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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 12. April 2017

SILENCE (2016)

Regie: Martin Scorsese, Drehbuch: Jay Cocks und Martin Scorsese, Musik: Kathryn und Kim Allen Kluge
Darsteller: Andrew Garfield, Adam Driver, Issey Ogata, Yosuke Kubozuka, Liam Neeson, Yoshi Oida, Tadanobu Asano, Shin'ya Tsukamoto, Ciarán Hinds, Nana Komatsu, SABU
 Silence
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 85% (7,6); weltweites Einspielergebnis: $23,5 Mio.
FSK: 12, Dauer: 162 Minuten.

Als im 16. und im frühen 17. Jahrhundert europäische Missionare den christlichen Glauben in Japan verbreiteten, reagierte die Obrigkeit zunächst gelassen darauf, zumal sich vorrangig die einfachen Leute bekehren ließen. In den 1630er Jahren änderte sich das, nach einem Aufstand der christlichen Landbevölkerung verfügte der Shogun die Abschließung Japans in Verbindung mit einer gnadenlosen Verfolgung der Christen, die einem grausamen Tod nur dann entgehen konnten, wenn sie ihrem Glauben öffentlich abschworen. Während zahlreiche Priester den Märtyrertod starben, geht das Gerücht um, daß der portugiesische Jesuit Pater Ferreira (Liam Neeson, "The Grey") tatsächlich abschwor und nun als Japaner mit Frau und Kindern lebt – Pater Ferreiras frühere Jesuiten-Schüler Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield, "The Amazing Spider-Man") und Francisco Garupe (Adam Driver, "Star Wars Episode VII") wollen das nicht glauben und machen sich selbst auf den beschwerlichen Weg nach Japan, um das Schicksal ihres Mentors zu eruieren. Der in China gestrandete, trunksüchtige Fischer Kichijiro (Yosuke Kubozuka, "Ichi Die blinde Schwertkämpferin") bestreitet zwar heftig, ein Christ zu sein, leitet sie jedoch mit einem Boot heimlich zu der kleinen christlichen Küstengemeinde Tomogi, wo sie begeistert und voller religiöser Inbrunst empfangen werden. Die Suche nach Pater Ferreira muß also erst einmal warten, da die frommen Dorfbewohner die beiden Jesuiten mit ihren religiösen Begehren voll in Beschlag nehmen. Dann kommt der unnachgiebige Inquisitor Inoue Masashige (Issey Ogata, "Tony Takitani") in die Gegend und sucht auch in Tomogi mit äußerst effektiven Methoden nach verborgenen Christen …

Kritik:
Ich kenne einige Atheisten, die möchten am liebsten auch in Filmen und Serien so wenig wie möglich mit Religion zu tun haben. Bei mir ist das anders: Obwohl ich überzeugter Atheist bin, hat mich der Themenkomplex "Religion und Glaube" stets fasziniert und fand ich den Versuch einer Dekonstruktion in einzelne Elemente ebenso spannend wie eine Analyse der Motivation von Gläubigen und Glaubensvetretern oder der gesellschaftlichen Auswirkungen von Religionen. Kurzum: Es ist ein sehr ergiebiges Thema, das auch oder vielleicht sogar gerade für neugierige "Ungläubige" für mich unzählige interessante Facetten bereithält. Martin Scorsese, einer der größten lebenden Filmemacher, sieht das offensichtlich ähnlich (wobei er kein Atheist, sondern gläubiger Katholik ist), denn mit "Silence" widmet er sich nach "Die letzte Versuchung Christi" (1988) und dem Dalai Lama-Biopic "Kundun" (1997) bereits zum dritten Mal der Thematik. Und wenngleich er sich dieser in der Verfilmung des 1966 erschienenen Romans "Schweigen" von Shūsaku Endō erkennbar aus der Sicht eines Gläubigen nähert und teils andere Schwerpunkte setzt als ich sie mir gewünscht hätte, ist der mehr als zweieinhalb Stunden lange "Silence" fraglos ein beeindruckendes, auch ein einsichtsreiches Glaubensdrama, das sich letztlich mit universellen menschlichen Werten beschäftigt.

