilfreichen Neuzugang Bad Ape rasch ins Herz schließt. "Planet der Affen: Survival" begeistert also beinahe auf der ganzen Linie und lange war ich mir ziemlich sicher, daß ich endlich einmal wieder die Höchstwertung würde vergeben können. Dafür reicht es letzten Endes aber nicht, da, wie angesprochen, die zweite Hälfte nicht mehr so vielfältig und energetisch ist wie die erste; zudem ist es sogar ziemlich ärgerlich, daß es gegen Ende zunächst einen extrem praktischen Zufall und etwas später auch noch einen sehr dummen Menschen braucht, um die Handlung in die von den Autoren gewünschte Richtung voranzutreiben. So hervorragend das Drehbuch alles in allem auch geschrieben ist – das sorgt dann doch für Abzüge in der B-Note.

Daß "Survival" kommerziell nicht an den Erfolg speziell von "Revolution" anknüpfen kann, ist ob der hohen Qualität und der exzellenten Kritiken auf den ersten Blick erstaunlich, allerdings gibt es einige Erklärungsmöglichkeiten: Möglicherweise haben ja doch die fehlenden menschlichen Bezugspersonen manche Zuschauer abgeschreckt, auch der relativ pessimistische Grundton könnte ein Grund sein und speziell in Amerika die gesellschafts- und USA-kritischen Untertöne (was aber natürlich nicht erklären würde, warum die Einspielergebnisse sich im Rest der Welt fast identisch entwickelt haben). Es bleibt zu hoffen, daß 20th Century Fox sich davon nicht doch noch von dem bereits Ende 2016 angekündigten vierten Teil der Reihe abhalten läßt. Denn mit der Caesar-Trilogie ist dem Studio etwas gelungen, das in der Filmlandschaft selten genug ist: ein Reboot, das das Original (bei der fünfteiligen Reihe konnten die vier Fortsetzungen das Niveau des ersten Films bei weitem nicht halten) qualitativ übertrifft!

Fazit: "Planet der Affen: Survival" ist großes und technisch perfektes Hollywood-Kino im besten Sinne, vor allem die abwechslungsreiche erste Hälfte begeistert mit einer intelligenten Handlung und Momenten purer Kinomagie, während die statischere zweite Hälfte mit ein paar kleineren Drebhuch-Schwächen klarkommen muß.

Wertung: 9 Punkte.


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