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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 16. Februar 2017

INTO THE FOREST (2015)

Regie und Drehbuch: Patricia Rozema, Musik: Max Richter
Darsteller: Ellen Page, Evan Rachel Wood, Callum Keith Rennie, Max Minghella, Michael Eklund, Wendy Crewson
 Into the Forest
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 77% (6,8); weltweites Einspielergebnis: $0,1 Mio.
FSK: 12, Dauer: 101 Minuten.
In der nahen Zukunft leben die fast erwachsenen Schwestern Nell (Ellen Page, "Inception") und Eva (Evan Rachel Wood, "Across the Universe") mit ihrem fürsorglichen Vater Robert (Callum Keith Rennie, "Warcraft: The Beginning") in einem abgelegenen Haus irgendwo am Rande der riesigen kanadischen Wälder. Während Nell für den schon in zwei Tagen anstehenden College-Aufnahmetest büffelt, trainiert die angehende Tänzerin Eva mit höchster Konzentration, zumal sie nach einer längeren Verletzungspause etwas eingerostet ist. Mitten in den Alltag des Trios platzt eine Fernseh-Meldung, wonach an der gesamten Westküste der Strom ausgefallen ist – wenig später sitzen auch Nell, Eva und Robert im Dunklen. Während anfänglich alle mit einer baldigen Rückkehr des Stroms rechnen und so auch im nächsten Ort die Menschen halbwegs vernünftig bleiben, zieht sich die Situation doch zunehmend in die Länge, bald kommen selbst im Radio keine Nachrichten mehr. Als dann auch noch Robert einen Unfall hat, sind Nell und Eva ganz auf sich allein gestellt in dieser neuen, stromfreien Welt …