Die Geschichte, die in "Silence" erzählt wird, nimmt sich zwar erzählerische Freiheiten, basiert jedoch auf realen Vorbildern: Der abgefallene Pater Ferreira existierte wirklich, Pater Rodrigues basiert auf dem italienischen Jesuiten Giuseppe Chiara, wurde aber der Story dramaturgisch angepaßt (Chiara suchte nach Ferreira, war allerdings keiner seiner Schüler), die japanische Abschottung und Christenverfolgung gab es natürlich auch. Womit wir schon den ersten Punkt hätten, bei dem Scorsese andere Interessen hat als ich, denn über die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe der Situation erfahren wir leider nur wenig. Für das Verständnis des Films ist das nicht wirklich hinderlich, dennoch hätte ich gern mehr über die Motivation der hier bis auf den Inquisitor arg schablonenhaft bleibenden japanischen Oberschicht erfahren, die die Missionierung zunächst zuließ, dann aber eine radikale Kehrtwende unternahm (der in meiner Inhaltsangabe erwähnte Landarbeiteraufstand wird im Film beispielsweise nicht einmal erwähnt, glaube ich). Analog gilt das für die überwiegend in den unteren gesellschaftlichen Schichten zu findenden Christen – warum ließen sie sich so leicht bekehren, weshalb folgten so willig den Lehren der Missionare? Und vor allem: Warum wurde ihr Glaube in vergleichsweise kurzer Zeit so stark, daß viele von ihnen für ihn willig in den Tod gehen? Zwar weiß ich es zu schätzen, daß Scorsese die sehr komplexe Thematik nicht auf banale Erklärungen herunterbricht und es stattdessen bei recht subtil eingeflochtenen Ansätzen beläßt (offensichtlich ist der Glaube an das Paradies für die Bekehrten von extremer Bedeutung), aber ein bißchen intensiver hätte er sich für mein Empfinden doch damit beschäftigen können.

Doch für Scorsese steht eben der Glaube selbst im Vordergrund, verdeutlicht vor allem anhand des Protagonisten Sebastiaõ, aus dessen Perspektive die Geschichte konsequent erzählt wird. Er und sein anfänglicher Begleiter Francisco (später trennen sich ihre Wege) sind interessante Figuren. Beide sind jung und idealistisch, sie glauben an ihre Mission, Pater Ferreira zu finden und den japanischen Christen zu helfen, die seit der Ermordung, Vertreibung oder "Bekehrung" aller christlichen Geistlichen im Land natürlich nur noch sehr bedingt die religiösen Zeremonien ausüben können. Sebastiaõ macht auf den ersten Blick einen etwas geerdeteren, vernünftigen Eindruck, während Francisco eher fundamentalistisch daherkommt – gut illustriert anhand der Ankunft des Inquisitors in Tomogi, denn während der besorgte Sebastiaõ den vier exemplarisch ausgewählten Dorfbewohnern eindringlich zurät, den symbolischen Forderungen des Inquisitors nachzukommen und auf ein Jesusbild zu treten, lehnt Francisco eine solche Vorgehensweise kategorisch ab. Andererseits drückt der eher ungeduldige, relativ leicht aufbrausende Francisco seinem Glaubensbruder offen seine Bewunderung für dessen Standfestigkeit im Glauben aus. Sebastiaõ und Francisco sind sicher nicht die komplexesten Charaktere, die es je in einem Scorsese-Film gab, doch sie sind glaubwürdige, ambivalente Persönlichkeiten, die die Story auch dank der ausdrucksstarken Performances der Darsteller Andrew Garfield und Adam Driver problemlos tragen können.

Interessant ausgearbeitet ist der Kontrast zwischen den Jesuiten und den Dorfbewohnern, denn während diese sehr leidenschaftlich, fast schon fanatisch wirken in ihrem unbedingten Glauben an die trostverheißende christliche Lehre, erscheinen Sebastiaõ und Francisco mit typischen Priester-Phrasen anfangs eher oberflächlich. Daß sie bei der ersten Begegnung sehr furchtsam sind, kann man ihnen angesichts der großen Gefahr einer Entdeckung durch die "falschen" Japaner kaum verdenken, daß vor allem Francisco beinahe angeekelt wirkt von den teilweise schmutzstarrenden Dorfbewohnern, aber auch von deren ob der Umstände verständlicherweise primitiver Glaubensausübung, wirkt dagegen schon nicht mehr so christlich. Andererseits liegt Francisco jedoch wohl nicht ganz falsch, wenn er die Vermutung äußert, daß diese bekehrten Christen die Essenz der Religion zumindest nicht vollständig begriffen und verinnerlicht haben. Wobei man da natürlich die Frage aufwerfen kann, ob das ihre "Schuld" ist oder eher die sich womöglich eher durch Eifer als Genauigkeit auszeichnender Missionare, von denen sie gelernt haben. Doch bedauerlicherweise ist auch das ein Punkt, auf den Scorsese nicht näher eingeht. Stattdessen, was wohlgemerkt keine schlechte Entscheidung ist, lenkt er das Augenmerk auf den anfänglichen Führer der beiden Jesuiten, Kichijiro, der Sebastiaõ – nicht zwangsläufig zu dessen uneingeschränkter Freude – bis zum Schluß begleiten wird. Kichijiro, so erfahren wir bald, verneint deshalb so heftig, ein Christ zu sein, weil er im Gegensatz zu vielen anderen aus seinem Heimatdorf tatsächlich vor den Augen des Inquisitors seinem Glauben abgeschworen und deshalb überlebt hat. Wobei "überleben" tendentiell ein Euphemismus ist, denn den klar an Judas gemahnenden Kichijiro plagen extreme Schuldgefühle, er verflucht seine Schwäche und will ständig seine Sünden beichten, was erkennbar auch seine geistige Gesundheit angreift.

Das könnte man sicher als Kritik an jenen interpretieren, die ihren Glauben verleugnen, aber ich denke, Scorseses Intention ist es eher, die brutale Effizienz der Methoden von Inquisitor Inoue zu demonstrieren – denn wer nicht tut, was dieser will, stirbt einen grausamen Tod; wer aber nachgibt, der überlebt zwar, kommt aber wahrscheinlich nicht ohne seelische Schäden davon. Das muß auch Sebastiaõ erfahren, als er schließlich mit Inoue konfrontiert wird. Der entpuppt sich als älterer Samurai, der körperlich nicht sonderlich beeindruckend daherkommt, jedoch mit wachem Geist und scharfer Zunge ungemein gefährlich ist. Trotz aller Grausamkeiten umweht ihn sogar ein nicht unbeträchtliches Charisma, zudem reichert Darsteller Issey Ogata die Rolle an, indem er sie mit kleinen Schrullen und Manierismen ausstattet sowie einem spitzen, leicht bösartigen Humor; gleichzeitig kann der Inquisitor beinahe jovial mit seinen Opfern umgehen. Diese faszinierenden Widersprüchlichkeiten machen die ausführlichen Diskussionen zwischen Inoue und Sebastiaõ zu einem Höhepunkt von "Silence"; einsichtsreich und teilweise regelrecht philosophisch debattieren sie vor allem über den christlichen, aber auch den vorherrschenden buddhistischen Glauben (einmal besuchen sie gar einen buddhistischen Tempel) und darüber, warum das Christentum in Japan nicht verfangen kann oder eben doch (je nach Sichtweise). Wegen mir hätten die intellektuellen Diskurse sogar noch deutlich ausgebaut werden können, zumal vor allem Sebastiaõ einige meines Erachtens recht offensichtliche Argumente respektive Fragen gar nicht vorbringt. Aber auch so ist die Konfrontation zwischen Inoue und Sebastiaõ für den Zuschauer ein wahres Vergnügen … nun gut, ein grausames Vergnügen, zugegeben, denn zwischen ihren Debatten werden immer wieder japanische Christen befragt, gefoltert und/oder ermordet, was – wie Inoue und sein Dolmetscher (Tadanobu Asano, "Der Mongole") nicht müde werden zu betonen – Sebastiaõ sofort beenden könnte, indem er einfach seinem Glauben vor aller Augen abschwört.