Kritik:
Bevor es zu Mißverständnissen kommt, will ich sogleich nachdrücklich darauf hinweisen, daß obige Inhaltsbeschreibung irreführend ist. Vollkommen korrekt, aber irreführend. Das liegt darin begründet, daß die kanadische Regisseurin und Drehbuch-Autorin Patricia Rozema ("Mansfield Park") in ihrer Adaption eines Romans von Jean Hegland fast von Beginn an einen anderen Weg einschlägt als die allermeisten Filme mit einer ähnlichen Prämisse. Rozema hat keinen apokalyptischen Weltuntergangsfilm á la "The Day After Tomorrow" oder auch "These Final Hours" gedreht, sondern sie nutzt den verhängnisvollen Stromausfall lediglich als Aufhänger für ein intensives Arthouse-Familiendrama, in dem sich alles darum dreht, wie sich die Schwestern und ihr Verhältnis zueinander entwickeln, nachdem sie auf sich gestellt sind. Nun gut, gewisse Parallelen zu apokalyptischen Kammerspielen wie Lars von Triers "Melancholia", "Maggie", "Z for Zachariah" oder "Carriers" sind nicht von der Hand zu weisen, "Into the Forest" bleibt aber viel bodenständiger - wobei die Tatsache, daß sich die Story auf zwei junge Frauen konzentriert und Männer nur eine Nebenrolle spielen, ein gewisses zusätzliches Alleinstellungsmerkmal ist. Gleichzeitig ist Rozemas Film ausgesprochen langsam erzählt und streng genommen passiert nicht wirklich viel; daher wird sich jemand, der von "Into the Forest" angesichts der Prämisse einen auch nur ansatzweise klassischen Genrefilm erwartet, wahrscheinlich eher langweilen. "Into the Forest" ist eine glasklare Arthouse-Produktion, die sich an Zuschauer richtet, die sich in ganz normale, wenig aufregende Figuren und ihre Stimmungswelten hineinversetzen können und wollen – und selbst die sollten eine Menge Geduld mitbringen.
Es paßt zu der betonten Bodenständigkeit des Films, daß das Ende der Gesellschaft, wie wir sie kennen, nicht etwa von einem Terroranschlag eingeleitet wird, von einer Alieninvasion oder von einem Meteoriteneinschlag, sondern schlicht und ergreifend von einem vollständigen Ausfall der Stromversorgung. Das klingt so harmlos – schließlich gibt es selbst in fortschrittlichsten Industrienationen immer wieder einmal Stromausfälle, auch wenn die in den allermeisten Fällen eng regional begrenzt sind und nur einige Stunden, höchstens Tage andauern –, daß auch die vergleichsweise gelassene Reaktion der Menschen darauf absolut glaubwürdig ist. Immerhin ist der Strom ja auch nicht komplett weg, sofern man wie Robert, Nell und Eva über einen eigenen Generator verfügt. Allerdings benötigt man für dessen Betrieb Benzin und wie sich sehr schnell herausstellt, ist das Benzin an den Tankstellen schneller alle als etwa die Lebensmittel in den Supermärkten – also ist ein sehr sparsamer Umgang mit dem Treibstoff gefragt, um die Zeit bis zur Wiedererrichtung des Stromnetzes zu überbrücken. Als die jedoch auf sich warten läßt, müssen sich die Menschen darauf einstellen, daß das ein dauerhafter Zustand wird. Für die beiden Schwestern scheint das gar nicht so schlimm, da sie sich auf ihren Vater verlassen können, der handwerklich geschickt ist und generell gut für das Leben ohne Strom gewappnet zu sein scheint. Da ist es dann auch sehr verständlich, daß es Nell und Eva umso härter trifft, sobald sie unvermittelt völlig auf sich gestellt sind.
Notsituationen offenbaren und prägen bekanntlich den Charakter und das ist bei Nell und Eva nicht anders. Während Nell zuvor kindlicher rüberkommt als ihre Schwester, übernimmt nun rasch sie die Führungsrolle und verhält sich vernünftig, während Eva wie paralysiert ist und sich noch stärker in ihre Tanzübungen vertieft. Die vertauschten Rollen passen gut zu dem letzten Thema, das Nell vor dem Stromausfall für ihre Prüfung lernte: Eine dissoziative Fugue nennt man es, wenn eine Amnesie über längere Zeit anhält und der Erkrankte deshalb beginnt, ein neues Leben zu führen, das mit seinem vorigen in keinerlei Zusammenhang steht. Genau dazu sind Nell und Eva nun gezwungen, auch wenn ihre Amnesie im übertragenen Sinne besteht. Wie die Schwestern derart zum schnellen Erwachsenwerden gezwungen werden – wenn sie überleben wollen –, wie sie mit Trauer und Einsamkeit und auch Langeweile umzugehen lernen und vor allem, wie sie sich rudimentäre Fähigkeiten bei der Nahrungsbeschaffung aneignen müssen, die viele von uns in der modernen Wohlstandsgesellschaft im Gegensatz zu unseren Vorfahren noch vor zwei oder drei Generationen nie gelernt haben, zeigt Patricia Rozema sehr einfühlsam. Dabei setzt "Into the Forest" selten auf längere Dialoge, stattdessen sollen häufige, von Musik unterlegte Collagen vermitteln, wie die Zeit verstreicht. Das ist auf der einen Seite künstlerisch, manchmal beinahe poetisch, auf der anderen Seite kann man mit dieser Methode nicht wirklich in die Tiefe gehen. Während Eva und Nell in der ersten Filmhälfte recht schnell und gut charakterisiert werden, wird die Figurenzeichnung, analog zur Handlung, zunehmend bruchstückhaft. Anders formuliert: Es passiert einfach fast nichts! Und auch wenn es noch so realistisch sein mag, daß in dieser sich immer länger hinziehenden Notsituation ein Streit um das letzte Stück Schokolade zum großen Aufreger wird – für den Zuschauer ist das nicht sehr spannend mitanzuschauen. Zudem ist es auch ein wenig störend, daß der Überlebenskampf eher anekdotisch geschildert wird und auf diese Weise trotz gelungener Momentaufnahmen auch nicht wirklich klar wird, wie die Schwestern eigentlich die ganze Zeit verbringen. Einige essentielle Fragen werden sogar komplett ausgelassen (wie überstehen sie den sicherlich nicht sehr angenehmen kanadischen Winter?), auch die Rolle des Waldes, der eigentlich so eine Art eigene Hauptfigur sein soll, bleibt unterentwickelt, wenn er auch der Atmosphäre klar zuträglich ist.
Das wäre nicht so schlimm, wenn die Handlung, die mehrere Zeitsprünge enthält, dafür andere Stärken hätte oder es ausgefeilte Dialoge gäbe, aber tatsächlich konzentriert sich Rozema so stark auf das keineswegs immer einfache Verhältnis zwischen den Schwestern sowie auf ihre Gewöhnung an ein Leben ohne die Annehmlichkeiten der modernen Zivilisation, daß ansonsten kaum etwas geschieht. Männer spielen fast nur im ersten Akt eine Rolle, in dem wir neben Robert auch Nells Freund Eli (Max Minghella, "Agora") kennenlernen, im weiteren Verlauf gibt es eigentlich nur noch zwei nennenswerte Ereignisse, die das neue Leben der Schwestern heftig durcheinanderwirbeln. Das ist ein bißchen wenig und da die Entwicklung der Charaktere zwischenzeitlich ins Stocken gerät und der Film die Gedankenwelt der Protagonistinnen kaum greifbar werden läßt, kann beim Zuschauer durchaus Langeweile aufkommen – wie gesagt, Geduld sollte man schon mitbringen für diesen Film. Dafür ist die schauspielerische Leistung von Ellen Page und Evan Rachel Wood (wie auch die von Callum Keith Rennie, der einen sehr sympathischen Vater abgibt) über jeden Zweifel erhaben, sie erfüllen ihre Rollen mit Leben und lassen beinahe vergessen, daß diese vom Drehbuch keineswegs vollständig ausgearbeitet sind. Schade, daß sie angesichts der übermäßig ruhigen Erzählweise letztlich so wenig zu tun bekommen …

Fazit: "Into the Forest" ist einfühlsames, doch etwas zu bruchstückhaftes und arg gemächlich erzähltes Arthouse-Drama, in dem zwei noch kaum erwachsene Schwestern auf die harte Tour lernen müssen, auf sich gestellt in einer neuen Welt ohne Strom zu bestehen.

Wertung: 6 Punkte.


"Into the Forest" erscheint am 17. Februar 2017 von capelight pictures auf DVD und Blu-ray, das mir freundlicherweise eine Rezensionsmöglichkeit zur Verfügung gestellt hat.


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