Denn das ist ja das besonders Perfide an Sebastiaõs Situation: Wenn er standhaft bleibt, muß nicht in erster Linie er dafür büßen (daß es eher kontraproduktiv ist, Priester den Märtyrertod sterben zu lassen, hat der Inquisitor schon länger erkannt), sondern seine "Gemeinde" muß für ihn büßen. Durch den Widerruf seines Glaubens könnte er also einer potentiell sehr hohen Zahl von Gläubigen das Leben retten. Gleichzeitig würde er damit allerdings in gewisser Weise den Märtyrertod derjenigen, die bereits an seiner statt hingerichtet wurden, nachträglich entwerten, ja sogar sinnlos machen. Wobei an dieser Stelle selbstverständlich eine Abhandlung darüber möglich wäre, ob der Märtyrertod an sich – gleich in welcher Religion – nicht sowieso völlig sinnlos ist, was eine Ansicht ist, die vermutlich die meisten Atheisten, mich eingeschlossen, vertreten würden. Aber das ginge jetzt zu weit, außerdem bin ich ja kein Theologe, sondern nur ein interessierter Laie. Dennoch finde ich es bedenkenswert, daß die einfachen Gläubigen wohl (nicht nur) in dieser Geschichte nur deshalb einen so grausamen Tod wählen – was Scorsese übrigens quälender Ausführlichkeit zeigt –, weil ihnen weisgemacht wurde, daß sie nach ihrem Tod in das Paradies kommen, wo sowieso alles viel besser ist. Kennen wir diese mindestens problematische Denkweise nicht auch heute noch irgendwoher? Haben jene institutionalisierten Religionen, die eine solche, über Jahrtausende hinweg unzählige Leben fordernde Denkweise stützen und befördern (oder früher gestützt und befördert haben), nicht eine unauslöschliche mindestens moralische Schuld auf sich geladen? Nun, das hängt wohl wieder einmal von der Perspektive ab, und die ist bei einem Atheisten naturgemäß gänzlich anders als bei einem frommen Gläubigen … Jedenfalls ist Sebastiaõs Dilemma beträchtlich und so kann man es ihm nicht verdenken, daß er mit dem (titelgebenden) Schweigen Gottes zunehmend hadert. Und man muß konstatieren (ohne natürlich irgendetwas rechtfertigen zu wollen), daß die Methodik der japanischen Obrigkeit ihren Zweck absolut erfüllt hat, denn im Gegensatz zu etlichen von der Christenheit ausgemerzten "heidnischen" Religionen die römische, die germanische, die keltische hat der japanische Buddhismus überlebt (wobei es natürlich Weiterentwicklungen und verschiedene Richtungen gibt).

Interessanterweise wirkt der Leidensweg von Sebastiaõ und den weiteren gläubigen Christen übrigens weniger emotional als man vermuten würde, "Silence" berührt mit seiner getragenen, beinahe meditativen Erzählweise eher auf intellektueller Ebene. Der für seine Leistung OSCAR-nominierte Kameramann Rodrigo Prieto ("Gefahr und Begierde") kleidet die oftmals grausamen Geschehnisse in "Silence" in wunderschöne Bilder, auch die waldreichen, oft nebelverhangenen Küstenlandschaften bringt er glänzend zur Geltung. Die fast spirituell anmutende, mit etlichen Naturgeräuschen angereicherte musikalische Untermalung durch das sonst in verschiedensten Musikrichtungen auf der Konzertbühne heimische Ehepaar Kathryn und Kim Allen Kluge wird von Scorsese dabei sparsam eingesetzt und ist relativ simpel gehalten, erinnert mitunter eher an einen Klangteppich als an echte Musik (nicht grundlos heißt Track 1 auf dem Soundtrack "Meditation"). Was die Schauspieler betrifft, so verdienen Andrew Garfield und Issey Ogata das meiste Lob, aber auch Adam Driver und Yosuke Kubozuka erfüllen ihre Rollen überzeugend mit Leben, während Liam Neeson seine wenigen, dafür aber wichtigen Szenen als Pater Ferreira gewohnt eindrucksvoll gestaltet. Ich schätze, meine Kritik ist letztlich eher eine Ansammlung von Beobachtungen zur Filmhandlung geworden als eine klassische Rezension, weshalb ich auch nicht sicher bin, ob sie für den geneigten Leser wirklich hilfreich bei der Filmauswahl ist. Alleine die Tatsache, daß mich als Atheisten ein Glaubensdrama auf so vielfältige Weise zum Nachdenken und Abwägen von Argumenten gebracht hat, dürfte allerdings Beleg dafür sein, daß Martin Scorsese einmal mehr ein beeindruckender Film gelungen ist. Gläubige Zuschauer mögen einzelne Aspekte ganz anders bewerten und interpretieren als Atheisten, aber "Silence" bietet definitiv für beide Gruppen mehr als genug Anreize (was ihn z.B. von Mel Gibsons "Die Passion Christi" sehr positiv abhebt).

Fazit: "Silence" ist ein introspektives Glaubensdrama, das die schwere Thematik von Glauben, Leiden und Menschlichkeit in ebenso grausame wie schöne Bilder kleidet und den Zuschauern jedweder religiöser Überzeugung viel Stoff zum Nachdenken gibt.

Wertung: 8,5 Punkte.


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